EIS

Die Handlung von Jacek Dukajs äußerst umfangreichem Roman spielt zunächst in Warschau, dann in den Luxuswaggons der Transsibirischen Eisenbahn, schließlich in Sibirien, in der Nähe von Irkutsk. Der Beginn der Geschichte fällt ins Jahr 1924, aber es handelt sich um eine alternative, phantastische Geschichte: Durch den Einschlag eines Tungu-Meteoriten kam es zur Vereisung des größten Teils des russischen Territoriums, der Erste Weltkrieg bricht nicht aus, es gibt keine Oktoberrevolution, und Zar Nikolaus II. regiert immer noch, Polen ist immer noch von Preußen, Österreich und Russland geteilt. Seit Beginn des Jahrhunderts haben sich weder Moral noch Mode noch Orthographie geändert. Der Zar will das Eis jedoch loswerden, deshalb entsenden seine Beamten einen Polen nach Sibirien, Benedykt Gierosławski, dessen Vater, ein nach Sibirien Verbannter, einer außergewöhnlichen Metamorphose unterlegen und – selbst völlig eisüberzogen – sich angeblich mit den ungewöhnlichen Quasi-Wesen verständigen können soll, die die anormalen Temperaturstürze auslösen. Sein Sohn hat den Auftrag, ihn ausfindig zu machen und dazu zu bewegen, bei der Beseitigung des Eises mitzuwirken. Das Unternehmen stößt auf den harten Widerstand all derer, die an der Vereisung Sibiriens großartig verdienen: Die niedrigen Temperaturen lassen nämlich zahlreiche neue Kunststoffe und Industriezweige entstehen, dank ihrer wird Sibirien zum Wirtschaftsimperium, daneben blühen die religiösen Sekten, denen das Eis die Wiedergeburt des Geistes verheißt.
Der heftige Kampf zwischen den einzelnen Strömungen hat politische, ökonomische, mythologische und religiöse Dimension. Der Autor ergänzt sie zudem um eine logisch-philosophische Dimension, die „Winterwelt” ist nämlich – nach ihm – eine Welt, die von einer bivalenten Logik regiert wird, klaren Oppositionen von Wahr und Falsch, präzise gezeichneten Ideologien und – was daraus folgt – historischen Notwendigkeiten. In der „Sommerwelt” herrscht dagegen die gerade erst von den polnischen Logikern Łukasiewicz, Kotarbiński und Tarski (Tajtelbaum) entdeckte und entwickelte multivalente Logik, in der das Prinzip der ausgeschlossenen Mitte seine Geltung verliert, die Klarheit der Ideen wird vage, genauso wie jede Form des Determinismus, der den Zufallscharakter verdrängt, der untrennbar mit dem biologischen Leben verbunden ist. Auf der Opposition dieser beiden Welten basieren die ideellen Grundsatzdiskussionen zu Beginn des eisigen 20. Jahrhunderts.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Vorbei an einer einsamen Droschke, die auf weitere Reisende aus dem verspäteten Express wartete; der Kutscher nahm einen Schluck aus der Flasche, die ein unförmiger Handschuh verbarg. Ein Gendarm, der unter dem Bahnhofsvordach Wache hielt, starrte den Bauern neiderfüllt an.
„Hier kommt es und geht wieder, ein Monat warm, ein Monat kalt, dabei ist es näher am Eisland als euer Warschau. Was zieht es in die einen Städte und verjagt es aus den anderen?”
„Gerede!”
Von der breiten Straße, die parallel zu den Schienen verlief, führten zwei Chausseen ab, die zur Linken lief direkt auf die wenigen Lichter in den Fenstern der zweiten und dritten Stockwerke in Jekaterinenburgs Zentrum zu. Alle Häuser, die man von der Straße am Bahnhof aus erkennen konnte, waren aus Holz erbaut, auf der Fläche eines langgezogenen Rechtecks. Sie gemahnten eher an ins Kraut geschossene Bauernhäuser als an Adelsgüter, an Warschauer Stadthäuser erinnerten sie überhaupt nicht mehr; niedrig, windschief sahen sie aus, als wären sie in die ziemlich flachen Schneewehen hineingegraben. Die breiten Fensterläden waren verriegelt, in Fugen und Angeln klebte der Schnee, ordnete sich auf den fallenden Dächern zu stufenförmigen Eisflächen, ein schwacher Wind zog ihn in die stillen Gässchen und Passagen zwischen den Häusern.
Schweigender Gang.
„Herr Benedykt? Wonach sehen sie sich so um? Haben Sie ein Stelldichein?” Fessar lächelte mit zweideutiger Ironie. „Ich dränge mich Ihnen auf, sagen Sie es nur, dass ich mich aufdränge.”
Plötzlich der Gedanke: Er war es! Er, er, der vermaledeite Türke, natürlich! Er war herausgekommen, hatte gewartet, sich ohne zu fragen an seine Fersen gehängt, unter dem Pelz mochte er zwei Stutzer haben, ein Dutzend Bajonette, und wie er lächelte, er war es, er!
„Irgendwie sehen Sie nicht gut aus.” Fessar blieb stehen. „So kalt ist es nämlich nicht.” Er musterte ihn. „Sie sind sehr blass. Ihre Hand zittert.”
Sofort ließ er die Hand mit der Zigarre sinken. Mit den Augen fliehen – dort: eine Gruppe Männer mit tumben Visagen, sicher Arbeiter aus einem Bergwerk, sie gehen seitab, tauschen laut Bemerkungen aus – sie ansehen, nicht den Türken, sich nichts anmerken lassen.
Daraufhin er:
„Hier an der Isetska gibt es ein wirklich anständiges Restaurant, und wenn Sie es gestatten, würde ich Sie gerne zu einem sehr zeitigen Frühstück einladen, dann hätten wir Gelegenheit unter vier Augen und vier Ohren miteinander zu reden, was im Zuge schier unmöglich war.”
„Reden worüber?”, fragte er scharf.
Der Türke wand sich, die Schläfen traten unter seiner Haut hervor wie bei einer großen Anstrengung, er verschob die Zigarre im Mund, massierte sich den Hinterkopf.
„Sollen sie doch von Geistern faseln oder anderen Irrlichtern, aber ich bin seit Jahren in dem Geschäft, ich habe Cziornoje Sijanije gesehen und den Glanz des Konzils Christi des Erlösers, [...] uff, wohin hetzen Sie denn so, dass”
Ein Schrei zerschnitt die Kälte von Jekaterinenburg – das abreißende Röcheln eines Verendenden – Schrei und Röcheln; ein Mensch starb mitten in der Schneenacht.
Ein Blick zu den Häusern. Dort im Schatten Bewegung, eine menschliche Gestalt am Boden, schwarze Konturen hoben und senkten sich. Einen Schritt vor. Für einen Augenblick fiel auf das Schneegleißen das Gesicht eines dunkeläugigen Grünschnabels – Gott steh uns bei! – mit weitaufgerissenem Mund und einem Schmutzrinnsal auf der Wange, sehr blass. Es war sein Arm, der sich hob und senkte, mit einem Stein in der Faust, der den Schädel eines breit zu Boden gestreckten Menschen zertrümmerte.
Ein schriller Pfiff gellte. Holz krachte. Kehrtwendung. Ünal Tayyib Fessar, gespannt wie eine Bogensehne, die Zähne auf die Zigarre gepresst, der Pelz in völliger Auflösung, holt beidhändig über dem Kopf zu einem Schlag mit seinem schweren Stock aus. Er trifft, zermalmt Knochen. Wieder barst die Kälte, vom Schuss eines Karabiners: der erste Arbeiter sackte mitten auf der Straße in sich zusammen, stürzte mit dem Gesicht ins Eis. Der zweite wich vor dem Stock des Türken zurück. Sie hatten Messer. Ein weiterer Schuss fiel. Kreisen wie ein Hampelmann am Stiel, immer eine Drehung rückwärts. Die Messerstecher verschwanden strauchelnd im Dunkel der Gasse; der letzte sah sich voller Angst und Wut um – hinter sich, auf die Tür des Hauses auf der anderen Straßenseite.
Die Füße rissen sich vom Boden los, auf die Tür zulaufen. Ein Mensch in einem gelben Mantel ergriff die Flucht.
Die Straße war breit, leer, leise fiel Schnee auf Schnee, Hasten durch die im Dunkeln verborgene, fremde Stadt, verschlossene Türen, verriegelte Fensterläden, keine Menschenseele weit und breit, eine einzige Laterne auf der Kreuzung, auch die Kreuzung war leer, nur das Windessäuseln, das Krachen gefrorenen Bodens unter den Stiefeln und der heisere Atem, die Jagd nach dem Menschen im gelben Mantel.
Die Straße war schnurgerade, verlief aber über mehrere Anhöhen, wogte unentwegt, hoch, runter, er erschien und verschwand hinter dem Gipfel einer Erhebung, Angst, dass er dann irgendwo abbiegen, sich im Schatten verbergen würde – aber nein, er jagte vor sich hin, sah sich sogar manchmal um, er hatte ein konkretes Ziel, er floh nicht blindlings.
Verstehen, als die Lufttemperatur so stark sank, dass der heisere Atem zum würgenden Husten wurde und die Kälte sich in den Hals trieb wie ein gewundener Eiszapfen – und der Mensch im gelben Mantel lief weiter, direkt in die Umarmung des Eises.
Entlang der Uferpromenade brannten ein paar Laternen, aus der Tiefe einer Querstraße strömte auch ein gelber Lichtschein; das Eisesglitzern durchdrang den hartgefrorenen Schnee und das Halbdunkel des lauwinterlichen Morgengrauens.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier