JAUCHE

Kuczok ist ein literarischer Star mit Zukunft (Henryk Bereza)

Bereits die 1999 erschienenen Opowieści słychane [Erhörte Erzählungen] von Wojciech Kuczok wurden für den begehrten NIKE-Literaturpreis nominiert. Bei seinem neuen Roman Jauche handelt es sich um eine pseudo-autobiographische Erzählung über den Alptraum der vor allem von Demütigungen gekennzeichneten Kindheit des Erzählers. (Der „alte K” greift mit sadistischer Vorliebe nach einer Gerte, die das Instrument der väterlichen Pädagogik darstellt). Kuczok schreibt sich erfolgreich in eine literarische Tradition ein, die sich der Austreibung der Dämonen der Kindheit widmet. Er liefert ein hervorragendes Portrait des Vaters, des „alten K”, eines neuratshenischen polnischen Gebildeten, der „autoritären Persönlichkeit” schlechthin. Es finden sich auch ausgezeichnete Prosaetüden über das Familienleben, groteske und lyrische Portraits der Mitbewohner im Haus, wunderbare Szenen aus dem Leben in Schlesien (in seiner Familienchronik geht Kuczok bis in die Vorkriegszeit zurück). Der Schluß der Geschichte, die Katastrophe des Elternhauses, das in der „Jauche” der Titelgeschichte ersäuft (infolge eines Rohrbruchs in der Kanalisation und des anschließenden Einsackens des Erdbodens, was in einer Gegend, wo die Kohlengruben an die Stadt grenzen, nicht selten vorkommt) erinnert an den Schluß der Erzählung Der Fall des Hauses Usher von Edgar Allan Poe, ein Klassiker der phantastischen Literatur. Die rein literarische Qualität dieser Prosa ist ein weiterer Hinweis darauf, daß der Roman nicht veristisch und biographisch gelesen werden soll. Das ganze Leben lang – erzählt der Autor – bin ich vor diesem Haus geflüchtet, um schließlich selbst seine Ruine zu werden. „Ich war und bin nicht mehr” – dieser letzte Satz des Romans klingt wie eine alte römische Grabinschrift. Der Roman ist eine Erzählung von einem Abenteuer, das jedem zuteil wird, denn jeder hat seine idyllischen Erinnerungen doch auch die Narben, die er aus der familiären Vergangenheit davongetragen hat.

Marek Zaleski

AUSZUG

Der alte K. hatte sich ein sogenanntes Familiensignal ausgedacht, damit man in der Menge nicht einander rufen mußte (wie er sagte), denn so einen Vornamen haben viele, irgendwie muß man sich da differenzieren, und beim Nachnamen konnte man sich auch nicht rufen, wozu sollten denn gleich alle wissen, wer gemeint war (wie er sagte). Also hatte sich der alte K. ein Familiensignal ausgedacht, wobei er wohl davon ausging, daß er viel Gelegenheit dazu haben würde, Frau und Kind zu sich zu rufen; er mußte davon ausgehen, daß Frau und Kind die Tendenz hatten, verloren zu gehen, aus dem Blickfeld zu verschwinden, der Kontrolle zu entschlüpfen; der alte K. hatte sich also ein Familiensignal ausgedacht, auf das man sofort reagieren konnte, es sei denn, man tat so, als hörte man es nicht; ein Aufrufsignal, auf das man sofort zu reagieren hatte, denn der alte K. pfiff nicht gern ins Leere. Ja, das Familiensignal des alten K. wurde nämlich gepfiffen, eine einfache kleine Melodie, ein kleiner Takt, tirararatira, und schon wußte man: Aha, da pfeift jemand, da muß man aufschauen, sich zeigen; der alte K. hatte es sich ausgedacht, und die anderen hatten es gelernt, und so pfiff man in diesem Haus ein für alle Mal einander zu. Mit der Zeit stellte sich heraus, daß dies die Kontakte zwischen den Stockwerken ungemein erleichterte, Bruder und Schwester des alten K. waren so nicht gezwungen, unsere Vornamen zu benutzen, sie brauchten sich nicht auf dieses Nennen beim Vornamen einzulassen, das ja doch, egal wie man’s nahm, eine Vertraulichkeit war, also pfiffen sie meiner Mutter zu. Nach den Wutanfällen, in den Tagen des Schweigens, kam das Signal dem alten K. ebenso zu Hilfe wie meiner Mutter: Der alte K., der trotz allem noch bei seiner Frau aß, wartete in der Wohnung seiner Geschwister auf das Zeichen von oben, auf den Ruf zum Essen, denn solange meine Mutter eingeschnappt war, pfiff sie, und wenn der Tag kam, an dem sie ihn beim Vornamen rief, rannte er zum Kiosk, um Blumen zu holen, denn er wußte, daß diese jetzt Erfolg zeitigen würden, und er brachte sie ihr und dann ging es los: “Mein Frauchen, mein allerliebstes ist doch beleidigt gewesen, aber jetzt ist es wieder ausgeschnappt, jetzt ist alles wieder gut, alles wieder gut...”
Der Waffenstillstand dauerte meistens ein paar Tage, selten länger, höchstens eine Woche, aber dann lebte die Mutter in guter Stimmung auf, sie brachte es sogar fertig, Witze zu erzählen, gnadenlos vermurkste Witze, die dadurch noch ulkiger wurden; ja, überrascht vom Übermaß der Freude, mit der sie selbst nichts so recht anzufangen wußte, wollte sie sie mit jedem teilen, der ihres Weges kam, auch mit mir. Und um mir eine Freude zu bereiten, machte die Mutter mir Geschenke, doch ihre Freude ging immer mit einer gewissen Geistesabwesenheit einher, deshalb ergab es sich erschreckend oft, daß sie mir Totes zum Geschenk machte. Im Winter zum Beispiel schlenderte sie beschwingt, ihre Tasche schwenkend über die Hauptverkehrsstraße der Stadt, voller Freude über ihren Mann, weil alles wieder gut war, weil es gut wäre zu sagen, daß alles wieder gut war, und so kaufte die Mutter sorglos dies und jenes ein, sie schaute die Leute an, wunderte sich, daß sie so verdrießlich und schwerfällig waren, und als sie an einem Geschäft für Aquarienbedarf vorbeikam, dachte sie plötzlich: ach ja, mein Sohn, ach ja, Fische, und in aller Eile erwarb sie “ein paar von denen, die nicht so teuer sind”. Der Verkäufer fischte zwei Pärchen Trauermäntel heraus und fragte: “Haben Sie ein Gefäß mit?”
Sie hatte keins, deshalb schüttete er die Trauermäntel in eine Plastiktüte, die band er zu und gab sie der Mutter. Sie wanderte noch weiter durch die winterliche Stadt und machte weitere freudige Lebensmittel- und Kleidungseinkäufe, dann kam sie zurück, und ich hörte dieses freudige Klappern auf der Treppe, den energischen Rhythmus der Absätze, das Rascheln der Einkaufstaschen, und der Hund an der Tür hörte sie auch und jaulte, und ich machte auf, wir gingen hinunter, um ihr die Taschen abzunehmen, hineinzuschauen, hineinzuriechen, und der alte K. öffnete die Tür seines Arbeitszimmers, denn er wollte auch sehen, was uns die Freudeneinkäufe diesmal beschert hatten, was es diesmal ohne Schlangestehen gegeben hatte (Schlange stand man jeden Tag, aber nicht an diesen Tagen der außerordentlichen, feiertäglichen Versöhnungsfreude), und dann stürzten wir uns auf die Taschen und holten alles heraus, als wäre uns der Nikolaus persönlich in die Hände gefallen, und die Mutter bekam davon einen Lachanfall, sie lachte, bis ihr die Tränen kamen, als der alte K. das sah, begann er, sie mit seinem Schnurrbart zu kitzeln, an ihr zu knabbern, ihr Knutschflecken zu machen, und dann brauste sie plötzlich auf:
“Was machst du da, du Idiot?”
Und schon war wieder ein Mißton da; ich betrachtete unterdessen die gänzlich erbleichten, leblos in der Plastiktüte treibenden Trauermäntel; ich schüttete sie ins Aquarium und sah, wie sie zu Boden sanken, wie die anderen Fische sich verwundert umschauten, um zu sehen, wer ihnen diese Kadaver ins Revier geschleust hatte. Die Trauermäntel waren nämlich nicht besonders frostbeständig, und allein die Begeisterung der Mutter hatte nicht vermocht, sie warmzuhalten, mit jedem weiteren Geschäft hatten sie trüber aus der Plastiktüte in die Welt geblickt, ihre dunklen Flossen waren immer blasser geworden, und obwohl sie – wer kann das wissen – vielleicht errieten, daß sie ein Freudengeschenk waren und nur diese kurze Übergangszeit durchhalten mußten, obwohl sie - wer mag das wissen - ahnten, daß sie ein gemütliches warmes Aquarium voller Wasserpflanzen und geselliger Gupis erwartete, waren sie auf dem Weg nach Hause mit dieser Vision in ihren Fischköpfen erfroren, und mir blieb nichts anderes übrig, als ihnen im Klosett eine Seebestattung zu bereiten. Dann erinnerte sich die Mutter plötzlich:
“Ach je, ich hab dir doch Fische gekauft, wo sind sie denn, hab ich sie im Geschäft vergessen?”
Ich beruhigte sie.
“Nein, ich hab sie gefunden, guck, da schwimmen sie schon.”
Sie schaute ins Aquarium, und da sie die Fischsorten nicht auseinanderhalten konnte, betrachtete sie sie versonnen, lauschte auf das leise Glucksen der gefilterten Luft, holte sich einen Schemel und setzte sich hin.
“Ich setz mich ein bißchen zu den Fischen hier, dann beruhige ich mich etwas”, sagte sie.
Schon damals wußte ich, daß irgendwann in der dunklen, unausweichlichen Zukunft, wenn die Mutter sterben würde, diese Erinnerungen an ihre Mißgeschicke, an ihre unschuldigen Patzer für mich mörderisch sein würden. Erst wenn wir an ihrem Grab stehen, wird uns klar, daß wir die Eltern ihrer Unvollkommenheiten wegen geliebt haben, der Dinge wegen, die uns gemeinsam mißlungen sind; ihre Patzer ragen herzerweichend aus dem Grab heraus und lassen sich nicht unter die Erde zwängen. Ach, erst an ihrem Grab wird uns das klar.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky