DER TAG VOR DEM ENDE DER WELT

Aleksander Jurewicz’ neuer Roman ist ein Requiem auf den verstorbenen Vater. Jurewicz kehrt zu Erlebnissen von vor über zwanzig Jahren zurück und beschreibt drei Tage – vom Zeitpunkt, als er auf die Todesnachricht hin im Heimatdorf auftaucht, bis zum Augenblick, in dem der Vater beerdigt wird. Drei Tage voller Leiden und Angst. Drei Tage, in denen die Welt des damals zweiunddreißigjährigen Schriftstellers zusammenbricht. Jurewicz versucht, sich das Trauma des Verlusts, mit dem er auch noch viele Jahre später zu kämpfen hat, von der Seele zu schreiben, mit einer schonungslosen Offenheit, die stellenweise an emotionalen Exhibitionismus grenzt.
Die Erzählung ist bruchstückhaft, zerstückelt. Jurewicz verflechtet zwei Erzählstränge miteinander, vermischt verschiedene Zeitebenen, da er nicht nur über die Tage schreibt, die dem Begräbnis vorausgehen, sondern sich auch an Kindheitserlebnisse erinnert. Warum? Weshalb stehen hier Szenen der Verzweiflung nach dem Tod des Vaters neben lustigen oder absurden Erinnerungen aus früheren Jahren – wie zum Beispiel der Erzählung von der Unruhe, die das Dorf erfasst, als sich die Nachricht vom baldigen Ende der Welt verbreitet?
Der Tod eines nahen Menschen zerstört die festgefügte Lebensordnung, lässt das Leben im Chaos versinken. Hilfe leisten sollen hier die Begräbnisrituale, die im Roman detailliert beschrieben werden – sie sind so etwas wie Schmerzmittel, deren Wirkung aber beschränkt ist. Der Erzähler schämt sich, dass er nicht in der Lage ist, seiner Angst Herr zu werden. Er muss eine völlig neue Rolle übernehmen, auf die er nicht im mindesten vorbereitet ist. Nach dem Tod des Vaters muss er der Mutter beistehen, sich um den verängstigten jüngeren Bruder kümmern. Daher seine schwer zu beherrschenden Gefühlsschwankungen.
Er kehrt in die Vergangenheit zurück, erinnert sich daran, was der Vater für ihn war, kehrt zu den wichtigsten, meist glücklichen Erlebnissen zurück. Er versucht sich vorzustellen, wie sein Leben nun aussehen wird. In Gedanken führt er mit dem Verstorbenen Gespräche, häufiger, intensiver sogar als zu dessen Lebzeiten, so als wollte er die verlorene Zeit wiedergutmachen, als Anfälle von Wut und Ehrgeiz ihn daran hinderten, auf den Vater zu hören. Eine schwere und schmerzhafte Wiedergutmachung.
Jurewicz legt auf wunderschöne, rührende, nuancierte Weise und mit der ihm eigenen Poesie Zeugnis ab von der Liebe eines Sohnes zu seinem Vater. Etwas, das es immer seltener gibt und deshalb um so beachtenswerter ist.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Papa hatte sich, seit ich ihn am gestrigen Abend beim Abschließen der Kapelle gesehen hatte, verändert, als hätte er in unserer Abwesenheit die Nacht mit den auf dem Friedhof begrabenen Nachbarn und Bekannten durchzecht. So hatte ich Vater noch nie gesehen, und ich würde ihn im Vorbeigehen vielleicht gar nicht sofort wiedererkennen. Obwohl es auf Mittag zuging, brannte in der Kapelle das Licht. Als ich mit meiner Tochter an der Hand eintrat, schlug mir dieser einzigartige Geruch machtloser Trauermelancholie entgegen – der Geruch glimmender Kerzen, welkender Blumen und eines absterbenden Körpers. Und sicher hatte das Wehklagen der Mutter seinen Geruch wie auch die Tränen von Vaters Schwestern und Vaters Bruder und unsere Bestürztheit, vaterlos zu sein. Und der Geruch der nahen septemberlichen Stoppelfelder und des Waldes strömte durch die kleinen undichten Fenster und die offene Tür herein. Ich hatte den Eindruck, dass Vater über Nacht noch mehr ergraut war. „Das geschieht zu schnell, in unbegreiflicher Eile, das Tempo ist zu hoch, allzu irrsinnig der Galopp zur kleinen Friedhofsspalte.” Wieder musste ich an jene, viele Jahre zurückliegende panische Flucht des Vaters aus dem Irrenhaus denken. Ich schaute zu meiner Schwester, die mit gesenktem Kopf dastand, die Hände auf dem schwangeren Bauch gefaltet, als wollte sie ihr zukünftiges Kindlein vor der Welt der Toten schützen, mit der wir nun in Berührung kamen. Könnte ich sie doch jetzt von hier fortbringen, sie bei der Hand nehmen wie in der Kindheit, die wir schon bald zusammen mit dem Vater begraben würden. Wenn wir doch wieder, wie es einmal am Anfang war, dorthin zurückkehren könnten, wo die Johannisbeeren wuchsen. Hätte man sich dort verstecken können, hätte ich ihr die Tränen von den Wangen gewischt, auch wenn sie heute nicht mehr so weich und warm wären wie damals, als wir Kinder waren und einen Vater hatten, und würde mit stockender Stimme und steinernen Tränen in den Augen sagen:
„Weißt du, Grażynka, unser Papa scheint so zu tun, als wäre er gestorben. Bestimmt erinnerst du dich daran, wie er sich aufs Bett gelegt hat an jenem Tag, da er auf der Flucht vor den Irren die Speichen seines Fahrrads verbogen hatte, und sich bis zum nächsten Tag nicht rührte. Erinnerst du dich?”
„Ich erinnere mich nicht.”
„Du hast es vergessen.”
„Nein, ich erinnere mich nicht.”
Das sind die letzten Augenblicke im Leben, in denen wir Vater sehen. Die Hände, als wären sie aus Wachs gegossen, aus dem Mundwinkel rinnt ununterbrochen Leichenblut, das Gesicht läuft an. Er ist schon fast nicht mehr mein Vater. Vielleicht ist der echte jetzt zu Hause, hält ungeduldig nach uns Ausschau und versteht nicht, wo wir bleiben.
Die Boten des Hades in schwarzen Anzügen standen geduldig an der Wand.
Sie warteten auf ein Zeichen von mir, aber noch war ich nicht bereit dazu, obwohl den Trauersängerinnen langsam die Lieder ausgingen, und es auf Vaters Uhr schon zwanzig nach zwölf war.
Vater hielt es auch nicht mehr aus, sein Gesicht wurde immer blauer und war schon ganz aufgedunsen, als wäre er von all dem müde und wollte nur noch so schnell wie möglich seine Ruhe.
Nach dem Ausklingen des letzten Liedes trat eine unerträgliche Stille ein, und in dieser Stille hörte ich hastiges Blättern in den Gesangbüchern, Stühlerücken und den anschwellenden Lärm auf dem Hof vor der Kapelle.
Der große Zeiger auf dem grünen Zifferblatt war bis auf vier Minuten vor halb eins vorgerückt.
Ich presste die Lippen zusammen und brachte keine Geste zustande, obwohl ich wusste, dass es getan werden musste, dass sie darauf warteten, darauf vorbereitet waren, dass man anfangen musste, den Leichnam, in den sich Vater verwandelt hatte, zu beseitigen, mit dem Aufräumen nach dem Tod beginnen musste. „Oh Gott”, dachte ich verzweifelt, „ich kann das nicht, ich kann ihm das nicht antun ...”
Im Stillen begann ich panisch bis sieben zu zählen, und dann noch einmal. Erst als ich nach dem dritten Zählen, was mich beim Einschlafen und in der morgendlichen Schlaflosigkeit, in fremden Städten und auf den Feldwegen meiner Kindheit bis heute verfolgt, Vater ein viertes Mal vorzählen wollte, blickte ich zu meiner Schwester, sah Vater dann ein letztes Mal in seine geschlossenen Augen, küsste die mit einem Rosenkranz gefesselten Hände und flüsterte laut, mit versagender Stimme:
„Das war es, Mama ...”
Das Einzige, das ich noch wahrnahm, war der Deckel des Sarges, und dann ließ ich Mamas Schrei hinter mir und flüchtete Hals über Kopf, mich durch die Menge der Trauernden schiebend.
Ich blieb an etwas Stechendem hängen, es muss ein Weißdorn gewesen sein, aus dem die aufgescheuchten Spatzen aufflogen.
Ich hörte die ersten, dumpfen und kräftigen Hammerschläge, mit denen der Sargdeckel zugenagelt wurde, und dann wieder Schläge und eine kurze Stille vor dem Einschlagen der nächsten Nägel – das gewissenhafte, rhythmische Klopfen eines Hammers, der einen Nagelkopf in den Sarg hineinschlägt. Erneut ein kurzer leerer Augenblick und der nächste Nagel brachte die Sargbretter zum Ächzen, noch ein Nagel und noch einer, als würde es nie ein Ende nehmen. Und als sich die Stille in die Länge zog, begriff ich, dass der letzte Nagel eingeschlagen worden war und ich Vater nie wieder sehen würde, höchstens ab und zu im Traum. Jetzt erst spürte ich den Schmerz und befreite meine Finger aus dem dornigen Gesträuch.
Ich hörte, wie man sich mit den rostigen Türscharnieren abmühte, das Krachen von Holz oder Eisen, und der Geruch des Todes aus der sperrangelweit offenen Kapelle legte sich über den Weißdorn.
Der Priester kam im Begräbnisumhang in Begleitung zweier Ministranten den Friedhofsweg herunter.
Vom Dorf war dumpfes Glockenläuten zu hören.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk