DAS BIBLISCHE ALTER UND DER TOD

Im Frühjahr 1999 wurde das Ehepaar Herling in die kleine Stadt Pescasseroli eingeladen. Herlings Gemahlin, die Tochter des großen italienischen Philosophen Benedetto Croce, war Ehrengast einer Feier anlässlich der Veröffentlichung eines Buches, das Croce 1921 über seine Geburtsstadt verfasst hatte. In den nächsten Tagen besichtigt das Ehepaar in lockerer Abfolge die nähere Umgebung und stößt recht schnell auf die Spur der ungewöhnlichen Geschichte des Bartolomeo Spada. Der weitere Aufenthalt verwandelt sich in eine fieberhafte, faszinierende Recherche.
Einheimische Erzählungen sagten über Spada, dass er „sterben wollte und es nicht konnte”. Er wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts geboren – in den Quellen finden sich die Jahreszahlen 1809 oder 1811 –, und er lebte im Zweiten Weltkrieg noch. Als in Italien der Faschismus aufkam, war Spada zunächst Gegenstand besonderen Interesses, bald darauf eines Kultes. Als hundertjähriger Greis, dem es gelungen war, sechsmal die Ehefrau zu wechseln, erschien er dem faschistischen Regime als ideale Verbindung der neuen Werte: der Langlebigkeit und Vitalität. Indem sie Spada zur Ikone stilisierten, bekamen die Faschisten mit einem Schlag alles, dessen ihre Propaganda bedurfte: die Verkörperung einer Traditionslinie, die noch in die Zeit vor den Unabhängigkeitskriegen zurückreichte, in einem einzigen Menschen, den sichtbaren Beweis für die lebensspendende, wiedergebärende Kraft der neuen Ordnung, eine Person, die durch ihr Alter über alle Klassen- und Generationsunterschiede erhaben war.
Als die Ärzte bei Spada eine Krankheit entdecken, durchlebt der Held eine Phase des Zweifels am Sinn der Langlebigkeit. Spada erfährt sein Leben als physischen Schmerz, die Langlebigkeit erscheint ihm als Strafe, nicht als Belohnung. Bald steht ihm die nächste Prüfung ins Haus: Als 1938 Italien zum rassistischen Staat wird und allen in die Abstammungsurkunden hineinschaut, erweist sich Spada als Nachkomme einer Jüdin. Mussolini kommt jedoch zum Schluss, dass die semitischen Wurzeln Italiens Anrecht auf ein tausendjähriges Imperium bestätigen. Keiner der Götter des 20. Jahrhunderts war also gewillt, Spada den Tod zu bringen.
Doch es gelang auch keinem, seiner Langlebigkeit tieferen Sinn zu verleihen. Herling schloss die Erzählung über den betagten Greis nicht ab. Man darf jedoch annehmen, dass er seinen Helden sah wie Voltaire Candide: Bei dem französischen Autor kompromittierte ein naiver, junger Held den Aufklärungsoptimismus der Philososphie, in Herlings Erzählung vernichtet ein Greis die Gedankengebäude des 20. Jahrhunderts.

-Przemysław Czapliński.

AUSZUG

Die faschistische Geheimpolizei OVRA erhielt den Auftrag einer genauen Rekonstruktion der Herkunft des Abruzzenmethusalems, angefangen vom [Tage seiner Geburt]. Das Ergebnis der detaillierten Abstammungsrekonstruktion war natürlich nicht für den Schrein von Sulmona bestimmt. Ich entschied mich, für zwei Tage nach Rom zu reisen, ins Innenministerium, wo mir ein Bekannter der Familie meiner Frau blitzschnell eine Kopie des ''vertraulichen Berichts'' der OVRA besorgte.
Archivrecherchen bieten bisweilen die Gelegenheit, sich von öden Nachforschungen in eine Sphäre [zu erheben], die man als romantische Liebesgeschichte bezeichnen darf. So war es auch in unserem Fall. Wir saßen im Hotel in Sulmona über dem Bericht der OVRA wie in einer Kinovorführung.
Unter italienischen Archivaren begegnet man bisweilen Menschen, die den Kartotheken und Berichten der faschistischen Polizei Italiens geringschätzend gegenüberstehen. Zu Unrecht. Auch am Beispiel Italiens bewahrheitet sich das Prinzip, dass die Geschichte jedes totalitären Systems in den Akten der Geheimpolizei entsteht und gedeiht. Ist es erst einmal gediehen, hat das Böse in Gestalt des „Führer, Duce, Pierwyj Sekretar” das Recht, sein zentrales Herrschaftsinstrument zum Teufel zu jagen. Ob es ihm gelang, es durch ein neues zu ersetzen, war eine andere Frage, vielleicht am markantesten in den Ländern der Bormänner und Eisernen Felixe . Die OVRA, war, wie ich bereits mit voller Billigung meiner Frau festgestellt habe, das wahrscheinlich einzige wirksame Instrument im Vaterland der Fasces.
Man stellte sehr schnell fest, dass Bartolomeo Spada im Dezember 1809 (endlich ein konkretes Datum) in Rieti geboren worden war. Er war das Kind der Tochter des dortigen Rabbiners und eines Klerikers aus dem Priesterseminar in Teramo. Es gelang der Rabbinertochter, die Schwangerschaft bis zur Entbindung zu verheimlichen. Als sie einen Sohn geboren hatte, übergab sie ihn gegen ein großes Entgelt in Teramo an eine Pflegemutter namens Spada. Der Kindsvater, ein Kleriker, floh aus dem Priesterseminar und verschwand spurlos, man sagt, es sei ihm gelungen, auf Sizilien in ein Priesterseminar einzutreten, wo er wahrscheinlich unter einem anderen Namen die Priesterweihe empfing. Der Rabbiner von Rieti deckte schließlich den Skandal auf und schickte seine Tochter weg zu Verwandten in England, ebenfalls orthodoxen Juden, die aber über gewisse Abweichungen vom Glauben der Väter hinwegsahen. Niemals versuchte die Mutter das Kind zurück zu bekommen oder von der Pflegemutter in Teramo auszulösen. So verließ Bartolomeo (den Vornamen erhielt er bei der Taufe durch seine Pflegemutter Spada mit ihrem Namen, der im Bevölkerungsverzeichnis in Rieti eingetragen wurde, nebst der Bemerkung, dass es sich um ein uneheliches Kind handelte) im Alter von siebzehn Jahren seine Stiefmutter und begann ein Leben als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft in den Abruzzen, bis er sich bei Sulmona auf einem gekauften Stückchen Land niederließ. Er wuchs zu einem Bild von Mann heran, doch niemand hätte damals ahnen können, dass er einst zu einem Phänomen der Langlebigkeit werden würde. Von seiner tatsächlichen Herkunft wusste er nichts, und niemand suchte jemals nach ihm – weder der sizilianische Priester noch die Tochter des Rabbiners, die in Liverpool bald die Frau des dortigen Rabbiners und von der freigiebigen Natur mit einer großen Nachkommenschaft gesegnet wurde.
Das Resümee der OVRA, die Antwort auf eine Anfrage des Sekretärs des Duce, lautete: ,,Nach unserem Rassengesetz mütterlicherseits Semit, väterlicherseits Arier. Die Rassengesetze, die die faschistische Regierung am 9. April 1939 verabschiedet hat, können auf ihn Anwendung finden.” Mussolini strich das Resümee eigenhändig durch und schrieb stattdessen in Großbuchstaben, von denen jeder an den Schlag eines Kulaken gegen seine haarige Mannesbrust gemahnte, daneben: „Ich entscheide, wer den Rassengesetzen unterliegt und wer nicht”. Auf diese Weise äffte er natürlich Hitlers Entscheidung nach, der einen deutschen Admiral zum Arier geadelt hatte, der zu seinem Unglück in einer jüdischen Familie geboren worden war und für das antisemitische und rein arische Dritte Reich noch unschätzbare Dienste leisten mochte (und dies auch tat) .
In gewissem Sinne wird in beiden Fällen die Kriegsherren häufig eigene Sehnsucht nach einem Maskottchen deutlich. Mussolini, der nicht allzu sicher war, dass eine neue und lange Geschichtsära anbrach, lag vor allem an einem lebendigen Symbol der Langlebigkeit des Regimes, daher seine Schwäche für den Abruzzenmethusalem. Das semitische Element war nach der Zustimmung Italiens zur „Rassendoktrin” nur ein Zusatz, die Tatsache des Semitentums seines langlebigen Lieblings schien die Träume von einem tausendjährigen Römischen Imperium zu bestätigen, es war eine ganz eigene Form der Garantie. Hitler dagegen zweifelte nicht auch nur einen Augenblick lang daran, dass er der Begründer eines tausendjährigen Reiches war, er war aber wie jeder glühende Antisemit zutiefst von der Kraft der Juden überzeugt und zog es daher vor, sich bei seinem denkwürdigen Unterfangen, eine von Juden gereinigte Welt zu errichten, insgeheim durch die Beteiligung des jüdischen Admirals Milch gegen historische Überraschungen abzusichern. Geschichtliche Ereignisse lassen sich nie ganz verstehen, wenn man die Launen der Führer außer Acht lässt.
Nur dass Mussolinis Laune stärker und von längerer Dauer war als die Hitlers. Der Duce – das darf man an diesem Punkt unserer Erzählung bereits festhalten – verliebte sich mit der Inbrunst blinden Aberglaubens in seinen Bürgen der Langlebigkeit des Imperiums. Während Hitler imstande war, sein jüdisches Maskottchen des tausendjährigen Reiches in jedem Augenblick auf den Müll zu werfen, ja sogar zum Tode zu verurteilen, war ein ähnliches Schicksal des Abruzzenmethusalems überhaupt nicht vorstellbar. Ganz im Gegenteil band sich Mussolini immer heftiger an ihn, und nicht ohne die unterschwellige Angst, dass jeder unüberlegte Schritt in die Katastrophe führen konnte, nahm Spada nach dem Willen des Duce die Ernennung zum Oberst (comandante) entgegen und wurde zum geistigen (wenn nicht gar militärischen) Führer eines Elitesturmbataillons. Paradoxerweise festigte das Bekanntwerden der rassischen Zugehörigkeiten des betagten Zauberers bei Sulmona seine Stellung unter den Soldaten noch, wie es einst in den Augen der Jungen und Mädchen der Balilla das physische Wiederaufleben in den Armen des Militärpfarrers getan hatte, der Macht über den menschlichen Körper besaß.
Nichts stand also dem entgegen, dass ein Mensch, der entgegen seinem Wunsch nicht sterben konnte, über die Jahre hinweg in eine neue Haut hineinwuchs, sich allmählich von der Wahrheit eines biblischen Lohnes für den Gehorsam gegenüber den Geboten des Allmächtigen überzeugte (sein Name sei in unaufhörlichem Lobe gepriesen). Unterschied er den Gott des Alten Testaments vom Gott des Evangeliums? Er wusste es selbst nicht recht. Er wusste nur, und das instinktiv, nicht in der Sprache des Gebets, dass ein Mensch, der Gottes Willen in allen Bereichen des Lebens gehorsam war, nicht das Recht hatte anzunehmen, dass der ersehnte Tod den Lauf unserer Jahre krönen musste. Mit einem Wort, er versöhnte sich im Geiste mit dem naturgegebenen Pfand (oder der göttlichen Verheißung) seiner Unsterblichkeit.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier.