DIE FLIEGENFÄNGERFABRIK

DIE FLIEGENFÄNGERFABRIKIm September 1939 ernannten die Deutschen Chaim Rumkowski zum „Ältesten der Juden” des Lodzer Ältestenrats. Rumkowski – ein jüdischer Unternehmer und ausgezeichneter Organisator – formte das arme und übervölkerte Lodzer Ghetto rasch in eine perfekt, wenn auch inhuman aufgebaute Produktionsstätte um. Der Judenälteste kämpfte um das Überleben der Mehrheit, also entschied er sich immer für das „kleinere Übel”: Wenn die Deutschen die Steigerung der Produktion forderten, steigerte er sie, wenn sie die Herausgabe der Kranken zur Deportation forderten, gab er sie heraus, wenn sie die Bereitstellung der Kinder bis zum zehnten Lebensjahr forderten, stellte er sie bereit. Er war der Ansicht, allein die wirtschaftliche Nützlichkeit der Juden könnte eine Trumpfkarte zum Handeln mit den Deutschen sein – stärker als der deutsche Antisemitismus und die Judenvernichtungspläne.
Das Lodzer Getto existierte also noch, als alle anderen Judenviertel in Polen längst liquidiert waren. Aus ihm wurden etwa zehntausend Juden gerettet – mehr als aus jedem anderen Ghetto auf polnischem Territorium. Rumkowski erreichte also viel, obwohl man nicht vergessen darf, um welchen Preis. Alle zwang er zu inhumaner Arbeit, er verstand es nicht, seinem Hochmut und den Verlockungen des Reichtums zu widerstehen, unter Ausnutzung seiner Position verweigerte er seinen Nächsten die Solidarität; sie verhungerten.
Andrzej Barts Roman ist ein intelligent konstruierter Bericht vom Prozess gegen Chaim Rumkowski. Alle Prozessbeteiligten – der Richter, der Vertreter der Anklage, der Verteidiger, die Schöffen – sind Juden. Verurteilt wird Rumkowski zu „ewigem Erinnern, so wie er gewesen ist”, ein aufgeblasener Fatzke, den seine Eitelkeit an seine Einzigartigkeit und seine Judenrettungsmission glauben ließ.
Natürlich hat der Prozess nie stattgefunden. Aber Bart kam zur Ansicht, dass alle, die mit Rumkowski in Berührung kamen, die im Ghetto von Litzmannstadt lebten und nach Treblinka deportiert wurden, das Recht haben, ihre Meinung über ihren Ältesten zu äußern. Dank dessen bietet der groteske Prozess die Gelegenheit, sich den Erinnerungen zu stellen und die Ambivalenz der Moral zu Holocaustzeiten vorzuführen. Was für die einen Mitarbeiter Rumkowskis Verrat bedeutete, erwies sich für die anderen als ihre Rettung.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Regina sah auf dem Bildschirm Fotos des sprechenden Chaims. Sie war damals bei ihm gewesen und wusste, dass er nicht so fürchterlich ausgesehen hatte wie auf den Fotografien.
„...Die Neuankömmlinge würden uns gerne zu ihren Sklaven machen, aber wir haben hier schon genug eigene Vorkriegsintelligenzler.” Wilski schrie fast schon. „Dieser ‘Artikel’ hat im Ghetto seinen Wert verloren. Hier muss man sich an eine Arbeit machen, die der Allgemeinheit nützt, an ein Handwerk und einfache körperliche Arbeiten. Ich verstehe natürlich, dass ihr behagliche Nachmittagsspazierfahrten in der Droschke diesen Aussichten vorziehen würdet. Vergesst nie, dass ich dergleichen nicht dulden werde!”
Widerwillig musste sie eingestehen, dass er schauspielerisches Talent besaß, denn er sprach so suggestiv, dass mehrere Personen sich hintereinander zu verstecken versuchten.
„Hohes Gericht, bitte schützen sie die Öffentlichkeit. Der Ankläger erschreckt sie, und sie haben in ihrem Leben schon genug Angst gehabt.” Bernstein erhob sich von seinem Stuhl.
„Die Anklage zitiert einzig und allein Ihren Klienten. Fahren Sie bitte fort...”
„Danke, hohes Gericht.” Wilski las in noch bedrohlicherem Tone weiter: „Hier im Ghetto muss man sich die höfische Geheimräterei ein für alle Mal aus dem Kopf schlagen. Schwestern und Brüder, ich muss euch eine Schuld gestehen. Es zeigt sich, dass ich ein unverbesserlicher Träumer gewesen bin. Ich hätte mich nicht gegen Zigeuner im Ghetto wehren sollen, es wäre besser gewesen, sogar zwanzigtausend von ihnen hier unterzubringen als die zugereisten Juden. Kommt zur Besinnung! Aus der Notlage hilft nicht einmal der Titel eines Geheimrats. In den heutigen Zeiten spielen Titel nicht mehr die geringste Rolle. Viele von euch haben ein negatives Verhältnis zur Arbeit. Ihr sagt euch: Wozu soll ich arbeiten, wenn ich auch vom Verkauf mitgebrachter Dinge oder Geldreserven leben kann. Aber ich werde euch das Arbeiten und ein anständiges Verhalten lehren, vor allem werde ich euch eure Unverschämtheit austreiben!”
Im Saal wurde es still, jedoch nicht lange, weil der Verteidiger aufsprang und ausrief:
„Und was soll aus diesem schauspielerischen Auftritt resultieren? Ich glaube nicht, dass die Geschworenen dem Herrn Ältesten nach diesen väterlichen Ermahnungen böse Absichten unterstellen werden. Natürlich werden Komplexe deutlich, sogar eine gewisse Lust daran, sich gegenüber diesen Menschen aufzuspielen. Aber hatte der Herr Älteste nicht Recht damit, dass die Einsiedlung von Juden aus ganz Europa seiner Überlebensvision schaden könnte?”
„Als die Deutschen ein paar Monate später, Anfang 1942,” der Ankläger zögerte nicht mit der Antwort, „mit der Deportation ins Gas begannen, wählte Rumkowski als erste Verbrecher und Sozialhilfeempfänger aus, aber dann rund zehntausend Neuankömmlinge, unter ihnen auch Professoren, große Namen in der Wissenschaftswelt, ihre Frauen und Kinder, also Menschen, die vielleicht keine Schuhe oder Mützen anfertigen konnten, die ihren Lodzer Brüdern aber ein Beispiel hätten geben können.”
„Darauf kommen wir noch”, sagte der Richter.
„Verzeihung Herr Richter, aber ich muss jetzt antworten. Der Herr Ankläger beliebt zu scherzen. Er hätte es lieber gehabt, dass die Schwerarbeiter aus Lodz weggeschickt worden wären, dank derer das Ghetto noch bestand, und er hätte die gelehrten Neuankömmlinge geschont. Ich frage jetzt diejenigen von ihnen, denen das Schicksal höhere Bildung verwehrt hat, ob sie ihrer Ansicht nach als erste ins Gas hätten gehen sollen.”
„Genug. Bitte veranstalten Sie mir hier keine Abstimmung.” Der Richter rezitierte nachdrücklich: „Ich bitte jetzt Doktor Ulrich Schulz aus Prag in den Zeugenstand.”
Ans Pult drängte sich ein älterer eleganter Herr mit einem Binokel, der drei Reihen hinter Regina gesessen hatte. Von ihm hatte sie noch nie gehört, sie war also neugierig, was er sagen würde. Der Richter wohl auch, denn er deutete auf den Bettlakenbildschirm, auf dem ein Plakat erschien, das auf Deutsch und Hebräisch die Erschießung von Dr. Ulrich Schulz aus Prag wegen Widerstandes gegen die Polizeigewalt bekanntgab.
„Melden diese Bekanntmachungen Ihre Erschießung?”
„Ich möchte bezweifeln, dass es im Ghetto einen anderen Ulrich Schulz aus Prag gab.”
„Bitte erzählen Sie, wie es dazu kam.”
„Ganz einfach, ich wollte mich nicht aus dem Ghetto deportieren lassen.”
„Weshalb? Schließlich wurde den Menschen nicht gesagt, dass sie in den Tod fuhren.”
„Ich hatte einfach nachgedacht: Wenn wir als Unproduktive gemeinsam mit den Verbrechern herausgeworfen wurden, dann stand eine Verschlimmerung unserer Situation zu erwarten. Und eine schlimmere Situation konnte meiner Ansicht nach nur der Tod sein. Daher meldete ich mich nicht beim Sammelpunkt. Die deutsche Polizei fand mich und zerrte mich raus. Um dem so schnell wie möglich ein Ende zu machen, ohrfeigte ich den Ranghöchsten. Also schoss er...”
„Wie wir alle sehen, trägt die Bekanntmachung über den Vorfall die Unterschrift des Ältesten Rumkowski.” Der Verteidiger stand auf und gab vor, die Unterschrift in Augenschein zu nehmen. „War der Herr Älteste bei dem Ereignis anwesend?”
„Ach woher, es gehörte ganz einfach zu seinen Pflichten, alle deutschen Bekanntmachungen zu unterzeichnen.”
„Also machen Sie ihn nicht für Ihren Tod verantwortlich?”
„Nicht im geringsten.”
„Keine weiteren Fragen.”
„Ich danke Ihnen und bitte entschuldigen Sie, dass wir Sie für nur so kurz hierher bemüht haben”, sagte der Verteidiger in wessen Namen auch immer.
„Ich folge jeder Aufforderung gerne.” Schulz verneigte sich und ging zur Tür, anstatt an seinen Platz zurückzukehren.
Wilski fiel plötzlich etwas wieder ein, denn er schlug sich an die Stirn und schrie: „Nur noch eine Frage! Sie waren nicht ganz drei Monate im Ghetto. Ich weiß, das ist wenig Zeit, um sich eine Meinung zu bilden, aber das war eine besondere Situation. Könnten Sie trotz einer so kurzen Zeit den Herrn Ältesten auf irgendeine Weise charakterisieren?”
Schulz sann über die Antwort recht lange nach, aber am Ende beließ er es bei einem einzigen Wort, danach verneigte er sich nochmals und ging hinaus.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier