LÄUFER

Auf den ersten Blick wirkt Olga Tokarczuks neues Buch wie eine Sammlung längerer, kürzerer und ganz kurzer Erzählungen, doch in Wirklichkeit bildet es ein durchdachtes, sehr kunstvoll konstruiertes Ganzes. Thema dieser Geschichten ist eine Form des menschlichen Seins auf der Welt, die im unablässigen Reisen besteht. Der Reisende findet sich damit ab, daß die von ihm wahrgenommene Welt in eine Fülle nicht unbedingt logisch verbundener Fragmente zerfällt. Diese Fragmentarisierung spiegelt sich dementsprechend in der Konstruktion des Buchs, das aus einer Vielzahl scheinbar unzusammenhängender Fabeln besteht. Doch allen sind bestimmte Eigenschaften gemein. Zum einen kreisen sie alle um Situationen von Verlust, Defekt, körperlicher Behinderung, zum anderen geht es immer wieder um die Erforschung der Geheimnisse des menschlichen Körpers, die Technik der Kategorisierung und Aufbewahrung anatomischer Präparate oder ganzer Leichen.
Das Buch geht auf die persönliche Geschichte der Autorin ein, auf ihr privates „ich bin“, wie zwei Fragmente, jeweils am Anfang und am Ende der Sammlung, lauten. Gleichzeitig jedoch ist es eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Menschheitsgeschichte und Mythologie – in erster Linie der griechischen – sowie eine eindringliche Betrachtung des Phänomens von Leben und Tod. Zwei Vorstellungen von Zeit treffen hier aufeinander: auf der einen Seite die zyklische Sicht der ewigen Wiederkehr, wie sie Mythen und Religionen eigen ist, auf der anderen die linear-progressive Sicht, wie sie dem menschlichen Leben in seinem Hinstreben zu Geheimnis und Tod eigen ist, eine Sicht, der es am Glauben an den Kreislauf der ewigen Wiederkehr und an der damit verbundenen Linderung existentieller Ängste mangelt. Es gibt in diesem Buch keine leichten Antworten auf schwierige Fragen, auf Schritt und Tritt stoßen wir auf Rätsel, die sich nicht lösen lassen. Anstelle solcher Antworten können wir überraschende Spiegelungen und Entsprechungen zwischen unterschiedlichen Erscheinungen beobachten. Das ist jene uns zugängliche Version der Wiederholbarkeit der Welt, die eine schwache Hoffnung auf einen Sinn und eine Ordnung in der Welt aufkeimen läßt. Es ist ein kluges Werk einer reifen Schriftstellerin, vielleicht sogar das beste Buch, das Olga Tokarczuk bisher geschrieben hat.

Jerzy Jarzębski

AUSZUG

Meine Eltern waren nicht von einem ganz und gar seßhaften Stamm. Sie zogen viele Male um, von einem Ort zum anderen, bis sie sich schließlich für längere Zeit in einer Provinzschule niederließen, weitab von jeder richtigen Straße und Eisenbahnstation. Jedes Überschreiten der Gartengrenze, jeder Ausflug in die kleine Stadt war schon eine Reise. Einkäufe, Papiere, die im Gemeindeamt eingereicht werden mußten, immer derselbe Friseur am Markt vor dem Rathaus, der immer denselben erfolglos gewaschenen und gebleichten Kittel trug, auf dem die Färbemittel für die Haare seiner Kundinnen kalligraphische Flecken hinterlassen hatten, chinesische Schriftzeichen. Mama ließ sich die Haare färben, der Vater wartete an einem der beiden Tische draußen vor dem Café Nowa auf sie. Er las die Lokalzeitung, in der die Rubrik „Kriminalfälle“ mit Berichten über Marmeladen- und Gewürzgurkenraub aus irgendwelchen Kellern immer das interessanteste war.
Und dann ihre touristischen Ferienausflüge, schüchtern, mit einem bis unters Dach vollgepackten Skoda. Lange vorbereitet, an Vorfrühlingsabenden geplant, wenn der Schnee gerade getaut, die Erde aber noch nicht wieder zu sich gekommen war, noch länger nicht ihren Körper den Pflügen und Hacken hingeben, sich befruchten lassen und ab dann die Zeit der Menschen vom Morgen bis zum Abend in Anspruch nehmen würde.
Sie gehörten zu einer Generation, die mit Wohnwagen unterwegs war, einen Hausersatz hinter sich herzog. Einen kleinen Gasherd, Klappstühle, einen Klapptisch. Eine Plastikschnur zum Aufhängen der Wäsche, wo man Halt machte, hölzerne Wäscheklammern. Wasserfestes Wachstuch für den Tisch. Ein Picknick-Set für Touristen bestehend aus bunten Tellern, aus Besteck, Salzfäßchen und Gläser – alles aus Plastik.
Irgendwo unterwegs, auf einem Flohmarkt, wie ihn er und meine Mutter besonders gerne besuchten (wenn sie sich nicht zufällig gerade gegenseitig vor Kirchen und Denkmälern fotografierten) hatte mein Vater einen Teekocher aus der Armee erstanden, ein Gerät aus Kupfer, ein Gefäß mit einem Rohr in der Mitte, in das man eine Handvoll kleingebrochenes Reisig legen und es anzünden konnte. Obwohl es auf den Campingplätzen Stromanschlüsse gab, kochte er das Wasser immer in diesem qualmenden langsamen Teekessel. Er kniete über dem heißen Gefäß und lauschte stolz auf das Bullern des kochenden Wassers, das er dann auf die Teebeutel goß – ein echter Nomade.
Sie hielten an den dafür bestimmten Orten, auf Campingplätzen, immer in Gesellschaft anderer Leute ihres Schlags, und hielten Schwätzchen mit den Nachbarn über die Socken hinweg, die an den Zeltschnüren trockneten. Mit Hilfe des Reiseführers wurden Reiserouten festgelegt, wobei die Sehenswürdigkeiten sorgfältig aufgelistet wurden. Bis Mittag Baden im Meer oder einem See, am Nachmittag ein Ausflug zu den Ruinen und Überresten von Städten, zum Abschluß das Abendessen, meistens aus Eingewecktem bestehend: Gulasch. Frikadellen, Klopse in Tomatensauce. Dazu brauchte man nur noch Reis oder Nudeln zu kochen. Ewiges Sparen, der Zloty steht schlecht, das ist der rote Heller der Welt. Orte suchen, wo es Stromanschluß gibt, dann wieder unwillig packen um weiterzureisen, jedoch immer im metaphysischen Bereich des eigenen Hauses. Sie waren keine echten Reisenden, denn sie reisten, um zurückzukehren Und sie kehrten immer erleichtert heim, mit dem Gefühl eine Pflicht gut erfüllt zu haben. Sie kamen zurück, um einen großen Stapel Briefe und Rechnungen von der Kommode zu nehmen. Um große Wäsche zu machen. Die heimlich gähnenden Freunde mit ihren Fotos zu Tode zu langweilen. Das sind wir in Carcassone. Und hier ist meine Frau, vor dem Hintergrund der Akropolis.
Dann führten sie das ganze Jahr ein seßhaftes Leben, ein Leben, in dem man morgens da weitermacht, wo man am Abend aufgehört hat, in dem die Kleidung ganz vom Geruch der eigenen Wohnung durchdrungen ist und die Füße rastlos ihren Pfad auf dem Teppich austreten.
Das ist nichts für mich. Offenbar fehlt mir irgendein Gen, das beim Menschen Wurzelbildung bewirkt, sobald dieser einige Zeit an einem Ort ist. Ich habe es oft versucht, aber meine Wurzeln waren flach, jeder beliebige Windstoß konnte mich ausreißen. Ich konnte nicht sprießen, diese Pflanzenfähigkeit fehlt mir. Ich ziehe keine Säfte aus der Erde, ich bin ein Anti-Anteus. Meine Energie schöpft sich aus der Bewegung – aus dem Ruckeln von Autobussen, dem Dröhnen von Flugzeugen, dem Schaukeln von Fähren und Zügen.

Ich bin handlich, klein und kompakt. Mein Magen ist anspruchslos, meine Lungen kräftig, mein Bauch fest, meine Armmuskeln stark. Ich nehme weder Medikamente noch Hormone und trage keine Brille. Alle drei Monate einmal rasiere ich mir die Haare mit dem Apparat, ich benutze so gut wie keine Schminke. Ich habe gesunde Zähne, vielleicht nicht ebenmäßig doch ganz, nur eine alte Plombe ist da, ich glaube im Sechser links unten. Leberwerte normal. Bauchspeicheldrüsenwerte normal. Die Nierenfunktion rechts und links hervorragend. Meine Bauchschlagader in der Norm. Meine Harnblase genau richtig. Hämoglobin:12.7; Leukozyten: 4.5; Hematokrit: 41.6; Thrombozyten: 228; Cholesterol: 204; Kreatinin: 1,0; Bilirubin: 4,2; und so weiter. Mein IQ – wenn man an so etwas glaubt – ist 121, das reicht. Ich habe eine außergewöhnlich gut entwickelte räumliche Vorstellungskraft, die fast eidetisch ist, dafür eine schlechte Lateralisierung. Persönlichkeitsprofil instabil, wahrscheinlich wenig vertrauenswürdig. Alter: psychologisch. Geschlecht: grammatisch. Bücher kaufe ich lieber im Taschenbuch, um sie ohne Bedauern auf Bahnsteigen liegenzulassen, für die Augen anderer. Ich sammle nichts.
Ich habe mein Studium abgeschlossen, aber im Grunde habe ich keinen Beruf erlernt, was ich sehr bedaure: Mein Großvater war Weber, er bleichte die gewebte Leinwand, indem er sie auf einem Hang ausbreitete und dem hellen Sonnenlicht aussetzte. Es würde mir Spaß machen, Kette und Schuß mit einander zu verweben, aber es gibt keine transportablen Webrahmen, die Weberei ist eine Kunst für seßhafte Menschen. Unterwegs stricke ich. Leider ist es neuerdings bei manchen Fluggesellschaften verboten, Strick- oder Häkelnadeln mit an Bord zu nehmen. Ich habe wie gesagt kein Fach gelernt, dennoch habe ich, ungeachtet der Warnungen meiner Eltern, überleben können, indem ich auf Reisen alle möglichen Arbeiten ausgeübt habe und keineswegs unter die Räder gekommen bin.

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky