TASCHENFRAUENATLAS

Jedes Kapitel des "Taschenfrauenatlas" beginnt mit einer „Panoramafotografie”, in der namenlose weibliche Typen dargestellt und deren Daseinsbedingungen ausgeführt werden. Danach geht die Autorin zur „Nahaufnahme” über und konzentriert sich auf eine einzige ausgewählte Repräsentantin der von ihr unterschiedenen „Gattungen”. Die vier Hauptfiguren stehen für verschiedene HeldInnengenerationen – eine von ihnen ist ein feminisierter Mann – und sie verbindet die Tatsache, dass sie im selben Haus leben. Ihre Einzelwelten fügen sich also zu einer Wirklichkeit. Wenn man diese als „Wirklichkeit der Opaczewska-Straße” in Warschau deutet, kann man – unter Verwendung der biologischen Kriterien Sylwia Chutniks – von dem Haus als einem Ökosystem sprechen und von seinen BewohnerInnen als RepräsentantInnen einer autochthonen Gattung, die über die Beziehungen zur Außenwelt entscheidet.
Wenn man die beiden Techniken, die die Schriftstellerin anwendet, zusammenführt, drängt sich der Vergleich zum Naturfilm auf. Aber: Die ausgewählten Typen sind nicht repräsentativ, sie spiegeln kein charakteristisches Lebensmodell wieder, sondern sind eindrucksvoll psychologisch. Die Autorin verfährt nicht wie eine Behavioristin, sondern sie blickt in die Seelen der Porträtierten. Oder besser sie erschafft ihnen eine Seele.
Zum Beispiel kann Maria sich immer noch nicht vom Kriegstrauma befreien. Sie war eine tapfere Meldegängerin des Warschauer Aufstands, durch ein Wunder entrann sie dem Tod, und stirbt jetzt in völliger Vereinsamung. Kränklich und hilflos ringt sie sich zu ihrer letzten Protesthandlung auf, sie ist sich jedoch darüber im Klaren, dass ihre selbstmörderische Demonstration unbemerkt bleiben wird. Der Fall Marias spiegelt das Schicksal der alten Helden, die gegen Ende ihres Lebens zum Vergessen und zum Dahinvegetieren unter furchtbaren Bedingungen verdammt sind.
Die anderen im Buch beschriebenen Schicksale sind ebenso rührend, auch wenn Chutnik sie in einer tragikomischen Tonlage beschreibt. Die Distanz, mit der sie ihnen begegnet und die für eine Dokumentarbiologin erforderlich ist, verdeckt ihre enorme Empfindsamkeit nicht. Sie ist es, die neben der durchdachten Konzeption des Erzählbands und der Fähigkeit, sowohl Handlungsfäden zu spinnen wie auch glaubwürdige Porträts sozialer Gruppen oder Individuen zu konstruieren, die junge Autorin auszeichnet. Chutnik ist mit Sicherheit am interessantesten unter den dieses Jahr debütierenden Zwanzigjährigen.

- Marta Mizuro

AUSZUG

Die Hausfrau vom Tage der Geburt bis zu ihrem Tode. Teilnehmerin des RundumdieUhr-Happenings „Für eine saubere Welt”.
Ihr Leben sind immer neue Fortsetzungen eines unendlichen Bandwurms. Tausende sinnloser, öder Arbeiten. Versunken in sich wiederholende Tätigkeiten, Gesten nimmt sie das Leben so, wie es ist. Ohne irritierende Anfälle von Aufbegehren, existenzielle Vorwürfe, geschmacklose Rebellionen. TagWaschenPutzenNachtTag...
Die Hausfrau sieht ein, dass das Hinnehmen sich wiederholender Tätigkeiten das Dasein regelt. Sie kann eine pulsierende Spannung in einem Brosamen Wirklichkeit finden und sie aufrechterhalten. Dank dessen rettet sie all die undankbaren Leichtfüße, die morgens das Bett nicht machen, kein anderes Messer für die Butter verwenden und nie – aber wirklich nie – den Boden hinter dem Backofen aufwischen.
Die Hausfrau verwaltet Aufgaben, führt sie zu ihrem glücklichen Finale. Danach geht sie ohne Ruhepause, Urlaub und Lorbeeren fließend zur nächsten Bühne über. Das Bühnenbild findet Raum auf ein paar Dutzend Quadratmetern. Zu ihm gehören vor allem Waschmaschine, Kühlschrank, Fenster, Möbel und Boden. Die Hausfrau ist auch die Familienmanagerin, die berühmte Gastromutter. Das häusliche Matriarchat, das hauptsächlich ans Essen geknüpft ist, stopft den Frauen den Mund. Was soll das heißen, zeigt es, ihr habt keine Macht? Ihr seid doch die wahren Königinnen des Heimischen Herdes, don't you see?
Wahre Macht ist die von unten, unter der Maske eines Stapels Teller und den Resten einer gebrutzelten Ente. Die Frau kann die Mahlzeit planen, die Zeit und Art ihrer Darreichung. Helfen lässt sie sich nicht, das Rezept verrät sie nicht. Sie schuftet in der dunstverhangenen Küche, holt sich noch ein paar Krampfadern beim ewigen Aufpassen aufs Gas. Zur Belohnung isst sie die Reste vom Mittagessen, leckt die Teller leer, knabbert die Knochen ab. Die Gastromutter stiehlt sich, wenn alle längst schlafen, in die aufgeräumte Küche und streichelt sanft die Haushaltsgeräte. Still, schlaft, ihr Kinderchen, morgen erwartet euch die nächste Arbeit. Die Welt ist nicht schlecht, die Hausfrau ist nicht traurig. Zuhause ist alles an seinem Platz, und jeder in der Familie hat seine Rolle. Ohne überflüssige Castings nimmt die Hausfrau mit einer schlichten Geste das Drehbuch vom Tisch und beginnt es zu spielen. Na, irgendjemand muss das tun. Stimmt schon, der Haushalt wurde in hohem Maße technisiert, aber Chefin gibt es nur eine. Und die Kinder? Sie eifern der Königin des Küchenreiches nach oder rebellieren und ziehen aus.
Und so nimmt unsere Mania neben den Haushaltstätigkeiten eine Erwerbstätigkeit auf.
"Die ist irgendwie verhext, schau die Augen", und sofort konnte man sehen, dass das Mädchen nicht für den Basar taugte. Maria schaute ins Weite und träumte von schönen königlichen Gemächern. Doch sie war wie das blöde Aschentrampel ein Mädchen für alles. Um ihren Kopf flatterten die Fetzen von Basardialogen. Die Würze, die die Verkäufer beisteuerten:
„Scheißkerl, du hast mir das Leben verschissen.”
„Ich? Ach was, gib Ruh, du übertreibst.”
Daneben:
„Und ich war bei der Morgenmesse, ich sage Ihnen, liebe Frau, und der Priester hat so schön über die Toten und diese, na die Politiker gesprochen.”
Maria versuchte, das Stimmengewirr der in den Bart gebrummten, gezischten, herausgebrüllten und -gespuckten Gespräche nicht zu hören. Sie sehnte sich nach Stille, nach einem Schweigeorden, Vipassa¬na und einer Stromsperre für den gesamten Basar. Ihre Mutter, die Matrioschka der Haushaltswarenallee, sprach mit donnernder und endgültiger Stimme in einem fort auf ihr einziges Kind ein. Sie hatte die Macht gepachtet, und sie konnte ausfallend werden. Wie ein Gift und Galle spritzender Starkstrom. Dass Vater sie zu selten übers Knie gelegt hatte, dass er sie verdorben hatte. Dass sie bucklig und ein Faulpelz war. Das Haar so glattgeleckt, dünn bis dorthinaus, ohne einen Zopf. Dass sie am Stand ein bisschen Fleisch zeigen soll, denn wenn die Jungs kommen, laufen sie gleich nochmal so schnell wieder weg.
Es stimmt, Maria hatte mit dem anderen Geschlecht nicht allzu viel zu schaffen. Keine gebrochenen Herzen, nur alte Macker küssten ihr die Hand und starrten aufs Dekolleté. Aber war das Liebe und gab es sie denn überhaupt? War sie nicht dort, weit weg, draußen hinterm Glas des Fernsehers, und gab es sie nicht nur in Amerika oder Brasilien?
Kommt ‘ne Oma an den Stand und sagt: „Fräuleinsche, gem Sie mir mal den Teekessel da, weil mein Kerl unsren schon wieder hat anbrennen lassen, Scheißkram. Er hat die Spiele geglotzt wie ein Weltmeister, Wasser aufgesetzt und es vergessen. Soll ihn doch, das Opfer. Ich halte ihn mir nur noch zu Hause, damit er mir den Rücken kratzt, wenn’s juckt. Vierzig Jahre Ehe und da hast du’s!". Worauf sich Marias Mutter lachend zu Wort meldet: „Und woanders juckt es sie nicht?".
Und Maria senkt die Augen, weil sie auf dem Basar das Leben erlernt hat. Jetzt weiß sie, was eine Straßenstricherin ist und was G-Punkt bedeutet. In den Kiosks liegen die Nummern von „BravoGirl", und drin stehen Ratschläge. Ein seltsames Geheimwissen auf dem Terrain des elterlichen Betts. "Liebe Bravo – ich bin dreizehn Jahre alt und seit zwei Jahren mache ich es mit meinem Freund. Ich schreibe, weil ich nicht weiß, ob wir, wenn wir lange Zungenküsse machen, dann auch Kinder kriegen können? Eure treue Leserin". Und die Redaktion schreibt zurück, dass man über die Pubertätsprobleme mit der Mama, einem Pädagogen oder einem Priester reden soll und dass Jungs außerdem gerne an Brustnippeln rumbeißen. Daneben bunte Bilder, die ein Paar im Negligé in liebender Umarmung zeigen.
Marias Phantasie arbeitet, aber sie ist nicht in der Lage, sich für Liebesdinge zu erwärmen. Sogar wenn ihr für einen Augenblick einmal ein paar Schmetterlinge durch den Bauch flattern. Dann überkommt sie die Dumpfheit. Sie träumt von Liebe, aber sie weiß nicht, was sie mit ihr anfangen sollte. Sich zurücklehnen wie eine Schauspielerin? Die Augen schließen und den Mund öffnen?

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier