DIE NEUE BLUME DES KAISERS (UND DIE BIENEN)

Bereits in seinen ersten beiden Romanen Nicht der Hit und Das Wunder zeigte sich Ignacy Karpowicz als origineller und überaus einfallsreicher Prosaist. Doch mit Die Neue Blume des Kaisers hat sich der Autor selbst übertroffen. Es fällt schwer, diesen Text einer bestimmten Gattung zuzuordnen, er enthält Elemente der Reportage, des Romans, des Reisetagebuchs und von etwas, das man als romantisch-ironisches Prosaepos bezeichnen könnte. Karpowicz selbst charakterisiert seine Erzählweise – mit der ihm eigenen Hintergründigkeit – folgendermaßen: „Ich bin ein Schwarzfahrer des Exkurses (...) Alles, worüber ich schreibe, interessiert mich – und gleichzeitig ist mir nichts besonders wichtig“. Er erzählt von seinen Reisen nach Äthiopien, einem von der Geschichte gezeichneten, armen afrikanischen Land, das bereits im Mittelpunkt von Ryszard Kapuścińskis ausgezeichneter Reportage „König der Könige. Eine Parabel der Macht” stand. In seiner ausschweifenden Narration, die so flirrend ist wie die heiße afrikanische Luft, erzählt Karpowicz von seinem Aufeinandertreffen mit einer anderen Kultur (in der man Weißen auf eine sehr spezifische Art begegnet), berichtet von seinem Kampf mit einer nahezu kafkaesken Bürokratie, beschreibt das heutige Äthiopien und seine Einwohner, gibt einen Abriss der Geschichte dieses Landes und präsentiert die faszinierenden Denkmäler und Landschaften, über die in Europa kaum etwas bekannt ist. Und all das würzt er mit einer großen Portion Ironie und feinen Humors, die fast schon zu seinem Markenzeichen geworden ist.
Wenn ich an Ignacy Karpowiczs neuen Roman denke, kommt mir unweigerlich das Wort „seltsam“ in den Sinn. Ja, es ist eine seltsame Prosa, doch diese (vor allem formale) Seltsamkeit ist – so meine ich zumindest – vom Autor beabsichtigt. Auf eben diese Weise versucht Karpowicz die „Seltsamkeit der Existenz“, die ihn während seiner Reisen durch Äthiopien anfiel, in Worte zu fassen.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Addis liegt 2400 Meter über dem Meeresspiegel und ist somit die am dritthöchsten über Meeren und Ozeanen emporragende Hauptstadt weltweit. Der Reiseführer von Herrn Briggs ist nicht der Einzige. Aus einem anderen (bei Camerapix erschienenen) Werk fördere ich die folgende charmante Beschreibung zutage, die aus sicherer Realitätsferne geschrieben wurde, oder von jemandem, den man dafür bezahlt hat: „Breite, dreispurige Straßen, eine eindrucksvolle Architektur, herrliches Wetter und Karawanen von Eseln, die malerisch durch die Boulevards ziehen, machen die Neue Blume zu einem empfehlenswerten Reiseziel“. Als sei dies noch nicht genug führt der Autor auch noch die Fülle von gemütlichen Cafés und Konditoreien ins Feld, die ein wenig an Rom erinnert. Klar doch. (…)
Ich biege nach rechts in eine Straße mit dem vertrauten Namen Wavel. Ich werde noch bei verschiedenen Gelegenheiten die Namen von Straßen nennen – obwohl es nicht den geringsten Nutzen hat. In erster Linie weil die Straßen hier überhaupt nicht gekennzeichnet sind und ihre Namen lediglich auf den Stadtplänen erscheinen. Die Einzigen, die von ihnen Gebrauch machen, sind weiße Touristen und – zu diesem Punkt gibt es widersprüchliche Aussagen – die äthiopische Post. Eine gewisse Erschwernis stellt auch die Tatsache dar, dass jede einigermaßen ansprechende Straße oder Allee ein Recht auf zwei, drei oder sogar noch mehr Synonyme für sich in Anspruch nimmt. Diese Bezeichnungen sind generell austauschbar. Und es wäre gar nichts an einem solch verschwenderischen Umgang mit Straßennamen auszusetzen, wenn jeder sie alle kennen würde.
Leider ist dies nicht der Fall. Wenn ihr euch verirrt, wird kaum jemand, den ihr nach dem Weg fragt, euer topografisches Wissen mit euch teilen. Und selbst wenn sich herausstellen sollte, dass sowohl ihr als auch die von euch gefragte Person denselben Begriff wiederholt, ist noch lange nichts gewonnen. Die Gründe hierfür können vielfältig sein. Um die Dramatik der Situation zu verdeutlichen, möchte ich die wahrscheinlichsten einmal nennen. Euer Gegenüber versteht kein Englisch und spricht einfach nach, was ihr gerade gesagt hat. Euer Gegenüber versteht Englisch, weiß aber nicht, wovon ihr redet, und spricht euch nach, um ein wenig mit euch zu schwatzen. Euer Gegenüber versteht Englisch und weiß, wovon ihr redet, hat jedoch keine Ahnung, wo sich die gesuchte Straße befindet, und spricht euch nach, um euch nicht zu kränken. Euer Gegenüber versteht Englisch, weiß, wovon ihr redet, und kennt – wie er euch versichert – sogar den Weg dorthin.

Armer, einfältiger Tourist! Du bist noch längst nicht gerettet!

Im besten Fall denkt euer Gegenüber an den dritten Namen einer Straße, der bereits seit Jahren nicht mehr in Gebrauch ist (außer in dem Stadtteil, in dem du dich gerade befindest), während du an den ersten Namen einer Straße denkst, der so alt ist, dass ihn längst alle vergessen haben. Folgst du nun also jener mühsam errungenen Wegbeschreibung, kannst du sicher sein, auf gänzlich unerforschte Gegenden zu stoßen. Es lohnt sich. Deine Situation erfährt keine wesentliche Änderung: Noch mehr verirren kann man sich nicht. Entweder man hat sich verirrt oder nicht, dazwischen gibt es nichts, so mahnt uns die protestantische Prädestinationslehre. Du wolltest reisen und jetzt hast du, was du wolltest: Du besuchst Orte, an denen du noch nie zuvor gewesen bist.
Entgegen allem Anschein entspringt die äthiopische Vorliebe für Wort- und Namensschöpfungen einer zutiefst ästhetischen und philosophischen Grundhaltung. Man muss nur ihre Denkweise verstehen: Irgendein hohes Tier denkt sich einen Namen aus. In der Regel fragt er die Einwohner nicht, ob ihnen der neue Name gefällt und ob er die topografische Realität angemessen wiedergibt. Er macht sich auch nicht die Mühe zu überprüfen, wie man zum Beispiel diese Allee bis dahin eigentlich genannt hat. Denn irgendwie muss man sie ja schließlich genannt haben, die Stadt duldet kein Vakuum. Und was nun? Soll man sich etwa einfach so mit der Inkompetenz irgendeines Beamten abfinden? Niemals! Soll er sich doch von seinem Schreibtisch herab so viele Namen ausdenken, wie er will.
Folgen wir dieser Spur. Sie ist sicher. Wir werden uns nicht verirren.
Wir haben also einen Namen. Doch die Welt steht nicht still, überall entstehen neue Gebäude, die alten zerfallen, die Straße lebt, verändert ihren Charakter, vielleicht wird sie sogar asphaltiert. Und was nun? Soll ein einziger Name sie für alle Zeiten beschreiben?
Blödsinn!
Der Name muss geändert, an die jeweilige Situation angepasst werden. Nur so bleibt sein Bezug zur Realität erhalten. Nur so vermag er der schillernden Vielfalt des Universums gerecht zu werden. Aus diesem Grund operieren die Äthiopier mit mehreren Namen gleichzeitig. Nicht selten kommt es auch zu Namenswanderungen. Früher hieß diese Straße einmal Schöne Straße, doch dann wurde hier ein Hochhaus gebaut: Und vielleicht war sie früher einmal schön, aber heute ist sie es nicht mehr. Dafür wurden ganz in der Nähe Eukalyptusbäume gepflanzt, die sehr schön aussehen, also wird diese Straße zur Schönen Straße. Leider hat die Polizei nicht richtig auf die Eukalyptusbäume aufgepasst, sodass sie schon bald darauf zu Brennholz verarbeitet wurden. Im Grunde waren aber nur die Eukalyptusbäume schön gewesen, jetzt war die Straße war nur noch die Schmale Straße. Ganz in der Nähe jedoch ...
Darüber hinaus lässt diese Form der sprachlichen Aktivität auch Raum für den Ausdruck der eigenen Individualität: Mir gefällt dieses Hochhaus, ändert den Namen, soviel ihr wollt, für mich bleibt es die Schöne Straße.
Ich muss zugeben, dass ich diese ständig neu bezeichnete, immer wieder aufs Neue geschaffene, wie ein Regenbogen flüchtige Welt, im ersten Moment als feindlich empfand, quasi als afrikanische Spielart des Großstadtdschungels. Später jedoch, als ich den schmerzhaften Prozess der Anpassung bereits hinter mir hatte, lernte ich diese Tradition der Unordnung und Lebendigkeit bedingungslos zu lieben.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau