HUTA

Wir schreiben das Jahr 2008. Die Sonderzone Huta ist zu einem Modellbezirk des postmodernen Polens, vielleicht sogar Europas, geworden. Das ehemalige Industriegebiet wurde (nach dem Vorbild eines real existierenden Kattowitzer Bezirks) in ein elegantes Kondominium umgewandelt, in einen wunderschönen Bezirk, der von erfolgreichen Geschäftsleuten und Kulturschaffenden, Wissenschaftlern und Künstlern bewohnt wird. Der Bezirk Huta ist im Roman eine Verbindung aus Silicon Valley und Greenwich Village. Hier haben die internationalen Hightech-Konzerne ihre Hauptquartiere, es wimmelt von Künstlerclubs und Galerien. Mehr noch – in Huta scheinen sämtliche Utopien der Bürgergesellschaft Wirklichkeit geworden zu sein, alle Bewohner sind glückliche, kreative und von jeglichem Kosumzwang befreite Menschen. Das Fantastische (Futurologische) vermischt sich mit Elementen der Dystopie. Huta ist nämlich auch ein Ghetto, eine künstliche Ministadt, die von einer hohen Mauer umgeben ist und von hunderten von Kameras überwacht wird. Außerhalb der Umzäunung liegt jenes Oberschlesien, beziehungsweise Polen, das es nicht geschafft hat.
In dieser Szenerie begegnet der Leser dem Protagonisten Tomasz, einem jungen Doktoranten der Soziologie, der einer Universitätsverschwörung auf die Spur kommt, später Mitarbeiter eines geheimnisvollen Instituts wird und an Duellen der Geheimdienste teilnimmt.
Das Gesellschaftsexperiment Huta ist wissenschaftlich fundiert. Alles nahm seinen Anfang mit den Schriften des Philosophen und Soziologen Kaspar Kuhn, einem Zeitgenossen Hegels, der nicht nur eine alternative Theorie zur marxistischen Lehre über die dialektische Entwicklung von Gesellschaften, sondern auch die Grundlagen der prognostischen Statistik, die unerlässlichen Algorithmen usw. schuf. Was nebenbei gesagt, Fiktion in der Fiktion ist: Denn einerseits hat Kopaczewski Kuhn samt seinem stürmischen Lebenslauf und seinem umstürzlerischen wissenschaftlichen Werk erfunden, andererseits ist der deutsche Philosoph – wie sich zum Schluss des Romans herausstellt – auch eine Erfindung der Romanfiguren, und zwar einer Gruppe von genialen, rebellischen und exzentrischen Gelehrten der Universität Schlesien. Kopaczewski, und mit ihm der Leser, amüsiert sich köstlich über den wissenschaftlichen Diskurs. Und eben das ist die Stärke des Romans, und das Einmalige an ihm.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Mein Umzug von Chorzów nach Huta dauerte zwei Stunden. Kleider und Bücher transportierte ich mit dem Taxi. Meine ganzen Besitztümer passten in einen Opel Astra Kombi hinein. Eigentlich besitze ich auch heute nicht mehr. Seit dieser Zeit habe ich mir nichts Neues angeschafft. Besitz ist out in Huta. Schlecht. Besitz ist überflüssig in Huta. Wozu brauchst du eine Waschmaschine, wo es doch Cleanicum gibt, wozu einen Fernseher, wenn es Teledromat gibt, was machst du mit einem DVD-Player, wenn du ein Abo fürs Casablanca hast, was mit einer Kaffeemaschine, wenn du über dem Kaffeeholiker wohnst? Wozu brauchst du ein Auto, wo du in Huta wohnst?
Gegen Abend als ich in der neuen Wohnung meine Sachen schon ausgebreitet hatte, klopfte der Nachbar. Das Gesicht kannte ich. Von der Versammlung. Schriftsteller – Sozialaktivist; er war es gewesen, der mit immer neuen Anträgen Joachim den letzten Nerv geraubt hatte.
„Hallo”, begann er schüchtern, während er sich misstrauisch umschaute. „Ich bin der Nachbar. Von gegenüber. Ich wollte mal hallo sagen.”
Er hatte zwei Bier bei sich, das eine war schon angefangen. Ich ließ ihn hinein.
„Gefällt es dir in Huta?”, bereits nach den ersten Worten konnte man sich denken, dass er nicht gekommen war, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Wir setzten uns aufs Sofa. Er gab mir das andere Bier. Es war warm.
„Ganz okay. Und dir?”
„Immer weniger. Dafür machen sie immer mehr Druck. Sie sagen, für meine Wohnung gäbe es sechs Interessenten. Mit Preisen für Filme, Bücher und anderem Gedöns. Aber das ist erstunken und erlogen, wie man weiß ist für dieses Jahr das Wohnungskontingent für Künstler bereits erschöpft.” Ich machte ein verdutztes Gesicht. „Ja. Sie haben Kontingente für alle erwünschten Gesellschaftsgruppen. Ich weiß das, weil ich eine Bekannte im Bezirksrat habe. Selbst die Stipendien sind schon verteilt worden, wozu also diese Drohungen? Angeblich ist alles völlig transparent, wird alles öffentlich diskutiert, aber wenn es drauf ankommt, erpressen sie dich. Alles ist angeblich ganz offen und tolerant, aber wozu haben sie eine Mauer gebaut? Angeblich ist sie ein Denkmal und musste restauriert werden, dabei weiß jeder, dass es von Załęże bis hierher einen Zaun gegeben hat, aber keine Mauer. Und was ist mit der Fußgängerbrücke zum Silesia Center? Sie hatten Angst, dass die Leute zum Shoppen ins Einkaufszentrum gehen, weil es billiger ist, also haben sie keine Genehmigung erteilt. Angeblich haben die Bewohner per Volksentscheid den Bau abgelehnt, aber was ist das für eine Abstimmung vom Homecomputer aus. Wenn jemand keinen hat, stimmt er nicht ab. Und ihnen ist es egal, ob du einen hast. Ich aber hatte zu der Zeit gerade Probleme und musste meinen weggeben. Und dann sagen sie, ich würde nicht zur Verbesserung des Images von Huta beitragen. Sie würden keine Waise aushalten, die außerstande sei, etwas Neues zu schreiben.“
„Hast du Arbeit in Huta bekommen?!” Ich nickte. „Wo?”
„Im Institut für Geschichte.”
„Der Chef des Instituts ist auch im Rat. Du hast es gut getroffen.” Er begann unruhig hin und her zu rutschen, schließlich stand er auf. „Okay, es ist Zeit für mich. War nett, den Nachbar kennen zu lernen. Auf Wiedersehen.
Er verließ die Wohnung. Er hatte sich nicht vorgestellt. Noch hatte ich ihm meinen Namen genannt. Als ich schon im Bett lag, klopfte er erneut. Wieder mit Bier. Wieder war es warm.
„Weißt du, wie sie es machen, dass Huta so eine gute Presse hat?”, sagte er, als er sich auf das Sofa fläzte.”
„Nein. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.”
„Sie stellen dem Fernsehen Räumlichkeiten zur Verfügung. Das heißt den beliebteren Journalisten sogar Wohnungen. Alle wollen in Huta wohnen. Und diese Lumpen vom Fernsehen und der Presse sind sogar bereit, dafür zu zahlen. Und zwar doppelt so viel wie die normalen Bewohner. Wie du und ich. Jeder möchte ein Künstler sein oder zumindest wie ein Künstler leben. Ich weiß nicht, wie Künstler leben, aber die, die ein paar tausend für die Wohnung zahlen, wissen es sicherlich. Nur die von den Boulevardzeitungen und national-katholischen Blättern bekommen keine Wohnungen. Aber trotzdem schreiben sie Eingaben. Huta kommt ihre Kritik gelegen. Das unterstreicht die Richtung, in die sich der Bezirk entwickelt. Und weißt du, wieso wir jetzt den skandinavischen Monat haben?”
„Haben wir den skandinavischen Monat?”
„Hörst du nicht den Kauderwelsch auf der Straße?”
„Stimmt, als würde man mehr germanische Sprachen hören.”
„Vor zwei Monaten hat man von Balice und Pyrzowice eine neue Verbindung nach Skandinavien eröffnet. Dass Musik und Filme von jenseits der Ostsee angesagt sind, kommt nicht von ungefähr. Die Strindberg-Retrospektive auch nicht. Natürlich alles gut dosiert, in kleinen Portionen, damit es nicht entwertet wird. Um die Snobs anzulocken. Sogar mir hat man vorgeschlagen, ein Stück zu schreiben. Die Handlung sollte zwischen Freunden beim gemeinsamen Zusammenschrauben von Ikea-Möbeln stattfinden.”
„Eine gute Idee.” Ich musste sogar lächeln. „Und? Hast du es geschrieben?”
„Naaaa…”, begann er sich mit dem ganzen Körper zu winden, „zuerst wollte ich nicht. Dann dachte ich, das wäre ein guter Hintergrund. Aber sie begannen Druck zu machen. Wer bin ich denn! Der Texter von diesem Arsch vom Gangende? Wie heißt er noch gleich?”
„Wer?”
„Na der, letzte Tür auf unserer Etage. Er singt im Fernsehen, jetzt hat er einen ganz bekannten Hit. „Ich fliege hoch ins Blaue hinein”, irgendwie so. Und er spielt in einer Soap mit. Meine Freundin Justyna sagt, dass sie ihm eine Wohnung vermietet haben, weil der Junge unbedingt ein Künstler sein wollte, so ein richtiger, hat er gesagt, und sie zocken ihn hier ganz schön ab, aber ihm gefällt es. Und da er fast jeden Tag in „Fakt” ist, macht er Huta kostenlos Reklame. Das ist ein einfacher Junge.”
Er blieb sitzen bis die Dose leer war. Er hatte sich nichthutagerecht beschwert, in nichthutagerechten Erinnerungen geschwelgt und zog einen nichthutagerechten Pessimismus hinter sich her.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk