DIE KURTISANE UND DIE KÜKEN

Krzysztof Niemczyk war in den sechziger und siebziger Jahren in Krakauer Künstlerkreisen eine bekannte und außergewöhnlich markante Persönlichkeit: ein Außenseiterkünstler und Rebell, der mit zahlreichen moralischen Konventionen brach, auch der Zusammenarbeit mit den offiziellen Zentren des literarischen oder künstlerischen Lebens verweigerte er sich. Er malte, druckte Erzählungen, aber vor allem kreierte er sich selbst durch die Kunst der Maske und des Kostüms, veranstaltete etwas in Art von öffentlichen Skandal-Performances und schrieb nicht zuletzt einen legendären Roman, den kein offizieller Verlag publizieren wollte. Erst im Jahr 1999 erschien der Roman – allerdings in französischer Sprache, in Paris, wo er auf großes Interesse stieß und positiv rezensiert wurde.
Die Kurtisane und die Küken ist partiell die phantastische Geschichte eines Professors, der mit seinen Arbeiten und Erfindungen eine neue Wirklichkeit schaffen will und daher mit dem kommunistischen Regime zusammenarbeitet, der aber nicht mit seiner kleinbürgerlichen, nach materiellen Gütern gierenden Familie zurande kommt, die auf sein Geld lauert. Als Akt der Rache beschließt er, drei Jungen, die minderjährigen Söhne seiner verhassten Verwandtschaft, von der rechten Bahn abzubringen und zu vernichten; zu diesem Zwecke möchte er sich der Reize einer alternden, einstigen Geliebten bedienen. Diese – verjüngt durch die Kunst der Kosmetik – erscheint im Hause des Professors und tritt in Aktion, die Folgen sind jedoch weit entfernt von den ursprünglichen Absichten des Professors.
Der Roman ist in Anlehnung an zahlreiche Motive aus dem Faust konstruiert, es gibt auch viele Bezüge auf andere klassische Werke der Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Niemczyk baut in seinem Text große, märchenhafte und bisweilen monumentale, plastische und zugleich symbolische Tableaus und zeigt mit Hilfe der Abenteuer seiner Helden die heutigen Zeiten als ein Terrain, auf dem die traditionellen Werte mit einer Demoralisierung neuen Typs kollidieren, der die Jungen erliegen und der schließlich die Schönheit und Liebe verteidigende Kurtisane zum Opfer fällt. In dieser modernen Faustvariante unterliegen die von Goethe übernommenen Motive einer verstörenden Neuordnung und Neuinterpretation, so dass man sich ordentlich anstrengen muss, wenn man in dieser Welt den Teufel ausmachen will. Beim Erzählen der Geschichte von der Kurtisane und den Küken mythologisiert Niemczyk ganz offensichtlich seine eigene Geschichte: das Schicksal eines Außenseiters, der gegen den heutigen Wertemischmasch aufbegehrt.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Als sie sich im Spiegel betrachtete, bemerkte die Kurtisane zum ersten Mal ängstlich die nur zu deutlichen Veränderungen in der Architektur ihres Gesichts infolge der Schönheitsoperation, die ihre Züge modernisiert hatte. Die Nase war nicht mehr dieselbe wie früher, sie schien viel platter. Ein übertriebenes Augen-Makeup rettete sie jetzt: Am einen wie am anderen Auge schienen schwarze Flügel befestigt zu sein, das Paar beflügelte die gemeingemachte Nase, hielt sie im Zentrum der ovalen Komposition. Jemand sollte beim Begräbnis noch etwas Breites vor der Kurtisane hertragen, vielleicht einen Ordensschleier oder Schwanenflügel, sehr vorsichtig wie auf einem gespannten Seil gehen, um sich nicht zu sehr nach links oder rechts zu beugen, was das Gleichgewicht der Augendrapierung ins Wanken brächte und damit das symmetrische Zusammenspiel ihrer Brüste, die eine senkrechte, aufs Dekolleté gezeichnete Linie wie unter Verwendung gezirkelter Maße teilte. Dieser Jemand müsste sehr klein sein, am besten ein Wicht. Sofort klatschte die Kurtisane in die Hände. Die Brüder! Die Brüder und ihre Ohren! Oder vielmehr der jüngste der Brüder! Eigentlich konnten alle drei feierlich vor ihr her schreiten, hintereinander, in gleichmäßigen Abständen. Nur die Farbe ihrer Ohren würde nicht effektvoll mit dem Schwarz ihres Kleides harmonieren, das in der Tiefe hinter ihnen aufschiene. Denn sie waren entweder gipsweiß oder intensiv zornes- oder schamrot, das war nicht das Rot, das die Schönheit einer Draperie oder Rose besessen hätte. Es war eine Rötung, wie sie Diebes-, Onanisten- oder Eifererohren färbte. Sie mussten geschminkt werden, das Rot gemieden, das die Menge als Ausdruck geschmackloser, abgefeimter Deklarativität deuten würde. Im übrigen war die Kurtisane so sehr Frau, um sich in dem Falle den Impuls einer egoistischen Überästhetisierung und Geschmäckelei zu gönnen! Es galt also eine edle und vitale Farbe zu finden, zum Beispiel Grün, so dass es das Schwarz ihrer Trauergarderobe noch stärker zum Strahlen brachte! So dass die Ohren der Jungen sich in eine atemberaubende, dreifache und symmetisch flackernde, grüne Flamme verwandeln würden, die wie auf drei Ebenen getragen schiene: der kleinste Bruder, der mittlere Bruder, der größte Bruder... Und von hinten zöge wie auf Rädern in Trauerflor gehüllt ihre weiße Brust mit der auf ihr drapierten, luftigen, schwarzen Gaze heran. Und über all dem sollte sich zu beiden Seiten des unsichtbaren Lots, das vor die Nasenspitze gehalten wurde, das Paar schwarzer Flügel erheben, die das Bild abschlossen: Jene schwungvoll geschminkten Augen, fast schon eine im Winde flatternde Trauerflagge an der Spitze eines Masts. Nur ihren Augen beabsichtigte die Kurtisane Leben zu verleihen in all dem starren Schreiten, dem Sich zum Friedhof Begeben. In eine gleichmäßige Bewegung versetzt, sollten sie von links nach rechts und von rechts nach links wandern, rhythmisch von den Augenwinkeln zurückgeschlagen werden, einen kalten, verächtlichen, durchdringenden Eindruck erweckend.
Sie riss sich von der Schneiderhilfe los. Unter dem Rauschen ihres Gewandes lief sie in den Speisesaal, verfolgt vom auf den Stufen flache Sprünge vollführenden Rand des Trauerschleiers.
Die Jungen, deren Befragung bereits beendet war, hatten im Gefolge ihrer Eltern hastig eine Mahlzeit verzehrt. Es war eine flüchtige Eintracht, über der Małgosia waltete, die ebenfalls schwarz trug und einfühlsam mit Lucjans Mutter sprach. Die hatte ihren Söhnen den Tod der Tochter edelmütig vergeben, sie wollte in ihnen wengistens für den Augenblick, wenn auch nicht auf Dauer Bundesgenossen finden, die ihr wohldosiert vor dem Verlesen des Testamentes Mut zusprachen. Den Vater versuchten die Jungen gar nicht anzusehen; die ganze Familie aß zeremoniell ihre Bissen, die gierig von den eines nach dem anderen verspeisten Kanapees gerissen wurden, als hinge die Erlesenheit der Speise in diesem Augenblick von der möglichst großen Zahl Kubikzentimeter im Mund umschlossener Nahrung ab. Alle wandten ihren Blick zur Kurtisane, die, nachdem sie in die Hände geklatscht hatte, mit fester Stimme die freudige Überraschung kundtat:
„Ihr habt doch bestimmt zu Hause grünen Lack... Na, ein, zwei, drei! Hopp! Hopp! Schnell vom Tisch erhoben und ans Suchen gemacht! Wer als erster welchen findet, bekommt zur Belohnung einen Kuss. Ein Pinsel ist auch nötig, mit dem man, was weiß ich, Wände streicht... Aber auf, auf! Ich will euch ganz fix die Ohren grün malen!...”
Sie hatten schon die Stühle vom Tisch weggerückt, doch jetzt setzten sie sich wieder langsam hin. Alle sahen die Kurtisane mit einem so starren, schmerzvollen Blick an, der völlige Desorientierung und wachsende Schroffheit zum Ausdruck brachte, so dass sie verlegen „Entschuldigung...” stammelte, sich zurückzog, die Tür ganz sanft hinter sich schloss. Ihre Augen füllten Tränen... Sollte sie jetzt wirklich immer, während sie sich in der zuschnürenden Enge wand, auf Hindernisse in der Form dieses Blickes stoßen? Vervielfacht, um Hunderte von Augenpaaren vergrößert konnte er eine unüberwindliche Mauer der Dummheit bilden, einer Taubheit für das Schöne, die die Existenz eines sensiblen Wesens bedrohte.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier