GESTEN

Bisher kannte man Ignacy Karpowicz vor allem als einen Prosaschriftsteller, der grotesk und ironisch, mit einem ganz eigenen Humor, vom heutigen Polen erzählte (ich denke hier an die Romane Nicht der Hit und Das Wunder). In seinem neuesten Buch, dem Roman Gesten, hat er das Genre und den Ton gewechselt, der jetzt ein ganz ernster ist. Und – das sei gleich vorweggeschickt – bewiesen, dass er ein ungewöhnlich vielseitiger Schriftsteller ist, der hervorragend mit verschiedenen Stilen zurechtkommt. Das Buch besteht aus den Aufzeichnungen des vierzigjährigen Helden und schildert hauptsächlich die letzten Monate seines Lebens, ergänzt um eine kurze Glosse (das ist auch der Titel des letzten Kapitels) von seiner ersten, großen und praktisch einzigen Liebe, die er bereits als Jugendlicher verließ, als sie krank wurde. Der Eintritt ins „Mannesalter“ ist für Grzegorz das „Tor zur Niederlage“, zwar ist er ein gefragter Theaterregisseur und Drehbuchautor, kommt aber mit seinem Leben überhaupt nicht klar. Er leidet an Schlaflosigkeit, verschiedenen Traumata und Phobien, seine Beziehungen zu Angehörigen und Freunden sind toxisch, zu Frauen kann er keine festen Bindungen aufbauen – überhaupt scheint er ein sehr asozialer Typ zu sein. Sein Hauptproblem ist aber wahrscheinlich, dass er nicht weiß, wozu und wie er leben soll. Er erklärt sich das u.a. so: „Ich bin das Kind meiner Eltern, das versteht sich von selbst, und ein Kind des Mangels. Es fehlte an Grundnahrungsmitteln und Produkten des täglichen Gebrauchs: Fleisch, Zucker, Hefe, Toilettenpapier – aber es fehlte auch an Autoritäten und Vorbildern“. An anderer Stelle bemerkt er: „Mein Leben scheint mir keinen Inhalt zu haben. Daher bemühe ich mich, ihm eine Form zu geben“, seine Reaktionen auf den Alltag sind nichts weiter als einstudierte Gesten, als spielte er eine Rolle in einer schlechten Fernsehserie (nicht zufällig schaut sich der Held gegen Ende seines Lebens leidenschaftlich gerne kitschige Fernsehserien an). Grzegorz’ Leben ändert sich plötzlich – und für ihn völlig unerwartet –, als er beschließt, in Sorge versetzt durch die Anrufe der allein lebenden Mutter, sie nach Jahren mal wieder im heimatlichen Białystok zu besuchen. Es stellt sich heraus, dass die Mutter schwer krank ist, Grzegorz bleibt bei ihr. Er denkt über seine Vergangenheit nach, versucht sie zu verarbeiten, sein Leben in Ordnung zu bringen. Er hat jedoch nicht allzu viel Zeit, er erfährt nämlich, dass er krebskrank ist. Eine psychologisch präzise und erschütternde Analyse eines „vom Schicksal geschlagenen Mannes“. Kurz gesagt: Ein starkes Stück Literatur.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Wenns und Als

Wenn mein Bruder über meine ausgestreckten Beine steigen musste, sagte er: „Nimm deine Prothesen weg!“.
Wenn Mutter Angst vor etwas hatte, begann sie zu essen. Sie hatte mehr Angst um andere als um sich selbst.
Vor dem Tod des Vaters ging sie auf die Hundert zu.
Wenn Vater gut gelaunt war und Zeit hatte, trug er mich huckepack.
Wenn ich gut gelaunt war, verbrachte ich in Gedanken Zeit mit der Familie und den Freunden.
Wenn Zuza jemanden zu mögen begann, wurde sie unfreundlich: für alle Fälle.
Wenn ich als Student Oma besuchte, weinte sie vor Glück. Sie starb an Dehydration. Ich fuhr nicht zur Beerdigung, ich hatte gerade ein Stipendium im Ausland. Mutter meinte, man solle mir nicht Bescheid sagen.
Wenn mein Bruder sein Blut sah, wurde er ohnmächtig.
Wenn Mutter jemanden bluten sah, wusste sie genau, was zu tun war, null Panik. Ein Handgriff führte mit chirurgischer Präzision zum nächsten, einen Schnitt im Gewebe der Wirklichkeit hinterlassend.
Als mir klar wurde, dass ich nicht besonders begabt bin und die Arbeitswut mich nur im Extremfall packt, wollte ich die Arbeit schmeißen.
Als Vater starb, dachte ich, dass jetzt meine Freunde zu sterben beginnen. Ich schämte mich: Mein Vater war nicht mein Freund. Freunde kann man sich aussuchen.
Als ich Kasia das erste Mal im Krankenhaus besuchte, ich glaube, da wusste sie es schon.
Wenn ich in die Zukunft blicke, sehe ich nur den Grabstein der Eltern.
Wenn ich in die Vergangenheit blicke, sehe ich die Zukunft.

Drüsen

Schweiß, Talg und Milch, Speichel, Schleim und Galle. Das ist vermutlich alles, was der menschliche Körper, komplett und geschlossen, hervorzubringen vermag. Dazu noch den Ton der Stimmbänder. Manchmal Blut aus der Nase, aus der Lunge, im Urin; den Auserwählten öffnen sich die Stigmata. Und noch Tränen.
„Wen lädtst du zu deinem Geburtstag ein?“, fragt Mutter nicht zum ersten Mal am nächsten Tag. Ich weiß nicht, wie ich diese Frage verstehen soll. Ist es eine automatische Frage (Schlaganfall im Dezember)? Eine gedankenlose Frage (Mutter hat vergessen, dass ich in Białystok keine Freunde habe)? Oder vielleicht eine boshafte Frage („Meinen Bruder“, würde die Antwort mit der Höchstpunktzahl lauten)?
„Pawel“, antworte ich.
„Pawel“, wiederholt Mutter wie ein Echo. Wie ein hämisches Echo.
Bereits im Krankenhaus, auf der anderen Seite, nachdem ich einen Platten gehabt hatte, beschloss ich, dass ich nicht viel denken werde, nicht mehr als die empfohlene Dosis. Ich lasse mich von Sätzen nicht ergreifen, von Wörtern nicht entführen: ich werde meiner ersten, mir selbst aufgezwungenen Liebe treu bleiben. Danach, ich weiß nicht wann, schon bald, zwinge ich mich das Resümee zu ziehen. Den Inhalt des Resümees kenne ich. Bleiben nur noch die Schlussfolgerungen. Die Schlussfolgerungen kenne ich nicht. Für die Schlussfolgerungen ist es schon zu spät. Man hat den Menschen auf verschiedene Weise in Einzelteile zerlegt. Die einfachste Zerlegung beschränkt sich auf die Bekleidung (das Flaschendrehen zum Beispiel). Etwas komplizierter ist die Zweiteilung in Seele und Körper. Die etwas ältere und edlere Teilung, die für die vom römischen Katholizismus (zu seinem eigenen Verhängnis, wie ich zu meiner Schadenfreude feststellen muss) entworfene Konsumwelt zu kompliziert war, verlor an Bedeutung, weil dafür ein beweglicher und scholastischer Geist erforderlich ist. Ich denke an die Dreiteilung des Menschen in Körper, Seele und Geist.
Am geheimnisvollsten ist der Geist, er ist sowohl eine Selbstverständlichkeit als auch eine Notwendigkeit, die jeden Körper durchdringt. Der Geist ist größer als die Person, aber individuell ausgeformt. Den Geist sieht man nicht. Er ähnelt der Luft, die immer da ist. Das Fehlen des Geistes führt zu Atemstillstand, zu einem qualvollen Tod, gegen den keine Berufung eingelegt werden kann: das Himmlische Tribunal tritt nicht zusammen.
Im zwanzigsten Jahrhundert ging das Zerlegen des Menschen weiter: zunächst bis auf den Bikini, dann wurde auch die Haut abgezogen, die Totalitarismen ließen die Seele in Rauch aufgehen, millionenfach. Es siegten die Holisten: die Meister des intellektuellen Puddings, die Herren der Vereinfachung. Man hat die Seele aus dem Körper vertrieben. Sie überlebte in Sätzen als Subjekt, zum Beispiel, als archaisches Substantiv. Die Seele benutzt man nicht, selbst jene sichtbare in den Bügeleisen verstaubt auf Dachböden und in Museen.
Außer hypochondrischen Neigungen zeigte ich einen Hang zum Solipsismus. Der Solipsismus, durch Personen und Ereignisse, Rechnungen und Kontostand verifiziert, konnte sich nicht in dem Maße entwickeln, dass er dem Träger Erleichterung verschafft hätte. Der Solipsismus blieb eine verlockende, unerreichbare und – manchmal – melancholisch machende Vision.
Das einzige Überbleibsel des Solipsismus ist vermutlich die ziemlich absurde Überzeugung, dass die menschlichen Körper nicht nur elektrische Energie produzieren, so als wären sie zweibeinige Batterien – es gibt kein Denken ohne Strom: totale Verdunkelung heißt vollkommene Einöde, Wüste, für deren Ausgestaltung es an Ideen, aber auch an Zeit fehlt. Im menschlichen Körper muss ein Organ existieren, siebenunddreißigstens, ein Organ, das immer noch darauf wartet, entdeckt zu werden, eine Drüse, die Zeit produziert. Körper produzieren Zeit. Je mehr Körper, desto mehr Zeit. Je mehr Zeit, desto geringer die Chance, sich die Zeit zunutze zu machen. Mit meiner Zeitdrüse begann es vor einiger Zeit bergab zu gehen. Ich hatte den Moment nicht bemerkt, falls es einen solchen Moment überhaupt gegeben haben sollte, als etwas anfing, mit der Zeit nicht mehr in Ordnung zu sein. Sie fließt sprunghaft, von Ereignis zu Ereignis, stürzt ab wie ein Betriebssystem, wochenlang: Ich sehe dann den blauen Bildschirm des Todes – ein kritischer Fehler, die Chancen sind praktisch gleich null, die Daten aus dem RAM-Arbeitsspeicher wiederzugewinnen; witzig ist, dass die Abkürzung RAM Speicher mit wahlfreiem Zugang bedeutet. Man muss die Welt resetten. Reset ist ein Wort, das das ältere Wort Reinkarnation verdrängt hat.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk