BRYGIDAS KÄTZCHEN

Warschau im Sommer 1939. Die 6-jährige Helena, ihre Eltern, Brauereibesitzer, und ein recht leichtsinniges Kindermädchen führen ein glückliches Leben. Das einzige Problem des Mädchens ist das Fehlen von Geschwistern, sie freut sich also, als sie eines Tages ein herrenloses Kätzchen findet. Obwohl ihre neue Spielgefährtin klug ist und sprechen kann, kommt sie zu einem anderen Mädchen, Brygida, der Schwester eines Brauereimitarbeiters. Helenas Vater hat auch deutsche Geschäftspartner, gleichzeitig unterhält er gute nachbarschaftliche Beziehungen zu allen, auch zu Juden. So mancher von ihnen arbeitet in seiner kleinen Fabrik. Der Kriegsausbruch und die antisemitische Hetze sind nicht imstande, den alten Freundschaften Abbruch zu tun. Als Freunde der Familie ins Ghetto gesperrt werden, organisieren Helenas Eltern Hilfe. Die Aktion dauert den ganzen Krieg und gilt nicht nur Menschen, die sie kennen.
Helenchen wächst heran und hört allmählich auf, sich über alles zu wundern. Mit dem Vater besucht sie das Ghetto, kommt mit dem Tod und Todesgefahren unmittelbar in Berührung, intuitiv spürt sie die Intensität einer Gefahr und lehnt Erscheinungen eines polnischen Antisemitismus angewidert ab. Sie berichtet über die Tragödie auf ihre eigene, kindliche Weise: naiv, aber getreu, ohne ein drastisches Detail auszulassen. In ihre Erzählung wird jedoch ein magisches Element eingeflochten, die Katze, die Brygida aus dem Ghetto führt. Die ganze Geschichte findet ihren Nachkriegsepilog, in dem die Schicksale der Figuren weitererzählt werden, unter anderem eine Begegnung Helenas und Brygidas in fortgeschrittenem Alter und der Tod der Hauptfigur.
Joanna Rudniańska bedient sich einer recht selten verwandten Technik, indem sie Krieg und Holocaust aus der Perspektive eines Kindes erzählt, das die Massenvernichtung nicht unmittelbar betrifft, zu deren Augenzeugen es aber wird. Die kindliche Perspektive dient vor allem dazu, dieses Heldentum alltäglich zu machen, es als Reflex natürlicher Menschlichkeit und Treue gegen sich selbst zu zeigen. Dass sich die Botschaft des Romans an erwachsene Leser richtet, beweist auch das dramatische Ende der erzählten Geschichte.
Brygidas Kätzchen ist ein Appell, weder die Tragödie zu vergessen noch diejenigen, die ihr nicht gleichgültig zusahen.

Marta Mizuro

AUSZUG

Helena wachte mitten in der Nacht auf. Sie bekam keine Luft, und ihr war schlecht. Sie hörte ein fürchterliches Tröten. Dann erinnerte sie sich, dass sie im Bunker war. Und das Tröten war das Schnarchen von Oma Istman, die sich nie hinlegte, sondern die Nächte in dem alten Sessel, der in einer Kellerecke stand, verbrachte. Es war absolut finster. Helena streckte die Hand aus. Neben ihr hätte auf dem Strohsack Stańcia liegen müssen. Aber Stańcia war weg. Helena krabbelte auf allen vieren über Stańcias Strohsack und gelangte, ohne aufzustehen, zur Tür. Im Dunkeln kam man wie ein Hund oder eine Katze besser voran, auf Händen und Füßen, fast wie auf vier Pfoten. Man kann nicht stolpern und hinfallen, und mit dem Kopf spürt man die Hindernisse besser. Helena stand erst bei der Tür auf. Langsam drückte sie die Klinke herunter und verließ den Bunker. Erst dann hörte sie die Flugzeuge. Das dumpfe Röhren kam näher, entfernte sich wieder. Hier war es auch dunkel. Helena ließ sich wieder auf ihre vier Pfoten fallen und kletterte nach oben, zu dem kleinen Flur, von dem aus man auf den Hof hinauskam. Sie schloss die Tür fest und trat ins Freie.
Der Morgen musste bald grauen, denn der Himmel war viel heller als die Finsternis unten. Kein einziges Licht brannte. Der Mond, der sich hinter die Wolken schob, tauchte alles in einen fahlen Glanz. Helenas Haus und das Mietshaus nebenan waren schwarze Felsen. Helena ging zu ihrem Maulbeerbaum. Auf ihn konnte sie mit geschlossenen Augen klettern. Und das tat sie auch.. Sie öffnete die Augen erst, als sie weit oben war. Sie hörte Flugzeuge. Sie flogen von der Weichselseite heran, vier große, schwere Vögel. Sie warfen Bomben. Vor den vom Mond durchstrahlten Wolken konnte man deutlich kleine Päckchen aus den Flugzeugbäuchen fallen sehen. Helena bekam Angst, dass so ein Päckchen auf sie oder ihr Haus fallen könnte. Trotzdem sah sie hin. Und die Flugzeuge kamen immer näher. Irgendwo weit weg, vielleicht sogar in der Altstadt, war roter Feuerschein zu sehen. Das waren Brandbomben, hoffentlich fallen sie nur nicht auf mein Haus, dachte Helena.
„Geht weg! Geht weg!”, schrie sie laut.
Aber vier Flugzeuge kamen langsam genau hierher, zu Helenas Hof, immer größer und fürchterlicher. Helena sah von oben auf ihr Haus. Es schien ihr so klein neben dem hohen Mietshaus. Und plötzlich sah sie jemanden auf dem Dach. Und die Flugzeuge waren schon ganz nah. Dann lief die Gestalt auf dem Dach zwei Schritte. Es war Stańcia, Helena erkannte sie. Stańcia hatte einen Besen in der Hand. Auf das Dach fiel eine Bombe. Stańcia holte aus und fegte die Bombe mit einem Ruck vom Dach. Dann fiel eine zweite, und Stańcia fegte sie wieder runter, auf den Hof. Noch eine Bombe fiel auf das schräge Dach des Mietshauses und kullerte direkt auf das Dach von Helenas Haus. Die fegte Stańcia auch runter. Drei Bomben lagen rotglühend im Hof. Die Flugzeuge flogen weg. Auf dem Hof erschien Stańcia, schaufelte Sand aus der Truhe, die bei der Brauerei stand, und bedeckte die Bomben damit. Sie blickte in den Himmel und ging ins Haus. Helena kam vom Baum runter. Der Hof war leer. Es war schon fast völlig hell. Helena sah Vater und Herrn Kamil. Sie standen auf dem Fabrikdach. Herr Kamil rauchte eine Zigarette. Sie sprachen, stützten sich auf die Stöcke, die sie in den Händen hielten. Helena lief ins Haus. Ganz leise ging sie in den ersten Stock, in ihr Zimmer, in ihr Bett. Das war sehr angenehm – den Kopf an sein Kissen schmiegen und sich in die eigene Decke kuscheln. Mama hatte Recht, dass sie nachts nicht in den Bunker ging. Ich würde das auch gern tun, dachte Helena. Sie schlief sofort ein.

Es war morgen. Helena betrat genau in dem Augenblick die Küche, als Stańcia die Milch warm machte. Stańcia schaute angespannt in den Topf, die Milch konnte jeden Augenblick überkochen.
„Du warst heute nach auf dem Dach. Ich habe dich gesehen. Beim nächsten Mal komme ich mit aufs Dach und werde Bomben wegfegen”, sagte Helena.
Stańcia drehte sich zu Helena um. Und genau da kochte die Milch über. Zischend lief sie über die heißen Herdringe, und die Küche durchdrang ein unangenehmer Gestank
„Jessesmaria!”, schrie Stańcia und schob den Topf zur Seite. „Das hast du geträumt. Ich auf dem Dach? Was du dir so ausdenkst.”

Wie war das also, dachte Helena. Habe ich das geträumt oder nicht? Wie war es wirklich? [...]
Ein paar Tage später kam Róża, Mamas beste Freundin. Helena mochte sie sehr. Sie sprach sie mit dem Vornamen an, weil Róża das so wollte. Róża und Mama waren die schönsten auf der ganzen Welt. Róża hatte schwarzes Haar, und Mama goldenes, und zusammen sahen sie aus wie zwei Märchenprinzessinnen. An diesem Tag schien Róża anders zu sein als sonst. Sie gab Helena nicht einmal einen Begrüßungskuss. Sie setzte sich in die Küche und holte Zigaretten aus der Handtasche.
„Frau Róża! Sie haben doch nie geraucht! Ich habe Dzidzia immer gesagt, dass sie sich an Ihnen ein Beispiel nehmen soll!”, rief Stańcia aus.
„Was ist passiert? Warum rauchst du?”, fragte Mama und nahm sich auch eine Zigarette aus Różas Schachtel.
„Und du, warum rauchst du?”, fragte Róża trübsinnig und zündete die Zigarette an.
„Seit wann rauchst du?”, fragte Mama weiter.
„Seit letzten Sonnabend. Seit unser Haus niederbrannte.”
„Mein Gott! Wie konnte ich das nicht wissen! Dein Haus? In der Wilcza?”
„Ich habe immer geschlafen, wenn Luftangriff war.”, sagte Róża. „Ich steckte den Kopf unter die Decke und dachte, es wäre am besten, wenn ich einschlafe und nach dem Luftangriff aufwache. Dann würde nichts passieren. Um nichts in der der Welt wollte ich in den Bunker runter, obwohl Vater mich deswegen furchtbar anbrüllte.”
„Oh, Gott! Ihr wohnt doch im letzten Stock, direkt unterm Dach!”
„Wir wohnen nicht mehr. Ich hatte sehr fest geschlafen, aber sie hatten mich geweckt. Sie zerrten an mir und schrieen, dass es brannte. Ich warf einen Mantel übers Nachthemd und lief runter. Stand auf der Straße und sah zu, wie die Gardine in meinem Zimmer Feuer fing. Weißt du, die rosa Gardine. Ich weinte. Ein Mann stand neben mir. Beruhigen Sie sich, sagte er. Ich habe noch eine Zigarette, zünden Sie sie sich an. Und ich zündete sie an. Die erste in meinem Leben, obwohl Mama nicht weit weg stand. Schließlich bin ich erwachsen, dachte ich.”
„Schön erwachsen”, brummte Stańcia.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier