DIE REBELLION

Mariusz Sieniewicz hat sich bereits zu erkennen gegeben als ein Schriftsteller mit einer originellen und ungezügelten Phantasie, möglicherweise ist er neben Jacek Dukaj der einzige Prosaist der jüngeren Generation, der imstande ist, in seinen Texten vollkommen neue Welten zu erschaffen. Im neuesten Roman, Die Rebellion, hat sich Sieniewicz jedoch selbst übertroffen. Das Buch ist eine Dystopie, in der in überzeichneter Form die Ängste und Probleme der Moderne gezeigt werden. Sieniewicz beschreibt „die Zivilisation des Großen Knirpses”, in der der Terror der Jugend, Schönheit und Gesundheit herrscht und das Alter verfolgt und ausgeschlossen wird. Die Handlung des Romans spielt vor allem auf der imaginären „Insel der Alten”, wo die Alten unter der Aufsicht von metrosexuellen „Mädgen-Jungels” (die Insel funktioniert ein bisschen wie ein Arbeitslager) die Leichen junger, schöner Menschen einbalsamieren, die im Mausoleum zur Ehre der Jugend ausgestellt werden sollen. Aber die Herrschaft der sich als Gebieter aufspielenden Jugend ist nicht gottgegeben, die verzweifelten Alten bereiten eine „geriatrische Revolution” vor, an deren Spitze Błażej Kolumbus steht, der etwas von den Erlösern des Alters, etwas von Neo aus dem Film Matrix (Sieniewicz mischt im Roman Bezüge zu „Texten” verschiedenster kultureller Register) hat… Sieniewicz hat sich bereits mehrfach mit dem Problem des Ausschlusses und der Marginalisierung von Menschen und ganzen Gesellschaftsgruppen beschäftigt, auch häufiger schon hat er mit seinen Texten bewiesen, dass man über diese Dinge in einer Sprache schreiben kann, die mit dem Stil von Propaganda wenig gemein hat. Sieniewicz schreibt nicht nur über die Rebellion der Alten, die Rebellion findet auch in der Sprache seines Romans statt, in dem verschiedene Sprachvarianten aufeinanderprallen, Klischees der Gegenwartssprache wechseln sich mit einer poetischen, symbolgeladenen Metaphorik ab. Fast jeder Satz von Die Rebellion wird für den Leser zu einem sprachlichen Abenteuer. Würde Witkiewicz heute leben, er würde sicherlich wie Sieniewicz schreiben!

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Das gigantische Bauwerk erinnerte an ein Gotteshaus der Neorenaissance, das man in einen kosmischen Meteoriten gehauen hatte. Das dem galaktischen Erz innewohnende Sakrale war hier sicherlich am besten aufgehoben. Risse gleich länglichen Glasfenstern zersprengten die Steinmauer, während die mit Ornamenten verzierte Kuppel – die an manchen Stellen von Moos überwachsen und von jedem Winkel der Insel zu sehen war – wie der Panzer einer futuristischen Schildkröte aussah. Vom oberen Teil der Fassade schielte das gigantische Auge eines Mandalas. Darunter eine anonyme Inschrift:
JUGEND WÄHRT EWIG, IST EIN EWIGER JUNGBRUNNEN – NIEMAND VERGISST SIE, UND JEDER BLEIBT IHR TREU.
Zum gusseisernen Eingangstor führte ein über drei Steinstufen gelegtes Brett, vor dem die Spur der Lastwagen abbrach. Kaktus sah nach links und rechts und flüsterte, nachdem er die hoch angebrachte Klinke über seinem Kopf gedrückt hatte:
„Hilf mir, Błażej, verdammt noch mal! Du solltest größer sein als ich, da du auf einer höheren Stufe stehst.”
„Mann, du hast aber einen Leiterkomplex”, gab Kolumbus zurück.
Sie schoben das Tor auf. Es knarrte fürchterlich. Brrr… der reinste Horror! Eisige Kälte umfing sie – frostiger als in einem Kühlhaus. Es fehlte nur noch, dass vom fäuligen Friedhof her ein Wolf heulte und der Schatten einer Hand mit einem Messer über die Mauern huschte. Kolumbus bereute seine Neugier. Er hörte Orgelmusik. Jemand war am Spielen, jedoch die Reinheit und der Fluss der Musik ließen sehr zu wünschen übrig. Die Töne brachen ab, klangen falsch, waren flach und unregelmäßig. Passender wäre die Feststellung gewesen, dass jemand erst dabei war, sich die Geheimnisse der Noten, Oktaven und Violinschlüssel anzueignen, ohne jedoch den richtigen Schlüssel zu dieser unzugänglichsten aller Künste zu finden.
„Ganz ruhig. Der Große Knirps müht sich am Keyboard mit Bach ab. Matthäuspassion”, antwortete Kaktus sofort, als sie das Innere des Gotteshauses betraten, das in fluoreszierendes Licht getaucht war. „Hab keine Angst. Außer seinem Spiel hört und sieht er nichts. Manchmal glaube ich, dass er taub und blind ist. Der faschistische Narziss!“
Aber Kolumbus’ Miene war bereits der Beweis für die unter Philosophen beliebte These, dass allein die Fähigkeit, sich zu wundern, den denkenden vom gedankenlosen Geist unterscheidet. Er stand mit offenem Mund da, wie ein Geschöpf, das sich seiner Erbärmlichkeit bewusst ist, vor dem „etwas” auftaucht, was menschliches Maß und Verstehen übersteigt... Sich die verschiedensten Wachsfigurenkabinette der Welt zugleich vorzustellen, hieße, sich nichts vorzustellen. Gedanklich alle nur möglichen Magazine und Garderoben auf der Erdkugel mit ihren unzähligen Puppen, Marionetten und Mannequins zu erfassen, hieße, nur den Schatten des eigenen Gedankens zu erfassen. Mit enormer Willensanstrengung sämtliche Geheimlabors, in denen mithilfe chemischer Formeln der fortgeschrittenen Wissenschaft die Zucht des modernen Homunkulus betrieben wird, an einem Ort zu versammeln, hieße, den Willen eines Hohltiers zu haben.
Denn auf Sockeln und Podesten, Untersätzen und Postamenten standen hier mumifizierte Körper, die man auf Stangen aufgespießt hatte. Nicht enden wollende Legionen von Körpern! Von nackten und jungen Körpern. Körpern, die man zu Paaren verbunden hatte oder die in ihrer Einsamkeit über die Monaden grübelten.
„Wir haben das Beste aus der Geschichte des vergangenen Hundertgartens und aus der heutigen Zeit gesammelt”, teilte Kaktus mit, wobei eine kleine dichte Dampfwolke aus seinem Mund entwich. „Natürlich ist es das Beste gemäß dem Großen Knirps und den Jungels. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich ganz andere verewigen”, schränkte er ein. „Wenn du willst, schau dich um. Obwohl das Museum noch nicht fertig ist und erst für die zukünftigen Generationen vorbereitet wird.“
Kolumbus war etwas eingeschüchtert, wie sollte man hier auch nicht eingeschüchtert sein, wenn die angeblich berühmtesten Exponate der Vergangenheit, die schließlich, wäre nicht Kolumbus’ Gedächtnisschwund gewesen, ein Dokument seiner Vergangenheit sein könnten, von ihren Sockeln auf einen heruntersahen. Mut machte ihm Juanita Loslobos. Sie stand, als hätte jemand die Tänzerin während eines Walzers verzaubert. Worobiow hat das gut wiedergegeben, urteilte er und ging weiter. Diese ersten menschlichen Götter, von der Tür aus gezählt, schienen ihm recht gewöhnlich und durchschnittlich zu sein, selbst auf den Kärtchen stand nicht viel. Irgendein „Max Coldwey. DJ. US” mit einem Plattenspieler in der Hand, ein „Otto Schmidt. Designer. D” mit erhobenem Haupt oder ein „James Peadlow. Snowboarder. GB”, der ein gekrümmtes Stück Brett unter dem Arm hatte. Je weiter er aber in die mumifizierte Welt der Körper, Köpfe und Hände eintauchte, die in den raffiniertesten Posen erstarrt war, desto größer wurde seine Neugier und Begeisterung, und das Pantheon der Unsterblichen schien kein Ende zu haben. Zunächst blickte er verstohlen auf das Kärtchen, um zu wissen, mit wem er die Ehre hatte, dann bewunderte er die fachmännische Arbeit der Juvenilarbeiter. Bei allen Mumien fielen die meisterhaft vollendete Haut, das atemberaubende Spiel der Muskeln sowie das ideale Verhältnis von Gliedern und Oberkörper ins Auge. Körper ohne Makel und Falten lockten mit ihrer polierten Glätte. Die Perfektion rühmte sich ihrer selbst – von Fuß bis Kopf, von einem Gott zum nächsten. Die Betagtesten waren nicht älter als dreißig Gärten. Der vergangene, obwohl noch nicht abgeschlossene Hundertgarten musste eine fürchterlich jugendliche Zeit gewesen sein.
O, wer war denn der Junge mit dem apollinischen, schokoladenbraunen Körper und den schalkhaften Fransen anstelle von Haaren? Das Täfelchen lieferte sogleich die Antwort: „Bob Marley. Musiker”. In der Hand hielt er eine Gitarre, die Kolumbus an die Worte eines alten Liedes erinnerten: ein Junge mit ‘ner Gitarr, wäre für mich ein Paar, ein Pararar-rara-ra... Nach ihm eine Mumie mit großen Rehaugen – „Kurt Cobain. Musiker.” Und die Blondine, die Gold und Rouge aufgelegt hatte, das war sicherlich Miss Mausoleum – „Barbara Handler. Barbie.” Daneben, die schlanken Hände ihr entgegengestreckt: „Ken Handler. Ken”. Ein merkwürdiger Beruf, „Barbie” oder „Ken” zu sein.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk