BEWEGUNGEN

Bisher kannte man Sławomir Shuty nur als realistischen Autor, der die Licht- und Schattenseiten (jedoch vor allem die Schattenseiten) der heutigen Zeit schilderte, über Konsumbesessenheit, das Arbeiternehmerelend in den Großunternehmen und über traurig-komische Schicksale von Menschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen schrieb. Daher wird Shutys neuestes Buch, der Roman Bewegungen, sicherlich überraschen. Es ist eine rasante Groteske, eine wahre Feerie merkwürdiger, „übertriebener” Bilder und Situationen. Der Roman scheint vor allem in einer kleinen Stadt zu spielen, im Milieu drittklassiger Schauspieler, Gelegenheitssäufer und Nachtschwärmer, junger Leute, die etwas Bedeutendes vollbringen möchten, aber nicht so recht wissen, was das sein könnte. Sie ziehen durch die Kneipen, feiern Partys, haben Sex mit wem auch immer, und kreieren seltsame Situationen. Sie sind ständig in nervöser Bewegung, suchen nach einem Sinn, irgendeinem erstrebenswerten Ziel, wobei sie aber lediglich das Chaos der Welt vergrößern, in die sie hineingeworfen wurden. Es scheint als hätte Shuty beschlossen, das Chaos zu beschreiben, in dem die moderne Welt versinkt, das Chaos, das alle Lebensbereiche erfasst, auch die Sprache, die in Shutys neuem Buch eine Müllhalde abgenutzter Phrasen und Worthülsen ist, auf der sich Erhabenheit mit Kitsch vermischt. In Bewegungen ist jedoch nichts hundertprozentig klar und eindeutig. Vielleicht entspringt die Romanwelt auch nur der Phantasie eines der Helden, dessen größter Ehrgeiz es ist, ein verrückter Demiurg zu sein. Shuty schreibt: „die die Wirklichkeit zusammenhaltenden Haken haben sich endgültig gelockert, und alles wurde zu einer einzigen Akzidenz, einem Sammelsurium situativer Fragmente, die sich nach Regeln mischen und vermengen, die nur ihnen selbst bekannt sind”. Nach diesen Regeln zu suchen und den verschlungenen narrativen Pfaden zu folgen, von denen ein Teil irreführend ist, könnte für den Leser ein sehr spannendes Unterfangen sein.

-Robert Ostaszewski.

AUSZUG

„So lange haben wir uns nicht gesehen, wie schön, dass wir uns nun endlich begegnen?”, sagte Bulsza, sein liebesverzücktes Herz zügelnd, „was hast du gemacht, als ich nicht da war?”
„Ach Liebling...”, flüsterte Lilka zärtlich, „wir haben nur diese wenigen Augenblicke für uns, lass sie uns nicht mit kleinlichen Betrachtungen von Nebensächlichkeiten verschwenden.”
Vor Gefühlswärme überfließend, schmiegte sie sich an seinen Körper, dann rückte sie einen Atemzug weit von ihm ab und blickte ihm voller Hingabe in die Augen: „Ich werde mich schrecklich nach dir sehnen.”
Mit wahrem schauspielerischem Instinkt wischte er die Träne ab, die über ihre Wange lief.
„Allerliebste, eingedenk der gemeinsam verbrachten Augenblicke beschwöre ich dich, pass auf dich auf!”
„Allerliebster!”
Und selbst wenn sich vorher zwischen sie eine Kälte unbekannter Herkunft geschoben hatte, so waren nun sämtliche Eisschollen geschmolzen: Sie fielen sich in die Arme, als sollten sie sich nie wieder sehen, und die Küsse, Zärtlichkeiten und schmachtenden Blicke wollten kein Ende nehmen. Die Zeit der Abfahrt näherte sich jedoch unwiderruflich, endlich fasste Bulsza das Mädchen um die Taille, saugte sich unbeholfen in ihre einladenden Lippen, wobei er versuchte sich deren unvergesslichen Kirschlikörgeschmack einzuprägen, warf sich den Rucksack über die Schulter und ging, getrieben wovon auch immer, fort, ohne sich noch einmal umzusehen.
Das herrische Piepsen einer elektronischen Nachricht riss sie aus ihren Liebesträumereien. „Hast du schon ein Outfit für die Schaumparty?” Lilka wollte eben zurückschreiben, da vibrierte das Telefon angenehm in ihrer Hand.
„Hi, wie geht’s?”
„Hi, wollt’ nur mal hören, was es Neues gibt?
„Nichts, und bei dir?”
„Auch nichts, gehst du heute wo hin?”
„Ist denn was los?”
„Du weißt also nichts davon? Wir feiern das zehnjährige Schauspieljubiläum einer ausgesprochen legendären Persönlichkeit.”
„Oh”, seufzte Lila und drückte das Telefon an die Brust.
Diese Nachricht führte in ihrem Organismus zu einer Störung des Hormonhaushalts, aber gleich darauf, als hätte sie sich die Finger am Weihwasser verbrannt, besann sie sich und beschloss, die wundervolle Melancholie des heutigen Abends nicht zu trüben, der ganz dem Gedenken der glücklichen Augenblicke mit Bulsza gewidmet war.
Sie war nur schwer zu überreden, lange ließ sie sich anflehen, beknien, bitten, bis sie sich schließlich entschloss, auf einen Sprung vorbeizukommen, um sich mit Marta zu treffen, mit der sie etwas zu bequatschen hatte, und die ebenfalls angekündigt hatte, dem Lokal einen kurzen Besuch abzustatten.
Gott sei Dank, dass sie sich zu diesem Entschluss durchgerungen hatte!
Die Feierlichkeiten zum zehnjährigen Schauspieljubiläum der ausgesprochen legendären Persönlichkeit waren ein großartiges Erlebnis. Niemals zuvor hatte sie sich so gut amüsiert, als hätten sich sämtlichen Visualisierungen eines angenehmen Zeitvertreibs an diesem Abend, der an einen Film erinnerte, materialisiert. Sie tanzte, sang, lachte und klopfte flüchtigen Bekannten auf die Schultern, sie hörte verschiedene merkwürdige Geschichten und erzählte selbst verschiedene merkwürdige Dinge über ihre Freunde und Freundinnen, Dinge, die sie unter stereotypen Bedingungen nicht über die Lippen gebracht hätte.
Sie bekannte sich jedoch auch, das darf nicht verschwiegen werden, zu ein paar interessanten Sachen, die seit langem darauf gewartet hatten, das Licht der Öffentlichkeit zu erblicken. Zum Beispiel zu der geheimnisvollen Geschichte mit Borda, einem Bekannten von Paciuła, mit dem sie notabene auch eine rätselhafte Vereinbarung laufen hatte, oder zu den allgemeines Interesse weckenden Situationen mit Tyrpak und seinem Dorfmädchen. Das Frage- und Antwortspiel nahm kein Ende, und als sie so erzählte und erzählte, erschien Błachut im Lokal, mit dem sie seinerzeit an einem speziellen Workshop für Gesellschaftstanz teilgenommen hatte, der aber eher an einen Meditationsworkshop einer seltsamen Religionsgemeinschaft erinnert hatte, deren wichtigstes Ritual das Aussprechen bestimmter geheimnisvoller Worte unter überaus kunstvoll inszenierten Umständen ist.
Błachut war ein Bekannter von Skakuja, einem Dekorateur anspruchsloser Innenräume, dem ganz offensichtlich etwas schwer auf dem Magen lag, denn wie immer war er schlecht aufgelegt und verschlossen, den aber, aufgrund seiner Stellung innerhalb der Strukturen, alle hübschen Mädchen anschmachteten, denn erstens verkehrte er mit der in der Stadt und über die Grenzen der Stadt hinweg bekannten Schauspieltruppe, die den Kult des Lokalen propagierte, und zweitens war er ein Freund des aufgedunsenen Borda, und der kannte wiederum alle, die man kennen musste.
Alle erinnerten sich, wie Borda auf der letzten Fete als oberster Religionsbeamter des Städtchens verkleidet erschienen war und anschließend in einem Anfall von Leidenschaft sich auf einen Barhocker geworfen und eine Kopulation simuliert hatte. Die Anwesenden waren von seiner schauspielerischen Interpretation eines bekannten musikalischen Motivs derart überrascht gewesen, dass niemand es geschafft hatte, auf den Auslöser zu drücken.
Borda blieb, wie es in Gerüchten hieß, in einer enigmatischen Beziehung zu Mariola. Über ihre gegenseitige Verbindung sprach und hörte man sehr viel, um so mehr, als sie sich zuletzt mal besser, mal schlechter gestaltete, und dieses mal schlechter, mal besser ein Leckerbissen für jeden gesellschaftlichen Meinungsaustausch ist. An jenem denkwürdigen Abends, als Częczek zusammen mit Lupta einen großen Traktorreifen durch die Glastür ins Lokal gerollt hatten und dabei Paciułas künstlerische Installation komplett zerstört hatten, hatte Mariola ihren Partner öffentlich für seine Vorliebe fürs Chaos gelobt.
„Borda ist großartig gebaut”, sagte sie, während sie über die Bar hinweg lächelte, „er besitzt auch einige Eigenschaften, die ihn zu einem echten Schauspieler prädestinieren: Er ist zerstreut, unordentlich und benutzt gute Gesichtswässer.” Auf die Frage, ob es stimme, dass Borda mit dem Hund schlafe, antwortete sie, sicher, von Zeit zu Zeit würde er sich derartige Exzentrizitäten erlauben, worauf der Betroffene selbst, der augenscheinlich gehört hatte, was über ihn gesprochen worden war, hinzufügte, dass dies nichts mit Geschlechtsverkehr zu tun habe.
Die Freunde waren da anderer Meinung.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk.