DIE MASKE DES HARLEKINS

Die Maske des Harlekins ist nach Polnische Sonate und Der Berg der schlafenden Schlangen der dritte Teil eines Romanzyklus von Hanna Kowalewska. Den Zyklus verbinden die Hauptfigur Matylda, ein Häuschen in Zawrocie als Ort der Handlung, das Tagebuch als Erzählform und die verstorbene Großmutter als Adressatin der Bekenntnisse. In den einzelnen Teilen wird das wechselvolle Schicksal der Hauptfigur erzählt (vor allem in Herzensdingen), doch zugleich steht immer auch – und das unterscheidet die einzelnen Romanakte voneinander – ein neues Geheimnis aus der Vergangenheit im Zentrum der Handlung. Der Besitz in Zawrocie ist eine Art Katalysator für Matyldas detektivische Neigungen, hier liegen die Spuren verborgen, die zu den Geheimnissen ihrer Familie führen, und hier „materialisieren sich” auch die Geister der Vergangenheit.
Ein solches Gespenst ist Olga, eine ehemalige Kommilitonin und Rivalin der Hauptfigur. Olga und Filip „der Verrückte”, Matyldas späterer Ehemann, waren ein Paar gewesen. Zwar hatte Olga den Kampf um ihn verloren, gleichzeitig war sie die einzige Zeugin von Filips tragischem Tod. Nach zehn Jahren, die seit jenem Ereignis verstrichen sind, kehrt sie nach Polen zurück und provoziert die Heldin zu einer neuen Ermittlung. Um die Wahrheit zu erfahren, wird sich Matylda der traumatischsten Erfahrung ihres Lebens stellen müssen. Und sich bei dieser Gelegenheit auf einen sadomasochistischen Entscheidungskampf mit einer Frau einlassen, die sie zutiefst hasst. Die Zeit wird jedoch zeigen, welche der beiden Protagonistinnen stärker leidet..
Hanna Kowalewska bestätigt in diesem Roman ihr Talent für den Aufbau einer spannenden Romanhandlung und die Konstruktion einer Intrige. Sie ist auch eine ausgezeichnete Kennerin menschlicher Charaktere. Die Maske des Harlekins changiert also zwischen einem Thriller und einem psychologischen Roman.

Marta Mizuro

AUSZUG

„Europa!”, fauchte sie und begutachtete den nächsten Kratzer im Leder ihrer italienischen Pumps. „Elendes Geschluder! Noch schlimmer als zu Zeiten der Kommune. Damals wusste der Mensch wenigstens, was ihm widerfahren konnte. Er war geistig darauf vorbereitet. Und jetzt hofft man auf werweißwas!”
Vor zehn Jahren hatte Olga noch keine Highheels getragen, keine hautfarbenen Nylonstrümpfe und luftigen Gewänder. Sie hatte kein gefärbtes Haar auf dem Kopf, keine mit grellem Nagellack bepinselten langen Fingernägel und nicht Tonnen von Wimpertusche aufgelegt. Und sie bewegte sich nicht wie ein Dämchen, sondern stand mit beiden Beinen fest auf der Erde, trug solides Schuhwerk mit dicker, flacher Sohle. Warum hatte sie darauf beharrt, auf bürotauglichen Absätzen, in denen man stundenlang in der Nähe des Arbeitszimmers des Chefs am Schreibtisch sitzen konnte, die alte, neue Welt kennenzulernen, und das zu Fuß? Wozu brauchte sie Unbequemlichkeit und Schmerz? Warum hatte sie beschlossen, sich so furchtbar zu quälen? Wollte sie mir und sich beweisen, dass man diese Stadt in die Mülltonne klopfen konnte? Musste sie sie unbedingt so kleinmachen? Aber warum? Um ihr eigenes gegenwärtiges Leben zu erhöhen? Das Berliner? Das elegante? Das Highheelleben?
Das alles hatte keinen Sinn, jedenfalls konnte ich keinen finden. Sie stöckelte, ich ging in meinem alten Schritt, in bequemen, nicht schlecht geschnittenen Schuhen. Also passten wir wie schon vor Jahren nicht zueinander, wenn auch damals aus völlig anderen Gründen.
Nicht nur die Stadt, sondern die ganze Welt war in Olgas Gegenwart irgendwie anders. Es regnete, obwohl es nicht hatte regnen sollen. Zumindest war Olga davon überzeugt, dass es an genau diesem Tag nicht hätte regnen dürfen. Es hätte Hitze geben sollen, doch es gab keine. Olga stapfte in leichten Sachen in die Tiefe kalter Straßen, mit Gänsehaut, durchgefroren, kalt erwischt von der plötzlichen Kälte, die ihr durch Mark und Bein ging. Es sah aus, als verstünde sie diese Stadt und dieses Klima nicht mehr, nichts, was ihr früher so vertraut war wie mir. Sie beharrte zudem auf ihrer Ansicht, als müsste sich die Stadt und alles andere ihren Vorstellungen und Erinnerungen anpassen, nicht sie den Umständen.
In der Nähe der Centrum-Kaufhäuser, in einer Seitenstraße – wo Olga einen winzigen Teeladen suchte, den es hier einmal gegeben haben sollte und der sich jetzt einfach nicht finden wollte – trafen wir Jakub. Er trug unter dem Arm einen bunten Karton, dessen Aufkleber der ganzen Welt kund taten, dass er nicht nur ein fürsorglicher, sondern auch ein großzügiger Papi war. Ein Fernglas! Ein Geschenk für seinen Sohn! Nun ja, was sonst hätte ihn in der Innenstadt, die er nicht mochte, aus dem Auto bewegen können.
„Jakub? Soll heißen wer?”, fragte Olga provokativ, als wir uns gemeinsam unter die Schirme eines kleinen Cafés setzten. „Ein Bekannter? Ein guter Bekannter? Ein Freund? Der Liebhaber? Der Freund?”
Jakub war einen Augenblick lang verlegen. Er wusste selbst nicht, wer er für mich war.
„Ein Bekannter”, sagte ich für ihn, und er protestierte nicht.
„Die Bezeichnung behagt ihm offensichtlich nicht besonders”, bemerkte Olga ironisch. Sie nahm sich gleich eine Zigarette, wartete, bis Jakub ihr Feuer gegeben hatte, und setzte dann zu ihrem Monolog an. „Entweder wäre er gerne mehr, oder du hast nicht die Wahrheit gesagt.” Sie hatte die unerträgliche Manier, so zu sprechen, dass immer jemand vom eigentlichen Gespräch ausgeschlossen wurde. Diesmal war es Jakub. „Lass mich raten, Liebhaber. Ich weiß nur nicht, ob ehemaliger, gegenwärtiger oder auch nur potentieller.”
„Achte nicht auf sie”, brummte ich Jakub zu. „Sie ist so. Ihr scheint, dass das Menschenprovozieren der einfachste Weg ist, um sie zu enträtseln. Deshalb schießt sie so blindlings drauf los.”
„Manchmal trifft sie dabei ins Schwarze”, erwiderte Jakub, obwohl er wusste, dass mir das nicht gefallen würde.
„Na bitte!”, lachte Olga triumphierend auf. „Schießen wir weiter?”
„Hör auf!”, protestierte ich.
„Wie du wünschst.” Einen Augenblick lang widmete sie sich dem Zigarettenqualm. Aber sie hörte nicht auf, uns zu beobachten.
Um dem ein Ende zu setzen, griff ich nach der Speisekarte.
„Sie haben hier eine ziemlich gute Auswahl, vor allem an Tee. Jasmintee, tropischen, Preiselbeer, mit Ingwer, mit Walderdbeeren.”
„Das ist also heute dein Geschmack”, sagte Olga und schenkte meiner Aufzählung keinerlei Beachtung. Es war ihr gleichgültig, dass ihre Worte, vor allem aber ihr Ton Jakub verletzen konnte. „Schau...”, wandte sie sich an ihn, „Matylda und ich haben uns fast zehn Jahre nicht gesehen. Eine lange Zeit, nicht wahr?” Sie klopfte die Asche ab. Jakub nickte. „Ich entdecke sie ganz neu. Alles an ihr ist anders. Du erinnerst auch in nichts an den Kerl, den sie damals liebte. Ihr Mann... Das klingt seltsam, wenn man über jemanden wie Matylda spricht.”
Sie sah ihn mit einem ironischen Lächeln an, sie wollte sehen, welchen Eindruck das auf ihn machte. Jakub trug jedoch bereits die Maske der Gleichgültigkeit. Er stieß Zigarettenrauch aus und beobachtete das graue Wölklein gelassen, als beträfe die ganze Ansprache gar nicht ihn.
„Zehn Jahre?”, fragte er einen Augenblick später und gestattete auch sich einen Anflug von Ironie. „Ausland, Gefängnis oder Nervenheilanstalt?”
Olga lachte auf.
„Erraten. Jetzt muss man nur noch ‚oder’ herauslassen ”, sagte sie, „es hat sich doch gelohnt, sich von hier für eine Weile loszureißen, um jetzt euch beide und all das ringsherum zu sehen. Ein gar nicht übles Irrenhaus. Vielleicht auch ein Wanderzirkus. Ja, das ist wohl der bessere Ausdruck. Und die da”, sie deutete auf mich, „immer auf dem Hochseil, mit dem Schirmchen. Früher hat sie sich darauf herumgetrieben, weil sie glaubte, die Erdanziehungskraft gäbe es für sie nicht, jetzt weiß, dass das nicht stimmt, aber sie möchte sich an diesen Zustand erinnern, als sie sich täuschte. Vielleicht ist der Grund auch ein anderer? Vielleicht sucht sie da oben Seilakrobaten? Wer kennt sich schon bei ihr aus? Und du, was denkst du dazu?”
„Ich denke, dass es dir auf solchen Absätzen schwer fiele, auf dem Seil zu gehen.”.


Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier