DIE INSEL

Die Stärke und die Zierde von Rylskis Schaffen liegt bekanntlich in der Gestaltung der Haupthelden (wenngleich es auch den Nebenfiguren an nichts mangelt). In allen vier Erzählungen des Bandes "Die Insel" finden wir untadelige Beispiele dafür. Wir begegnen gewöhnlichen wie außergewöhnlichen Gestalten: einem unglücklichen Buchhalter, einem sterbenden Großschriftsteller in der Emigration, der entfernt an Gombrowicz erinnert, einem Provinz-Gänschen, sowie einem Opfer einer Urlaubsromanze wird, einen herausragenden, rebellischen Geistlichen und Playboy, dem – zumindest bis zu einem bestimmten Augenblick – eine Karriere in Vatikan winkt (in der titelgebenden Erzählung). Jeder dieser Helden ist ungeachtet seiner sozialen Herkunft oder seiner geistig-moralischen Qualitäten ein, um den Titel eines Romans von Rylski zu benutzen, „Mensch im Schatten“, eine gebrochene Gestalt, düster, aller Illusionen beraubt, ein definitiver Verlierer. Das soll aber nicht heißen, daß Rylski bei der Gestaltung der Personen schematisch verfährt; so ist es nicht.
Man beachte den sorgfältig durchdachten Aufbau des Bandes. Alle vier Erzählungen spielen am Meer: die erste und dritte an der Ostsee, die zweite und vierte am Mittelmeer (im Süden Frankreichs und auf der titelgebenden Insel vor der Nordküste Afrikas). In der ersten und dritten Erzählung ringen die Helden mit Gebilden ihrer eigenen Einbildung, in der zweiten und vierten haben wir es mit dem klassischen Verhältnis zu tun, das heißt mit einem Duell der Antagonisten. Die Helden von zwei Erzählungen sterben unter hochbedeutsamen, metaphorisch ausgedrückten Umständen, in den beiden anderen kommt es zu einem geheimnisvollen Rollentausch.
Rylski verführt einerseits durch deftige Handlungsmotive voller Überraschungen, mit fein dosierter Spannung und meisterhaft eingesetzten Täuschungsmanövern, und andererseits arrangiert er fesselnde Debatten, in denen es hart auf hart geht. Er möchte, daß wir sowohl seinen Einfallsreichtum beim Erfinden der Fabel als auch sein – wenn man so sagen darf – dramaturgisches Talent. Daß in den Erzählungen, die sich auf den Dialog stützen, die Handlung nicht zu kurz kommt, versteht sich von selbst. Das jüngste Buch von Eustachy Rylski ist in jeder Hinsicht gelungen.

- Darek Nowacki

AUSZUG

Vom Leben eingeschüchtert, beschloß die Friseurpraktikantin aus Wągrowiec, etwas träge vom Schlaf, von der Süße und der ersten Jugend, gemeinsam mit ihrer Freundin, übrigens auf deren Zureden, den Urlaub in einem der modischen Orte am Meer zu verbringen.
Der Kurort entsprach ihren Vorstellungen von der großen Welt, und als ein Mann von Welt erwies sich auch Sylwek, ein gut aussehender Mann von dreißig, der den Duft von Erfolg, Geld, Selbstsicherheit und Eau de Cologne Paco Rabanne um sich verbreitete.
Sylwek und sein Kumpel Kapiszon waren Könige des Lebens. Markenklamotten, gute Zigaretten, teure alkoholische Getränke, Armbänder an den Handgelenken und das jweils passende Dope.
Monika war beeindruckt von den Jungs und der Welt, die sie vor ihr ausbreiteten, so daß sie sich, irgendwo am Strand angesprochen, ohne spezielle Absicht, ja sogar ohne Überzeugung, sehr wahrscheinlich in einem Augenblick der Langeweile oder des gedankenlosen Übermuts voll Leidenschaft der Urlaubsromanze hingab.
Sie war allzu begierig aufs Glück, als daß die ostentative Straflosigkeit, mit der die jungen Männer und ihre Kumpane das Leben genossen, sie auch nur im geringsten verlockt hätte. Kneipenschlägereien, bravouröse Pirouetten auf den Waverunnern, ein riskantes Hasardspiel vor der Eröffnung des Kasinos, das schon verfaulte, ehe es reif war, nächtliche Fahrten durch die engen Straßen der erschrockenen Stadt, schließlich die zotige Vorstadtsprache, die wie eine vergiftete Quelle durch die dünne Oberfläche vorgetäuschter Korrektheit drang – das alles hielt das Mädchen nicht davon ab, sich verzaubern zu lassen.
Im Gegenteil: Je ungestümer dieses Leben verlief – und das war von Tag zu Tag mehr der Fall –, desto größer wurde Monikas Appetit darauf. Es ließ sich nicht verhehlen: Das Mädchen war zu jung, dumm und unempfindlich, um in ihrer Faszination durch einen Hauch Nachdenklichkeit stören zu lassen. Umso mehr als sie selbst an Glanz gewann und sich aus einer grauen Maus in eine verliebte Frau verwandelte, die sich ihrer Reize bewußt wurde.
An Glanz gewann auch der Kurort, der in den Augen des Mädchens zu Hollywood, Monaco, San Remo wurde, Orten, die sie bisher nur aus den Klatschspalten von Illustrierten kannte.
Als deren Heldin fühlte sie sich ein wenig.
Doch der Urlaub ging zu Ende, ehe er richtig auf Touren gekommen war, wie es einem mit allen Annehmlichkeiten ergeht.
Die Verliebten gingen auseinander. Monika fuhr nach Wągrowiec, Sylwek natürlich nach Warschau.
Sie versprachen einander, sich regelmäßig zu schreiben und so oft wie möglich zu besuchen. Monika kehrte nicht mehr an ihre Arbeitsstätte zurück, denn man kehrt nicht aus dem Paradies in einen provinziellen Friseursalon und von einem Märchenprinzen zu langweiligen Kundinnen zurück, die nicht wußten, was Lust ist. Worüber hätte sie auch mit ihnen sprechen sollen? Und Gespräche waren doch das Wesen und der Kern ihrer Arbeit.
Sie hatte vor, sich nach etwas Passenderem umzusehen. Derweil verflog ihr die Zeit mit Träumen und Briefen. Von Chips und Coca-Cola wurde sie mächtig dick, und vom Zanken mit den Eltern nahm sie Schaden.
Bisher nach außen hin unsicher, vorsichtig und zurückgezogen, kompensierte sie dies durch ein größeres Maß häuslicher Unabhängigkeit, als es dem Status eines unselbständigen Kindes entsprach. Jetzt vertieften sich die Abhängigkeiten, schon aus Mangel an Arbeit, doch die Autonomie, die sich sich willkürlich zuerkannt hatte, entartete durch ihre Dreistigkeit.
Damit verletzte sie die Eltern, ohne Rücksicht auf die Umstände.
Die Eltern, bisher stets offen und von nicht nachlassender Geduld, verschlossen sich in einem Schweigen, das Monika bald aus Langeweile, bald aus einer sich selbst steigernden Wut brutal brach. Nicht ohne Erfolg, wenn Roheit auf die Wehrlosigkeit einfacher, fleißiger, verantwortungsbewußter Leute trifft, die, über die Zeiten verwundert und von ihnen unabhängig, zu Gefühlen bereit sind.
Was nun die Korrespondenz betraf, so war sie ganz einseitig. Auf ihre immer ungeduldiger werdenden Briefe erhielt Monika keine Antwort.
An manchen Tagen dachte sie an Selbstmord, an anderen heiterten die Urlaubserinnerungen ihre Seele auf, aber das eine wie das andere ergoß sich durch denselben Bach fieberhafter Euphorie, so als führten Gedanken an den Tod wie solche an das Leben zu demselben Ziel.
Hin und wieder – meistens am Telefon – sprach sie über ihren Zustand mit ihrer Freundin Ewa, die in ihren Hoffnungen mehr Mäßigung bewies, nicht ihre Arbeit aufgab, ihre Urlaubsromanze mit Kapiszon gegen ein intimes Verhältnis mit einem wohlhabenden verheirateten Mann vertauschte und es sich gut gehen ließ.
Zwei Monate gingen dahin. Die Tage wurden grau und kurz. Schlimmere Gedanken häuften sich, bessere wurden rar. Die Freundin redete Monika zu, etwas zu unternehmen. Sie sollte der Ungewißheit ein Ende machen. Sie schadet dem Leben. Entweder kann sie sich sagen, es ist aus und vorbei, oder sie soll, wenn sie das nicht kann, Konsequenzen daraus ziehen.
Auf Monikas Frage hin, worin diese Konsequenzen bestehen sollten, wurde Ewa von sich aus aktiv. Mit einiger Mühe machte sie den Freund von Sylwek ausfindig, und nachdem sie Monika ein bißchen im ungewissen gelassen hatte, teilte sie ihr die Adresse ihres schon vergessenen sommerlichen Liebhabers mit.
Es fiel Monika nicht leicht, aber nach Allerseelen machte sie sich zurecht, hob die Ersparnisse vom Konto der Eltern ab, stieg in den Zug und fuhr nach Warschau.
Kapiszon traf sich mit ihr in einem Klub, der an ein Rattenloch erinnerte und im übrigen auch nicht viel größer war, erfüllt von den Spasmen psychedelischer Musik.
Dort hing ein Haufen schrecklicher junger Leute herum, die in einer schrecklichen Sprache über schreckliche Dinge sprachen, aber am allerschrecklichsten fand Monika Kapiszon mit seiner unverhohlenen Hoffnung, sie zu ficken, irgendwo, an der Bar, in der Toilette, im Auto, auf der Straße.
Er hielt sie hin, beschwindelte sie, machte sich über sie lustig, bestellte immer wieder ein neues Bier, antwortete nicht auf ihre Fragen oder teilte ihr ungebeten etwas mit, aber nach zwei Stunden dieser Quälerei, die Monika wie eine Ewigkeit vorkamen, ließ er nach, wurde weich, setzte aus, diktierte ihr eine Adresse und verschwand.

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese