DER WEG NACH PUTTE

Ein Buch wie "Der Weg nach Putte" hat es in der polnischen Literatur der letzten Jahre nicht oft gegeben. Holewiński entwirft eine faszinierende Geschichte über die Biographie eines der führenden flämischen Maler des Barock, Jacob Jordaens (1593-1678). Die Handlung des Romans setzt im Jahr 1640 ein. Zu diesem Zeitpunkt ist Jordaens bereits ein gereifter, anerkannter und vermögender Maler: Er hat eine liebende Frau, wohlgeratene Kinder und ein prächtiges Haus. Doch wie so viele Künstler ist auch Jordaens von einer schöpferischeren Unruhe erfüllt. Sein Verhältnis zu Rubens, mit dem er sich immer wieder vergleicht, trägt deutlich zwanghafte Züge. Er ist nicht sicher, ob er wirklich ein künstlerisches Genie oder nur ein überaus begabter Handwerker ist. Doch Holewińskis Roman erzählt nicht nur von den Höhen und Tiefen einer Künstlerbiografie, vom Leben eines unermüdlichen Arbeiters, der alles andere der Malerei unterordnete. Im Hintergrund entwirft er auch ein detailliertes Bild des Alltagslebens im Antwerpen des siebzehnten Jahrhunderts, einer ehemals blühenden Handelsmetropole, die zunehmend im Verfall begriffen ist und von politischen und religiösen Konflikten geschüttelt wird. "Der Weg nach Putte" ist aber auch – und vielleicht vor allem – ein Roman über das Leiden an der Vergänglichkeit und über die Auseinandersetzung mit dem Tod. Nicht zufällig erwähnt der Autor im Titel des Romans den Ort, an dem Jordaens und seine Angehörigen beigesetzt wurden. Für den Maler selbst war der titelgebende „Weg nach Putte“ ein überaus schmerzvoller: Da er selbst ein sehr hohes Alter erreichte, musste er sich mit Tod fast aller seiner Angehörigen abfinden. Doch Jordaens überließ sich nie seiner Verzweiflung, immer fand er Trost in der Malerei.

- Robert Ostaszewski

AUSZUG

– Rubens – warf jemand von der Seite ein.
Ein anderer erblickte eine vorzügliche Ähnlichkeit zwischen der Gestalt auf dem Bild und dem seligen Frederik Hendrik, der allen noch lebhaft vor Augen stand.
Nur Beck, ein reicher Kaufmann aus Den Haag, erlaubte sich eine spitze Bemerkung:
– Wenn das Rubens sein soll, wie glücklich können wir uns da schätzen, dass wir unseren Rembrandt haben.
Jordaens lauschte diesen Urteilen anfangs noch mit einer gewissen Befangenheit, doch mit jedem weiteren Lob hellte sich seine Miene auf und wuchs sein Selbstbewusstsein. Ihm selbst schien es, als ermangele es dem Bild an jenem pulsierenden Rhythmus, jener Intensität, die er in anderen Szenen, auf anderen Bildern mitunter eingefangen hatte. Da dies jedoch keinem der Anwesenden weiter auffiel ...
– Meister – die Fürstin hakte sich bei ihm ein und schritt neben ihm vom einen Ende des riesigen Gemäldes zum anderen – wenn die beiden anderen Bilder genauso schön werden ... Ich werde stolz sein, solche Werke zu besitzen.
Sie ließ Wein kommen. Einen Augenblick später brachte sie einen Toast aus, jedoch nicht auf ihn, sondern auf die Zukunft.
– Auf dass dieses Haus in Zukunft möglichst oft Künstler von eurem Rang zu Gast haben möge.
Der Klang zerbrechenden Glases, der auf die Unaufmerksamkeit einer der Damen zurückzuführen war, löste allgemeine Heiterkeit aus.
– Ein gutes Zeichen – rief einer der anderen Maler und wandte sich gleich darauf an Jordaens, um ihm die verdiente Ehre zu erweisen.
Die Fürstin überließ ihn seiner Obhut und unterhielt sich eine Weile mit dem jungen Jacob. Sie bat ihn, ihr zu zeigen, worin sein Anteil an dem Werk bestanden hatte. Anschließend lauschte sie einer lebhaften Unterhaltung zweier Maler, die mit ihren sachkundigen Bemerkungen über die Originalität des Kolorits und die unterschiedliche Farbdichte in den hellen und dunklen Bildpartien eine vielköpfige Zuhörerschaft um sich geschart hatten.
Der Maler, der neben dem Auslöser dieses Aufruhrs stand, Egbertus Kuipt, wollte Jacob unbedingt in sein Atelier einladen. Er selbst malte keine großen Gemälde, wie Jordaens, sondern, in der Art seines entfernten Vetters Gerard ter Borch, kleinere Bilder, auf denen er reiche Bürger mit ihrer Dienerschaft darstellte. Mit großer Sorgfalt arbeitete er an jeder einzelnen Feder, jeder Portiere und jeder Spitzenmanschette, und eben daher rührte seine Bewunderung für Jacob, der auf einem so großen Gemälde nicht nur die Details erfasste, sondern auch scheinbar mühelos gewisse Figuren mit dem Hintergrund verschmelzen ließ, ein Gefühl für den Raum vermittelte, seine Verbundenheit mit der Tradition ausdrückte, etwas in sie einfließen ließ, das als „glatte Malerei“ bezeichnet wurde, und obendrein durch gezielten Einsatz des Lichts keinen Zweifel daran ließ, welche der Figuren die wichtigste war.
Jacob, den es aus heiterem Himmel am ganzen Körper zu jucken begann, nahm Kuipts Einladung an und drückte ihm die Hand. Mit einem Mal spürte er, wie alles von ihm abfiel: die Aufregung, die Sorge, eine gewisse Angst. Er hatte gewusst, dass dieser Moment kommen würde, in dem andere ein Urteil über seine Kunst fällen würden, doch er hatte nicht geahnt, wie abhängig er noch immer von diesem Urteil war. Nur gut, dass die Fürstin zu dieser unangekündigten Vorführung Menschen wie ihn eingeladen hatte, Künstler, die Talent und unermüdlichen Fleiß besaßen und die die Welt mit anderen Augen sahen. Und wie ein Kind freute er sich über ihre Anerkennung.
Jacob nahm an diesem Tag noch viele Gratulationen entgegen. Er zweifelte nicht an ihrer Aufrichtigkeit, einen Moment lang glaubte er sogar, dass niemand anders als er selbst ... Hochmut – erkannte er freilich noch im selben Augenblick – Rüstzeug des Teufels ... Schnell kam er wieder zur Besinnung. Nachdem alle gegangen waren, setzte er sich auf eines der Podeste und betrachtete lange sein Werk. Und als er lange genug gesessen hatte, griff er nach seinem Pinsel und warf ihn auf den Boden.
Der junge Jacob war den Tränen nahe, als er sah, wie sein Vater zerstörte, was andere für ein Meisterwerk gehalten hatten.
– Warum? – stieß er hervor.
– Warum? – wiederholte Jordaens die Worte seines Sohnes. – Du hast einmal gesagt, dies würde mein bedeutendstes Werk werden, weißt du noch? – erinnerte er ihn an ein früheres Gespräch. – Ich möchte nicht, dass irgendjemand denkt, zu mehr sei ich nicht imstande. Aber mach dir keine Sorgen – versuchte er ihn zu trösten. – Du kannst mit dem zweiten Bild beginnen. Mit diesem werde ich schon allein fertig.
Und bis zum Abend sprach er kein Wort mehr. Jetzt malte er, wie sein Herz es ihm eingab, und nicht nach einem bestimmten Plan. Die Kartons konnte er beiseite legen, sie zerreißen und verbrennen lassen, er brauchte sie nicht mehr. Der allgemeine Ausdruck des Bildes blieb in etwa der gleiche, doch jetzt erfasste er in den Umrissen der Figuren etwas, das zuvor niemand dort erahnt hätte. Frederik und Maurits erschienen nun als Inbegriff von Entschlossenheit, Stärke und Mannhaftigkeit. Die Frauengestalt – jener über ihnen schwebende Engel – war nicht mehr nur eine Dekoration, ein abschließendes Ornament, plötzlich wurde sie zu einem Objekt der Begierde, zum Gegenstand lüsterner Blicke und Seufzer. Sie war Mutter und Geliebte, Heilige und Hure. Sie schaute in ihre Gesichter, martialischen Mienen, die doch nicht für sie, sondern für den Feind bestimmt waren. Jacob wusste, dass er sich etwas näherte. Noch konnte er es nicht berühren, doch er näherte sich jenem Bereich, jenem Ort, an dem die Fantasie eins wurde mit dem, was unter seiner Hand auf der Leinwand entstand.
Er ging zu seinem Sohn, nahm ihn bei der Hand und führte ihn zu dem Gemälde. Er stellte sich hinter ihn und wartete auf seine Reaktion. Der junge Jacob besah sich lange die Veränderungen. Als er sein Schweigen schließlich brach, klang das, was er sagte, wie ein Seufzer der Erleichterung.
– Ich wollte es dir gegenüber zuvor nicht erwähnen – sagte sein Sohn ohne sich umzudrehen, ohne ihm in die Augen zu schauen. – Ich habe gesehen, wie du dich gequält hast. Ich hoffte, glaubte fest daran, dass du eine Methode finden würdest ... Vielleicht habe ich heute als Einziger hier gewusst, dass kein Lob in der Lage sein würde, dich zu täuschen. Mir scheint, die nächsten beiden Bilder werden dir keine Schwierigkeiten mehr bereiten. Ich möchte nur wissen, was die anderen zu den Änderungen sagen werden.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau