BARBARA RADZIWIŁŁÓWNA AUS JAWORZNO-SZCZAKOWA

Der neue Roman von Michał Witkowski ist eine weitere „Beichte eines Kindes des (vergangenen) Jahrhunderts“ in unserer Literatur. Aber dieses Kind ist wie man vom Autor von "Lubiewo" erwarten durfte nicht etwa irgendeines, es ist ein besonderes. Erzähler des Romans ist Hubert, ein Mann im besten mittleren Alter, der seine chaotischen Erinnerungen – voll von Rückblenden und plötzlichen Zeitsprüngen – erzählt. Und zu erinnern hat er genug! Hubert ist ein kleiner Fisch in der kriminellen Halbwelt der Bergarbeiterstadt Jaworzno-Szczakowa. Er handelt mit allem Möglichen, betreibt ein halblegales Kino, in dem er Filme von Videokassetten abspielt, ist Besitzer eines Leihhauses, geht der Schuldeneintreiberei und Hehlerei nach.
Aus dem, was ich bisher geschrieben habe, könnte hervorgehen, daß Witkowski eine Geschichte erzählt, wie es sie in unserer Literatur bereits viele gegeben hat, von der verrückten Wendezeit, von dem Ende der VR Polen und den Anfängen der 3. Republik Polen. Dennoch ist im Grunde die Figur des Hubert die wichtigste im Roman. Woher also stammt diese Barbara Radziwiłłówna im Buchtitel? Hubert identifiziert sich mit jener kontroversen früheren Königin Polens, genau so wird er in seiner kleinen Welt genannt. Der Erzähler von Witkowskis Roman ist ein Träumer und Phantast, ein Mensch, der von Widersprüchen hin- und hergerissen wird; einerseits denkt er nüchtern, ist fest in der Gegenwart verankert, schaut aber gleichzeitig sehnsüchtig in die Vergangenheit und versucht, eine Familiengenealogie aufzubauen bzw. zu erfinden, er spielt sich als rücksichtsloser Mafioso auf, ist dabei jedoch „weich“, sentimental und zartfühlend, er glaubt ebenso fest an Gott wie an Weissagungen und Horoskope. Hubert empfindet sich als anders, was zur Folge hat, dass er unglücklich ist, „gefangen in seinem Leben wie in einem Gefängnis“. Den Roman des Autors von "Lubiewo" muss man vor allem als Geschichte eines Sonderlings lesen, der verzweifelte Versuche unternimmt, seine Träume zu verwirklichen, er sucht Liebe (er ist unglücklich in seinen Angestellten Sascha, einen ukrainischen Muskelprotz, verliebt), Glück und Akzeptanz.

-Robert Ostaszewski.

AUSZUG

Genau. Ich seufze. Der Brünette. Brü-net-te. Den örtlichen Laubenpieper nicht mitgezählt, der sich im Komitée was zusammengeklaut und an die zwanzig Gewächshäuser errichtet hatte, war ich der Reichstein ganz Jaworzno. Er aber hatte einen Gemüseladen. Und Gemüseladenbedeutete damals nicht: ein Laden mit Gemüse, sondern mit allem! Mit Kaugummi, mit saurer Mehlsuppe in der Flasche (bäh!), sogar solche Einmal-Schuhe, aus Papier, konnte man dort kaufen. So sah also auch sein Gemüse aus. Jeden Sonntag fuhr er mit seinem Peugeot bei der Kirche vor, im schwarzen Pelzmantel, mit Pelzmütze aus der UdSSR, total eingemummt, zum Schreien! Gelobt sei der Herr! Hatte sich goldene Zähne besorgt, Jogginganzug, oh ja, dem geht es gut! Ich konnte mich nicht konzentrieren, spielte unter der Bank nervös mit den Autoschlüsseln. Schlimmer noch: ich sandte frevlerische Gebete an die Ewige Jungfrau Maria, sie möge ihm Krebs schicken! Ich bin ein tief gläubiger Mensch, ich liebe Gott – und besonders die Muttergottes. Also: Krebs für ihn und meiner Tante Aniela, von der ich mir eine Erbschaft erhoffe, den Tod. Aber der hatte keine Angst vor Gott! Hatte seine Finger in diese ganze Mafia getunkt, in die Diskothek „Kanty“, in die „Retro“-Bar, das Café „Jaworznianka“, dann, einige Jahre später, tunkte er seine schmutzigen Finger in diese Night-Clubs, den Stangentanz an der Autobahn. Praktisch die ganze Kabel-Straße war von ihm aufgekauft worden, aber sagt selbst, ist das Jagiellonen-Geschlecht nicht besser als diese kabelnden Laubenpieper?
Ich konnte mir nicht einmal einen Gemüseladen leisten, aber wozu hab ich denn meinen Kopf? Ich fuhr nach Niewiadów, Hitze, ich gehe, überreiche Kaffee, um zum Direktor vorgelassen zu werden. Nur dass der eine Zuteilung von Lochziegeln wollte, nun fahre ich wieder zum Direktor der Baumaterialien-Fabrik, parke meinen Kleinen, gehe, überreiche Kaffee, um zu ihm vorgelassen zu werden. Hitze. Und der sagt: nix, Scheiße, hab ich nicht. Aber ich hatte Beziehungen im Bereich Bobo-Kinderoveralls und sage zu ihm, es ist soundso, ich hab’ Kinderoveralls. Ach herrje! Da wird die Frau sich aber freuen! Für diese Overalls wiederum musste ich eine Badewanne schwarz, außerhalb der Zuteilung, beschaffen. Und so hab ich schließlich meinen Wohnanhänger N 126 gekauft, den kann der Kleine ziehen. Statt fand dies bereits Mitte der achtziger Jahre. Als Zdzisława Guca im „Panorama“ angekündigt hatte, uns stehe lang anhaltend schlechtes Wetter bevor, und die Gruppe „Lombard“ hatte hinzugefügt, „eisiges Wetter“. Als sie im „Panorama“ die Ankunft des Winters angekündigt hatte, die Ankunft der Nacht, der schwarzen Nacht der achtziger Jahre. Damals fingen die Menschen an, sich mit Siphons, Wohnanhängern und DDR-Plastikwannen zum Baden von Säuglingen einzudecken. All dies häuften sie an und begannen, sich eine Arche zubauen. Um abzuwarten.

Meine Bekannten hatten mich gefragt, was denn, Hubert, bei diesem lang anhaltend schlechten Wetter hast du vor, mit dem Wohnanhänger in die Ferien nach Jugoslawien zu fahren? So schwere Zeiten, und du machst Ferien-Zeit? Ha, ha, ha! Was für Ferien, wer hat denn was von Feriengesagt? Ein Lokal! Lo-kal, sagt euch das was? Ein gastronomisches Lokal dritter Klasse, eine so genannte kleine Gastronomie, überbackene Baguettes, Fritten, Hot Dogs bei der Radziwiłłówna gibt es, wie man weiß, die besten. (Mit gerösteten Zwiebeln drüber gestreut?) Der oberste Grundsatz im Überbackenes-Geschäft? Den Leuten altes, verbrauchtes Öl andrehen, im Toaster aufgefrischte längliche Brötchen, geriebenen Käse, über den sich nichts Gutes sagen lässt, hier und da platt gedrückte, mit (mit Wasser verdünntem) Ketchup überzogene Champignons – all das gegen echtes Geld eintauschen. (Drei achtzig sind angemessen.) Was die Champignons angeht, so würde ich auch dafür nicht meinen Kopf hinhalten, aber der Mensch ist kein Schwein – der isst alles. Und dass das Geld bis vor kurzem so echt auch wieder nicht war, und was noch schlimmer ist, jeden Augenblick anfangen konnte, einem vor den Augen weg zu schmelzen – das war ja noch nicht die Endstation des Geschäftes. Denn das Geld wiederum musste man so schnell wie möglich in Goldbarren umtauschen und in einer sorgsam bewachten Kassette aus echtem Stahl verschließen. (Welche Sauce darf’s denn sein? Knoblauch-, pikant, mild, Ketchup, Senf?)
Und sich die Hände reiben!
Erst Stahl und Gold erlaubten zumindest einen Moment lang, einen Wert zu sichern. Einen, der unruhig von Wasser und Champignons über Geld zu sichereren Erzen läuft. Denn der Wert, das ist Strom, das ist Wasser: ohne Futter, ohne Kabel irrt er träge umher, von irgendeiner ureigenen inneren Unruhe getragen. Und weshalb sollte er nicht in den sicheren Hafen unserer Kassette einlaufen? (Haben Sie vielleicht zwanzig Groschen?)Alles in allem ist doch jedes Geschäft von ähnlicher Natur – Scheiße verkaufen, irgendwas, wenig dafür bekommen, aber in solchen Mengen, dass man dieses Wenig, dieses „fast nichts“ in zumindest ein bisschen Wert umtauschen kann, einen Barren Gold oder einen Barren gleichmäßig in einer Schatulle gestapelter Dollar. Die man sich des Nachts hervorholen kann, betrachten, eventuell liebkosen, küssen, dran schnuppern et cetera. (Darf’s noch etwas sein für die gnädige Frau?)

Aus dem Polnischen von Marie Hauptmeier.