ENTSCHULDIGE DICH: EIN SPIELERRATGEBER

Nachdem Błażej seine wissenschaftliche Karriere abgebrochen hat und seine Freundin Ewa ihn verlassen hat, führt er ein monotones, langweiliges Leben, das kaum Abwechslung bietet. Mit jedem Jahr versinkt er mehr und mehr in Lethargie, sogar das Höhenbergsteigen, seine größte Leidenschaft, hat er aufgegeben. Er erwartet keine Veränderungen und scheint das auch gar nicht zu wollen. Eine Zufallsbegegnung lenkt sein Schicksal aber in eine vollkommen andere Richtung. Auf dem Rückweg von der Arbeit überfährt er beinahe die junge Zuzanna (die hartnäckig behauptet, dass sie eigentlich Fix heißt), die vor jemandem auf der Flucht ist. Anfänglich hat es den Anschein, dass sie vor Marta flieht, das stellt sich jedoch als falsch heraus. Błażej erfährt auch, dass Marta nach Warschau gekommen ist, um ihren kleinen Sohn Szymon wiederzufinden, der unter ungeklärten Umständen verschwunden ist. Ohne groß nachzudenken, beschließt Błażej, der Frau bei ihrer Suche zu helfen, bei der auch Zuzanna eine wichtige Rolle spielen wird ...
Die Exposition des Romans "Entschuldige dich" macht einen recht gewöhnlichen Eindruck, aber das ist nur ein Täuschungsmanöver. Aleksander Kościów wäre nicht Aleksander Kościów, würde er nicht plötzlich seiner ungezügelten Phantasie freien Lauf lassen, die in die dem Leser bestens vertraute Wirklichkeit einsickert. Fix beharrt darauf, eine Art Superheldin zu sein, die in einer Parallelwelt mit einem Geiermenschen kämpft, der auch Martas verschwundenem Sohn auflauert. Anfangs sehen die Erwachsenen in ihr einen verrückten Teenager mit einer übertriebenen Phantasie. Sie ändern jedoch ihre Einstellung, als sie entdecken, dass Fix sie mühelos immer wieder auf die Spur des verschwundenen Jungen bringt. Kościów fährt zweigleisig. Einerseits erzählt er von Błażejs und Martas „verrückter Woche“ auf der Suche nach dem Jungen. Andererseits schildert er die Wanderung von Dala – wohinter sich wahrscheinlich Szymon versteckt – durch eine Welt, die einem Computer-Rollenspiel ähnelt. Während Kościów einen Plot voller Action und überraschenden Wendungen entwirft, stellt er gleichzeitig wichtige Fragen: „Weiß ich hundertprozentig, in welcher Welt wir leben?“, „Sollten wir uns bei wichtigen Lebensentscheidungen unbedingt von unserem gesunden Menschenverstand und der Vernunft leiten lassen oder eher unserer Intuition vertrauen?“. Die Suche nach Szymon wird für die Erwachsenen gleichzeitig zur Selbstfindung; am Ende der Suche sind sie schon nicht mehr die gleichen Menschen wie zu Beginn.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Die Frau setzte sich einfach auf die Tasche, wodurch sie ein bisschen wie eine schlampig zusammengesetzte Marionette aussah. Sie starrte ausdruckslos vor sich hin auf den Bürgersteig und strich sich die Strähnen aus dem Gesicht, die gleich wieder an ihren vorherigen Platz zurückkehrten.
„Was passiert ist?“, sagte sie leise, sie hob nicht einmal den Kopf dabei. „Das kann ich Ihnen sagen. Ich habe kein Geld, keine Karte, ich habe nichts, um jemanden anzurufen, der auf wundersame Weise irgendwie elektronisch bezahlen könnte, das ist ein Alptraum, Sie sind sich ja nicht bewusst, warum ich überhaupt hier bin ... Warum mir das alles zustößt ... Keine Ahnung ...“
Błażej stieg aus und kniete sich vor sie hin. Die Situation war ernst und erforderte Fingerspitzengefühl, Galanterie, Sorge, Takt – verschiedene Eigenschaften, die er schon lange nicht mehr Gelegenheit hatte zu üben.
„Tun Sie, was Sie wollen“, begann er.
„In der Handtasche war alles ... Geld, Karten, Ausweis, Führerschein. Glücklicherweise habe ich meinen Gesundheitspass in die Tasche gestopft. Auf dieser Grundlage haben sie mir auf der Polizei einen vorläufigen Ausweis ausgestellt, wenn ich wenigstens Zugang zu meinem Konto hätte, eine meiner Banken muss ihn doch akzeptieren, aber das ist erst morgen ... Sonst war nichts zu machen ...“, sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Ihre Stimme erreichte eine gefährliche Tonhöhe und ging in ein trauriges Piepsen über. „Ich weiß nicht ...“
„Ich verstehe. Weil Sie kein Geld haben, wissen Sie nicht, wo Sie übernachten sollen, reden wir nicht um den Brei herum, ich bringe Sie also zu mir nach Hause und schlafe selbst bei einem Freund, wir hatten sowieso vor uns zu treffen.“
Sie hob den Kopf, aber in der Dunkelheit konnte er ihren Blick nicht lesen, er sprach also schnell weiter: „Ich wohne alleine, niemand wird Sie stören. Ich gebe Ihnen die Schlüssel, wenn Ihnen das lieber ist ... Morgen geben Sie sie bei der Nachbarin ab. Man muss sich ausschlafen, und dann findet sich auch eine Lösung, früher oder später. Ich lasse Ihnen mein Handy, da haben Sie alle meine wichtigen Nummern, einschließlich der Nummer meines Freundes, den ich jetzt gleich anrufen werde, falls Sie mir nicht glauben oder es ein Problem geben sollte, Sie werden einfach ruhig schlafen können bis morgen, und das ist ja wohl jetzt das wichtigste.“
Als er geendet hatte, ließ er eine Menge Luft ab, wobei er sich wunderte, wo sich diese die ganze Zeit über versteckt hatte. Die Frau sagte eine Weile nichts.
„Es ist ein Uhr vierzig“, sagte sie schließlich, wonach sie wieder verstummte. Błażej nickte und wartete darauf, dass sie ihren Gedanken ausführte. „Sie sind ... unglaublich höflich. Was soll’s, hab’ ja auch ... nicht die Wahl, verdammt ... Stimmt, ich weiß nicht mehr weiter. Das ist überhaupt ein Alptraum.“
Sie vergrub ihr Gesicht in beiden Händen und verharrte in dieser Position so lange, dass Błażej irgendwann aufstehen musste, um sich die Beine zu vertreten. Von der Kühle der Nacht war nur wenig zu spüren, und die Konzentration der sauerstofflosen Suspension hinderte ihn daran, seine Gedanken zu sammeln. Er begann sich mit einem Stadtplan, von dem sich schon der Umschlag löste, Luft zuzufächeln, die Frau blickte ihn an, also gab er ihr den Stadtplan und holte sich aus dem Handschuhfach eine alte Zeitung. So saßen sie eine Weile schweigend da und fächelten sich, aber der Raum zwischen ihnen wurde ausgefüllt vom Knirschen rieselnder Gedanken, Entscheidungen, verschiedener schwarz-weißer Pros und Kontras.
„Sie sind unheimlich lieb ...“, sie hob den Kopf und lächelte. „Ich hoffe, die Schwierigkeiten, die ich Ihnen seit ein paar Stunden mache ...“
„Kein Problem. Wirklich.“
„Ich heiße übrigens Marta“, sie streckte ihm ihre verschwitzte Hand hin, die mit einem silbernen Ehering bestückt war.
„Und ich Błażej”, lächelte er, ihren Händedruck erwidernd, dann wählte er Mateusz’ Nummer.
„Wollen Sie jetzt anrufen? Es ist fast zwei Uhr nachts.“
„Erstens, heißt das nicht Sie, sondern Błażej. Zweitens, als wir zehn Jahre alt waren, haben Mateusz und seine Kumpel mir im Ferienlager am See abends ein Schlafmittel in den Tee getan und in der Nacht mein Bett mit mir auf zwei Boote gesetzt. Auf einem solchen Katamaran wachte ich auf, mit fürchterlichen Kopfschmerzen, mitten auf dem nebligen See, umgeben von irgendwelchen Haubentauchern. Es ist mein gutes Recht, ihn um zwei Uhr nachts anzurufen, keine Sorge.“
Die Frau schnaubte durch die Nase, sie lächelte unmerklich und schaute sich dabei um. Während er Mateusz die Situation erläuterte, schüttelte sie nur mit dem Kopf, blickte hin und wieder zu Błażej herüber und schob das Lächeln unwillkürlich in die Mundwinkel, damit es kleiner wäre, falls es bemerkt werden sollte.
„Geht klar. Sie haben übrigens gar nicht geschlafen. Wir hatten sowieso vor uns zu treffen, nach ihrer Rückkehr aus Portugal, also kann es auch jetzt sein.“
„Nicht schlecht“, sagte sie nur und ließ sich die Tasche abnehmen, die auf dem Rücksitz landete.
„Na also“, befand Błażej, als er sich hinter das Steuer setzte und ihr ein zweites, frisch befeuchtetes Handtuch reichte. „Zeit zum Schlafen. Morgen wird alles gut werden.“
Marta machte ein trübsinniges Gesicht, nickte aber zustimmend. Unterwegs machten sie noch an einer 24-Stunden-Tankstelle halt. Als Błażej zum Auto zurückkam, sagte sie leise:
„Ich bin gestern nach Warschau gekommen. Ich bin aus Krakau. Ich bin hierher gefahren, weil es so aussieht, als wäre mein kleiner Junge verschwunden. Er ist zehn.“
Sie fuhren durch leere Straßen, das Spiel der Lichter und ihrer Trugbilder, die von der Frontscheibe zurückgeworfen wurden, wies ihnen den Weg. Błażej war an den Kreuzungen übervorsichtig, schaute mehrmals nach links und rechts und war mit verschiedenen zusätzlichen Tätigkeiten beschäftigt, spritzte Wasser auf die Windschutzscheibe oder überprüfte, wie viel Spiel der Schaltknüppel hatte. Marta lehnte die Stirn an ihr Spiegelbild im Fenster. Das war schon nicht mehr die direkte Fortsetzung dieses verrückten Abends mit dem bekloppten Teenager, der so tat als sei er bewusstlos, und der Suche nach einem Hotel; das war es nicht mehr.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau