FRAGMENTE AUS DEM LEBEN EINES SPIEGELS

Fragmente aus dem Leben eines Spiegels ist das erste Buch der Autorin, doch veröffentlicht sie seit Jahren Kurzerzählungen in polnischen Zeitschriften. Das Buch enthält vier längere Arbeiten und eine kurze Impression mit dem Titel Nachts in Gegenwart des Spiegels schreiben, die das Mittelstück dieser Sammlung bildet. Es sind zwar – inhaltlich wie formal – klassische Erzählungen, aber sie klingen frisch und attraktiv. Das mag daran liegen, daß der eigentliche Held dieser Prosa das Geheimnis ist, das unfehlbar inmitten platter, realistischer Fakten entdeckt wird. Die übergeordnete Idee ist folgende: Die in den einzelnen Erzählungen auftretenden Figuren müssen gezwungen werden, ihre rationalistische Weltanschauung aufzugeben oder zumindest „aufzulockern“. Es gibt nämlich Dinge um uns, von denen selbst professionelle Psychiater (Versuch eines Abflugs) und Hellseher (Der Kopf sich nichts träumen lassen), gar nicht zu reden von Professoren der Genetik (Gips). Szczepkowska geht allerdings mit leichter Ironie, mit Distanz, bisweilen mit feinem Humor an das Problem heran: Die in dem Band versammelten Arbeiten sind eher „Schauererzählungen“ (im alten, positiven Sinne) als metaphysische Prosa. Das im wohlverstandenen Sinne „Klassische“ an diesen Erzählungen äußert sich beispielsweise darin, daß die Autorin sich bewährter Handlungsschemata bedient. Da besucht etwa ein junger Arzt ein Irrenhaus in einer menschenleeren Gegend, wo ihn viele Überraschungen erwarten. In einer anderen Erzählung öffnet die Witwe nach dem Tod ihres Mannes eine Schachtel mit der geheimen Korrespondenz des Verstorbenen und erfährt von haarsträubenden Dingen. In der dritten der vier längeren Erzählungen wird eine langweilige Frau durch einen gewöhnlichen Autounfall zu einer genialen Malerin. In der letzten Erzählung gerät ein weltberühmter Wissenschaftler, der nach langen Jahren seine alte Heimat besucht, in den Strudel seltsamer Ereignisse. Hinzu kommen Verwechslungen und überraschende Wendungen und am Schluß selbstverständlich eine perfide Pointe.

Dariusz Nowacki

AUSZUG

Und als ich das Zimmer betrat und mitten im Raum stehen blieb, ohne die Spur einer Ahnung, was ich tun sollte, fiel mein Blick auf diese Schachtel. Sie steht auf dem Bücherregal, nicht sehr groß, aus Pappe, irgendwie türkisch gemustert. Ehrlich gesagt hat sie mich schon immer neugierig gemacht. Erstens ist sie nicht beschriftet, was in Mareks Fall sehr sonderbar war, und zweitens hat sie niemals auf Versuche, ihre Energie zu erspüren, reagiert. Als hätte sie keine Aura, oder als hätte sie sie in ihrem Inneren verschlossen und sich somit gänzlich von der Umwelt abschottet. Irgendwie hatte ich nie gewagt, Marek einfach zu fragen, was sich in dieser Schachtel befand.
Jetzt begann sie, mich mit außergewöhnlicher Kraft anzuziehen. Sie hat sich so sehr mit Licht voll gesaugt, dass der Rest des Zimmers verblasste. Dennoch fällt es mir schwer, mich vom Fleck zu bewegen. Ich schäme mich, dass ich in solch einem dramatischen Augenblick simpler Schwäche erliege. Ich gehe in die Richtung, bleibe immer wieder stehen, als müsste ich unsichtbare Ringe durchbrechen. Am schwersten ist es, die Schachtel anzufassen. Wenn Marek hier ist, dann wird er mich wissen lasen, ob ich es tun darf. Nichts geschieht. Langsam hebe ich den Pappdeckel.
Es liegen vier Briefe darin, eine Postkarte und das Foto eines Mädchens. Ich weiß nicht, ob ich die Briefe öffnen werde, aber ich will sie näher betrachten. Ich setze mich auf den Boden. Einer der Briefe ist viel älter als die übrigen. Die Schrift auf dem Umschlag fällt durch krakelige Buchstaben auf, deutlich spüre ich die Energie einer Frau. Natürlich könnte es sein, dass ich mich von dem beigelegten Foto beeinflussen lasse, aber die Menschen haben Marek doch Fotos ihrer Angehörigen geschickt, also musste das doch nicht die Person sein, die die Briefe geschrieben hat. Es gibt jedoch keinen Zweifel daran, dass eine Frau sie geschrieben hat.
Das Bild ist klein, ein Passfoto. Das unnatürlich zur Seite geneigte Gesicht des Mädchens ist nicht schön. Das Mädchen mochte vielleicht neunzehn Jahre alt sein, doch in seinem Gesicht sind noch Spuren der Kindheit zu sehen, eine gewisse Pausbackigkeit, unausgeprägte Gesichtszüge, eigentlich wiesen einzig die Augen darauf hin, dass es erwachsen war. Als würden sie einer anderen Person gehören – von Traurigkeit und Erfahrung geprägt. Ich lege meine Hand auf das Foto. Marek hat mich ausführlich gelehrt, Wissen aus Gegenständen zu schöpfen, die von jemandes Energie geladen sind. Ich begebe mich also auf die erste Ebene des Bewusstseins und nehme Kontakt zu meinem geistigen Führer auf. Bis heute bin ich nicht sicher, ob die Gespräche mit dem geistigen Führer nicht einfach die Projektion meiner eigenen Gedanken sind, ob ich mir diesen geistigen Führer nicht einrede, doch ich war so oft Zeugin von Mareks ungewöhnlichen Fähigkeiten, war so oft bei ihm, als er Dinge und Geschehnisse auf Entfernung sah, so oft hat er mir gesagt, dass jeder Mensch sich das erarbeiten kann, dass ich schließlich zu glauben anfing, dass die Stimmen, die ich in Gedanken hörte, nicht von mir stammten, und selbst wenn es so wäre, so wäre der Gedanke eben die Kraft, nach der ich suchte. Marek wiederholte immer wieder: „Der Gedanke ist Energie. Man kann ihn nicht zerstören. Mit Hilfe des Gedankens kannst du das, was du willst, erreichen. Alles spielt sich im Kopf ab.“
Und nun bin ich unfähig zu denken. Und nicht zu denken. Ich fühle keine „herabströmende Ruhe“ und ich kann meinen „Bewusstseinszustand“ nicht verändern, folglich wird auch kein geistiger Führer auftauchen.
Ich kann also nur etwas erfahren, wenn ich den Brief öffne. Außerdem ist er bereits geöffnet. Aus dem vergilbten Umschlag schaut ein Stück eines aus einem Heft herausgerissenen Blattes hervor. Das Datum auf dem Poststempel ist kaum lesbar, ich muss also aufstehen (ich sollte den Mantel ausziehen, aber das wäre Zeitverschwendung), ich gehe zu Mareks Schreibtisch und nehme eine Lupe. In dem Augenblick, als ich meine Hand darauf legte, wurde mir schwindelig. Es war nur ein kurzer Moment, ich spannte meine Beine an und hielt mich am Schreibtisch fest. Ein Fehler. Ich sollte den Raum dieses Tischpultes nicht gedankenlos zerstören. Es war Mareks Gebiet, von seinen Gedanken geladen, seiner Arbeit, seiner Konzentration, seinen Gefühlen, ich indes hatte die Lupe herausgerissen, so, als würde ich eine der Wurzeln durchtrennen. Ich hätte es vorsichtig tun sollen, mich mit Gedanken, mit der Erinnerung darauf vorbereiten sollen. Doch es war geschehen. Ich setze mich auf den Boden, und als ich die Lupe an den Umschlag halte, erkenne ich deutlich das Datum: 5.05.1986.
Damals kannte ich Marek noch nicht. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung davon, dass ich irgendwann neben ihm, bei Tante Stasia, wohnen würde. Manchmal, wenn ich zum Apfelkuchenessen zu ihr kam, sah ich irgendwelche Leute, die vor der Tür gegenüber anstanden. Von meiner Tante wusste ich, dass sie Schlange stehen, um zu dem dort wohnenden „Wundertäter“ zu gelangen, dass sie in seinem Flur keinen Platz fänden, und… „kein Wunder, Kind, denn er ist ein Genie, du musst ihn kennen lernen, er lebt wie ein Einsiedler, nicht einmal einen Fernseher hat er, meinen grünen Star hat er in drei Sitzungen geheilt, und die, die hier die Katzen füttert, du weißt, die, deren Mann sie wegen einer Stewardess verlassen hat, deren Nerven hat er kuriert, und als der Überfall auf den Lebensmittelladen war, da hat er nur den Hals der Verkäuferin berührt, der sie eine Pistole an die Schläfe gehalten hatten, und er hat gleich gesagt, dass sich die Räuber in einem Keller hinter der Kreuzung verstecken.“
Diese Erzählungen nervten mich ungemein, und dieser geheimnisvolle Tonfall, der bedeuten sollte, dass sie mich in den Kreis der Magie vorließ, der nur einsamen Frauen vorbehalten war. Ich war damals fünfundzwanzig Jahre alt, war glücklich verheiratet, wohnte in einem großen Haus, das ich von der Familie geerbt hatte, liebte Musik, Reiten und Gedichte, schrieb an meiner Doktorarbeit, und das Leben war für mich etwas vollkommen Verständliches, ich fühlte, dass alles vom schöpferischen Tag abhing, in dem viel Bewegung, viele Pläne und Ziele stecken.

Aus dem Polnischen von Monika Cagliesi