MARIASZ

Das Buch Mariasz besteht aus zwei miteinander verbundenen Erzählungen. Bei der ersten handelt es sich um eine literarische Biografie des Romantikdichters Antoni Malczewskis (1793-1826), der Zeit seines Lebens ein einziges Werk – den poetischen Roman Maria (1825) – veröffentlichte und als erster Pole den Mont Blanc (1818) bestieg. Liskowacki konzentrierte sich auf die letzten fünf Lebensjahre Malczewskis. Es war dies eine bewegte Zeit, gezeichnet durch einen öffentlich breit diskutierten Skandal (eine für die damalige Gesellschaft anstößige Beziehung des Poeten zu einer verheirateten und geistig kranken Frau). Die zweite Erzählung bringt uns die Ferienabenteuer eines kleinen Jungens namens Muszka näher. Die Handlung ist im Heute, in einem Ferienort, angesiedelt. In anekdotenhaften Schichten berichtet der Autor in ihr vom Aufeinandertreffen eines emotional verwahrlosten Kindes mit einem Unbekannten, halb Flüchtling halb Bandit, der von Muszka mit Essen und Kleidung versorgt wird. Obwohl eine jede dieser Erzählungen für sich eigenständig existieren könnte, entschied sich der Schriftsteller zur Synthese. Worin ist diese motiviert? Mit Sicherheit im Spiel mit der Titelmetapher (mariasz bezeichnet sowohl ein altes polnisches Kartenspiel, wie auch ein König/Dame-Paar ein und derselben Farbe). Es gibt also spielerische Reflexionen: die Geschichte Malczewskis wird rückwärts erzählt (die Erzählung beginnt mit dem Tod des Autors im Mai des Jahres 1826), die Geschichte von Muszka und dem Unbekannten verläuft traditionell, in Form einer Relation von Ursache und Wirkung. In beiden Erzählungen taucht nicht nur das Kartenspiel als Motiv auf, sondern das Spiel in seinen diversen Bedeutungen. Malczewski spielt mit der Umgebung um Akzeptanz und Anerkennung um damit die Infamie des Milieus zu überwinden. Den Jungen und den bedrohlichen Mann hingegen verbindet ein psychologisches Doppelspiel.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Muszka ging zum roten Geviert, im Glauben der Unbekannte hätte die ihm hingebrachten Sachen dort hinterlassen. Wenn er dies nicht getan hat, fände er sie nie mehr und sie würden ihn danach ausfragen. Er wird die Schultern heben, oder sich etwas einfallen lassen. Und sie wird ihm schweigend zuhören, nach einer Zigarette greifen, diese ganz ruhig zurechtkneten und dabei aus dem Fenster starren.
Wenn der Unbekannte hier übernachtet hat, dann hinter der Fachwerksmauer.
Ein einfacher Gedanke, den man ja nicht aufscheuchen darf. Man zieht ihn vorsichtig aus dem Boden, wie einen Regenwurm. Du schnappst ihn dir und hältst ihn bis er in den Fingern erschlafft und sich herausziehen lässt; zerrst du zu fest, reißt er ab. So verteidigt er sich. Und danach wächst er wieder nach. Mit dem Vater ging er Würmer sammeln. Zum Fischen ging er dann nicht mit. Die dunklen Rücken der Rotaugen im Eimer, die übertriebene Begeisterung der Surmaczowa, „Sie haben das wirklich alles heute herausgeholt“. Feierliches Braten. In jede Ecke hineinkriechender Ölgeruch. Gräten zwischen den Zähnen.
„Schnapp dir den Regenwurm, Muszka. Du siehst ihn doch.“ Der Unbekannte hatte nicht gesagt, dass er über Nacht bleiben würde. Er hatte nur gesagt, dass ich erst nach Mittag hierher kommen darf. Vielleicht wollte er weiter nichts sagen. Nichts mehr sagen. Vielleicht konnte er nicht mehr sagen. Oder aber er wusste nichts genaues. Und dies kann ebenso bedeuten, dass er jetzt dort ist, dort drinnen.
Muszka hatte schon darüber nachgedacht, als er sich dem Ort näherte. Schließlich wäre dies doch naheliegend. Es würde dann aufhören, wenn der Unbekannte sich nicht mehr zeige. Er kam ihm nicht entgegen. Er sprang aus keinem Versteck. Aus diesem hier zum Beispiel.
Warum hätte er sich eigentlich vor Muszka verstecken sollen. Die ganze Zeit verborgen dasitzen, wenn sich Muszka in der Gegend herumtrieb.
Die ganze Zeit. Muszka blickte auf die Uhr. Zwölf vor zwölf. Eine komische Uhrzeit. Er ging hinein. Die dunkelblaue Weste lag in der Ecke, unter einem heruntergefallenen Dachelement. Er hob sie auf. Sie war nicht nass, jedoch schwer von der Feuchtigkeit. Wie ein Spürhund beschnüffelte er sie. Mehr war da Erinnerung, als dass er es tatsächlich roch, Kartoffelkraut, Karottenkraut, zarte Hülsen, Hühnermist und verblühter, betäubender Geruch von Jasminwasser. Kräftig sog er die Luft ein; beißenden, frischen Tabakdunst roch er jedoch nicht. Dies kam ihm seltsam vor, aber eigentlich riechen Regen und Rauch ähnlich.
„Alles wegen diesem Gestank. Eine Axt könnte man hier aufhängen“, hatte die Surmaczowa gesagt und dabei das Fenster geöffnet. Er hatte sich dies damals als eine große, an der Decke weiß glänzende, Klinge vorgestellt. Drückender, übler Geruch haftete an den vier Wänden, die weder Tür noch Fenster hatten. Über ihnen kann man jetzt den Himmel sehen, der von einer ausgewaschenen Sonne erhellt ist.
Er blickte sich nach der Plastiktüte um, konnte sie jedoch nirgends erblicken. Er ging hinaus, um noch bei den Obstbäumen zu suchen.
Nicht sofort hatte er begriffen, dass er lag. Es war ein starker, schneller Stoß gewesen. Er wusste lediglich, dass er am Boden, auf seiner rechten Hand, liege. Ich bin hingefallen, dachte er sich. Sicher bin ich verletzt.
Erst dann erschrak er. Und über sich sah er den Unbekannten. Dieser stand, finster und bewegungslos, in der hohen Sonne.
Dafür bewegte sich jedoch Muszka; die Hand schmerzte ihn und er versuchte die Last seines Körpers auf den Rücken zu verlagern. Er machte dies und der Unbekannte sagte nichts. Muszka, der auf dem Rücken lag und den die raufgerutschte Weste irgendwo an der Schulter drückte, fiel jedoch ein, dass es besser wäre sich auf den Bauch zu drehen. Um nichts sehen zu müssen. Ein Insekt liegt auf dem Rücken. Es stellt sich tot. Aber auch so, wird man es mit einem Stöckchen über den Sand in Richtung Ameisenhaufen, Feuer oder Pfütze schieben. Damit es auch wirklich tot sein würde.
Nichtgeschluckter Speichel rann ihm in die Kehle. Er verschluckte sich so sehr, dass ihm die Luft wegblieb.
„Wozu hast du eine Uhr, verdammt, wenn du nicht weißt, wie spät es ist“, sagte der Unbekannte.
Muszka schwieg. Er wollte die Augenlider zukneifen, hatte jedoch nicht den Mut dazu. Er musste hinschauen. Der Unbekannte wollte es so. Deswegen steht er über ihm.
„Wenn du dich auf einer gewöhnlichen Uhr nicht auskennst, dann lerne die Sonnenuhr zu lesen. Werfe ich etwa irgendeinen Schatten. Nein. Was bedeutet das also.“
„Dass Sie ein Vampir sind“, sagte Muszka.
Losprusten, ein wahres Gebell. Ein gutes Zeichen, da es kein Lachen ist.
„Dass wir Mittag haben, du Dreckskerl.“ Der Unbekannte bewegte sich endlich und steckte die Hände in die Hosentaschen. Er stieß Muszka mit dem Fuß. „Du solltest doch nicht vor Mittag hierher kommen. Vielleicht solltest du dann gar nicht da sein.“
Die so offen ausgesprochene Drohung klang hohl. Solange der Unbekannte sprach, fühlte sich Muszka einigermaßen sicher. Die Plötzlichkeit der Attacke und die angestaute Spannung, die Muszka in seiner Stimmer hören konnte, sagten mehr als Worte.
Eine Antwort war gefragt. Irgendeine, selbst ohne eine dazupassende Frage.
„Ich bin gekommen um Frau Surmaczowas Weste zu holen. Sie hat schon überall danach gesucht. Ich musste kommen.“
„Warum lügst du.“
Verhör eines verletzten Gefangenen, kam Muszka in den Sinn. Er steht, ich liege. Du lügst wie ein Hund. So sollte es sein. Vielleicht ist alles so. Ist es aber nicht.
„Na ja, wenn Sie wissen, dass ich lüge und sehen können was ich denke.“
Der Tritt war nicht stark und wirkte erzwungen, schmerzte jedoch. Der Unbekannte zischte, als täte es ihm ebenfalls weh.
„Verdammt, hab ich dir nicht gesagt, du sollst auf die Fragen antworten und nicht klugscheißen. Das hast du doch nicht vergessen. Bist du so dumm, oder was?“
Reflexartig krümmte sich Muszka, in Erwartung neuerlicher Schläge, zusammen. Und wieder fürchtete er sich. Der Unbekannte fürchtete sich wieder. Und Muszka fürchtete dessen Angst. Er wusste, dass ihm jetzt weder schreien noch weinen erlaubt war. Oder etwa zu flehen. Wenn du winselst, bekommst du’s auf den Hintern. In der Schule wurden diejenigen am meisten geschlagen, die sich verheult auf die Knie warfen und flehten. Solche schlug man und wartete bis sie wieder damit aufhörten. Dann auch hörten die Schläge auf. „Ich rede nicht klug daher, Sie haben mich doch nach überhaupt nichts gefragt.“
Der Unbekannte schwieg, so als würde er sich anschauen, was er da hörte. „Wer hat dich hierher geschickt“, erwiderte er schließlich; man konnte hören, dass er schon wieder seiner Stimme Herr war.
„Niemand. Ich selbst.“
„Selbst ging mit der Kuh in die Stadt.“
Muszka blickte unsicher drein. „Selbst wollte ich hierher“, wiederholte er und berührte seine Beine dort, wo es vom Tritt schmerzte. Er suchte mit den Fingern entlang der Waden nach der Stelle. Fand sie jedoch nicht.
„Selbst, selbst, der große Selbst. Ich weiß schon, dass niemand mit dir gekommen ist. Aber dort? Wem hast du dort von mir erzählt?“
Jetzt. Muss er dass jetzt sagen.
„Niemandem. Ich bin gekommen, weil ich es wollte. Damit Sie hier bleiben können.“
Der Unbekannte nahm seine Hände aus den Hosentaschen. Er hatte kein Messer in der Hand. Er wischte die Hand in der Hose ab, hockte sich hin und blickte längere Zeit schweigend auf den Jungen. Aufmerksam, ohne Wohlwollen, jedoch auch ohne Widerwillen. Muszka fasste diesen Blick als Chance auf. Eine solche, durch die es noch schwieriger werden würde.
„Ich gebe dir einen Bonus, nimm dir Wein.“ Der Vater spielte mit ihm Russisches Schnapsen nur in den Ferien. Muszka konnte diese ungeschriebene Regel nicht ausstehen, wonach er das Pik-Paar bereits am Start, noch vor der Lizitation, bekam. Doch auch dies half ihm nicht, denn der Vater konnte immer mit einem höherem Atout trumpfen, bevor die Pik auf den Tisch kamen. Oder er nahm ihm mithilfe eines starken Talons noch vor dem Ansagen Dame oder König. Dabei pfiff er immer etwas vor sich her was keine Melodie hatte.
Der Unbekannte streckte seine Hand aus und Muszka kauerte sich, in Erwartung eines Schlag, zusammen. Er spürte jedoch nur eine Berührung.
„Du hast dich geschnitten.“
„Nein. Keine Ahnung.“
„Sicher beim Rasieren.“
Jetzt entdeckte Muszka den Geruch wieder. Bitterer, von Feuchtigkeit durchdrängter Zigarettendunst und sauren, erkalteten Schweißgeruch. Die helle Stoffjacke war an Ärmeln und Knöpfen beschmutzt. Spuren von Erde und Gras, Hautflecken älterer Menschen ähnlich.
Er wollte auch seine Wangen berühren, bewegte jedoch nur die Finger.
„Ach, das ist nichts. Von den Ästen.“
Der Unbekannte stand auf und sah sich in aller Ruhe um. So als würde er einzig eine Bestätigung dessen suchen, was er schon weiß. Schlussendlich machte er einen Wink mit seiner Hand.
„Nun komm schon. Steh auf.“

Aus dem Polnischen von Markus Schnabel