SCHLÄFRIGKEIT

Die titelgebende „Schläfrigkeit“ bringt uns dem Zustand näher, in dem sich die drei Hauptfiguren des Romans befinden. Ihrer Müdigkeit, die ihnen trotz aller Unterschiede gemein ist, kann man ganz unterschiedliche Namen geben: Gleichgültigkeit, Lethargie, Trauma, Abwarten, Depression, Krise usw. – je nach Einzelfall.
Alle von Kuczok beschriebenen Seelenkrankheiten haben jedoch die gleiche Ursache: Adam, Róża und Robert leiden, weil sie Rollen spielen müssen, die nicht ihrem eigenen Ehrgeiz entsprechen, sondern den Ehrgeiz anderer erkennen lassen. Obwohl sie als einzige im Roman Namen haben, sind sie nichts weiter als menschliches Dekor: Ihre Aufgabe ist es, ihren Familien Glanz zu verleihen. Dieser Zwang bringt sie an den Rand der Verzweiflung, und genau in diesem Moment – im Moment der Krise – lernen wir sie kennen. Um dann zu beobachten, wie sie ihre Lethargie überwinden. Das ist aus zweierlei Gründen interessant. Erstens, die Helden, ein Arzt, eine Schauspielerin und ein Schriftsteller, sind Erfolgsmenschen, die also unabhängig sein könnten. Zweitens deutet aber nur wenig darauf hin, dass sie es schaffen werden, sich loszureißen von den Lebensmodellen, die ihnen aufgezwungen wurden. Dass sie sich zu einer spektakulären Geste aufraffen und mit der Vergangenheit, Gegenwart sowie Zukunft brechen. Auch Letztere gibt zu keinen Hoffnungen Anlass. Denn während sie warten, dass etwas passiert, verlieren sie das, was sie ausmacht: die Künstler ihr Talent, der Arzt das Gefühl, einen Auftrag zu haben.
Wie man sich leicht denken kann, kommt es aber keinesfalls zu einer völligen Selbstverleugnung. Inwieweit jedoch die Protagonisten ihr Leben umkrempeln, hängt davon ab, in welcher Lebensphase sie sich befinden. Adam beginnt gerade erst, eine eigenständige Existenz zu führen, Róża steht auf der Höhe ihres Ruhmes, den sie durch ihre Krankheit (Narkolepsie) fast ruiniert, Robert dagegen erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Der Erste von ihnen kämpft um das große Glück, der Zweiten gelingt es, ihre Depression zu bewältigen und auf die Bühne zurückzukehren, und dem Dritten ist alles einerlei, nichtsdestoweniger überwindet er sich dazu, mit dem Spiel des Scheins Schluss zu machen.

Marta Mizuro

AUSZUG

Róża, das schönste Gesicht der Stadt, vielleicht überhaupt das schönste Gesicht des Landes, das Gesicht der größten Kosmetikkonzerne, war nie gut im Rechnen gewesen, sie überließ ihr Leben dem Zufall und fühlte sich, dank ihres bedingungslosen und unerschütterlichen Glaubens, dass der Mensch von Natur aus gut ist, vielleicht nur nicht immer uneigennützig, sicher dabei.
Als reizende und talentierte Lebenskünstlerin erreichte sie alle ihre Ziele gleichsam im Vorbeigehen, ungewollt, ohne besondere Mühe, und das hatte gerade den größten Charme, jene Nichtnotwendigkeit; Róża musste nicht notwendig Schauspielerin werden, sie fühlte sich einfach wohl im Theater, besonders im klassischen Repertoire, sie fand in diesem Zufluchtsort des hohen Stils ein Gegengift gegen die plebejische Mittelmäßigkeit der Großstädter, gegen deren arme und vulgäre Sprache, eine Sprache, die man reduziert hatte auf die in der Firma und im Bett nützlichen Begriffe, das Theater war ein gutes Versteck vor den Scharen von geistig vernachlässigten Menschen sowie ein edles Heilmittel gegen ihre weiterhin ungebändigte Einsamkeit. Sie hatte sich auch nicht um eine Filmkarriere bemüht, und schon gar nicht um eine Karriere im Fernsehen, Kino und Fernsehen hatten sich um sie bemüht, sie ließ sich aus purer Neugier auf diese Abenteuer ein, wobei sie die Rollen sorgfältig auswählte, so, dass sie sich nicht am Terror der allgemeinen Gewöhnlichkeit beteiligte, das Kino machte ihr weniger Vergnügen als das Theater, verschaffte ihr aber ein höheres Einkommen, Róża hatte als geborene Improvisatorin nie Ersparnisse, aus Sorge um ihre finanzielle Unabhängigkeit beendete sie das Abenteuer Film und begann mit dem Abenteuer Fernsehen, das ihr erlaubte schneller mehr Geld zu verdienen, zuletzt, von einem großen Kosmetikkonzern eingeladen, das Gesicht seiner Kampagne zu werden, kam sie jedoch zu dem Schluss, dass erst das Abenteuer Werbung ihr erlaube, Ersparnisse zu haben, trotz ihrer völligen Unfähigkeit zu sparen, sie wurde also zu einem Gesicht großen Formats und kehrte zum Theater zurück. Die Abenteuer Fernsehen und Werbung hatten zur Folge, dass ihre ungebändigte Einsamkeit ihr stärker zuzusetzen begann als je zuvor, die engsten freundschaftlichen Bindungen lockerten sich und konnten sich jeden Augenblick ganz lösen, plötzlich bemerkte sie, dass selbst den altbewährten Bekannten und Freundinnen von früher die Unterhaltung mit ihr Schwierigkeiten zu bereiten begann, es schien, als ob sie plötzlich die Fähigkeit verloren hatten, ein uneigennütziges Gespräch zu führen, deshalb beschloss Róża zum Theater zurückzukehren, zur Bühnengemeinschaft, sich zu verstecken in den Rollen der klassischen Heroinnen, die in Versen sprechen; zu lange hatte sie in den Kreisen der Fernseh- und Werbeleute verkehrt, sie sehnte sich nach der Sprache der alten Meister, die Fernseh- und Werbeleute bedienten sich einer derart reduzierten, niedrigen und hässlichen Sprache, dass Róża nach ihrer Rückkehr zum Theater längere Zeit nur alte Stücke zitierte, wenn sie sprach, auch außerhalb der Bühne, um schnellstmöglich aus der Erinnerung die Sprache der reduzierten, niedrigen und hässlichen Menschen zu tilgen, sprach sie ausschließlich in Zitaten, die zum Theaterkanon zählten; die alten Freunde und Freundinnen unterhielten sich lieber untereinander über ihre Schrulligkeit, Exaltiertheit und Starallüren, als dass sie sich mit ihr unterhielten. Ungefähr zu dieser Zeit begann sie öfter einzuschlafen als gewöhnlich. Der Arzt erkannte auf Übermüdung: das ist die Lieblingsdiagnose von Patienten und Ärzten, man verordnet dann Erholung, eins der wenigen Medikamente, die wirklich schmecken, solange man es nicht überdosiert; Róża begriff, dass sie das Reich des Bühnenflüsterns verlassen, sich um ihre sogenannte innere Harmonie kümmern sollte, die alten eigennützigen Freundinnen suggerierten, sie sollte endlich jemand Festes finden, die eigennützigen Freunde rieten ihr das Gleiche, nur persönlicher.
Róża hatte Pech, dass ausgerechnet damals Herr Mann ihre Bekanntschaft machte, die er mit einem Heiratsantrag begann, Herr Mann wagte es einfach als Erster ihrer Tausenden Verehrer sich vorzustellen und um ihre Hand anzuhalten, das war zumindest angenehm, zumindest interessant, von dem Verlangen erfüllt, ein neues Abenteuer zu erleben, ließ sie ihn zu Wort kommen; sie hatte Pech, denn Herr Mann konnte überzeugend sein. Während sie seinen Argumenten zuhörte, roch sie an dem Blumenstrauß, den er ihr mitgebracht hatte, und konnte das Lachen nicht unterdrücken, was ihn keineswegs in Verlegenheit brachte, Herr Mann kannte sich mit menschlichen Reaktionen aus, unkontrolliertes Lachen nahm er für bare Münze. Herr Mann hatte Glück, dem er zusätzlich nachhalf, indem er Überredungstechniken anwandte, die er perfekt beherrschte, und als er damit fertig war, hatte sie, obwohl es spät geworden war, keineswegs Lust, nach Hause zu gehen, sie begriff, dass die Logik gebot, den Heiratsantrag anzunehmen, doch der Verstand riet ihr, dies nicht sofort zu tun. Nach der Heirat, ach, nach der Heirat zogen sie in die Berge, dorthin, wo es gesunder, frischer, waldiger, vögeliger, wiesiger und bächiger war.

Unterbrechen wir diese Lovestory, Róża sollte nicht so lange auf dem Fußboden liegen, erlauben wir ihr aufzuwachen, sie schläft entschieden zu oft ein, die Ehe bekommt ihr ganz offensichtlich nicht. Herr Mann schenkt dem Bellen des Hundes erst Beachtung, als dieser herbeigelaufen kommt, Herr Mann streichelt ihn, ohne von den Rechnungen aufzuschauen, die er gerade prüft, er ruft Róża, keine Antwort, er ruft noch einmal, schließlich geht er nachsehen, ob nicht etwas passiert ist, er sieht sie bewusstlos, sie muss plötzlich eingeschlafen und hingefallen sein, aber warum, hat sie sich vielleicht über etwas aufgeregt, hat sie etwas erschreckt, er bemerkt in ihrer Hand ein Fußkettchen, aha, nun ja, eine Unachtsamkeit, irgendjemand will ihm wieder das Leben schwer machen; vorsichtig biegt er Różas Finger auseinander, nimmt ihr das Kettchen aus der Hand und steckt es ein, erst jetzt klopft er ihr leicht die Wangen, versucht sie aufzuwecken, daraus wird aber nichts, sie schläft, er legt ihr also ein Kopfkissen unter den Kopf und sagt zu dem winselnden Hund:
„Pass auf Frauchen auf.“
Er geht, in Gedanken kehrt er zu seinen Zahlen zurück, er wird noch einmal die letzten Operationen genau bilanzieren müssen, etwas stimmt da nicht.
„Bist du da?“
Oh nein, kehrt marsch, sie ist doch aufgewacht, sie erhebt sich zerknautscht vom Boden.
„Ich habe wieder geschlafen ...“

Aus dem Polnischen von Andreas Volk