DER TISCHTENNISSPIELER

"Der Tischtennisspieler" fällt in das Genre der Populärliteratur und ist ein Roman, dem es an Liebesmotiven und satirischen Elementen nicht fehlt. Dabei spielt sich alles auf dem Hintergrund der Morde in Jedwabne ab, eines kleinen Ortes im Nordosten Polens, wo im Juli 1941 die Polen, von Deutschen angestiftet, ihre jüdischen Nachbarn ermordeten. Wir haben das Jahr 2001. Zu der Einweihungsfeier des Denkmals, das an die Ermordeten erinnern soll, kommt ein pensionierter Richter aus Amerika, der früher in dem Ort gelebt hat. Damals, als Teenager, ist es ihm nicht gelungen, seinen jüdischen Freund, mit dem er leidenschaftlich Tischtennis gespielt hatte, vor dem Pogrom zu retten. In dem Städtchen leben immer noch die Täter. Das, was sich während der Besatzungszeit ereignete, wird von den heutigen Ortsbewohnern unterschiedlich bewertet. Nach all den Jahren sind die Gespräche mit den Zeugen, mit den Tätern und den Mitschuldigen, mit ihren Söhnen und Töchtern, mit neuen Ortsbewohnern sowie denjenigen, die zur Feier aus dem Ausland angereist sind, eine Gelegenheit für die bittere Abrechnung mit der Vergangenheit. Immer wieder kommen dunkle Geheimnisse des Pogroms ans Licht, immer wieder kommt die finstere Natur des Menschen zu Wort. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts, besonders die Geschichte dieses Teils Europas, ist eine Tragikomödie – sagt der Romanheld. Der Friedhof, auf dem die Opfer ruhen, wird zwar aufgeräumt, doch die früheren Verbrecher und ihre Nachkommen haben weiterhin das Sagen. Im Ort lebt man das Leben der Sieger: Liebesbeziehungen und neue Freundschaften werden geschlossen, sogar wichtige Gespräche finden statt, doch das vermeintliche „Happy End“ ist nur Schein und die Abrechnung mit der Vergangenheit eine Parodie. Die Verbrecher werden nicht bestraft, das Geheimnis ihrer Taten bleibt unergründlich. Das Gewissen Mancher rührt sich; neben den innerlich versteinerten Schuldigen gibt es auch Menschen, die Bereitschaft zeigen, die Vergangenheit zu konfrontieren. Doch über allem erhebt sich das Gestammel des Dorftrottels, der, angestochen von der antisemitischen Propaganda der rechten Presse, die Feier im Ort als eine jüdische Verschwörung betrachtet, die es zum Ziel hat, von Polen gigantische Wiedergutmachungsleistungen zu erschleichen.

Marek Zaleski

AUSZUG

Sie gingen rüber in die Wohnung. Ein großer Tisch, Stühle. An der Wand eine stehengebliebene Standuhr. Viertel nach neun. Wann ist sie zu dieser Uhrzeit verstummt? Und warum setzte sie dieser einsame Mann nicht wieder in Bewegung? Mike zeigte auf die Uhr und fragte:
„Von den Ehrlichs?“
„Nein. Von den Wolfowiczs. Ich ging zu ihnen, sagte, dass sie gehen müssten, dass Kostek es angeordnet hätte, Sie wissen welcher, Waldeks Vater. Da sagt er, der Wolfowicz, zu mir: ‚Nimm das Stefan, nimm’s, mir ist es lieber, du nimmst es.’“
„Warum war ihm das lieber?“
Der Obstbauer schlug die Arme auseinander:
„Ich weiß nicht. Vielleicht spürte er, dass ich keine Zufriedenheit finden kann. Ich weiß nicht“, wiederholte er. „Er gab mir noch eine Armbanduhr: Nimm’s, warum soll es jemand anders bekommen?“
„Wo ist diese Uhr?“
„Ich habe sie meinem Sohn gegeben.“
„Zur Kommunion?“
„Hm...“, bejahte er.
„Wusste Ihr Sohn, wessen Uhr das ist?“
„Woher denn? Vielleicht hat er es später geahnt.“ Betrübt fügte er hinzu: „Ich haben meinen Sohn seit längerer Zeit nicht gesehen. Vielleicht hat er sie in den Fluss geworfen.“
„Wären Sie darüber verärgert?“
„Deswegen? Nein. Ich glaube nicht. Obwohl eine Sache ja ihren Wert hat. Man sollte sie schätzen. Doch heute würde mich das nicht wundern.“
„Und damals?“
„Ich habe die Uhr doch genommen.“
„Haben Sie Wolfowicz ‚danke’ gesagt?“
„Weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Vielleicht habe ich sie so genommen, als ob sie mir zustehen würde. Für die schwere Arbeit. Weil das schwere Arbeit war. Wie das Ausheben eines Grabens. Dieser Herr Wolfowicz – vielleicht wird Sie das interessieren – hat etwas in seinen Bart gemurmelt als wir das Haus verließen. Ich glaube auf Hebräisch. Da frage ich ihn: Was Murmeln Sie da? Und er darauf: Das Buch Hiobs.“ Der Obstbauer nickte in Gedanken, dann sagte er: „Ich habe mich nach Jahren auch daran gemacht.“
„An das Buch Hiobs?“
„Ja, daran. Ich habe die Heilige Schrift, ich habe sie, obwohl es eine evangelische ist.“
„Und was haben Sie dort gelesen?“
„Dass es gut endet. Hiob gründete eine neue Familie, ist wieder reich geworden.“
„Und Ihr Hiob starb in den Flammen – wollten Sie sagen?“
„Starb in den Flammen – genau das wollte ich sagen.“
„War es sinnlos sich mit Hiob zu vergleichen?“
Der Obstbauer antwortete nicht. Er nickte nur auf seine Art. Mike begann zu vermuten, dass er sich so einen Tic angeeignet hat. Er fragte:
„Waren sie bei der Scheune? Wie fühlten Sie sich dort?“ Man hörte das Ticken des Weckers. Der Obstbauer ging rüber zu der Standuhr. Während er auf das Zifferblatt starrte, presste er heraus:
„Furchtbar.“
Heute denkt er so – oder schon damals?
„Dachten Sie: was mache ich da?“
„Ich erinnere mich nicht. Wahrscheinlich habe ich an nichts gedacht. Mein Kopf war leer. Ich kann mich erinnern, dass ich Durst hatte.“
„Warum sagen Sie dann: ‚furchtbar’?“
„Weil es das auch war. Etwas Furchtbares.“
„Herr Stefan“, sagte eine Journalistin, „erzählen Sie über Mirka. Hören Sie zu, Herr Richter.“
Der Hausherr setzte sich an den Tisch, stützte den Kopf mit den Händen.
„Mirka...“, begann er. „Sie war älter als Ihr Freund. Ungefähr neunzehn Jahre alt. Genau richtig zum Heiraten. Wunderschönes Mädchen. Sie war nicht zu Hause, als sie die Ehrlichs holten, sie versteckte sich in der Umgebung. Damals haben Sie Ihren Freund raus gebracht.“
„Es hat nicht geklappt“, erinnerte ihn Mike.
„Es hat nicht geklappt. Waldek hat euch gejagt, ich weiß. Ich laufe nach Hause übers Feld, müde, kann mich kaum noch aufrecht halten, als mir Mirka entgegenläuft. Die Haare zerzaust, mit Ähren drin, die Augen wie bei einer Irren. Ich schreie: Mädchen, wohin willst du? Versteck dich! Und sie darauf: Ich will zu Mama, zu Siggi! Mit ihnen ist es vorbei, sage ich, du kannst dich retten, geh’ dahin zurück von wo du gekommen bist! Da fällt sie auf die Knie. Lieber Herr Stefan, erschießen Sie mich, ich flehe Sie an, ich will zu Mama! Ich darauf: Was redest du da, hast du den Verstand verloren? Du kannst leben! Es wäre schade um so ein prima Mädchen!“
„Das haben Sie anders gesagt“, stellte Mike ohne Zögern fest.
„Nun ja, ich sagte es anders, ich war ein Primitivling, ungehobelt. Manchmal dachte ich, dass wenn ich es vorsichtiger, klüger gesagt hätte... Und sie: Stefan, ich flehe dich an, tue es für mich, ich will zu Mama. Ich werde doch sowieso sterben, es ist meine letzte Bitte, das zählt doch. Du hast eine Pistole, schieß.“
„Hat sie geweint?“
„Ich glaube nicht. Ich nahm die Pistole hinterm Gürtel hervor und schoss ihr direkt ins Herz. Damit sie sich nicht quälte. Ich zog sie vom Pfad runter und legte sie ins Roggenfeld. Ihre Beine waren bis dahin entblößt, da habe ich ihr den Rock bis über die Knie gezogen. Nachts bin ich mit einem Pferdefuhrwerk gekommen und schmiss sie auf den Wagen, die Stute schnaubte – wissen Sie, wenn es kein gewöhnliches Pferd ist, dann mag es so eine Ladung nicht. Ich brachte sie zum jüdischen Friedhof, grub ein Grab und bestattete sie. Alles heimlich.“
„Warum heimlich?“
„Die hätten mich dafür nicht gerade gelobt.“
„Haben sie das dem Priester gebeichtet?“
„Nein.“
„Meinten Sie nicht, dass der Mord eine Sünde war?“
„Das war eine Sünde. Ich musste sie nicht töten.“ Nach einer Weile fügte er hinzu: „Die anderen hätten sie getötet. Und sie wollte, dass ich sie töte. Ich konnte nicht ablehnen. Sagen Sie mir: konnte ich?“
„Sie konnten sie retten“, sagte Ania wütend.
„Sie wollte zur Mutter.“ Während er sprach starrte er auf den Tisch. „Ich habe das häufig vor Augen; sie fleht auf Knien: Stefan, meine letzte Bitte. Und ich schieße. Ich habe nicht abgelehnt.“ Er hob den Kopf. „Und was denkt der Herr Richter darüber?“
Richter Murphy nahm einen hochoffiziellen Ton an.
„So eine Sache hatte ich noch nicht.“
Zum Abschied fragte Mike:
„Sie wissen was das für eine Feier morgen ist?“
Der Obstbauer nickte.
„Ich weiß.“
Und das war alles.

Aus dem Polnischen von Joanna Manc