DER FALL HERMES

Der Vorsitzende des Großen Konsistoriums Hermann Daniel Hermes wird eines Tages unvermittelt seines Amtes enthoben. Ohne Begründung und ohne die Möglichkeit Einspruch zu erheben, auch wenn er dies für den Rest seines Lebens versuchen wird. Seine Vergehen kommen erst nach seinem Tode ans Licht, als die höchsten Richter sich seines Falles annehmen: die Engel. Mithilfe von Unterlagen, die bis zur Geburt des Angeklagten zurückreichen, aber auch dank modernster Überwachungs- und Archivierungsmethoden sind sie in der Lage, jede einzelne seiner Handlungen genau zu durchleuchten. Doch das Urteil der Engel ist von einer starken Antipathie gegen den Angeklagten geprägt, die Dokumente sind unvollständig und erlauben keine eindeutige Interpretation. Die Richter sehen sich gezwungen, neue Zeugen aufzuspüren, die Lücken zu schließen und sich für die einzig richtige Version der Wahrheit über Hermes zu entscheiden.
Die Untersuchungen im Fall Hermes haben den Charakter eines Lustrationsverfahrens und der gesamte Roman kann als eine Reaktion auf das heutige Lustrationsmodell, eine zeitgenössische Variante der mittelalterlichen Hexenjagd, verstanden werden. Mit all ihren Verdrehungen der Wahrheit und ihrem Mangel an Objektivität, der jegliche Zweifel an der Schuld eines Angeklagten einfach wegwischt. Die scherzhafte Darstellung ändert nichts am Wesen ihres Sachverhalts: In der eindeutigen Beurteilung menschlicher Handlungen – so suggeriert Waniek – wird es immer auch Missbräuche geben.
Die Geschichte spielt in der Zeit vor der französischen Revolution und dem Aufkommen der antimonarchistischen Bewegung, die zu tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen führte. Hermes ist Freimaurer, Antimonarchist und ein Befürworter der sich anbahnenden Veränderungen, auch wenn er eher im Verborgenen wirkt. In seinen Ansichten und seinen Handlungen spiegelt sich die Einstellung zahlreicher „Verschwörer“ jener Zeit wieder. Darüber hinaus dienen sie dem Autor als Anlass zur Darstellung der verschiedenen Oppositionsgruppen und ihres Einflusses auf die Politik – in diesem Falle der preußischen.
Henryk Wanieks Roman verbindet die Vorzüge des historischen Romans mit denen des politischen Traktats und der metaphysischen Abhandlung. Seine größte Stärke sind die Porträts seiner Protagonisten, sowohl der irdischen als auch der himmlischen, die in ihren Schwächen oft überaus „menschlich“ erscheinen.
Auch die Balance zwischen Realismus und Fantastik gelingt ausgezeichnet.

- Marta Mizuro

AUSZUG

ENGEL:
Ich möchte Ihnen allen eine langatmige Einleitung ersparen und sie gleich darauf hinweisen, dass ich mit Ihnen über die Bibliothek sprechen werde. Und da es sich hierbei um eine vertrauliche Angelegenheit handelt, bitte ich sie, nichts von dem, was hier gesagt werden wird, nach außen zu tragen. Ich danke Ihnen für ihr Kommen und zähle auf Ihre Unterstützung. Über Bibliotheken weiß ich so gut wie nichts. Selbstverständlich meine ich damit nicht die Regale, Kataloge und die ganze tote Ordnung der Bestände. Wie das aussieht, kann ich mir schon selbst vorstellen. Von Ihnen möchte ich etwas über die Geheimnisse hören, die sonst nicht in die Öffentlichkeit dringen, über die nur Eingeweihten vorbehaltene, tiefere Philosophie dieser bibliografischen Schatzkammern. Und da Herr Graf bereits die Augen geöffnet haben, frage ich Sie einfach zuerst. Über die Bedeutung der Bibliothek müssen Sie mir nichts erzählen. Es ist allgemein bekannt, dass sich dort die weltweit größte Sammlung von Hymnen befand. Warum eigentlich gerade Hymnen?
GRAF:
Entschuldigen Sie, dass ich so undeutlich spreche. Die Kälte macht meinem Unterkiefer irgendwie zu schaffen. Sehen Sie nur, wie er zittert. Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Das alles ist schon so lange her und so verworren. Vor allem weil es mit so großen Kosten, Anstrengungen und Befürchtungen verbunden war. Eine Bibliothek bedeutet eine große Verantwortung. Des Nachts träumte ich von Feuersbrünsten; von Holzwürmern, monströsen Nagekäfern, die als Anobium punctatum bekannt sind und die sich durch die Seiten von Büchern fressen; von gemeinen Diebstählen der wertvollen Exemplare; von dreisten Fälschungen. Ich denke nur ungern daran zurück, aber für Sie, Herr Rat, mache ich selbstverständlich eine Ausnahme. Das Sammeln von Gesangbüchern – und anderen Büchern, über die ich später noch sprechen werde – ist eine Familientradition, die auf meinen Großvater zurückgeht. Heutzutage denkt jeder, Hymnen seien nichts weiter als Lieder für den gemeinen Pöbel. Vergessen sind die seligen Zeiten, als man in den Salons und den Gotteshäusern, auf den Exerzierplätzen und den Schlachtfeldern sang, im reinen Bestreben, die Herzen der Menschen und mit ihnen die ganze Welt zu läutern. Bereits zu Lebzeiten meines Vaters nahm das Unheil seinen Lauf. Der Kitsch griff um sich, eine Flut von Fälschungen raubte der Hymne ihre ursprüngliche Reinheit. Zuvor hätte niemand etwas Derartiges gewagt. Eine Hymne war etwas Heiliges! Ein römischer Soldat wäre lieber gestorben, als auch nur ein Wort seines Legionsliedes zu verändern. Der Gesang entschied über den Ausgang der Schlacht – über Sieg oder Niederlage. Zahlreiche entsprechende Hinweise finden sich bei Thukydides, noch mehr bei Sueton. Hätten die Klöster nicht damit begonnen, ihre Possen mit den Hymnen zu treiben, lägen nicht so viele von ihnen heute in Trümmern. Das Gleiche gilt für die so schmählich untergegangenen Staatswesen. Und je mehr Zeit verging, desto schlimmer wurde es. Die Hymne wurde in den Schmutz billiger Tanzbuden herabgezogen. Jeder erstbeste Zirkus brauchte seine Hymne. Und zur Zeit der Aufklärung erreichte der Skandal seinen Höhepunkt. Zu den traditionellen Melodien wurden jetzt moderne, rationalistische Texte verfasst. Irgendwo in Böhmen entstand eine geheime Hymenwerkstatt. Schleichhändler verkauften ihre Erzeugnisse zum halben Preis. Natürlich waren sie ohne jeden Wert. Die Leute sangen sich die Lunge aus dem Hals, doch es half nichts. Kein Heldenmut, keine göttliche Gnade und noch nicht einmal ein wenig Hoffnung. In dieser Welt sollte meine Bibliothek zu einer Arche Noah werden, einer Festung gegen den Ansturm der Barbarei.
ENGEL:
Und alle Falschheit sollte an Ihrer Bibliothek zerschellen!
GRAF:
Bereits in jungen Jahren betrachtete ich die Rettung der Hymne als meine Lebensaufgabe. Als ich mit zehn Jahren in die Schule kam, verfügte ich auf diesem Gebiet bereits über ein beträchtliches Wissen. Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass alle meine Mitschüler und auch die meisten meiner Lehrer Gesangbücher von zweifelhaftem Wert verwendeten, sodass alles Lernen im Grunde für die Katz war. Als ich meinem Vater davon berichtete, nahm er mich aus der Schule und vertraute meine weitere Ausbildung dem Kaplan Mayer an. Dieser Mann besaß das außergewöhnliche Talent, in Sekundenschnelle zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden. Und eben diese Fähigkeit lehrte er mich, bis ich ein gewisses Alter erreichte. Dann öffnete er einen Schrank, den er bis dahin immer vor mir verschlossen gehalten hatte. Der Schlüssel allein reichte nicht, man musste auch die Zauberformel kennen: Makbenak. Er sprach sie, die Scharniere knarrten und was gab es dort nicht alles zu sehen! Und alles in tadellosem Zustand! Das Beste, was der menschliche Geist seit Entstehung der Welt hervorgebracht hatte. Die größten Schätze der Hymnologie. Mit der Zeit wies mich mein Lehrer in ihre Geheimnisse ein. Nach und nach erschlossen sich mir die Arkana des göttlichen Klangs.
ENGEL:
Ich habe gehört, dass sich dem Singenden manchmal die ganze unermessliche Macht der Hymne offenbart, die seinen Geist erleuchtet und ihn die Geheimnisse des Lebens schauen lässt. Ich habe auch gehört, dass der Hymne eine Kraft innewohnt, die, richtig angewandt, die Mauern belagerter Städte zum Einsturz bringt und die Herzen der Menschen entflammt. Sie haben vorhin von der Entstehung der Welt gesprochen, Herr Graf. Ich würde gerne wissen, was sie von der Legende halten, der Schöpfer habe weiter nichts getan, als nacheinander sieben Hymnen zu singen. Halten Sie es für möglich, dass, wie die Hymnologen behaupten, das Universum allein durch Gesang entstanden sein könnte?
GRAF:
Indem Sie diese alte Überlieferung als Legende bezeichnen, schmälern Sie eine wichtige Wahrheit und treffen doch gleichzeitig auch den Kern der Sache. Ganze vier dieser sieben Legenden befanden sich im Besitz unserer Bibliothek. Mein Vater hatte sie von einem levantinischen Händler erworben. Dieser wiederum hatte sie ebenjenem Kloster abgekauft, in dem Salomon selbst sie einst niedergelegt hatte.
ENGEL:
Genau das wollte ich von Ihnen hören. Nichts anderes habe ich erwartet.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau.