DA IST KEINE JÜDIN

Marian Pankowski (1919), der seit 1945 in Brüssel lebende Erzähler, Dichter und Dramatiker, schreibt eine „umstürzlerische” Prosa, seine Spezialität sind kontroverse Themen, verschwiegene und tabuisierte Fragestellungen. Sein bekanntester und in viele Sprachen übersetzter Roman "Rudolf" (1980) erzählt die Geschichte der Freundschaft eines Polen, eines in die Jahre kommenden Universitätsprofessors, politischen Emigranten und einstigen Insassen deutscher Konzentrationslager, und eines etwas älteren Deutschen, der an der Weichsel aufwuchs, eines einstigen Wehrmachtssoldaten, Frontdeserteurs und Homosexuellen. Pankowskis sprachlich innovative und moralisch freizügige Prosa wurde in den vergangenen Jahren zur Kultlektüre junger polnischer Schriftsteller und Leser. Die polnische Schwulenbewegung und die junge polnische Linke sehen in Pankowski ihren Guru. Seine älteren Bücher werden zur Zeit gerne neuaufgelegt, die Neuauflagen mit Preisen ausgezeichnet (Die KZ-Erinnerungen "Von Auschwitz nach Belsen" waren 1999 auf der Shortlist der für den Nike-Literaturpreis nominierten Bücher; für seine Prosa "Der letzte Kongress der Engel" erhielt er 2008 den renommierten Literaturpreis der Stadt Gdynia).
Das winzige Büchlein "Da ist keine Jüdin" widmete er seiner Frau, Regina Fern-Pankowska. Die Geschichte der Romanheldin Fajga Oberlender, die auf der Fahrt ins Vernichtungslager aus dem Deportationszug sprang, erzählt eine Variante ihres Besatzungsschicksals. Diese Prosa entzündet sprachliche Feuerwerke, changiert zwischen den Gattungen: Manchmal gemahnt sie an Spielszenen mit Prolog und Epilog; Threnos und Klagelied gehen über in Erinnerungsbilder und Phantasmagorien, die Erzählhandlung unterbrechen Exkurse des Verfassers. Der Autor greift (wie häufiger in der jüngsten Vergangenheit) das Thema Krieg, Besatzung und Judenvernichtung auf und tut das mit der ihm eigenen schriftstellerischen Nonchalance: „Der liebe Gott war damals in Castel Gandolfo und legte Patiencen. Er hatte keine Zeit, um über Auschwitz zu thronen.“ Fajgas Geschichte ist eine unablässige Reihe von Demütigungen und Beweis für die Fremdheit zwischen dem polnischen und dem jüdischen Besatzungsschicksal, aber die Bilder von ihrem Aufenthalt in Amerika zeigen auch ihre Fremdheit in der dortigen jüdischen Community, die unfähig war, Fajgas Kriegserlebnisse zu verstehen.

Marek Zaleski

AUSZUG

Es war Ende März. Tauwetter. Die Dachrinnen schepperten, dass es eine Freude war. Die Amseln hielten eine Versammlung ab. Die Kinder – ich hörte sie durch die undichten Fugen meines Schuppens – spielten zum ersten Mal Verstecken... Als könnte ich an ihrer Sorgloskeit teilhaben, stand ich von meiner Pritsche auf – sie legt die Stirn peinlich berührt in Falten – und begann einfach so herumzuwirbeln, fast schon zu tanzen... Und ich erinnerte mich daran, wie Mutter gesungen hatte... Summend wirbelte ich im Kreise tanzends – ergriffen beginnt sie ein Wiegenlied zu singen, „Wigele”; als sie zur Besinnung kommt, schweigt sie.
„Und die Kinder?”, erinnert sie Sara Krynitzerowa.
„Ich hatte sie schreien gehört, und als ihre Schreie verstummt waren, dachte ich, sie hätten sich getrennt, wären nach Hause gegangen... und dabei beobachteten sie mich! Durch die Astlöcher. Sie liefen zu Mareks Mama.”
Off-Stimme, oder der Geschichtenschreiber erzählt selbst
„Mama”, ruft Marek schon auf der Türschwelle. „Die Jüdin, die weggelaufen ist, die ist gar nicht weggelaufen! Sie hat sich in der Scheune versteckt!”
„Sie singt da vor sich hin”, das war Jarek.
„Und tanzt.”
„Und streichelt ihr Baby, wiegt sich und tanzt...”. Das waren die Stimmen von Ania und Mania. „Man hört es wieder, zumindest das, ein Wiegenlied.”
„Kinder! Was habt ihr nur für Flausen im Kopf!”, empört sie sich. „Das habt ihr mir schön erfunden, ihr seid vielleicht Lügenmäuler! Weg mit euch, ich will euch nicht mehr sehen!”
Die Kinder verließen das Haus. Sie biegen links ab, zum Bach runter. Und niemand wusste, auf welche Idee sie kommen würden. Weder Baśka noch ihre Mutter; nur der Autor hörte Jarek-zeig-die-Uhr den Kopf schütteln und:
„Marek... deine Mutter, was denkt die sich, dass wir „Lügenmäuler” sind! Und dass da keine Jüdin gewesn wär??? Ich habe sie gesehen, und du, Mania?”
„Ich habe sie auch gesehen.”
„Ich auch”, fügt Ania mit verschreckter Stimme hinzu. Marek hält inne.
„Ich habe sie auch gesehen. Morgen zeigen wir sie Mama und Oma!” Und er wendet sich so leise flüsternd an die drei Indianer, dass es nicht einmal der Autor hören kann.
Wie jeden Samstag machte Baśka, will heißen Mareks Mutter, die Wäsche, Oma ging in der Zeit einkaufen. Sie nahm die Tasche, aber sie sah nochmal nach, ob sie Geld dabei hatte. Und da kam Marek an:
„Oma... ich kann doch auch das Brot und die Brötchen holen gehen.”
„Gut, mein Kind”. Die Oma war positiv überrascht. „Du weißt, was für eins, ein halbes... na und sechs Brötchen... Warte, hier hast du Geld.” Sie gab ihm Papier-Złotys.
Marek zog los, stolz wie der Frontsoldat beim Angriff aus der Geschichte Herrn Bałbeckis, dessen hehrer Mut sicher zum Sieg bei dem Angriff beigetragen hatte, den er aus der Zeit der österreichischen Balkan-Offensive geschildert hatte... Er ging kerzengerade. Erst kurz danach schlossen sich ihm die drei Verschwörer an.
Gemeinsam betraten sie die Bäckerei. Frau Podpłomykowa, die gerade mit dem Halbieren eines Brotlaibs für zwei Kundinnen beschäftigt war, lächelte die kleine Schar an. Sie waren an der Reihe.
„Und für euch, Kinder?”
„Bitte ein halbes Großes und sechs Brötchen... und noch... eine kleine Challa”, und er legte die in der Hand zerknüllte Banknote auf die Lade.
Schon auf dem Weg ins Freie drehten sich die Frauen um und die eine schüttelte den Kopf Richtung Bäckerin, die ebenfalls der letzte Kaufwunsch der Kinder in Erstaunen setzte.
„Ist die für euch, die Challa?”
Schweigen, sie schauten sich an. Marek war ein heller Kopf:
„Wir wollen Juden spielen, liebe Frau.”
Die pausbäckige Frau Podpłomykowa brach in lautes Gelächter aus, ein Gelächter, das sich sofort in den Falten um den Mund verlor, um das fertige Wort herum, das sie im letzten Augenblick noch zensierte.

Fortsetzung von Fajgas Bericht.
Kehren wir zurück ins Haus der Hazenlaufs in Azojville. Fajga erzählt, als habe sie bereits den Tumult trübseliger Assoziationen im Griff, ruhig, als läse sie kranken Kindern das Märchen Die Zwerge und das Waisenkind Marysia vor.
„Mich weckte das Herumgerenne und Schreien der Gören. Ich stehe auf, gehe zu meiner „geheimen” Tür... schiebe die Diele zur Seite... und dort... auf dem festgestampften Schnee, drei Schritte vor der Scheune, liegt eine braungebackene Challa! Lieber Gott, da hat die liebe Baśka an solch eine Freude für mich gedacht! Ein Geschenk, dass man vor Dankbarkeit weinen möchte! Ich springe vor und schnapp! Halte die Challa in Händen. Ich habe noch keinen Schritt zurück in mein Versteck gemacht, da stecken die Kinder ihre Köpfe hinter der Scheune vor und:
„Jü-din!
Jü-din!
Schwarze Eule voller Dreck,
Diebin der Nacht, tags im Versteck!
Mit Petroleum vergiftet sie unsere Quellen, sie stinkt nach fauligen Zwiebelabfällen!”
Und gleich danach Baśkas Stimme, keine Stimme, sondern ein furchtbarer Aufschrei, und zwar so einer, dass die Kinder, die sich immer noch vorbeugten, wie verwunschen erstarrten.
„Kommt mir sofort ins Haus! Aber sofort!” Sie atmet so, dass man jene Zeit, in der das geschah, hören kann. Sie blickt die Mittafelnden an. „Als es dunkel wurde... als wäre nichts geschehen... bekam ich eine Schüssel heißer Suppe und eine Scheibe Schmalzbrot... Ich schlief nicht. In meinem Kopf hämmerte der Reim der Kinder, die selig waren, weil sie das hungrige Wild gestellt hatten, indem sie einen raffiniert ausgewählten Köder gelegt hatten.
Fajga schaut die Juden von Azojville an. Jetzt scheint ein trauriges Lächeln über ihr Gesicht zu huschen:
„Die Fortsetzung soll der Autor selbst erzählen... Ich könnte es nicht.”

Der Autor übernimmt den Erzählfluss.
Als die Kinder in der Küche saßen, wartete Basia einen Augenblick, wie ein Richter, der schon allein mit seinem Blick bei den Angeklagten das Bewusstsein ihrer Schuld weckt. Doch jetzt ermutigte sie die Kinder mit einer Stimme voll unvermuteter Süße zur Übernahme ihrer Version.:
„Liebe Kinder... das war ein bisschen viel Kino... das Herumgerenne und Geschrei rings um die arme Scheune... Ihr habt euch ein Märchen über eine Jüdin ausgedacht, einverstanden. Sie ist erschienen, tanzte und verschwand. Ein Wahn ist der Traum, auf Gott wolln wir traun! Schluss mit dem törichten Spiel... Vergesst nicht, dass man den Katechismus wiederholen muss, denn bald ist Ostern... Ihr werdet im Kinderchor singen „Er hängt am Kreuze.” Und jetzt... könnt ihr weiter spielen gehen.”

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier