ZAPPZARAPP

Zappzarapp ist ein Sammelband mit Erzählungen, die durch den Erzähler-Protagonisten miteinander verbunden sind. Dieser Protagonist – ein Schriftsteller und Journalist im mittleren Alter – wird zum Beobachter von meistens banalen, einfachen Ereignissen. In nur wenigen Erzählungen nimmt er selbst an der Handlung teil. Er beobachtet und belauscht die anderen heimlich, greift sich aus der Wirklichkeit das heraus, was ihm wichtig erscheint und was eine gewisse symbolische oder parabolische Bedeutung haben könnte. Diesen sonderbaren „Voyeur“ lässt der Autor grundsätzlich in drei Erzählräumen erscheinen: in einem Sanatorium am Meer, im Krankenhaus und in den städtischen Bussen. Diese Orte bestimmen gewissermaßen die Thematik der Erzählungen. Der Zyklus aus dem Sanatorium und dem Krankenhaus enthält hauptsächlich Erzählungen über menschliche Anschauungen und Verhaltensweisen. In den Bus-Erzählungen (so wurde der Zyklus genannt), hat der Autor den Ehrgeiz, ein Porträt der heutigen Polen zu erstellen. Das, was die Passagiere der Busse sagen, fügt sich zusammen zu einem Katalog von Meinungen, Ängsten, Illusionen des so genannten einfachen Bürgers. Es scheint kein Zufall zu sein, dass Liskowacki seinem Buch einen Titel gab, der auch eine der Geschichten aus dem Zyklus der Bus-Erzählungen überschreibt. Das heute etwas in Vergessenheit geratene Wort „Zappzarapp“ wird zumeist mit einem schlauen Diebstahl in Verbindung gebracht. Die Vorstellung, das heutige Polen sei ein Land, das völlig ausgeraubt wurde, ist ein hartnäckiges Stereotyp, das beim „Volk“ allgemein verbreitet ist. Solche falschen Mythen, mit denen sich die einfachen Bürger gegenseitig füttern, gibt es viele. Doch das heißt nicht, dass Zappzarapp ein publizistisches Buch ist. Liskowacki interessieren eher die „Krümel der Wirklichkeit“, Mikroereignisse, kleine Dialoge, gewöhnliche Situationen, die normalerweise niemand bemerkt. Für niemanden sind diese Situationen des sozialen Lebens von Bedeutung. Für niemanden – außer für den Wortkünstler, der aufmerksam die ihn umgebende Welt beobachtet und ihr genauso aufmerksam zuhört.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Das war nachdem man uns in die EU aufgenommen hat, vielleicht sogar am Tag darauf. Ich fuhr mit dem Bus die Straße runter, vorbei an der Kirche, zur alten Ziegelei, von der nur noch ein paar übereinander liegende Ziegel übrig geblieben sind, und weiter steil nach unten, die Warcisława Strasse entlang.
Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich schuldig, gleich als ich einstieg. In der letzten Zeit schauten die Leute ein wenig zu aufmerksam auf die Titel der Zeitungen, die sie lasen, als dass ich mich hätte unschuldig oder gar ungestraft fühlen können. Glücklicherweise lesen die Leute immer weniger; wenn sie ganz aufhören werden, vor allem öffentlich zu lesen, wird allgemeiner Friede einkehren.
Ich stand neben einem älteren Mann; lichtes, graues Haar, eine Weste mit neun Taschen (wofür brauchen Rentner so viele Taschen? Für Patronen, eine zweite Brieftasche, die Fotos aller Enkel?); poch, poch mit dem Fingernagel gegen die verstaubte Scheibe. Vor der ein Lastwagen vorbeirollte. Er war lang und wirklich schwer. Zusammengebundene Kiefernstämme. Sie sahen aus, als ob man sie gerade gefällt hätte. Ich spürte fast den Geruch des Holzes und der sonnendurchtränkten Rinde. Ich hörte fast wie sie knarrten in der Kurve, die der Wagen, der sie transportierte, ziemlich langsam nahm. Doch nicht langsam genug, um den Bus durchzulassen, von dem aus ich alles beobachtete. Der ältere Mann hörte auf, gegen die Scheibe zu pochen; als ob er verstummte.
„Es hat angefangen“, sagte er schließlich und nickte. „Es hat angefangen.“
Eigentlich sprach er nicht mit mir, denn er hat nicht ein einziges Mal rübergeschaut seitdem ich neben seinem Sitzplatz stand, und trotzdem fühlte ich mich zu einer Antwort aufgerufen. Außerdem: Das war ja schon eine Antwort und ich kannte nur die Frage nicht.
„Ja“, sagte ich unsicher. Zu unsicher, als dass er das hätte ignorieren können.
Er schielte über die Schulter, aber nicht so, dass sich unsere Blicke hätten treffen können. Mir war nicht gleich klar, dass er genau das wollte. Dass er das nicht wollte. Sich treffen. Er wollte nur, dass ich sehe, dass er zu mir geschielt hatte. Genau das.
„Zapp-zarapp“, sagte er während er auf die Kiefern schaute, deren Querschnitt jetzt zu sehen war. Weiße Felder, tote Jahresringe. Er lachte trocken, hustete kurz. „Zapp-zarapp“, wiederholte er, mit einer merkwürdigen, wie schmerzlichen Erleichterung. Als ob es ein Abhusten, ein Ausspucken wäre. Dessen, was im Inneren quer lag.
Ich ahnte schon was ich schuldig war. Eine Erklärung. Dass er saß und ich stand, war jedoch eine heikle Konstellation. Er tiefer und ich nicht höher, weil strammstehend. Ich sprach zu ihm in seinen Nacken, er zu mir in die Scheibe. Er vor sich hin, also wie zu niemandem, ich zu ihm, leicht nach unten gebeugt und deshalb wie unterwürfig. Ich versuchte es trotzdem.
„Und warum meinen Sie, dass“, ich zögerte. Vielleicht hat er das gar nicht gedacht. Was? Nichts! Nichts woran ich dachte.
„Zapp-zarapp“, wiederholte er mit Hartnäckigkeit, die aber mir galt.
„...dass sie uns jemand wegnimmt und von hier abtransportiert?“, beendete ich. „Warum meinen Sie überhaupt, das sei schlecht? Mit Holz wird ganz einfach gehandelt. Und zwar mit einem ziemlich hohem Gewinn“, verstrickte ich mich immer mehr und kam mir vor wie die Axt im Wald mit dieser Vorlesung in Wirtschaft, die heute boshaft politisch schien.
Er lachte auf, diesmal fast freudig. Er schaute mich immer noch nicht an. Deshalb konnte ich mich nicht vom Platz rühren, obwohl ich weitergehen konnte. Ihn zurücklassen, diesen Zappzarapp mit seiner wahr gewordenen Prophezeiung, mit seinem auf Erfahrung basierenden Beweis. Doch dann wäre er umso mehr bei mir geblieben. Mit meinen verstotterten Argumenten, mit meinem Augenglas (mal zwei) und Auge (minus fünf), mit meiner Schuld, an unseren Sünden.
Und wieder:
„Zapp-zarapp“, irgendwie leiser. Als ob er mich vergessen hätte.
Wir ließen den Viadukt hinter uns, und ab nach unten; karge, graue Mietshäuser des deutschen Proletariats, die General-Anders-Grünanlage, wo sie auf Bänken schlafen und in die Büsche pissen (rote Nasen auf dem Monte Cassino), und gleich Manhatten.
Der Markt; eine Bude neben der anderen und die Bullen nur paarweise, eigentlich die Stadtwachen, oder eher die Drachen, ohne Stadt allerdings, Kartoffeln, Rüben, Bananen, Schuhe nach Gewicht, auf einem Drahtzaun aufgehängte Büstenhalter, Bouquinisten, die die Schullektüre des Sohns und den verbleichten Winnetou aus der Wohnung tragen, um sie auf den Bürgersteigen auszulegen und für einen Obstschnaps zu sammeln.
Der mit Holz beladene Lastwagen holperte vor uns, wir immer noch hinterher. Wären wir geradeaus gefahren, hätten wir die Piotr Skarga Strasse hochfahren können, und dabei die Tuwim Strasse passiert. Gib uns das Brot von polnischen Feldern, die Särge aus polnischen Kiefern wieder. Ach, verschluckte ich mich an mir selbst, ach so ist das. Als ob ich es sei, der Sehnsucht nach diesem Brot im Kiefernsarg hätte.
„Ich verstehe Sie sogar“, sagte ich feierlich aber versöhnlich, „doch die Welt hat sich ein wenig geändert. Es kommt Ihnen so vor, dass...“
„Lass den alten Mann“, der hinter mir war näher als ich dachte. Kleiner als ich, mit einem schmalen, verbissenen Gesicht von jemandem, der weiß, dass er in der Mehrheit ist. Ich schielte zu beiden Seiten, niemand schaute zu uns. Wir wurden langsamer, um in den Busbahnhof einzubiegen. Der Lastwagen wählte deutlich das Zentrum, den langen Weg der Wyzwolenia Allee.
„Wie? Lass ihn? Ich erkläre nur. Und wissen Sie warum?“
„Lass den alten Mann“, wiederholte der andere und drehte sich zum Fenster. Doch vor allem von mir weg.
Ich stand da mit offenem Mund, obwohl meine Lippen geschlossen waren.
„Alles nehmen sie uns weg“, sagte der ältere Mann. Er schaute mich an. „Alles.“
Wir hielten an, Endstation, jeder in seine Richtung. Ich stieg in die Straßenbahn um, und es ging weiter, in die Stadt. Ich machte meine Dinge, ein paar fremde auch, bis zum Abend. Und überlegte in freien Momenten des Überlegens ob Zappzarapp, als er mich ansah, Tränen in den Augen hatte.

Aus dem Polnischen von Joanna Manc