Viten der Heiligen der Siedlung

Lidia Amejko trägt in ihrem Buch Antworten auf die Frage zusammen: Wie erklärt man sich die programmatische Tatenlosigkeit der Bewohner einer großstädtischen Plattenbausiedlung? Vor allem derer, die keinen Schritt aus der Schlafzimmer-Vorstadt tun – der Säufer, die sich um den einzigen Laden in der Siedlung herumdrücken, der Hausfrauen, die wie angenagelt an den Fenstern und den Fernsehern hängen, und der Rentner, die aus dem von Arbeit erfüllten Lebensrhythmus herausgefallen sind. Ihre täglichen Rituale sind leicht zu beobachten, aber was geht in ihrer Seele vor? Worüber debattieren sie, wie nehmen sie ihre Existenz und ihren Platz im göttlichen Heilsplan wahr – sofern sie sich einen solchen überhaupt zuschreiben? Indem die Autorin diese Menschen zur Aktivität, nämlich zur Selbstreflexion zwingt, gewinnt sie dem scheinbaren Marasmus einen philosophischen Sinn ab.
Nicht auf ein Lob des kleinen Realismus, nicht auf ein Lob der Armen im Geiste will Amejko hinaus. Die surrealen Betätigungen und die metaphysische Reflexion, die die einzelnen „Heiligen“ beschäftigt, sind pure Erfindung. Sie hat etwas Komisches. Komisch ist, wie das, was nicht nur scheinbar nutzlos und gedankenlos ist, zum Erhabenen wird. Amejko schöpft aus der Bibel, aus der Geschichte der Philosophie, der Kunst und der Literatur, und zugleich übersetzt sie diese zur Hochkultur gehörenden Elemente in eine Art biblia pauperum. Sie paßt sie so an, daß sie zum selbstverständlichen Bestandteil einer plebejischen Erzählung werden. An dieser sind die „Viten der Heiligen der Siedlung“ sprachstilistisch ausgerichtet.
Sowohl die Stilisierung als auch der Rückgriff auf hochkulturelle Bezüge sind hier mit meisterhafter Konsequenz ausgeführt. Fremde, übergestülpte Ornamente springen natürlich ins Auge, sind aber gleichzeitig so vollkommen in die Erzählung eingeschmolzen, als gehörten sie zu ihr. Durch die Integration des Widerspruchs erreicht Lidia Amejko ein Ergebnis, das von Anhängern des Realismus oder Reportage-Autoren mit anderen Mitteln erreicht wird – das, was einem weniger sensiblen Beobachter trivial und nicht beachtenswert erscheinen könnte, wird von ihr geadelt.

Marta Mizuro

AUSZUG

Dazu sage ich euch: Kyrill starb täglich aus Angst vor dem Tod!
„Was soll denn das?!” ruft ihr. „Jeder hat doch Angst vor dem Tod (solange er nicht getrunken hat), aber aus Angst wird man kein Heiliger! (Allein aus großem Mut, wovon dann den Kindern in Religion erzählt wird). Wieso sollen wir einen feigen Waschlappen zu den Heiligen zählen?”
„Haltet einen Moment die Klappe, verdammich, und hört zu!“
Es fiel Kyrill nicht leicht, aus Angst vor dem Sterben zu sterben, und so kam er eines Tages auf die Idee, sich vielleicht ein bißchen mit dem Tod vertraut zu machen und zu sterben, aber nur ein ganz klein bißchen, eine Prise auf der Fingerspitze, versuchsweise. Um zu sehen, ob es wirklich so schrecklich ist.
Er legte sich aufs Sofa und drückte auf die Fernbedienung, um sich nicht während seines Sterbens zu verzetteln, denn es ist bekanntlich blöde, mit einem Auge zu sterben und mit dem anderen in die Röhre zu glotzen. (Das ist, Mann, die bewegendste Frage in der Siedlung: wie man sein endgültiges ENDE mit der Serie abstimmt, die sich bis in alle EWIGKEIT hinzieht.)
Kyrill drückte also, der Bildschirm wurde blaugrau, wie eine Leiche, in der Mitte glühte noch für einen Moment das helle Pünktchen wie eine Seele, und dann ging mit einem leisen Klick der Fernseher aus.
Kyrill machte also die Augen zu und starb.
So schlimm war es gar nicht!
Am nächsten Tag wachte er zufrieden auf und schaute voller Freude in die Welt – wie bekanntlich ein jeder nach dem Tod! Er briet er sich ein Rührei mit Speck und sang dabei fröhlich vor sich hin, aber gegen Abend beschlich ihn die Furcht, daß er bei seinem Sterben etwas vergessen haben könnte, daß es irgendwie zu reibungslos gelaufen war, daß er es auf alle Fälle noch einmal nachprüfen sollte!
So starb er am zweiten Tag.
Am dritten Tag aß er sich satt, aber am Abend wurde er wieder unruhig und kreiste wie ein Hündchen, das Gassi gehen muß. Er wußte inzwischen, daß er nicht auf den Film nach der Tagesschau warten würde, sondern der Ewigkeit, die ihn in Schrecken versetzt, erneut ins Auge schauen wollte.
Und so ging es von nun an Tag für Tag.
Kyrill starb, dann stand er wieder auf von den Toten und machte sich das Frühstück.
Anfangs war er sogar glücklich, aber bald kam es ihm blöde vor, daß er eigensüchtig vor sich hin starb, nur für sich allein, ohne an die anderen zu denken. Denn wenn ihm dieses Sterben schon so gut von der Hand ging, warum sollte er dann nicht für einen anderen sterben, der nicht eine solche Übung darin hatte wie er?
Er hängte im Laden eine Bekanntmachung aus: „Sterbe kostenlos. Bestellungen unter Telefon 3452861, Kyrill Damasceński.“
Als erste rief Frau Hapiór an, ob er nicht für sie sterben wollte, sie hätte vor den Feiertagen so viel zu tun und wüßte gar nicht, wo sie anfangen soll, und mit dem Tod, da könnte sie sich nicht mehr entsprechend vorbereiten. Sie würde zu einem späteren Termin sterben, wenn sie mehr freie Zeit hätte. Und für Kyrill würde sie einen Käsekuchen backen.
Dann rief Herr Kruczek an, der während der Besatzung hundertmal um ein Haar getötet worden wäre und den Tod ganz und gar nicht fürchtete; jetzt aber brauchte er nur an ihn zu denken, und schon würde er blaß, weichlich und zittrig und müßte pausenlos weinen. Gar nicht mannhaft. Janina O., Dienerin des Saums, hätte ihm zwar den Übergang zum Nichts hübsch umsäumt, und Herr Kruczek würde auch Nacht für Nacht in dieses Loch gaffen, aber irgendwie hätte er Angst, ins Jenseits hinüberzukriechen. Ob Kyrill also nicht, als Nachbar, für ihn sterben wollte – als Dank dafür würde Herr Kruczek ihm den Abfluß reparieren.
Verschiedene Leute wandten sich an ihn.
Einer, der zu ihm kam, war gerade auf Entzug, wollte ein neues Leben beginnen und hatte keine Lust, dabei zu sterben; ein anderer wollte bei der Hochzeit seiner Tochter dabeisein, und wieder andere hatten sich einen billigen Auslandsurlaub gekauft, als sich plötzlich herausstellte, daß für sie selbst die last minute gekommen war!
Kyrill war glücklich, weil er jetzt für andere starb!
Und es ging ihm gut, denn jeder bedankte sich bei ihm mit einem Geschenk. (Was sagt ihr nun? Kommt ihr euch nicht dumm vor, daß ihr übel über ihn hergezogen seid? Zeigt mir einen Heiligen, der für so viele sein Leben geopfert hätte wie Kyrill!)
Nur im Himmel stieß die Sache auf Mißfallen.
Bei einer Kontrolle stellte sich ein Fehlbetrag heraus: In der Siedlung sterben Leute, gut, aber Oben kommt keiner an!
In der Rubrik „Tod“ ist bei Frau Hapiór ein Vogel vermerkt, während sie selbst durch die Siedlung geistert, als wenn nichts wäre, und für die Leute auch noch Käsekuchen backt!
„Was ist denn das?“ entrüstete sich der Herr. „Das ist mir von Anbeginn der Welt noch nicht vorgekommen. Ich weiß, ich weiß, die Menschen sind durchtrieben und haben den Tod seit jeher betrügen wollen! Was sie sich nicht alles ausgedacht haben: Betten haben sie umgedreht, mit dem Vorderteil zum Fenster, und Namen haben sie vertauscht. Einer, Nondum, hätte es fast geschafft: er war dermaßen leer, daß zum Sterben gar nichts da war, und daher mußte Psychopompa zu ihm geschickt werden, um ihn zunächst mit sinnlichem Leben auszustopfen und ihn anschließend auf die andere Seite zu schubsen. Und dann war da noch dieser Schlauberger Farrago! Er hat mich dermaßen angekohlt, daß ich ihn wieder vom Himmel zur Erde zurückgeschickt habe.“
Der Engel Buchhalter flog in die Siedlung hinunter, um der Sache auf den Grund zu gehen. Bei Jericho machte er Station, trank ein Bier, schwätzte mit den Leuten und fühlte sich gleich wie zu Hause.
Zu Kyrill begab er sich mit provokativer Absicht: ob Kyrill nicht für ihn sterben wolle. Kyrill war einverstanden, nahm die Knete, für den Engel wollte er sterben. Aber dann ging es nicht weiter.
Kyrill traten nur die Augen aus den Höhlen, er röchelte, rasselte, der Tod war ihm mittendrin ins Stocken geraten, steckte ihm wie eine Gräte im Hals – es ging weder vor noch zurück. Derweil legte der Engel ihm Fesseln an und brachte ihn vor das Gericht Gottes.
So endeten die guten Zeiten in der Siedlung, als die Leute überhaupt nicht starben.
Der Herr in seiner Barmherzigkeit sah sogar von einer Bestrafung Kyrills ab und befahl ihm lediglich, die Seelen zurückzugeben, damit die Bücher im Himmel stimmten.

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese