EIN SPIEL AUF VIELEN TROMMELN

Die Prosa der Erzählungen aus dem Band Ein Spiel auf vielen Trommeln ist schön. Und daß Olga Tokarczuk wie niemand anderes über die allerwichtigsten Dinge zu schreiben versteht, mag das folgende Zitat aus Schottischer Monat belegen: „Wir wachsen wie Nachtpflanzen, wir blühen nur eine Nacht im Jahr, in der Johannisnacht. Unsere Samen reisen auf Flüssen in die Welt. Nur aus Anlaß von Kriegen, Aufständen und historischen Katastrophen tauchen wir manchmal auf. Jeden Morgen wechseln wir die Sprachen wie die Kleidung. Wir sind Mischlinge, haben Häuser auf Rädern und unsere Reisepässe sind eigentlich unlesbar. Ach, mit dem Schreiben in kyrillischer Schrift haben wir keine Probleme. Selbst unser Papst ist beweglich – reist mal hierhin mal dorthin – ein unruhiger Typ in Weiß. Wir werden nie groß; noch vor dem Hauptgericht greifen wir nach dem Dessert. Wir sind wirklich ein geheimnisvolles Volk, tauchen auf und verschwinden wieder. Vielleicht sind das Klima oder die endlosen Ebenen daran schuld. Unsere kleine Pflanzenzivilisation läßt infantile Spuren zurück, zum Kummer aller zukünftigen Archäologen: Trommeln, zerbrochene Zinnsoldaten, einzelne Wörter, die zu schwer sind, als daß man sie ausprechen könnte.” [...] Die Erzählungen, aus denen sich der Band Ein Spiel auf vielen Trommeln zusammensetzt, sind sehr verschieden: nicht nur was das Thema, sondern auch was die Form betrifft. Trotz ihrer manchmal sehr genauen Einbettung in Zeit und Raum, sind sie gleichermaßen außerhalb dieser Zeit und dieses Ortes. Der Held der Erzählung Insel, dem ein Wunder widerfährt, bittet die Schriftstellerin „daß sie aus seiner Erzählung Fiktion” mache. Letztere wohnt der Literatur inne, ist eine Grundvoraussetzung von ihr. In Schottischer Monat sagt die Autorin: „Es überraschte mich zu entdecken, daß das Schreiben über sich selbst jemanden anderes erschafft. Daß man nicht gleichzeitig Beobachtender und Beobachteter, Erkennender und Erkenntnisobjekt sein kann. Bestimmt ist dies der Grund, weshalb es in sämtlichen Memoiren auch Unwahrheit und in jeder Autobiographie künstlerische Schöpfung gibt.” [...] Olga Tokarczuk zaubert mit Worten Welten hervor, die in sich eine riesige Ladung innerer Wahrheit bergen. Wie in der Titelgeschichte zieht sie immer neue Gestalten aus sich hervor – „wie Kaninchen aus dem Hut”. Sie ist nicht ihr Schöpfer, täuscht nichts vor. Sie weiß nur oder nicht weniger als, daß man sich selbst für nichtig erklären muß, um jemand anderes zu werden, „das Haus als A. verlassen und zu einem anderen Haus als B. zurückkehren”. Darauf versteht sich Olga Tokarczuk und sie kann dabei überzeugend sein wie ihre Heldin aus der Erzählung Ein Spiel auf vielen Trommeln. Dieser Frau war es in einer fremden Stadt gelungen, Fremde aus einer anderen Kultur mit einer Erzählung von einem Menschen zu fesseln, der im Kampf getötet wurde und der, bevor er starb, befahl, aus seiner Haut eine Trommel zu machen und mit ihr zur Schlacht zu trommeln. Die Literatur ist auch so eine Trommel, die nach der Hand eines erfahrenen Trommlers verlangt.

Krzysztof Masłoń

AUSZUG

Professor Andrews in Warschau Professor Andrews war Vertreter einer psychologischen Schule, die ausgesprochen bedeutend, ausgesprochen tiefgründig war, und der die Zukunft gehörte. Wie fast alle diese Schulen hatte sie ihren Ursprung in der Psychoanalyse, dann aber mit ihren Wurzeln gebrochen und eine eigene Methode, eigene Theorie, eigene Geschichte, einen eigenen Lebensstil sowie eine eigene Art zu träumen und Kinder zu erziehen ausgearbeitet. Jetzt war Professor A. unterwegs nach Polen, mit einer Reisetasche voll Bücher und einem Koffer voll warmer Sachen – man hatte ihm gesagt, daß der Dezember in Polen ein außerordentlich eisiger und unangenehmer Monat sei. Alles lief vollkommen normal ab: Flugzeuge starteten, Menschen unterhielten sich in verschiedenen Sprachen, schwere Dezemberwolken hingen über der Erde, bereit, zur winterlichen Kommunion Millionen weißer Schneeflocken auf die Erde herabzuschicken – jede einzelne für ein Wesen zugedacht Eine Stunde zuvor hatte er sich in Heathrow im Spiegel betrachtet und es war ihm vorgekommen, als sähe er einen Handelsreisenden vor sich – er erinnerte sich an seine Kindheit: Sie waren von Haus zu Haus gezogen und hatten Bibeln verkauft. Aber die psychologische Schule, die er repräsentierte, war eine solche Expedition wert. Polen war doch ein Land mit intelligenten MenschenEs ging darum, den Samen in die Erde zu bringen und nach einer Woche wieder zurückzukehren. Ihnen Bücher dazulassen – schließlich lesen sie ja englisch – wie würden sie sich da der Autorität des Gründers entziehen können? Während der Professor an seinem Drink nippte, den ihm die Stewardess mit diesem berühmten polnischen Wodka gemacht hatte, erinnerte er sich zufrieden an den Traum, den er in der Nacht vor der Abreise gehabt hatte – denn Träume waren in seiner psychologischen Schule das Lackmuspapier für die Wirklichkeit. Er hatte von einer Krähe geträumt; in diesem Traum hatte er mit dem großen schwarzen Vogel gespielt. Man kann sagen – wagte er sich im stillen einzugestehen –, daß er die Krähe wie einen kleinen Welpen liebkost hatte. Die Krähe stand im Traumdeutungssystem seiner Schule für Veränderung, für etwas neues, gutes: also bat er um einen zweiten Drink. Der Flughafen in Warschau war überraschend klein und es zog aus allen Ecken. Er beglückwünschte sich zu dem Einfall, die Mütze mit Ohrenklappen – ein Andenken von seinen Asienreisen – mit auf diese Reise genommen zu haben. Er erblickte seine Beatrice sofort – sie stand am Ausgang und hielt ein Blatt mit seinem Nach- und Vornamen hoch. Sie war zierlich und hübsch. Sie stiegen in ein klappriges Auto, und während sie es nervös durch die traurige endlose Stadtlandschaft lenkte, stellte sie ihm den Zeitplan für die nächsten acht Tage vor. Heute ist Samstag, arbeitsfreier Tag. Gemeinsames Abendessen, danach ruhe er sich aus. Morgen, am Sonntag, Treffen mit Studenten in der Universität. Ja, sagte sie unerwartet, es ist ein bißchen angespannt hier. Er schaute aus dem Fenster, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Dann ein Interview für eine psychologische Fachzeitschrift, danach Abendessen. Am Montag könne er, wenn er wolle, die Stadt besichtigen. Am Dienstag Treffen mit Psychiatern in irgendeinem Institut – er war nicht in der Lage, sich den rauschenden Namen zu merken. Am Mittwoch Fahrt nach Krakau an die Universität. Die psychologische Schule Professor Andrews genieße dort großes Ansehen. Am Donnerstag Auschwitz – er hatte selbst darum gebeten. In Polen zu sein, ohne Auschwitz zu besuchen... Abends Rückkehr nach Warschau. Am Freitag und Samstag ganztägige Workshops für praktizierende Psychologen. Am Sonntag Rückflug. Erst jetzt fiel ihm auf, daß ihm seine Reisetasche mit den Büchern und seiner Unterwäsche fehlte. Sie kehrten eilig um, aber das Gepäck war nicht mehr da. Das Mädchen mit dem Namen Goscha verschwand irgendwohin und war eine halbe Stunde lang weg. Sie kehrte mit leeren Händen zurück. Vielleicht sei die Tasche nach London zurückgeflogen. Macht nichts, sagte sie, morgen würde man sich wieder nach ihr erkundigen, sie tauche bestimmt wieder auf. Er schaute aus dem Autofenster und achtete nicht auf ihr aufgeregtes Geplapper; er überlegte, was noch in der Tasche gewesen war – Bücher, Fotokopien, Artikel. Er hatte ein angenehmes Abendessen gemeinsam mit Goscha und ihrem Verlobten. Ein dichter Bart und eine Brille verdeckten dessen Gesicht. Er sprach kein Englisch, weshalb er irgendwie mürrisch wirkte. Professor Andrews aß eine Suppe aus roten Rüben mit kleinen Piroggen und es fiel ihm ein, daß dies der berühmte „Borschtsch” sein müsse, von dem sein Großvater immer gesprochen hatte. Sein Großvater war in Lodz geboren. Lachend verbesserte ihn das Mädchen. Wie einem Kind wiederholte sie: „barszcz”, „Łódź”. Seine Zunge war ratlos angesichts dieser Wörter. Er fühlte sich schon mächtig beschwipst, als sie schließlich eine Siedlung mit lauter hohen Wohnblöcken erreichten. Mit dem Fahrstuhl fuhren sie hinauf in den letzten Stock und das Mädchen zeigte ihm seine Wohnung. Es war eine Einzimmerwohnung mit einer Kochnische, die man zwischen das Zimmer und das Bad gezwängt hatte. Der Korridor war so klein, daß sie nicht alle drei gleichzeitig darin Platz hatten. Lärmend verabredeten sie sich noch für den nächsten Tag, und das Mädchen versprach ihm, den Koffer mitzubringen. Ihr Verlobter telefonierte noch mit jemandem, die Stimme geheimnisvoll gedämpft, und dann gingen sie schließlich. Der Professor, von der Roterübensuppe und dem Alkohol erschöpft, warf sich aufs Bett und schlief ein. Er schlief unruhig, hatte Durst, aber keine Kraft aufzustehen. Im Treppenhaus hörte er Lärm, Türenschlagen und Schritte. Vielleicht war das aber auch nur Einbildung. Er wachte auf und stellte entsetzt fest, daß es elf Uhr war. Mit Widerwillen schaute er auf seine zerknitterte Kleidung. Er duschte im kleinen, obskuren Badezimmer und mußte leider die benutzte Unterwäsche wieder anziehen. Danach durchsuchte er die Schränke nach Kaffee. Er fand einen kleinen Rest in einem Marmeladengläschen. Eine Kaffeemaschine gab es nicht, also brühte er ihn direkt im Becher auf. Er war ohne Aroma und schmeckte wie ein Aufguß aus Rinde. Das Telefon blieb stumm, Goscha holte bestimmt seine Tasche ab. Mit dem Becher Kaffee in der Hand sah er sich die Bücher im Regal an, nur polnische Bücher, in häßlichen Umschlägen, die dem Auge wehtaten. Goscha rief nicht an, die Zeit verfloß nur zäh in der dichten, überhitzten und schläfrigen Luft. Der Professor trat ans Fenster und betrachtete die durch gleichförmige Gebäudeklötze markierte Aussicht. Alle waren von derselben Farbe – von einer grauen, gebleichten Himmelsfarbe. Selbst der Schnee sah grau aus. Die Sonne schien wenig überzeugend. Auf der Straße stand ein Panzer.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk