DAS BUCH DER GERETTETEN TRÄUME

Manche Schriftsteller betrachten Träume schmunzelnd, wie lustige Spielereien des Unbewussten. Andere tun es mit ganzem Ernst und sogar mit einer eigentümlichen Andacht und halten sie für Zeichen und Signale, die ihnen helfen, die Welt und sich selbst besser zu verstehen, oder für transzendentale Berührungen. Dies ist der Fall bei Krystyna Sakowicz, der Autorin des Bands Das Buch der geretteten Träume.
Im Grunde ist es schwer, hier eine Literaturgattung festzulegen; das Buch lässt sich irgendwo zwischen Essay, esoterischer Abhandlung und lyrischer Prosa ansiedeln. Anders kann es auch nicht sein, da die Autorin sich das Ziel gesetzt hat, den Leser über die Träume in eine andere Dimension der Wirklichkeit zu führen. In so einem Fall ist es ausgeschlossen, sich Formen zu bedienen, die zwar griffig und erprobt, jedoch genau deshalb auch starr sind. Die Autorin sucht sich Menschen aus, die sie über gewundene Wege durch das Land der Träume führen, und die sich genauso sehr voneinander unterscheiden wie ihre Träume. Sie schreibt von Karen Blixen, die einen faszinierenden und gleichzeitig grausamen Traum über Afrika hatte, der ihr erlaubte, ihre eigenen Wünsche besser zu verstehen und – vielleicht war das das Wichtigste – eine weltberühmte Schriftstellerin zu werden. Sakowicz berichtet von Vaclav Nijinskij, dem berühmten Tänzer an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, dessen ganzes Leben im Grunde ein ewiger Traum über Gefühl, Kunst und Gott war – ein Traum der ihn bis in den Wahnsinn trieb. Doch sie schreibt nicht nur über diese Künstler; unter anderem beschäftigt sie sich auch mit Maria Dąbrowska oder Jan Lechoń. Sie stellt deren komplizierte Biographien vor, zitiert oft aus ihren Texten, versieht diese mit ihren Kommentaren und fügt dem Ganzen ein paar eigene Erfahrungen hinzu. An manchen Stellen berührt das Buch nicht nur, sondern es erschüttert; als ob Sakowicz die Leser aufrütteln wollte, indem sie ihnen zeigt, dass hinter den Grenzen der materiellen Welt, in der sie eingesperrt sind, sich riesige Weiten voller geistiger und intellektueller Reichtümer erstrecken. Doch nicht jeder hat den Mut, sich auf den Weg dorthin zu machen. Es ist ein starkes Buch – so stark wie zuweilen ein Traum sein kann.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

DER MENSCH ALS TRAUM
Manche Menschen sind die Träume dieser Welt. Sie durchdringen die Wirklichkeit an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten, sie erscheinen und verschwinden, und hinterlassen Verwunderung oder Nebel. Ihr Leben erinnert an ein Drama, das nach den Regeln eines Traums abläuft. Träume, in denen ähnliche Gestalten auftauchen, überschatten unseren Tag. Dann sagen wir: ein Alptraum. Wir sagen, das sei nur ein Traum gewesen. Doch diese Beschwörungen ändern nichts an der Tatsache, dass manche Menschen das Gleiche für uns sind wie Träume; eine beunruhigende Lektion der Wahrheit. In den Träumen der Welt finden wir das, was die Welt nicht will, was sie nicht kennt, nicht weiß, nicht begreift, was sie ignoriert und nicht beachtet, oder umgekehrt: was sie nicht tolerieren will. Als Ganzes kann sich die Welt von nichts lossagen, nichts aus ihrem Umkreis entfernen, da es außer ihr nichts gibt, und alles, was in ihr erscheint sie selbst ist. Deshalb gibt es Träume. Osama bin Laden ist der Welt Traum von Rache, Mutter Teresa – von Barmherzigkeit. Menschen mit Depressionen träumen unsere Verzweiflung. Die Bewohner der Müllkippen sind die Alpträume von der Nutzlosigkeit. Wir alle träumen von uns gegenseitig und durchschauen einander. Jeder träumt die Träume, die allen gehören, da im grenzenlosen Raum der Welt Träume als etwas Privates unmöglich sind. Träume schaffen den Raum für einen dem Wachzustand unbekannten Sinn, in dem das, was nah und fern, verständlich und unbegreiflich ist, eng miteinander verbunden wird.
Das Träumen führt uns zu diesem unbekannten und erhabenen Teil des Schicksals, vor dem wir alle zittern. Vaclav Nijinskij zitterte häufig wie Espenlaub. Er war ein großer Tänzer. 1898 kam er zur Welt, 1919 wurde er zum Traum, 1950 starb er und hinterließ wenige Fotografien und drei mit schwarzer Schrift und in Russisch voll geschriebene Hefte. Zwei enthalten das Buch mit dem Titel Leben, ein Heft beschreibt den Tod. Es sollte noch ein Buch über Gefühle geben, doch es gelang nicht, sie aus den Büchern Leben und Tod zu isolieren, also sind die beiden Bände auch das Buch über Gefühle, wobei das Leben Leben ist und der Tod unerwartet kommt. Nijinskij schreibt über das Kommen des Todes: „Man sagte mir, ich sei geisteskrank. Ich dachte, ich sei lebendig. Man ließ mir keine Ruhe. Ich sagte mir, dass ich nicht mehr leben wollte.“
Nijinskijs Bücher wurden erst 1995 ohne Abänderungen und in voller Version veröffentlicht. Davor mussten die Texte abgeändert, gekürzt, verdreht werden, da sie sonst niemand richtig verstanden hätte. Die Menschen haben zu Tänzern kein Vertrauen, besonders nicht zu denen, die geisteskrank werden und behaupten, sie tanzten wie Gott. Nijinskij schrieb seine Bücher mit der Hand: mit Bleistift und mit einer Stahlfeder, die er in Tinte tauchte. Von Anfang an sagte er sich, er würde eine bessere Feder erfinden: einen Füllfederhalter. Und er hat ihn tatsächlich erfunden, was dann viel später in der realen Welt patentiert wurde. Die Füller, das Gold der Federn, ihre scharfen, das Papier zerreißenden und ausfransenden Spitzen werden in den Büchern häufig besprochen. Die Tinte Stephens’ Blue-Black Writing Fluid ist keine besonders gute Tinte, doch gerade mit ihr und mit diesen Federn, mit den zu kurzen Bleistiften und mit zittriger Hand – die sich an eine viel größere, an eine vollkommene Bewegung erinnern konnte – wurde die Lebens- und Todesgeschichte menschlicher Gefühle geschrieben. Das Laub der Espe hängt an langen, zarten, flachen Stielen; deshalb zittert es bei jedem Windhauch. Das Zittern ist eine kleine Bewegung, doch wenn wir versuchen immer stärker zu zittern wird ein großer Tanz daraus entstehen. Im Zittern ist der Umriss der Bewegung enthalten, die aus verschiedenen Gründen ihre ganze Kraft zunächst nicht entfaltet. Die Bewegung ist die Sprache des Körpers. So eine Sprache braucht keine Stimmen oder Buchstaben. Sie braucht das Fühlen und die Entfaltung. Sie ist das Gefühl im Körper und nicht der Verstand in ihm. Doch die Schrift ist auch Bewegung. In einer schönen Schrift ist auch viel Gefühl. Nijinskij ist ein Künstler, der den Körper und die Schönheit liebt. Er sagt: „Ich liebe das Gefühl und deshalb werde ich viel schreiben.“
Doch stellen wir uns vor, wir schreiben ein Buch über Gefühle, über das Leben und den Tod, über Gott, über Menschen und über ungemein wichtige Ereignisse, und es wird als das Zeugnis geistiger Krankheit, als ein Auswuchs des Irrsinns gewertet. In diesem Moment beginnt ein Alptraum. In diesem Traum urteilt jemand. Jemand entscheidet und behauptet wir hätten es mit Überlegungen zu tun, die als Anzeichen für Gespaltenheit typisch sind. Er nennt es Schizophrenie. Nijinskis Tagebuch ist laut diesen Urteilen nur ein so genanntes Tagebuch, der Text eines Irren, voll von Merkwürdigkeiten. Eine formale Gestörtheit des Denkens vielfältiger Art raubt dem Geschriebenen den Sinn. In einem Traum, in dem wir so etwas träumten, würden wir die ganze Zeit weinen.
Wenn man Nijinskijs Bücher ohne Voreingenommenheit, bezüglich dessen wie und von wem sie geschrieben wurden, lesen könnte – und sie wurden mit schneller Schrift geschrieben, mal mit zittriger, dann wieder mit steifer Hand, mit eher kleinen als großen Buchstaben – könnte sich herausstellen, dass ihre Worte einen Sinn haben, ihre Sätze einfach sind, obwohl ihre Gedanken immer weitere Kreise ziehen und Dinge betreffen, die jeden und die ganze Welt interessieren: „Ich schreibe über Dinge, die die ganze Welt interessieren“, sagt Nijinskij und bittet sehr darum, immer und in allem verbessert zu werden. Er ist ein ungebildeter Mensch, ein Mensch mit Fehlern. Er hat in zwei Schulen in Sankt Petersburg schreiben gelernt und das sollte ausreichen fürs einfache Schreiben über Dinge, die die ganze Welt interessieren. Doch wir alle machen Fehler, wir sind keine schlechten Menschen, doch wir machen Fehler, die man immer korrigieren kann und auch sollte. „Wegen Fehlern, die nicht mehr wieder gut zu machen sind bitterlich weinen; ich habe geweint, bitterlich geweint“, sagt Nijinskij, „ich habe den Tod gespürt.“ Er schreibt keine Tagebücher, er schreibt über alles was war und über alles was ist.

Aus dem Polnischen von Joanna Manc