HASCHISCHOPENKEN

"Haschischopenken" ist ein Roman über die Freundschaft zweier zwölfjähriger Jungen – Maksymilian und Wronek. Max' Vater engagiert sich in der „Solidarność”, Wroneks Vater ist bei der Miliz. Die Handlung spielt im Jahr 1982, unmittelbar nach der Ausrufung des Kriegszustandes, irgendwo in der polnischen Provinz, in einem kleinen Ort, der nur aufgrund einer ansässigen staatlichen Rüstungsfabrik existiert. Alles, was die Wirklichkeit hervorzubringen vermag, ist ständige Frustration, Antipathie und Hass. In dieser Welt versuchen die beiden Helden, sich einen Rest von Unabhängigkeit und Sinn zu bewahren. Sie suchen Zuflucht in ihrer Freundschaft, die ein Gegengewicht zu dem schleichenden Verfall um sie herum bilden soll. Beide leben in zerfallenden Familien (Max' Eltern stehen kurz vor der Scheidung, Wroneks Vater wird von einem Transporter überfahren), beide sind schulische Außenseiter. Ohne es zu merken, tragen die Jungen ihre familiären Probleme in ihre Freundschaft hinein, doch sie sind zu jung, um auf diese Weise eine echte Beziehung aufzubauen und sich selbst zu retten. Voller wilder Verzweiflung und aus unerwiderter Liebe geborener Grausamkeit sind sie zu jeder Dummheit fähig – inklusive eines unbeabsichtigten Mordes.
Der Mord verbirgt sich hinter dem wahnwitzigen Plan einer Abrechnung mit einem Outlaw. Dieser Mann, der den seltsamen Beinamen „der Dreizehner” trägt, ist ein ehemaliges Mitglied der Freiwilligen Reserve der Bürgermiliz, der meistgehassten Organisation der Volksrepublik Polen, die von der kommunistischen Regierung zur Niederschlagung gesellschaftlicher Proteste eingesetzt wurde. Inzwischen ist der Dreizehner alt, allein und von allen geächtet. Ihn umgibt eine Atmosphäre vager Verdächtigungen, die für Max und Wronek Grund genug ist, ihn zum Opfer zu erwählen.
Ihr Plan ist im Wesentlichen ein Versuch der Wiederherstellung einer zerstörten Ordnung. Wronek und Maksymilian suchen intuitiv nach einer Möglichkeit, sich ihren Platz in diesen sozialen Gruppen zurückzuerobern. Die Atmosphäre wird zusätzlich vom Kriegszustand vergiftet, der Misstrauen und Verrat zwischen die Menschen bringt: In dem kleinen Ort hängt zu viel von der staatlichen Fabrik ab, als dass die Machthaber Probleme mit der Anwerbung inoffizieller Mitarbeiter aus den Reihen der „Solidarność” hätten. Verblüffenderweise gelingt es dem Autor, anhand der Schilderung des ersten Jahres des Kriegszustandes aus der Perspektive zweier Jungen und ihrer Freundschaft mehr zu erzählen, als es die Bilder von Mitgliedern der „Solidarność”, von Streiks und Demonstrationen tun. In Jarosław Maślaneks Roman scheitert die „Solidarität” nicht, weil sie gegen die Staatsgewalt unterliegt, sondern weil sie keine gelebte Solidarität ist. Und dies ist nicht das Scheitern einer gesellschaftlichen Bewegung, sondern einer gesamten Gesellschaft.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Ich konnte nicht einschlafen. Lag aufgedeckt und verschwitzt da. Starrte an die Decke, die in der Dunkelheit kaum zu erkennen war. Meine Schulter brannte leicht, die Verletzungen im Gesicht pulsierten schmerzhaft. Ich hörte, wie sich meine Eltern mit dem Dreizehner unterhielten. Erst ruhig, dann immer lauter. Unser Nachbar verließ uns spät in der Nacht. Die Tür meines Zimmers öffnete sich einen Spalt breit und mein Vater blickte hinein. Einen Moment später zog er sich leise wieder zurück.
Als ich endlich einschlief, hatte ich einen seltsamen Traum: Ich sitze mit Wronek auf meinem Zimmer, er auf dem Sessel zwischen dem Schreibtisch und dem Fenster, ich auf dem Stuhl, und wir quatschen wie immer über alles und nichts. Aus Versehen stoße ich das Glas mit dem Tee um. Der heiße Tee ergießt sich über Wronek, aber er merkt es nicht. Das Glas rollt über die Tischplatte, fällt auf den Sessel, mitten durch meinen Freund hindurch. Ich wachte auf. Es war schon hell.
Ich ertrug keine Veränderungen, fürchtete mich vor Neuerungen. Aus diesem Grund mochte ich unseren Wohnblock: ein Ort, den ich seit meiner Kindheit kannte, mit klar abgesteckten Grenzen; mit ihm verband ich meine frühesten Erinnerungen. Und wahrscheinlich fürchtete ich mich deshalb vor diesem Traum, den ich in der letzten Nacht der Ferien von Mittwoch auf Donnerstag im Jahr Neunzehnhundertzweiundachtzig geträumt hatte. Wronek war seit Langem mein Freund, ich wollte ihn nicht verlieren. Aber ich hatte auch keine Lust, unsere Fehde mit dem Dreizehner fortzusetzen. Ich traf eine Entscheidung, musste nur noch mit Wronek darüber sprechen.
Ich hörte, wie mein Freund von unten nach mir pfiff. Ich sah hinaus. Wronek versteckte sich hinter den Sträuchern. Er winkte und deutete auf den Keller. Ich verstand. Dann lief er selbst dorthin, in gebückter Haltung, wie unter Beschuss.
Ich verließ mein Zimmer. Meine Eltern waren nicht da. Ich blickte auf die Uhr. Schon weit nach zwölf!
Ich lief rasch ins Bad, pinkelte, wusch mir das Gesicht. Mein Spiegelbild verdeckte ich mit der Hand. Ich wollte mich nicht ansehen.
Ich lief in den Keller. Die Kälte und die abgestandene Luft vertrieben den letzten Rest von Schlaf. Ich hatte leichte Kopfschmerzen. Sicher, weil ich so lange geschlafen hatte.
Wronek wartete unten. Er stand in einer Ecke, die vom Licht der Glühbirne nicht erhellt wurde.
Hallo – sagte ich und kam gleich zur Sache. – Hör mal, ich will mich nicht mehr mit dem Dreizehner anlegen. Lassen wir ihn in Ruhe. Das war okay für die Ferien, aber jetzt geht die Schule wieder los.
Zu spät – unterbrach er mich. Ich konnte nicht sehen, ob er lächelte, aber es kam mir so vor.
– Wie, zu spät?
– Zu spät, um ihn in Ruhe zu lassen. – Er kam auf mich zu.
Seine Kleidung klebte am Körper, als sei er durch einen blutigen Regen gelaufen. Seine roten Haare waren zu dicken Strähnen verklebt, dazwischen hingen schwärzliche Brocken getrockneten Blutes.
– Was hast du getan?! – schrie ich. Ich glaubte, mein Kopf würde vor Schmerz zerplatzen.
– Das, was wir geplant haben. – Sein mit getrocknetem Blut verklebtes Gesicht wurde von einem Lächeln verzerrt.
– Das ist nicht wahr!
– In seiner Wohnung.
Er nahm mich an der Schulter. Führte mich die Treppe hinauf. Ich bemerkte, dass er Arbeitshandschuhe trug, die feucht von Blut waren.
Ich stützte mich auf ihn, aber er war sehr stark, wie ein Erwachsener. Er führte mich zur Tür mit der Nummer Dreizehn. Stieß sie auf und zog mich in die Küche.
Der Dreizehner lag auf dem Fußboden. Wronek kniete sich neben die abgehackte Hand. Er hob sie hoch, betrachtete sie und warf sie weg. Dann griff er nach dem Beil mit der rostigen Verzierung an der Schneide.
– Ich habe es so gemacht, wie es uns der Holzfäller beigebracht hat, erinnerst du dich? – Er stand über der Leiche, hob das Beil in die Höhe. – Sich selbst nichts abschneiden, was noch gebraucht wird. Und nicht zu hoch ansetzen. Erinnerst du dich? – sagte er und nahm die Handschuhe ab. Dann schüttelte er sie aus, so wie Jędrek es getan hatte, und warf sie auf die Leiche.
Wie hypnotisiert starrte ich auf den toten ORMO-Kämpfer. Er lag auf dem Rücken. In seinem einen Auge steckte ein Bleistift, die rechte Hand war abgehackt, der Bauch aufgeschlitzt, seine Eingeweide ergossen sich über den Boden. Eine Pfütze erstarrten Blutes.
– Schluss mit Haschischopenken – sagte Wronek.
Ich schaute und wollte nicht sehen. Ich versuchte die Augen zu schließen, doch die Lider senkten sich nicht; wollte sie mit den Händen bedecken, doch die Arme verweigerten mir den Gehorsam.
Ich schrie los.
– Du hetzt uns noch den ganzen Block auf den Hals! – Wronek sprang auf mich zu und hielt mir die Hand vor den Mund. – Gleich sind alle hier, du Idiot! – Er stieß mich gegen die Wand und weiter in Richtung Ausgang. Er öffnete die Tür und schubste mich auf den Flur hinaus. Im Treppenhaus herrschte helle Aufregung. Als Erste kam uns die Piastowa entgegen, wie immer an der Spitze der Nachrichtenabteilung. Hinter ihr erblickte ich einige andere Nachbarn, darunter auch den Aufseher Polepa, der doch eigentlich in der Arbeit hätte sein sollen. Sie schrien irgendetwas, es herrschte ein Höllenlärm, der vom Echo im Treppenhaus noch verstärkt wurde. Immer weitere Türen gingen auf.
– Schneller! – schrie Wronek. – Immer verbockst du alles.
Die Piastowa blieb wie angewurzelt stehen, als sie den blutbefleckten Wronek erblickte. Polepa lief an ihr vorbei in die Wohnung des Dreizehners.
Mein Freund stieß mich noch einmal in den Rücken und ich stolperte in die Wohnung von Wronkiewiczs. Ich lehnte mich gegen die Wand und ließ mich langsam zu Boden sinken. Ich fühlte mich, als hätte mir jemand einen Helm aufgesetzt, der mich vor den Reizen der Außenwelt abschirmte. Die Geräusche erreichten mich wie von fern, die Bilder drangen durch einen dichten Nebel.
Ich sah, wie Wronek die Tür verbarrikadierte; ich hörte den Lärm, der sich im Treppenhaus erhob, als unsere Nachbarn entdeckten, was bei dem Dreizehner geschehen war. Doch mir schien es, als beträfe das alles nicht mich, sondern einen anderen. Immer weiter fiel ich in mir zusammen, mein Bewusstsein schlief ein. Das war nur ein Traum, ein furchtbarer Albtraum, ich löste mich auf.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau