MARSCH, POLONIA

Zeit der Handlung: Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Ort der Handlung: Polen. Doch sind das keine konstanten Parameter. Wie überhaupt nichts in diesem Roman sicher ist, außer dem Moment, wo der Protagonist am Vorabend seines 52. Geburtstags mit dem festen Vorsatz das Haus verlässt, sich zum Geschenk, eine neue Frau kennenzulernen. Das Vorhaben scheitert, dafür aber gerät der Held auf einen großen Empfang, der von Beniamin Bezetzny gegeben wird, dem verhassten Pressesprecher der kommunistischen Machthaber zu Zeiten des Kriegsrechts und heute Besitzer eines riesigen Vermögens, zu dem er es im freien Polen als Pressemagnat gebracht hat.
Die Kraft der Anziehung des Bezetznyschen Hauses ist so groß wie die Kraft, mit der die Menschen demoralisiert werden. Wenn sie die Schwelle seines Palastes überschreiten, verlieren sie ihre Identität, und mit ihr den Nonkonformismus und die Fähigkeit zur Verteidigung ihrer eigenen Ansichten. Es bleiben ihnen rituelle Streitgespräche, die um so heftiger ausfallen, als sie völlig irrelevant sind. Sie tragen sie über den Kellern aus, in denen der Hausherr ein Panoptikum des 20. Jahrhundertes versammelt hat: Wachsfiguren polnischer Schriftsteller, weltberühmter Präsidenten, einheimischer Kommunisten. Das Herz des Untergrunds aber, sein bestbewachter Ort, ist ein spezieller Raum, in dem sich ein geheimnisvoller Märtyrer aufhält – eine Leiche, eine Halbleiche, ein Opfer vergangener Zeiten. Man weiß nicht, wer er ist. Wer immer es ist, er funktioniert im Bewusstsein aller als Gewissensbiss und als persönliche Reliquie zugleich.
"Marsch, Polonia" ist eine Art Diagnose der Vorstellungskraft von Gruppen, die sich anmaßen, kollektive Ideen zu formulieren. Eine phantasmagorische Zeichnung zeigt zwei verfeindete Lager: Im einen, in Bezetznys Palast versammelt, verwandeln sich alle früheren Vorstellungen von den Konflikten in museale Ausstellungsstücke, im anderen dienen die anachronistischen, national-katholischen Ideen der theatralischen Vorbereitung des Gemetzels. Im nationalen Imaginarium sind alle Sprachen einer kollektiven Identität mittlerweile austauschbar geworden und befinden sich durchweg im Stadium der Selbstauflösung.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des erzählerischen Geistes, Amen. Am Vorabend meines 52. Geburtstags beschloss ich, am nächsten Tag die Bekanntschaft einer neuen Frau zu machen. Dieses Vorhaben hatte schon seit längerer Zeit in mir rumort, doch seine endgültige Tonlage hatte es erst allmählich erlangt.
Es war kein billiger Zeitvertreib, kein Spiel und keine Wette. Ich übertrieb es nicht mit der Leichtigkeit: Ich hatte die ehrgeizige und ernst gemeinte Absicht, innerhalb von vierundzwanzig Stunden ein intelligentes, schlankes und mindestens ein Meter siebzig großes Mädchen im Alter von knapp unter dreißig zu treffen, es kennen zu lernen und zu verführen.
Ich wollte mir ein intensives Geschenk machen und wollte testen, ob ich noch das Zeug hätte, mir ein intensives Geschenk zu machen. Dem Augenschein nach war ich in Form, aber ich spürte, wie das mir innewohnende Monster langsam seinen Geist aufgab. Zwar erfreute ich mich noch eines üblen Rufs, in Wahrheit aber zehrte ich vom Ruhm vergangener Tage. Allem Anschein zum Trotz war Zynismus nie meine starke Seite gewesen; die Ironie und die instrumentale Perspektive meiner Geschichten von Frauen, sollte das ihnen zugefügte Unrecht kaschieren; jetzt maskierte ich mit den Resten an Zynismus, den Überbleibseln an Ironie und dem Anschein instrumentalen Handelns meine Verzweiflung und meine Sehnsucht.
Seit mindestens einem Jahr verzehrten mich böse Ahnungen, bebte mein Herz und die Transzendenz trat immer deutlicher zutage. Ich suchte Erleichterung darin, meine Erinnerungen zu schreiben und Musik zu hören. Die Erinnerungen beruhigten die Nerven kurz, aber folgenlos; die Musik verschaffte mir eine lange und tiefe Erholung, aber mit fürchterlichen Folgen: Die Leere nach der „Zauberflöte“ ist unerträglich, der Kater nach einer Überdosis Gluckscher Arien geradezu tödlich. Trotzdem zog es mich mit aller Macht zur höchsten Kunst der Künste, zog es mich zum Hören wie einst zum Trinken. Dieser Trieb spiegelte sich auch in meinem Liebesleben wider: Es überwogen die Musen der Musik.
Ich war zu jener Zeit hin- und hergerissen zwischen einer eine große Karriere beginnenden Balletttänzerin, einer eine große Karriere vorantreibenden Opernsängerin und einer auf eine große Karriere verzichtenden Geigerin mit bewegter Vergangenheit.
Außerdem, und das versteht sich von selbst, rief ich ständig lauter verschiedene Mädchen an, verführte Models, Kellnerinnen und Gymnasiastinnen; unter dem Vorwand, Fremdsprachenunterricht nehmen zu wollen, hielt ich ein unaufhörliches Casting von Sprachlektorinnen ab; ließ mich auf riskante Vertraulichkeiten mit einer appetitlich gerundeten Medizinstudentin ein; fand großen Gefallen an Gesprächen mit einer zartgliedrigen Adeptin der angelsächsischen Literaturgeschichte, die überhaupt nicht mein Typ war; konnte mich dem anziehenden Charme einer kohlrabenschwarzhaarigen Virtuosin der Interpunktion, die ich rein zufällig kennengelernt hatte, nicht entziehen; wartete, bis eine noch ganz junge Leiharbeiterin aus Dublin zurückkehrte (für die Telefonate mit ihr gab ich Unsummen aus); eine zu ihrer Zeit berühmte Schnellläuferin, mit der ich 1999 eine heiße Affäre hatte, wohnte gleich um die Ecke und stellte noch immer eine ziemliche Versuchung dar; mehrfach kehrte ich in Gedanken zu Majka (einer hochgewachsenen, biegsamen Brünette) und Magda (einer massiven, untersetzten Albinofrau) zurück, die mich im letzten Sommer besucht hatten und auf mich so scharf gewesen waren wie auf sich; ganz ernsthaft zog ich die Ehe mit einer estländischen Millionärin in Erwägung, ging den Straßendirnen nicht aus dem Weg und wurde doch immer noch von das Chaos verstärkenden Anwandlungen heimgesucht, dass die entscheidende Bekanntschaft erst noch vor mir läge.
Jedoch waren die Sängerin, die Balletttänzerin und die Geigerin die drei Pfeiler meiner Verwirrung. Die Verbindung mit der Sängerin (von den Kritikern „Engelskehle“ genannt) war die längste, die intensivste und auch die komplizierteste. Die Balletteuse währte nur kurz: außer dem Orgasmus hatte keines der menschlichen Gefühle Zugang zu ihr. Die Geigerin war gerade erst erschienen und der Reiz, der von ihr ausging, war himmlisch. Tiefe Gefühle waren wohl ihre Domäne nicht, doch der in ihrem Dekolleté sichtbare Schatten zwischen ihren Busen hatte die Kraft großer gesellschaftlicher Bewegungen.
Von dem ganzen Trio war sie die älteste, die schönste und die durchgeknallteste. Sie war schon deutlich über vierzig, hatte einen Teint von sepiafarbenem Glanz, zerbrechliche Züge und die Figur einer Fitnesstrainerin. Manchmal wollte man sie für die klügste Person der Welt halten, dann wieder bestand kein Zweifel: Sie schnallte überhaupt nichts.
Sie behauptete steif und fest, der Heilige Geist habe sie mit einer Gabe gesegnet, und sie könne die menschlichen Gedanken lesen; sie ging zu einem Psychotherapeuten, den sie während der qualvollen Sitzungen nervlich fertig machte; fünf Tage in der Woche ernährte sie sich von Weizensprossen, dienstags und donnerstags machte sie Krafttraining; an den Wochenenden stand sie nicht aus dem Bett auf, trank den Magenbitterschnaps direkt aus der Flasche und fraß sich voll wie ein Tier. Am Telefon gab sie unglaubliche Schweinereien von sich, schrieb schockierend pornografische SMS und verschickte E-Mails angefüllt mit jeder erdenklichen Verderbtheit – doch wochenlang ließ sie sich nicht einmal küssen.
Zu allem Überfluss war sie begeistert von japanischen Restaurants und verabredete sich nur dort. Gemeinsame Ausflüge ins Kino, ins Theater, ein Konzert oder ein Spaziergang, das allereinfachste der Welt, kam bei ihr alles nicht in Frage. Immer redete sie sich damit heraus, keine Zeit zu haben, obwohl letztlich nicht klar war, was sie eigentlich trieb; seit über einem Jahr war sie nicht mehr aufgetreten, hatte sie nicht geübt oder ihr Repertoire erweitert, hatte sie keine Proben gehabt und keinen Unterricht gegeben. Sie war verheiratet, lebte aber seit Jahren in Trennung. Selbst wenn sie mit ihrem getrennt lebenden Mann irgendwelche geschäftlichen Tätigkeiten verbanden, so waren diese nicht zeitaufwendig. Und trotzdem war mein Spielraum begrenzt: In Frage kamen ausschließlich SMS, E-Mails und japanische Lokale.

Aus dem Polnischen von Albrecht Lempp