ITALIENISCHE GESPRÄCHSBÜCHER

Für Bianka Rolandos Debüterzählband waren ihre Herkunft wie ihre Ausbildung von großer Bedeutung. Italienische Gesprächsbücher ist der Versuch, von einer Identität zu erzählen, die durch vier Kulturkreise geprägt wird: das Polnische, das Italienische, die Malerei und die Literatur.
Ins Spiel kommt hier eher Impression als autobiographisches Erzählen, die Schriftstellerin spricht nämlich nur selten über sich selbst und sucht dann Zuflucht bei Fakten aus ihrem Leben. Doch nicht Fakten konstituieren dieses Buch, sondern die Art, wie Rolando spricht. Wie sie auf ihre Zweisprachigkeit und ihre Bikulturalität Bezug nimmt und wie sie Wort und Bild verknüpft. Jeder der elf Texte, die den Erzählband bilden, wurde durch ein ausgewähltes Meisterwerk der italienischen Malerei inspiriert und wird von einer graphisch-fotographischen Arbeit begleitet. Sichtbares und Lesbares sind hier aufs Engste miteinander verbunden.
Daraus entstand eine originelle und eindrucksvolle Mischung. Sie umschließt eine zeitgenössische Interpretation der Szenen auf den Bildern und den Versuch, diese Darstellungen zur heutigen Mentalität in Bezug zu setzen; der Mentalität derer, die in der Betrachtung des jeweiligen Bildes ihre eigenen Probleme wiederfinden. Rolando siedelt sich selbst unter den potentiellen Betrachtern oder den Porträtierten an: Sie belauscht sie nicht nur, sondern lauscht auch in sich hinein.
Die kleinen „Bildchen” changieren zwischen verschiedenen Schattierungen und bieten viele Spuren, denen man bei der Lektüre folgen kann. Dieses Spiel spiegelt sozusagen den Lernprozess und die Entdeckung des Reichtums der Sprache – angefangen von Abzählreimen für Kinder, Sprichwörtern oder Liedern, die kunstvoll in den Erzählfluss eingeflochten werden.
Auch wenn der Gegenstand der Analyse hier ungewöhnlich bedeutsam ist, scheint das von Rolando aufgezeigte Problem der Multikulturalität eine nicht minder wichtige Frage zu sein. Die Autorin konzentriert sich nicht auf die Unterschiede, sondern das Gemeinsame. Auf universelle Symbole und dem allen Europäern gemeinsamen Traditionsstrang der Kultur. Italienische Gesprächsbücher ist ein ausgezeichneter Beweis dafür, dass, auch wenn uns die Sprache trennt, immer noch andere Verstehensebenen bleiben – die Geste, der Gesichtsausdruck oder der Tonfall der Stimme.

Marta Mizuro

AUSZUG

Marta bricht nach Putzmitteln duftend (ihre angeborene Liebe zum Badezimmerschrubben) zu ihrer Schwester Maria auf. Sie legt ihren grauen Umhang um. Heute trägt sie ein blaues Kleid.
Gib deiner Schwester die Puppe zurück, zieh sie nicht an den Haaren. Immer ist es dasselbe, immer ist sie unschuldig, weil sie jünger ist.
Marta hat eine auf Kredit gekaufte kleine Einzimmerwohnung, die leer steht. Im Augenblick steht dort nur ein Ikea-Bett aus dem Sonderangebot. Sie ist einsam. Die Schenkel verwachsen miteinander, die Brüste füllen den BH nur der Form halber.
Sie kann ihre Schwester nicht ausstehen. Nie waren sie zusammen einkaufen gegangen, um sich Handtaschen oder die widerlichen, billigen Ballerinas mit den Punkten zu kaufen.
Maria hat, als sie klein war, ihre Schwester gebissen. Sie hat angefangen. Gar nicht wahr, sie war’s. Sie waren einander nicht ähnlich, auch wenn manche in der Familie witzelten, sie seien beide füllig wie frische Brötchen.
Vater, Gott hab ihn selig, der in einem winzigen Tümpel angelte (nie hatte er auch nur einen einzigen Fisch geangelt), sprach von seinen Töchtern als schönen Schiffen. Verkalkung. Nette, sehr schlichte Metaphern.
Zwei Windjammern mit sehr ähnlichen Ausmaßen können mit verschiedener Verzögerung auf die Bewegung des Steuerrads reagieren. Sie können andere Eigenschaften im Wind haben. Sie können ihre Merkmale verändern – abhängig von der Windstärke und der Höhe der Wellen.
Maria bekam immer die interessanteren Geschenke (die Hawaii-Barbie mit Pferdchen, das jeden mit seinem verlangenden Blick anschaute). Sie war verwöhnt und beliebt, die fette Robbe. Das arme Mariele. Ihr Haar war zu einem Zopf geflochten. Ihre Zähne waren immer braun von Schokolade. Gib ihr dies zurück, gib ihr jenes zurück.
Marta fährt in einem überfüllten Bus zur Schwester. An jeder Haltestelle steigen Unmengen von Menschen ein. An jeder Haltestelle ein Superkraftakt. Der Bus kommt zur Endhaltestelle. Von dort ist es nicht mehr weit bis zur Schwester. Sie zerbeißt ein hartes Minzbonbon, um ihren Atem zu erfrischen. Heute will sie mit ihr sprechen, vielleicht streiten.
Maria öffnet ihr die Tür. In ihrer Wohnung ist der Strom abgestellt (die Stromrechnungen für März und April sind nicht bezahlt). Sie sitzt im Halbdunkel, kämmt ihr Haar.
Warum wurde der Strom abgestellt? Warum bist du arbeitslos? Du bist völlig verantwortungslos – wie immer. Wirst du in alle Ewigkeit auf meine Hilfe rechnen? Ihre Hände geraten in Bewegung. Sie werden sich nicht prügeln wie Grundschulgören auf dem Schulsportplatz nach dem Unterricht. Das ist nur Navigation per Hand. Die linke Hand nach unten, die rechte hebt den Zeigefinger. Die Rechte hebt den Zeigefinger, die Linke zeigt nach unten. Das sind alle Vorschriften, die auf binnenländischen Wasserwegen gelten, ergänzt von den Anordnungen binnenländischer Genueser Schiffahrtsinspektoren in Fragen lokaler Familienkonflikte.
Du bist nicht meine Schwester. Ich sehe in den Spiegel, und dort sehe ich meine Schwester, aber nicht hier. Hier sehe ich nur einen feisten Hampelmann, der von Kindheit an Flanellunterhosen trägt. Jetzt trägst du sie sicher wieder.
Musst du immer so fürchterlich umsichtig sein? Immer wirfst du mir vor, dass ich mehr bekommen habe als du. Kannst du dich erinnern, wie fest du mich geschlagen hast? Du hast meine Hawaii-Barbie kaputtgemacht, ihr den Kopf abgerissen und die Finger abgebissen. Du bist die Nacht, ich bin der Tag.
Die Wettervorhersage. In der Nacht bedeutend kälter als tagsüber. Eventuell Gewitter mit vorüberziehenden Tränenschauern.
Ich bin völlig einsam. Ich führe Selbstgespräche. Nie haben wir einander geholfen. Als unsere Eltern gestorben waren, hast du aufgehört, dich für mich zu interessieren. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass wir zusmmen einkaufen gehen. Wir hätten uns drollige Handtaschen gekauft und diese widerlichen Ballerinas mit den Punkten.
Jetzt habe ich es sehr schwer. Ich brauche dich, denn schließlich ist der Abstieg von der Untiefe einer großen Windjammer wirklich schwer. Es gibt außergewöhnlich unglückliche Umstände. Wenn es schon zu einer so schweren Situation kommt, muss man einen Schlepper oder ein Rettungsschiff rufen.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier