DER LETZTE KONGRESS DER ENGEL

Marian Pankowski, der Nestor der polnischen Gegenwartsprosa, überrascht mit seinem neuesten Buch wie immer seine Leserschaft. Der Schriftsteller, der allgemein als Provokateur und Bilderstürmer gilt, der furchtlos Tabuthemen aufgreift, schickt seine Hauptfigur dieses Mal ins... Jenseits, zu einem dort stattfindenden Engelskongress. Bei der Gelegenheit zeichnet er – es ist nicht zu leugnen – ein äußerst untypisches, um nicht zu sagen, auf den ersten Blick absonderliches Bild. Die Engel sind gruppiert zu ... Arbeitskommandos – wie KZ-Häftlinge. Es gibt dort unter anderem “Das Arbeitskommando zur Verteidigung der Erbsünde”, “Das Ehemännerkommando” oder Macho, das “Arbeitskommando der Posthomosexuellen”. Die Engel widmen sich für ätherische Wesen recht untypischen Dingen, vor allem beschäftigt sie das Irdische und Fleischliche. Beispielsweise veranstalten sie einen Poetry-Slam, in dessen Verlauf sie schlüpfrige Verse rezitieren. Sollte “Der letzte Kongress der Engel” einzig eine eschatologische Phantasmagorie sein, die darauf aus ist, die Allerkleinsten zu verderben, nichts weiter? Aber nein. Pankowski bleibt ganz er selbst und spricht unter Verwendung einer etwas frivolen, provokativen Form (im Roman mischen sich Erinnerungen an Vergangenes mit Zukunftsbildern, Phantastisches wuchert ins Wirkliche, neben der Prosa steht die Poesie) über zutiefst ernsthafte Themen. In seinem neuesten Roman führt der Schriftsteller die Themen fort, mit denen er sich in seinem vor über zwanzig Jahren erschienenen Roman “Die Pilger aus dem Mutterland” beschäftigte. Er fragt ein weiteres Mal nach Gott und Religion in der heutigen Welt, dem Sinn diverser Glaubenspraktiken, nach dem Verhältnis eines Menschen, der am Anfang des 21. Jahrhunderts lebt, zur Religion; erneut kehrt er auch zu seinem Lieblingsthema zurück, das er als das wechselseitige Durchdringen von Sacrum und Profanum bezeichnet, der “niederen Themen” und der erhabenen. Dabei vermehrt er im Versuch, sein diffiziles Verhältnis zur Religion und zu Gott zu präzisieren, eher die Zweifel, als dass er auf eindeutige Schlussfolgerungen abzielt. Der vom Umfang her schmale Roman bietet wirklich viel Reflexionsstoff.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Ein wirkliches Lager, am Vorabend des … Vorabend wovon? Eines Neuen? Und wessen? Metaphysische Modenschau. Die fülligen Matronen in den immer sonntäglichen Gewändern, da Jeans und Shirts, die sich demonstrativ eng an die Merkmale beider Geschlechter schmiegen. Ich steh da, schaue und drehe langsam Karussell, weil ich nicht weiß, welche Richtung ich einschlagen soll, wen nach irgendwas fragen, Hauptsache, Kontakt herstellen zu diesen ganz und gar ... menschelnden Engeln. Keiner in der Nähe. Hier stand einmal eine jüdische Schenke. Nicht ein Hauch von Rauch hängt noch von ihr und ihnen in der Luft.
„Wunderst und verwunderst dich, waaas?”
Ich drehe mich um, und da steht eine hochgewachsene Elgreco-Engelin. Sie lächelt amüsiert über mein stummes Staunen. Sieht, dass ich ihre Jeans bemerkt habe.
„Helena ist mein Name, und die Jeans ist die Kluft der Engel und Engelinnen, die der traditionellen Ordnung der Himmelsgelüfte kritisch gegenüber stehen …”
„Gefallene Engel… Fallende”, werfe ich ein, um meine Verwirrung zu verbergen. Sie lächelt. Man sieht ihrem Gesicht an, dass sie nach den passenden Worten sucht.
„Dir zum Geleit in diesem Augenblicke und für deinen ganzen Tag unter uns … fast Engel schon, im Grunde die Frau Helena, noch voll des Irdischen, aufgenommen für einen Siebenjahreskurs. Auf Erden war ich Soziologin, hier ergründe ich die Wahrheiten, die das monotheistische Kaiserreich der Menschheit gebracht hat.”
Sie sieht meine Miene eines Provinzlers, der sich am Kopf kratzt, wenn er vor Picassos „Guernica” steht.
„Schau mal… ich bin immer noch Rationalistin… daher das Nichtvorhandensein von Flügeln”. Sie dreht sich um und streicht sich über die glatte Rundung ihres Rückens. „In meinem Arbeitskommando gibt es keine anderen Praktikanten. Wir alle sind… wie soll ich es sagen… Wenn uns einer fragt, was wir denn für welche sind, antworten wir so’n bisschen plebsig … Wir? Wisslinge! Was nicht im geringsten heißen soll, dass wir „wissen”, sondern, dass das Wissen, nur es allein, uns tatsächlich mit dem großen Mysterium des Kosmos verbindet. Wir sind Nichtflieger – die hier”, sie weist mit dem Kinn auf ein gerade vorüberziehendes Kommando, „das sind Gläublinge, gläubige Engelinnen und Engel. Das ist das Arbeitskommando zur Verteidigung der Erbsünde. Geflügelt, klar. Sie arbeiten in den Träumen der Erdenbewohner. Suggerieren euch sanfte Bilder, wollen durch sie eure ... zottigen Phantasmagorien ersetzen”. Sie lächelt angesichts der Erinnerung ans Irdische, „während wir uns um hasserfüllte Menschen kümmern oder aus Egoismus Fettleibige.”
„Und sie, die Gläublinge”, frage ich reflexartig, „könnten sie euch nicht helfen?”
„Durch ihre Existenz verleihen sie der Möglichkeit eines musterhaften Daseins Glaubwürdigkeit. Das Modell, sei es auch himmlisch und sinnenfern, wird den Sterblichen weiterhin in Erinnerung gehalten. Du weißt aus der Geschichte der Mythen und Religion vom Ideal der Keuschheit von Seele und Körper … Ohne es hätte unser Glauben keinen Sinn.”
Sie lächelt, als wollte sie ihre Neutralität zum Ausdruck bringen, vielleicht auch ihre Sympathie für den Fremdling von jenseits des Wassers. Jetzt verhüllt sie sich nebelgleich. Man sieht nur das Ährenhaar reifen Weizens und den flügellosen Rücken immer kleiner werden. Noch winkt mir ihre Rechte aus der Tiefe des Tales von Liszna zu. Doch auch sie ist jetzt verschwunden.
Ich bin nicht allein. Ein neues Kommando betritt die Lagerhauptstraße. Sie gehen im Gleichmaß, schnurgerade, jetzt nehmen sie die Kurve im rechten Winkel, und das auf dem rechten Bein. Ich gehe Richtung Anhöhe, auf der ungewöhnliche Betriebsamkeit herrscht. Sie ziehen einen grünen Konferenztisch auf Rollen hoch, stellen ihn auf und legen Steine darunter, damit er unerschütterlich die Waage hält. WAAAS?! Meine Führerin Helena testet das Mikro, pustet rein, tippt mit dem Finger drauf und nickt, alles in Ordnung. Verantwortlich für die Tagesdinge. Jetzt dreht sich ihr Blondschopf gen Osten, woher offensichtlich jemand Wichtiges eintreffen soll. Sie gibt vor, den Spanner nicht zu bemerken, ich halte nämlich hinterm Heckenrosenbusch inne, in der Überfülle von Blütenblättern und Pollen, die Hummelnasen färben. Ach die Röschen…

Wänd draus ein Kettchen,
Überm Schlafittchen,
Den Tau der Unschuld,
Aufs ein und andere Tittchen!

Schluss mit dem Durcheinanderblümeln, denn die Soziologin Helena, heute Wärterin des Himmelsseminars, schlägt heiter mit der flachen Hand auf den Tisch – Patsch! Und das Stimmengewirr verstummt.
„Gestern, meine Lieben, hattet ihr ein Diskussionstreffen, das den etwas provokativen Titel trug „Durch das transkomische Teleskop in die Unendlichkeit”. Wir wissen nicht, ob der Titel allen entsprochen hat … Ich denke hier vor allem an das Niveau objektiver Fragen- oder Vorschlagsformulierung.”
Eine Hand. Von dort, wo ich stehe, sehe ich, dass es eine Engelin um die Fünfzig ist, also eine Englerin.
„Bitte”, ermuntert Helena sie.
„Den Urheber der Ankündigung des gestrigen Seminars”, wendet sie sich fast schon an die ersten Reihen, „hat wohl schon allein die Etymologie des Wortes „Unendlichkeit” in den Bann gezogen, die semantische Spannung, die heute auch im mathematischen Denken Anwendung findet … Jedoch dachten die Vertreter der gestrigen Interpretation den Begriff … nur kleingeschrieben. Wollten sie dadurch etwa suggerieren, „unendlichkeit” wäre… im Grunde eine Art… „nichtsein”?”
Sie hat kaum wieder richtig Platz genommen, schon hebt ein Senior mit Flügeln, die vielleicht ein wenig zu friseurmäßig glattgegelt waren, die Hand und steht auf. Nachdem er sein Gesicht mit einem Salonlächeln verziert hat, spricht er die Worte:
„In einem Ganzen das Löchlein zu suchen ist minderklassige Dialektik … um so mehr zu Zeiten unseres Geflügelten Kongresses, vielleicht des bereits letzten. Daher schlage ich auch unseren ungläubigen Freunden einen leicht variierten Titel fürs gestrige Seminar vor, etwa: „Mit dem transkomischen Teleskop auf dem Wege zu den Neuentdeckungen altewiger Gesetze, die die Ordnung bilden”. Letztere groß, sehr groß geschrieben.
Es fehlte nicht an verschmitzten Lächeln und Kopfschütteln. Und nun? Das Ende des zweiten Kongresstages? Weit gefehlt. Schon schiebt sich ein gedrungener Engel vor ans Mikrophon auf dem Tisch. Helena schiebt das Gerät höflich heran. Der gedrungene Engel wartet einen Augenblick, bis die Versammelten etwas stiller werden. Indessen presst er eine Lippe auf die andere; trotz seiner mittleren Größe blickt er auf die Hörer denkmalsgleich herab und hebt an:
„Ihr betrachtet mich und fragt euch im Geiste, was will uns dieser Erzengelrentner, dieser Erzfrischvonderleberweg vorlegen? Was für ein Dreigroschengebetlein, Halbtechno, Halbblues intonieren … zu Ehren des St. Nimmerlein? Sollen wir mit ihm in Donnergesänge einfallen?” Er schüttelt kategorisch den Kopf. „Nein. Ich betreibe keine Büttendialektik und jetzt ist nicht die Stunde für Choralkatechismen … Es ist auch nicht die Stunde für „Lasst uns den Erdball umfassen, reichen wir uns die Hände”, wenn heute der Planet in seinen Fundamenten wankt! In diesem Jahr ließen die Tiefenschalen unter den Weltmeeren unsere Welt erbeben, ohne lange nach dem Willen Gottes zu fragen … Es wimmelte auch nur so von Tausenden von Witwen und Witwern, von Tausenden von Waisen … Natürlich kümmern wir uns um sie, beschaffen ihnen Hände und Füße aus nichtalterndem Material!”

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier