DER BASKISCHE TEUFEL

Zygmunt Haupt wurde in Podolien geboren, studierte Architektur in Lemberg und sah seine künstlerische Zukunft zuerst in der Malerei. In den Dreißiger Jahren jedoch begann er zu schreiben. Er nahm am Zweiten Weltkrieg zuerst als Soldat im Septemberfeldzug teil, dann in der polnischen Armee in Frankreich und Großbritannien. Nach dem Krieg ließ er sich mit seiner amerikanischen Ehefrau in Amerika nieder, zuerst in New Orleans, später in New York, dann in Virginia. Seine Erzählungen erschienen in den besten polnischen Zeitschriften und Exilverlagen wie „Wiadomości“, „Kultura“ und Instytut Literacki. In Polen selbst blieb er allerdings so gut wie unbekannt.
Dieser große Band mit Haupts Erzählungen und Reportagen ist die bislang umfangreichste Ausgabe seines Schaffens und stellt ein echtes literarisches Ereignis dar. Der größte Teil der Erzählungen trägt biographische Züge, Schauplätze der Handlung sind Wolhynien und Podolien, Frankreich, die Südstaaten der USA. Doch die Handlung zerfällt meistens in einzelne Stränge, die scheinbar in zwanglosem Plauderton zusammengeführt werden, doch bei der Betrachtung aus der Distanz eine große Disziplin verraten. Haupts Stil ist sofort erkennbar, die dominierenden Merkmale sind schweifende Assoziationen, kontrapunktische Stimmungen und Perspektiven in der Betrachtung der Welt. Der Autor erzählt von der eigenen Kindheit aus der Erwachsenenperspektive – und Begebenheiten aus seinem Erwachsenenleben, in denen es ihm gelingt, die Unmittelbarkeit und Frische der kindlichen Sichtweise zu bewahren. Er skizziert die Portraits von Freunden und Familienagehörigen, aber auch von Menschen, denen er zufällig begegnet ist. Er erzählt von den Bräuchen der einzelnen Bevölkerungsgruppen in Wolhynien: der polnischen und ukrainischen Bauern, der Juden, der Kleinstadtintelligentsia, der Gutsbesitzer und Soldaten; mit dem Auge des Malers versteht er es, die Natur und kleine Sittenbilder in wunderbarer perspektivischer Verkürzung erstehen zu lassen, doch vor allem ruht sein Blick auf den Personen, die ihn faszinieren und rühren: Verliebte und Kämpfende, Menschen am Anfang und am Ende ihres Lebens. Ungeachtet der scheinbaren Belanglosigkeit der in seinen Erzählungen dargestellten Dinge sind es die großen Themen und das Nachsinnen über die menschliche Existenz allgemein, die den belesenen und philosophischen Autor Haupt interessieren: Er versucht die Gestalt des menschlichen Lebens zu zeichnen, die Verflechtung der verschiedensten Schicksale, er vertieft sich in ihre verschleierte Symbolik und sucht nach einem Sinn.

-Jerzy Jarzębski.

AUSZUG

Elektra (II)

Ich traf Bunio Jakubowski, der in mein früheres Zimmer gezogen war, und er sagte zu mir:
„Hör mal, gestern ist dort ein Telegramm für dich gekommen, es liegt seit gestern da.“
Wir gingen zu meiner alten Wohnung, ich wartete auf der Straße auf ihn, und er brachte mir das gefaltete und zugeklebte Telegramm. Ich wunderte mich, was das sein mochte und öffnete es, da stand:
„Elektra ist tot – Beerdigung am Freitag – Tante.“
Ich drehte mich auf dem Absatz um, ließ den verwirrten Bunio stehen und ging die Straße hinunter. Die ganze riesige Welt, unbegreiflich und vielfältig, alles, was ich jemals gesehen, mit den Fingern betastet, was ich geahnt und was man mir erzählt hatte, was ich mir ausgemalt, was ich nicht geglaubt, was mich gelangweilt, was mich mit Leidenschaft erfüllt hatte, alles Nahe und Ferne, alles Gute und Schlechte, Schmerzliche und Lustvolle, das alles strömte plötzlich zusammen und auf mich zu, und als alles ganz nah bei mir war, neben mir, da wurde es kleiner und verfloß und wurde zu Nichts, deshalb konnte ich es nicht verstehen und wusste nicht, um was es eigentlich ging, und so ging ich vor mich hin, zerknitterte das Telegramm in der Tasche und dachte gar nichts. Vielmehr, ich wusste, dass mir etwas Wichtiges passiert war, aber ich wollte jetzt nicht daran denken, vielleicht später, aber nicht jetzt. Um also an etwas denken zu können und jenen anderen Gedanken nicht zuzulassen, muss ich etwas anderes dafür einsetzen, so wie in Algebra, wo man beispielsweise für 2a ein x setzt... Also ein Wort... nehmen wir einmal „entschwindet“. „Entschwindet“, ein sehr passendes Wort, ich weiß nicht warum, aber sehr passend. Entschwindet... Was entschwindet? Irgendetwas. Alles kann entschwinden, auch die unwahrscheinlichsten Dinge. Kann Wasser entschwinden? Natürlich kann es das! Wenn in einem Teich die Schleusen geöffnet werden, dann entschwindet das Wasser aus dem Teich, im Teich wird es immer trockener, und das Wasser fließt davon. Oder man stelle sich das Mittelmeer vor, man stelle sich vor dass es dort beispielsweise zu einem Niveauunterschied gekommen ist, dort, wo Gibraltar ist, wo die Säulen des Herkules stehen, da schwemmt das Meer über, und hier am Ufer wird man das gleich merken, denn das Wasser läuft schnell aus, es fließt davon und rinnt vom schrägen Rand des Beckens ab, immer schneller, und wenn wir es einholen wollen, dann ist es schon zu spät, nur noch eine feuchte Spur ist vom Wasser zurückgeblieben, und eine seichte Welle rollt davon, und dieser Seichtheit werden wir am flachen Rand der Mulde, des Beckens, des Weltmeeres hinterher jagen, während es schwindet, und das ist so quälend wie im Traum, wenn es doch nur einen Augenblick innehielte, damit man Zeit hätte, nachzudenken, diese Erscheinung in sich aufzunehmen. Aber nein, es entschwindet immer weiter...
Ein Schlag! Mir wurde schwarz vor Augen, gelbe Flecken schwirrten und zitterten mir unter den Lidern... Ich ging blind weiter, prallte mit dem Kopf gegen einen Laternenpfahl, genau auf einen gusseisernen Kranz, eine Verzierung, die sich auf Kopfhöhe um den Pfahl zog, und daran schlug ich mir den Kopf auf. Ein ganz dumpfer Schmerz oben, direkt über der Braue, ich fühlte, dass ich blutete, und als ich mit den Fingern daran fühlte und auf meine Finger sah, waren sie rot.
Die Straße führte zum Stadtrand, kaum jemand war unterwegs. Ich zog mein Taschentuch aus der Hosentasche und drückte es an meine Braue und fühlte, wie mir die Stirn an der Stelle anschwoll, während ich an den Maschendrahtzäunen der bürgerlichen Häuser und Gärten entlangging. Dann kam ich an einem ungepflasterten Platz vorbei an eine Stelle, wo die Straße mit einer anderen zusammentraf und diese beiden dann vereint zu einer Rampe anstiegen, von wo sie als Brücke, als roter Ziegelbogen über den zweispurigen Bahndamm führten, der in einem tiefen Einschnitt zwischen den Böschungen verlief. Am Zusammenlauf der beiden Straßen stand ein Straßenhydrant mit einem kurzen Kran, auf den man drückte, und schon spritzte der Wasserstrahl heraus. Dort konnte ich unbeobachtet – kein Mensch war auf der Straße – das blutbefleckte Taschentuch an die Stirn drücken und so den Blutfluss eindämmen.
Danach stieg ich über den Drahtzaun und setzte mich auf den Rand der Böschung, ich blickte auf den nahen Horizont mit den Baumkuppeln und der roten Masse der Gebäude und dem hoch aufragenden Wasserturm des Spitals für die Geistesgestörten.
Unten, auf dem Bahnkörper waren ein paar Streckenarbeiter dabei, die Gleise auszubessern. Ein Güterzug näherte sich und fuhr vorbei: Die Lokomotive mit dem Tender voller Kohlen, die der Heizer mit Wasser aus einem Schlauch besprengte, dann ein Gepäckwagen und offene Güterwaggons, die auch mit Kohle beladen waren. Die Kohle glänzte fettig und war mit weißen Kalkstreifen gesprenkelt.
Dann ging ich ein Stück über den Gleiskörper, bis ich zu einer weiteren Brücke kam, dort befand sich auch die Endhaltestelle der Straßenbahnlinie, die zurück in die Stadt führte. Ich stieg in die Bahn ein; sie wartete, bis fern am anderen Ende der Straße ein anderer Waggon auftauchte, der diese Endhaltestelle ansteuerte, dann klingelte der Schaffner, und unser Waggon setzte sich in Bewegung.
Während der Fahrt starrten mich ein paar der wenigen Passagiere unverhohlen an, doch das bemerkte ich erst, als sich der Schaffner an mich wandte und sagte: „Sie müssen etwas unternehmen, mein Herr, sie bluten!“
Ich berührte meine Stirn, und wieder wurde das Taschentuch ganz rot. Sobald ich ein Schild mit der Aufschrift „Apotheke“ sah, sprang ich hinaus. Es war schon spät, und im Lampenschein klebte mir der alte Apotheker einen Streifen rosa Leukoplast über die Braue.
Danach ging ich nach Hause.

Der Autobus fuhr am nächsten Tag um neun vom Strzelecki Platz ab, wo ich ziemlich lange warten musste, man hielt sich nicht pedantisch an den Fahrplan, sondern die Abfahrt richtete sich danach, wann der Bus voll besetzt war. Endlich kletterte der unrasierte Chauffeur auf seinen Sitz, der Schaffner, der das Geld für die Fahrscheine einsammelte, suchte langwierig in der Ledertasche auf seinem Bauch nach dem Wechselgeld, weitere staubbedeckte Autobusse, die Dächer voll gepackt mit Gepäckstücken und Körben, trafen ein und kreisten auf dem Platz, wir fuhren los.
Zuerst passierten wir die Żółkiewer Vorstadt – eine belebte Stadt: Fuhrwerke und Straßenbahnen, die in langsamer Fahrt um die Ecken bogen, dann kam die städtische Mautschranke und die Mauern der Spiritusraffinerie und der Dampfmühlen mit den großen Getreidesilos, dann die Vorstadtkneipen, Holzzäune, Fabrikmauern, Abstellgleise mit leeren Waggons, Stapelplätze, Abfallhalden, Abwässergräben.
Und danach schon das Band der Landstraße, von Weidenbäumen gesäumt, die in regelmäßigen Abständen am Straßenrand gepflanzt waren. Wir kamen an Fuhrwerken vorbei, die in Richtung Stadt unterwegs waren, und über den ausgetretenen Pfad auf dem Seitenstreifen der Straße gingen Frauen tief gebückt unter Lasten, die in grobes Sacktuch gewickelt waren. Gärten, Gärten zu beiden Seiten der Straße, mit Palisaden aus Bohnenstangen und quadratischen Kohl- und Tomatenbeeten. Entlang der Wegböschung spreizten sich Hundsrosenbüsche grau von Straßenstaub. Eine Straßenwalze war bei der Arbeit, sie dampfte, das rasende Antriebsrad glänzte, der frische Schotter knirschte unter dem Gewicht der Zylinder.
In den Dörfern kamen die kleinen Jungen an die Straße gelaufen, sie bewarfen den Autobus mit Erdklumpen und gestikulierten aufgeregt, und ein Pflug wich zur Seite, er war hinter zwei magere Pferdchen gespannt, die ihn auf zwei überkreuz gelegten schlammbespritzten Stangen zogen. Auf den weiten Gemeindeangern in der Mitte der Dörfer gackerten die weißen und scheckigen und struppigen Gänse in Scharen, und die Kühe drehten die Augen nach den Vorüberfahrenden oder standen an den Tränken neben den Brunnen im Schlamm und käuten mit schweren Mäulern wider.
Als wir angekommen waren, zwängte ich mich aus dem vollen Autobus und ging durch kleine Seitenstraßen zu unserem Haus. Von weitem schon erkannte ich sein Blechdach zwischen ausladenden Holunderbüschen. Auf der Straße vor dem Haus sah ich meinen Vater. Er stand mit dem Rücken zu mir und betrachtete vertieft etwas auf dem Einfahrtstor an der Vorderseite unserer Hauses. Ergraut, den Rücken schmerzgebeugt stand er da mit geneigtem Kopf und studierte die ordentlich geprägte, vom Öl der Druckerfarbe glänzende Todesanzeige mit dem zollbreiten Trauerrand und den fettgedruckten Buchstaben, die der kleinen Welt des Städtchens bekannt gaben und vermeldeten, dass Elektra „... im neunzehnten Lenz ihres Lebens... untröstlich in unserer Trauer...“

(Mit freundlicher Genehmigung von Special Collections, Stanford University Libraries)

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky.