KOMMT, WIR GEHEN

Der Protagonist von Janusz Rudnickis neuer Prosa kehrt aus Deutschland in seine Vaterstadt Koźle zurück, weiß nicht wirklich, was er mit sich anfangen soll, schmiert sich aus Langeweile das Gesicht mit schwarzer Schuhcreme ein, die Briefträgerin veranlasst ihn, ins Treppenhaus hinauszugehen, die Wohnungstür schlägt hinter ihm zu, eine Gasexplosion zerstört seinen Wohnblock, im übrigen steht es in ganz Polen nicht zum besten, denn immer wieder explodiert an den verschiedensten Orten Gas; der Held zieht mit anderen, die ebenfalls ihr Dach über dem Kopf verloren haben, durch Polen und Deutschland, erlebt die wunderlichsten Abenteuer… Rudnicki erfand eine Geschichte, die aus einer langen Reihe grotesker und absurder Situationen besteht, die mal lustig, mal furchterregend sind. Im Grunde handelt das Buch jedoch von zutiefst ernsthaften Dingen. Ein weiteres Mal greift der Autor von „Meine Wehrmacht” das Problem der – ich gebrauche hier eine Bezeichnung Zbigniew Kruszyńskis – „verschobenen Menschen”, die ihr Land auf der Suche nach ihrem Ort auf Erden verließen und immer noch – wie Rudnicki behauptet – „im Spagat leben”, die ihrer Wurzeln und Gewissheiten verlustig gegangen sich mit einer ins Wanken geratenen Identität herumschlagen. „Kommt, wir gehen” ist auch eine Erzählung über polnisch-deutsche Traumata, die Geschichte, die der Gegenwart immer noch ihren Stempel aufdrückt, Henker, die zu Opfern werden, Opfer, die zu Henkern werden. Rudnicki verfasste eine traurig-lustige, mitreißende und zudem stilistisch virtuose Prosa. Was gäbe es hier zu leugnen, kaum jemand vermag den Satzbau so kunstvoll zu verdrehen wie der Autor von „Kommt, wir gehen”.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Einkaufen gehen – oder nicht? Und wenn mich jemand erkennt? Aber wer? Wer sollte mich schon erkennen? Ich bin gerademal zurück und hab die Fenster ausgepackt, damit mir das Gesindel aus dem Nachbarblock nicht durch die Koffer glotzt, in die Gardinen. Und außerdem bin ich allein – wie jetzt meine weißen Zähne im Spiegel, die plötzlich zum ersten Mal den Kontext des Gesichts verloren haben, meines Gesichts.
Deshalb wundre ich mich beim Türklingeln, zum Teufel.
Ich öffne die Tür. Die Briefträgerin. Gebückt sucht sie etwas in der Tasche, mit dem Mund hält sie eine Blume fest.
Und sagt schnaufend durch die Blume:
„der Scheißaufzug ist schon wieder kaputt, gude!”
„Gude”
antworte ich, und sie steht plötzlich wie gebannt still, ihre Augen auch. Und die Blume plumpst runter, weil sich ihre Ober- und Unterlippe immer weiter voneinander entfernen. Was denn? Ich betrachte ihre Zähne voller Plomben und Drähte, denke erst an Türen, dann an Stacheldrahtsperren, dann an Güterwaggons, in denen ich gleich auf die bewusste Rampe gebracht werde, mit anderen Worten, ich gebe mich meinen Assoziationen hin wie ein willenloser Lump, und so kriege ich die Zeit irgendwie rum. Ich langweile mich nicht, wenigstens das nicht. Bis sie schließlich sagt:
„Sind das Sie?!”
Sie fragt, weil wir uns gestern schon gesehen haben, im Treppenhaus, ich habe mich vorgestellt, weil ich zurückgekommen bin und alleine lebe, meine Dame, ein einsames weißes Segel auf dreißig Quadratmeter Fläche. Ich sage,
„Das bin ich, erkennen Sie mich denn nicht? Das weiße Segel...”
Darauf sie:
„Das nenne ich weiß”,
und ich erinnere mich gleich an das, was ich vergessen hatte.
„Ach, Sie meinen mein Gesicht? Das kommt vom Gas im Bad, ich wollte mir eine Zigarette am Boiler anstecken, und meine Frau hat gleichzeitig in der Küche das warme Wasser aufgedreht.“
Darauf sie:
„Sie sind verheiratet?”,
und wie erstaunt sie war!
Darauf ich:
„Nein”,
und erstaune über meine Worte noch mehr. Was für eine meine Frau?
„Nein, nein”,
sage ich wieder und wieder.
„das ist natürlich ein Witz, ich habe das Wasser in der Küche selbst aufgedreht und mir in der Zeit im Bad am Boiler eine Zigarette angesteckt...”
Die Sätze in die eine Richtung, ich in die andere. Kehlkopfverschluss, ein Stau, ein Wall. Ihre Augen starren mich staunend an und meine sie, weil ich mich genauso über mich wundre wie sie. Und so stehen wir da. Die Türschwelle trennt uns. Und die Blume, die heruntergefallen ist.
Bis sie plötzlich das Gewicht von einem Bein auf das andere verlagert. Sie muss schließlich ganz schön laufen, sie tun ihr weh. Die Bewegung der Beine versetzt auch den übrigen Teil des Körpers in Bewegung, sie kommt wieder zu sich und sagt,
„es riecht hier auch irgendwie nach Gas. Ich habe ein Paket für Ihren Nachbarn, aber er ist nicht zu Hause, könnten Sie als Nachbar das Paket Ihres Nachbarn annehmen, für Ihren Nachbarn?”
„Könnte ich. Könnte ich gern. Ich nehme es an.”
Ich soll unterschreiben, dass ich es angenommen habe, aber:
„Wo? Worauf?”
Darauf sie:
„Vielleicht an der Wand?”
Ich versuche es einmal, zweimal an der Wand, der Kugelschreiber will nicht.
„Die Minenflüssigkeit läuft so weg. Sie müssen es senkrecht machen, schreiben, wissen Sie? Nicht waagrecht.”
Ich komme ins Grübeln. Eine märchenhafte Einteilung des Schreibens. Ich komme so tief ins Grübeln, dass mir die Briefträgerin vor den Augen herumfuchteln muss, um mich wieder an die Oberfläche zurückzubringen.
„Hallo! Guten Tag! Hier bin ich.”
„Senkrecht, sagen Sie?”
„Klar.”
„Dann kommen Sie vielleicht kurz rein, denn hier gibt es nichts, wo ich den Kugelschreiber senkrecht halten kann.”
„Nein, nein, ich finde hier gleich...”
Sie sieht sich um, ich sehe mich um, bis sie schließlich sagt
„Unterschreiben Sie schnell, ich bücke mich”,
sagt sie und bückt sich schon, worauf ich sage
„Lieber bücke ich mich, dann bereite ich Ihnen keine Mühe.”
Ihre Augen werden schon wieder groß.
„Soll ich das Paket annehmen oder Sie? Wollen Sie auf Ihrem eigenen Rücken unterschreiben?”,
sagt sie langsam zu mir, unsicher und starrt mich so an, dass ich mich fühle, als stünde ein anderer vor ihr. Und nicht ich.
„Na, dann bücken eben Sie sich”,
sage ich, also bückt sie sich, irgendwie mit dem Rücken zu mir, und der Nachbar zu meiner Linken – als wir uns vorher begrüßt haben, hatte er mir erzählt, er erinnere sich noch an mich, wie ich in den Sandkasten pinkelte – dieser Nachbar verließ also dann auch seine Wohnung, ich machte dann eine so wollüstige Miene, als würde ich bis zum Hals in dieser Briefträgerin stecken, hic et nunc, daraufhin verwandelte sich der Nachbar in ein Fragezeichen, woraufhin die Briefträgerin mir den Kopf zudrehte, dann fauchte sie wild, als sie mich so wollüstig sah, war beleidigt, worauf sie sich aufrichtete, aber von der Stelle weg! Und dem Nachbarn fiel die Einkaufstasche aus der Hand, und aus der Tasche fielen Pfandflaschen, direkt auf den Boden, und zerbrachen. Und der Nachbar bekam keine Luft mehr, bis er endlich welche bekam, und fragt:
„Wer sind Sie?”
Dann erinnere ich mich wieder an das, was ich vergessen habe, dass ich mir das Gesicht mit Schuhcreme vollgeschmiert habe, den Hals auch, und die Ohren, und ich sage:
„Ach, Sie meinen mein Gesicht?”
Ich sage:
„Das kommt vom Gas im Bad, ich wollte mir am Boiler eine Zigarette anstecken, und meine Frau hat in der Zeit das warme Wasser in der Küche aufgedreht.
Darauf er:
„Sie sind verheiratet?”,
und wie erstaunt er war!
„Nein, nein, das ist natürlich ein Witz, ich habe das Wasser in der Küche selbst aufgedreht...”
Daraufhin die Briefträgerin, dass sie genug hat, sie jetzt geht und dem Nachbarn eine Benachrichtigung wegen des Pakets an der Tür hinterlässt, und sie ging, und der Nachbar? Nichts, er steht nur mit vor Staunen offenem Mund da, und Plomben hypnotisieren mich doch, also trägt es mich wieder weg zu den Waggons... Ach, was für eine Unordnung, hier! Das Glas liegt da, er steht da, ich stehe da, vielleicht gehe ich einen Besen holen?

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier