WIEGENLIED FÜR EINEN GALGENVOGEL

Wiegenlied für einen Galgenvogel ist eine kurze Erzählung über Freundschaft und Wahnsinn. Die Fabel dieses kleinen, stimmungsvollen Werks ist deutlich autobiografisch gefärbt. Klimko-Dobrzaniecki lebte bis zum Juni 2007 zehn Jahre lang in Reykjavík, wo er zunächst ein Studium der isländischen Philologie begann und später in verschiedenen Berufen arbeitete, am längsten als Pfleger in einem Heim für Alte und geistig Behinderte. Einen Teil dieser Erfahrungen verarbeitete er in einer der Erzählungen, aus denen sein im vorigen Jahr erschienenes Diptychon Rosas Haus. Krýsuvík besteht.
Die Ereignisse, von denen im Wiegenlied für einen Galgenvogel die Rede ist, sind eine eigentümliche Ergänzung der früheren Erzählung und erweitern das Feld der Personen und Dinge. Hier erscheinen Gestalten, die wir aus Krýsuvík kennen (der autobiografische Erzähler und Held, seine Frau Agnieszka, der exzentrische Kroate Boro), sowie die wichtigste Figur, der Musiker Szymon. Das Wiegenlied ist eine Hommage an einen Freund, der in jungem Alter Hand an sich gelegt hat. Die Erzählung ist ein Versuch, seine außergewöhnliche Persönlichkeit, von der Kunst und Wahnsinn gleichermaßen Besitz ergriffen hatten, zu fassen und zu erklären.
Die Fragen nach den Gründen für den Selbstmord des Freundes werden hier nur mit größter Zurückhaltung gestellt. Der Erzähler vermeidet es, den scheinbar offensichtlichen Zusammenhang zwischen der Krankheit und der Verzweiflungstat herauszustellen. In der Welt dieser im Grunde realistischen und in der Wirklichkeit stark verwurzelten Erzählung ist die Grenze zwischen der sogenannten Normalität und dem Wahnsinn weniger verwischt als vielmehr höchst problematisch. Szymon war – wie alle Personen im Wiegenlied für einen Galgenvogel – ein außergewöhnlicher und doch zugleich ganz gewöhnlicher Mensch, jemand, von dem man sagt: „ein guter Kumpel“. Warum er sich das Leben nahm, muss ein Geheimnis bleiben.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Der Ozean wuchs, schwoll an und füllte den Meniskus zwischen dem Ende der Halbinsel und den Ufern der zeitweiligen Insel. Erst jetzt sehe ich mit aller Klarheit, dass das alles nur Schein ist, denn jedes Mal fehlt ein Element. Allmählich wird das Puzzle unvollständig. Unwiederholbarkeit. Sätze, Wörter, Bilder, Noten, auf Notenlinien geschrieben, die Art, eine Zigarette zu rauchen, ein Maßkrug mit Lücken in seinem Rand. Die Unwiederholbarkeit lebt, verwandelt sich in Erinnerungen, wird von Generation zu Generation weitergegeben, verzerrt, aufgeblasen oder verkleinert. Mündliche Überlieferungen, mein persönliches Dilemma mit der Bibel… Ich beschloss, nicht zweihundert Jahre zu warten. Vielleicht hat die Sache mit Gott wirklich erst einmal ruhen müssen. Ich habe das unwiderstehliche Bedürfnis, die Geschichte einer Freundschaft aufzuschreiben, eines kleinen Abschnitts des Lebens. Szymon ist weggegangen. Er ist jetzt nicht in der Stadt. Man kann ihm nicht auf der Straße begegnen. Das fehlt mir am meisten…
Ein Streifen in den Wolken, zurückgelassen, bis er sich auflöst oder ein anderes Flugzeug ihn kreuzt. Ein paar Worte, dahingeworfen im Bus auf der Fahrt ins Zentrum, eine Zugreise. Kennengelernt haben wir uns weder im Bus noch im Flugzeug noch im Zug. Ohne Nebengeräusche, das Brummen des Motors, das Rattern der Räder, ohne Schaukeln und Turbulenzen. Der uns miteinander bekanntmachte, hieß Boro und war ein „freigelassener“ Irrer, der weiterhin in der Abteilung wohnte. Von Zeit zu Zeit drehte er durch. Vor allem im Sommer, wenn alles grün war. Er hatte einen ganzen Satz von Tabletten gegen das Grün. Die Ärzte waren zu dem Schluss gekommen, er sei bereits in Ordnung und man müsse ihn nicht wegschließen. Er müsse nur Medikamente nehmen. Einmal schien es mir, als würden in meinem Auto gleich Blätter aus ihm sprießen, als würde er sich gleich in Grünzeug verwandeln. Ich sah, wie er schwitzt und dann nach den Tabletten greift und zu schreien beginnt: Jetzt, jetzt, jetzt. Er schrie, er verwandele sich in ein Moosfeld und dann in eine große Rasenfläche. Ich weiß auch nicht, vielleicht war es die Gesellschaft geistesgestörter Menschen, die es mir erlaubt hat, normal zu bleiben… Vielleicht hat die Tatsache, dass ich eine Rasenfläche, ein Moosfeld, eine große Gurke oder Wassermelone durch die Gegend fuhr, mich davor bewahrt, Napoleon zu werden oder die Heilige Teresa.
Boro durfte weiterhin im Irrenhaus wohnen, auch wenn die Ärzte darauf drängten, er solle ausziehen. Essen bekam er nicht mehr. So fuhr ich immer wieder zu ihm und nahm ihn mit zu Ikea, wo es in der Stadt die billigsten Hot Dogs gab. Gemeinsam stopften wir uns mit ihnen voll und tranken Fanta dazu. Eines Tages sagte er, in der Abteilung sitze ein Pole ein, ein Geiger. Er fügte ein paar Fucks hinzu, denn er fluchte für sein Leben gern auf Englisch, er sagte, erst wenn er ein paar Kraftausdrücke ausgestoßen habe, spüre er, dass er lebe, und er tat es am laufenden Band.
Im hiesigen Psychiaterslang galt Szymon als ein Kaninchen aus dem Hut. Kaninchen sind Patienten, die für einige Zeit auftauchen und dann verschwinden, wieder auftauchen und so weiter. Halbwegs geheilt und ab ins Leben. Dann ein Tief und wieder in die Abteilung. Abteilung und Leben, Leben und Abteilung. Ein Kaninchen … Ich sagte Boro, er solle mal mit dem Pfleger reden und dieser mit Szymon und dem Arzt, vielleicht könnten wir zusammen zu Ikea fahren, Würstchen essen. Und eines Tages verdeckte diese riesige Gestalt, diese menschliche Eiche ohne Zähne, Boro, mit seinem Schatten eine schmächtige Gestalt mit Drahtbrille. Ihr silbernes Brillengestell warf den Lichtstrahl des Autoscheinwerfers zurück, und Boro wurde in einer Sekunde zu jener slawischen Eiche, die vom Blitz getroffen wird und um die sich die Ansässigen versammeln, um sich magischen Tänzen hinzugeben. Die Gestalt mit der silbernen Brille schritt um ihn herum, den Kopf künstlich in die Höhe gereckt, und schaute ihm in die Augen, diesem Stück Kroatien, diesem Stück mythischen Waldes, diesem Baum, dieser Eiche, diesem Verrückten. Plötzlich schaltete der Oberarzt der Psychiatrie das Auto aus, und die Scheinwerfer verloschen. Szymon blieb in Boros Schatten stehen und blickte zum roten Volvo hin. Der Arzt stieg aus dem Auto und fragte. Zu Ikea, ja? Nur zu Ikea, Würstchen essen, ja. Darauf wackelten sie einmütig mit den Köpfen und kamen zu mir.
Der Mann, der äußerlich an Korczak, Maximilian Kolbe und Gandhi erinnerte und hinter einer Brille verborgen war, die bei gutem Wetter ein Kornfeld oder eine große Scheune hätte in Brand setzen können, stellte sich vor. Ich bin Szymon Kuran. Freut mich sehr, antwortete ich. Nein, ich habe die Freude, entgegnete er, und dir scheint es nur so. Ja, vielleicht hatte er recht, vielleicht freute es ihn tatsächlich und mir schien es nur so, aufgrund der angelernten Erwiderung. Das nennt man wohl gute Erziehung. Ein Gemisch von Verboten und klimatischen Bedingungen. Szymon aß gerade einen Hot Dog, ich wollte ihn wohl etwas fragen, da schaltete sich Boro ein. Also was ist mit diesen Steinen, lispelte er. Ganz normal, erwiderte ich. Du musst wie die Hühner oder Strauße, die haben auch keine Zähne, und damit die Verdauungsprozesse richtig ablaufen, schlucken sie kleine Steinchen, die das Essen wie Zähne zerkleinern. Szymon hörte mein kurzes Referat zur Gastrologie und war erstaunt darüber, wie ich den Gedankengang verkürzt und das Thema so unsinnig und von der Mitte her angefasst hatte, er legte das Wurstpapier auf den Tisch und begann leise zu lachen, während Boro und mir ja bewusst war, dass das die Fortsetzung unseres unvollendet gebliebenen Gesprächs aus dem vorigen Monat war, über den Kauf eines künstlichen Kiefers oder eines Sacks mit Steinchen. Als Boro seine Reaktion sah, beendete er den Satz so wie immer. Auf Englisch und kurz. Fuck you, sagte er und aß den Hot Dog auf, wobei er sich das große Ende ostentativ in den Mund stopfte.

Aus dem Polnischen von Gerhard Gnauck