DÄMMERUNG

Andrzej Bobkowski nimmt als Schüler von Joseph Conrad in der polnischen Literatur eine Sonderstellung ein. Józef Czapski schrieb in der Kultura nach dem verfrühten Tod des Autors von Wehmut? Wonach zum Teufel?: „Dieser Sohn Conrads könnte sich als unentbehrlicher Begleiter für so manchen Polen erweisen, der von Abenteuern träumt, von einem Leben ohne Zensur und ohne Verrenkungen auf Geheiß einer morschen Ideologie, von einem Leben nach eigener Wahl, selbstverantwortlich und erfüllt”.
So kam es auch, und man kann höchstens bedauern, daß die Entdeckung Bobkowskis durch die jungen Polen so spät erfolgte (an der Wende der achtziger und neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts) und daß eigentlich nur eine Generation daran teilhatte. Die soeben erschienene Ausgabe gesammelter Prosa mit dem Titel Dämmerung könnte eine gute Einführung in das literarische Werk Bobkowskis darstellen, dessen wichtigste Errungenschaft natürlich Wehmut? Wonach, zum Teufel? bleibt. In Dämmerung finden wir jedoch Erzählungen, die direkt mit diesem Werk korrespondieren: ein kollektives Porträt der Bewohner eines Pariser Wohnhauses, das die französischen nationalen Veränderungen in den Kriegsjahren zeigt, und natürlich eine Radtour durch Südfrankreich gleich nach dem Krieg.
Ein besonderer Leckerbissen für Literaturfreunde ist auch das Gespräch Boris Pasternaks mit einem KGB-Beamten, der ihn zwingt, den Nobelpreis abzulehnen. Über einen solchen Pakt mit dem Teufel erzählt Bobkowski auch an anderer Stelle, wenn er sich direkt an die Schriftsteller von jenseits des Eisernen Vorhanges wendet: „Ihr habt in Ruhe gelebt, ihr hattet ein Heim, einen gut gefüllten Kühlschrank, einen Garten; ihr hattet euer eigenes Klima und eure Landschaft, euren Boden, eure Bäume und euren Himmel und gleichzeitig euren eigenen Kontinent im Inneren, in den ihr emigrieren konntet, wenn euch danach war.” In diesem Band finden wir auch ein Fragment des Romans Die Dämmerung, der darin, mehr noch als sonst, seinen ganzen Individualismus, seine schöpferische Andersartigkeit und Ausnahmestellung unter Beweis stellte.

-Krzysztof Masłoń.

AUSZUG

Man gelangt von einem großen Hof über eine Seitentreppe hierher. Dort, geradeaus, sind diese breiten Steine mit dem himmelblauen Teppich, der wie eine Kaskade vom fünften Stock herabfällt. Unsere Treppe ist ein hölzerner sechsstöckiger Korkenzieher. Jene führt zu den großen, soliden Wohnungen richtiger Mieter. Unsere windet sich steil empor, bis unters Dach, wo sie zum Labyrinth der Korridore und Kammern „derjenigen von oben” führt, wie die Concierge sich abfällig ausdrückt.
Jacques, ein lebhafter Mitarbeiter der Metro, sagte ihr einmal, wenn er von oben hinunterspucke, überflute das ihre Schwelle. Das kann sie ihm nicht verzeihen. Und wenn sie am Morgen den mit Kacheln ausgelegten Hof abspritzt, fragt M. de Saint-Esprit, ein Staatsbeamter, stets mit freundlichem Lächeln: Ca pousse bien? Das polnische Zimmermädchen des Grafen de Farges ist zu vornehm, um sich mit der Hausmeisterin zu unterhalten; das schickt sich für Magda nicht, die sie Mademoissele Madeleine nennen. Nicht zu reden davon, daß Magda die Comtesse de Farge, wenn diese verreist, in allem vertritt und mit M. le Comte angeblich nicht nur am selben Tisch ißt... Das weiße Hündchen mit verschiedenfarbigen Flecken von M. Guillou, von Beruf Färber von Heidekraut, Immortellen und anderen ewigen Blumen für haltbare Kränze und Kaminsimse, macht vor das Tor immer das, was es auf der Straße machen sollte. Die Concierge verdächtigt die beiden einer Verschwörung, doch M. Guillou lächelt bloß und sagt gedehnt unter seinem bretonischen Schnurrbart: Quelle méchante bête. Wenn er das sagt, denkt er gewiß nicht an seinen „Friquet”. Mit Eliane, einem Modell vom Modehaus „Ardanse”, sind die Beziehungen seit Jahren abgebrochen; Eliane unternahm einen Staatsstreich: sie holt keine Briefe mehr ab. Um der Zensur ihrer Korrespondenz zu entgehen, der man entnehmen könnte, daß das Vorführen von Kleidern bei Modeschauen bei „Ardanse” nicht die einzige Quelle ihrer Einkünfte darstellt, holt sie ihre Briefe poste-restante ab. Daher kann man oft hören, wie die wachsame Madame la concierge im Bistro an der Ecke quäkt: „Sie ist heute nachmittag nach Hause gekommen, ohne daß sie am Morgen weggegangen wäre”, oder: „Solche erheben sich vom Bett, wenn sie sich ausruhen wollen.” Es ist ein ewiger Krieg. Doch die Angriffe begegnen bloß Elianes Lächeln, unserem Lächeln von oben.
Dort oben gibt es kein Gas, keine Elektrizität. Es gibt den Wind, die Sonne, den Mond und die Sterne. Der Blick schweift über das endlose Meer der Dächer. Wenn schönes Wetter herrscht, sind sie blau und ruhig; wenn Wolken aufziehen und der Wind mit gewaltigen Schlägen auf sie einzuhämmern beginnt, werden sie grau und kalt. Der Regen runzelt ihre glatte Oberfläche, und der Sturm treibt von ihren Kämmen, wie von Wellenkämmen, Wasserwolken, um sie mit Krachen gegen die verglasten Luken über uns zu schleudern. Das Spinnennetz des fernen Eiffelturms reißt in Stücke, Sacre-Cœur, weiß wie ein Zuckerhut, verschwindet im Nebel. Der Wind rüttelt an den Türen, tappt durch die Korridore; die reglosen, schwarzen Abdeckbleche der Schornsteine recken ihm in ruckartigen Drehungen ihre eiserne Brüste entgegen. Wenn dann wieder die Sonne scheint, wenn die blauen Flecken des Himmels sich in den glänzenden Flächen spiegeln, entsteht eine tiefe, gute Stille.
Auch das Frühjahr kommt hier heroben rascher. Ehe noch die Schaufenster von Vilmorin auf dem Quai de Mégisserie in farbigen Samensäckchen erblühen und das „Samaritaine” sich in ein riesiges Arsenal von Gießkannen, Rechen und Käfigen mit Geflügel verwandelt; ehe auf dem Pont au Change zweimal die Woche Baumschulen ausschlagen und auf den Gehsteigen eine grüne Bürste von Gemüse- und Blumensetzlingen aufgeht, spüren wir schon sein Nahen. Von Tag zu Tag krümmt sich der Bogen der Sonne stärker, eine verschlafene Fliege rutscht in ersten Ausflügen über die Scheibe. Das Tschilpen der Spatzen klingt anders, wenn sie in den Dachrinnen baden, im Wasser geschmolzenen Raureifs.
Hier vergingen helle Tage und ruhige Nächte; hier vergingen Winter und kurze Frühlinge. Die Sommersonne walzte das Blech der Dächer heiß und kühlte es im Herbst wieder ab. Die Neonlichter vom Montmartre, von den Boulevards und vom Montparnasse färbten die Dächer lange Zeit rosa. Jahr für Jahr zerstoben einundzwanzig Salven künstlichen Feuers über ihnen, in Vierzehnter-Juli-Buketts, von jenem Krieg. Dann brach neuerlich Finsternis herein, erleuchtet von den Fackeln von Bränden, von fernen Explosionen, vom Sternenhagel von Leuchtspurgeschoßen. Das einst gutmütige Lächeln von oben wurde bösartig und konspirativ.
An den langen Abenden las M. Guillou das Evangelium auf Lateinisch noch lauter, wobei er die unverständlichen Worte schlecht aussprach. Bei den Prozessionen seiner Kongregation bewunderten seine Glaubensgenossen sein Latein noch mehr als die schöne Fahne, auf die er immer so stolz war. Er lief nun in irgendwelche geheimnisvolle Versammlungen und beriet sich lange mit Jacques. M. de Saint-Esprit wurde wortkarg und ging oft mit einer Aktentasche, vollgestopft mit allerlei Papieren, zur Arbeit. Bei Jacques versammelten sich junge Leute in Windjacken, die mit schweren Stiefeln über die Treppe polterten. Eliane las die uferlosen Werke Vom Winde verweht und Der große Regen, und wenn die Sirenen zu heulen begannen, lief sie mit Magda nach unten.
Im tiefen Hof der Metrostation „Pigalle” ging es oft fröhlich zu. Manchmal sah man dort spät abends die schlanke Silhouette eines großgewachsenen Jünglings in brandneuer, schlecht sitzender Kleidung über die große Treppe huschen. Magda sagte, sie habe einmal gehört, wie sich jemand mit einem von ihnen englisch unterhielt. Wir lächelten und Jacques sagte: „Dort unten gibt es auch anständige Leute.” Die Sprache war die gleiche, der gleiche der Sinn der verbotenen Worte.
Und dann wurde das Lächeln wieder gutmütig wie zuvor, als nach einigen Tagen des Schießens eines Augustabends die Motoren von GMCs durch alle Straßen heulten. M. de Saint-Esprit sah verächtlich auf seine Plantage paketierten Tabaks auf dem Balkon und rauchte, über die Trikolore gebeugt, eine „Lucky”, Eliane und Magda kauten Kaugummi, so wie Hunderttausende langer, grüner Burschen mit schweren Helmen, und sagten „ok”. Jacques erzählte mit dem Pathos eines Cyrano von seinen Kämpfen im Viertel Batignolles, und M. Guillou färbte konzentriert viele Blumen für viele Kränze. Ein gutes Lächeln aber hatten alle, sogar die Concierge.

Aus dem Polnischen von Martin Pollack.