DIE EXZENTRIKER

Ciechocinek, ein verfallener polnischer Kurort im Jahre 1957. Die Zahnärztin Wanda erhält zwei Nachrichten: eine schlechte und eine gute. Sie erfährt, dass sie unheilbar krank ist, aber auch, dass ihr geliebter Bruder Fabian aus Großbritannien zurückkehrt, wohin er als Soldat der Anders-Armee kam. Fabian kehrt im Zuge des „Tauwetters” nach Polen zurück, der politischen Entspannung, die in Polen nach Stalins Tod einsetzte. Die Heimreise ist für ihn keine leichte, frohgemute Entscheidung, denn die Begegnung mit der Schwester bedeutet die Konfrontation mit der noch nahen Kriegsvergangenheit und dem Verlust seiner Lieben. Nur das Geschwisterpaar hat überlebt. Wanda verharrt immer noch in Trauer, Fabian jedoch scheut vor ihr zurück. Der König des Lebens und Meister des Swings sucht in dem Trost, was er immer liebte. In der Musik. Die vor Jahren auch Wanda viel bedeutete, als sie in der Jazzband ihres Bruders brillierte. Es mag den Anschein haben, dass es in dem in Hoffnungslosigkeit versunkenen Städtchen keine Chance gibt, eine Band zu gründen. Dennoch geschieht das Wunder, und bei Fabian melden sich mehr und mehr Musiker. Zu ihnen gehört der Stadtmiliziant Stypa, der Sanatoriumsarzt Vogt und die schöne Englischlehrerin Modesta. Als auch Wanda ihre Skepsis überwindet, ist schon sicher, dass das Wunder wahr werden kann. Und währen, solang die Staatsmacht es zulässt.
Die Erzählung über das Entstehen einer Jazzband bietet Kowalewski die Gelegenheit, nicht nur die polnische Wirklichkeit der späten fünfziger Jahre nachzubilden, sondern auch die Atmosphäre der Vorkriegszeit aufleben zu lassen. Zu deren Leitfigur der letzteren wird Reichmann, einstiger Kurgast in Ciechocinek und Autor bekannter Liedtexte. Er erscheint im Roman dank eines Tagebuchs, dass Fabian auffindet. Aber auch die lebenden Protagonisten zitieren den Geist ihrer Jugend. Diese „Exorzismen” lassen sie vergessen, was sie durchgemacht haben, und sie ihre Lebensfreude wiederfinden.
Die Exzentriker präsentieren ein außergewöhnlich stilvolles und ausgezeichnet recherchiertes Bild jener Epoche. Sie geben nicht nur jene Geistesverfassung wieder, sondern auch die konkrete Lebenswirklichkeit – von der Sprache bishin zur Kleidung. Das Buch ist jedoch vor allem eine Lobeshymne auf die Kunst als das beste Heilmittel gegen Traumata und Hoffnungslosigkeit. Dieser tragikomische Gesellschaftsroman trägt gleichzeitig Züge eines schönen Märchens, denn man muss hinzufügen, dass außer dem Wunder der Heilung der Atmosphäre im Buch noch ein weiteres Wunder geschieht.
Ein großer Vorzug des neuen Romans Włodzimierz Kowalewskis ist auch, dass er über Zeiten erzählt, auf die die zeitgenössische polnische Prosa selten zurückgreift, vielleicht in der Annahme, dass von dieser Zeit genügend literarische Dokumente erhalten sind. Aus der Distanz sieht man eine Zeit jedoch anders. Wie es der Schriftsteller vorführt: ohne Ressentiments, zugleich mit Ironie. Die daran erinnert, dass das „Tauwetter” eine Täuschung war, doch das widerlegt die zentrale Botschaft der Exzentriker nicht: den Glauben an die Kraft der Kunst.

Marta Mizuro

AUSZUG

Je tiefer es ins Landesinnere ging, desto mehr Schnee gab es. Sie jagten die schmale, fast völlig leere Straße zwischen den Spalieren nackter Bäume entlang, passierten nur dann und wann einen Fuhrwagen mit in Pelze geschlagenen Kutschern, kümmerliche Lastwagen und himmelblaue, durch den trüben Tag gräuliche PKS-Autobusse des Typs „Krasula”, die lange Rauchschleier von Abgasen hinter sich her zogen. Der Vauxhall preschte vor, ringsum entrollte sich eine ungesäuerte und groblinnene Landschaft. Die sumpfigen Tümpel waren noch nicht gefroren, ringsum Büschel von Gestrüpp, Felder unter einer dünnen Schneeschicht, einsame Katen. In den Dörfern Schweine auf Leiterwagen, Kinder, die unterwegs in große Brotlaibe bissen, in den Städtchen Schlamm und Kopfsteinpflaster, Schlangen vor den Läden mit Fleisch und Wurst. Das Radio spielte, zwischen den Nachrichten und „Wissenswertem für die Landwirtschaft" Kujawiaks und Obereks, dann das Mandolinenensemble Ciukszas, Wicharys Tanzorchester, Gesang – Hanna Rek, Kurtycz, Koterbska.
„Sie müssen gestern Geld wie Heu rausgeworfen haben. Vor allem, als sie später unbedingt diesen französischen Champagner trinken mussten. Sauer wie Gurkensaft.” Modesta verzog das Gesicht.
„Was heißt hier Champagner. Schaumwein, nichts anderes. Von der Marke habe ich noch nie gehört.”
„Tausend haben sie verpulvert. Ganz sicher.”
„Gleich kann es mehr werden, schauen Sie nur genau zu.”
In der völlig menschenleeren Gegend standen zwei Milizianten mit einem Motorrad mit Beifahreranhänger, der in einer Schneewehe versank. Einer sah aus wie ein Luftlöscher eines Küsters – lang, mit Hakennase, der andere hatte den Hals bandagiert. Beide fuchtelten mit ihren Lutschern. Fabian fuhr an den Straßenrand. Der mit der Sperbernase ging um das Auto herum und klopfte auf Modestas Seite gegen die Scheibe.
„Führerschein, Ausweis, Fahrzeugpapiere, Benzinkarte, Reiseerlaubnis”, rezitierte er, als sie das Fenster herunterdrehte, dann verbog er sich bis zur Hälfte und versuchte, den Schädel ins Innere zu pressen, und blieb dabei mit dem Helm am Dach hängen. Es verschlug ihm die Sprache, seine Züge längten sich vor Staunen.
„Ahhh... wo ist denn hier das Lenkrad? Womit lenken Sie denn den Wagen, Genossin?”
„Zyggy! Das ist doch ein englischer Wagen, alles für die linke Linke!”, röchelte der Bandagierte, bevor Modesta überhaupt irgendetwas antworten konnte.
„Englisch? Englisch? In dem Fall wird ausgestiegen, sofort!”, kommandierte er und rückte seine Berichttasche zurecht. Er umkreiste das Auto nochmal in den winzigen Schritten einer Geisha, stand vor Fabian, deutete irgendwas, begann deutlich Silben zu artikulieren, ganz laut, fast schon brüllend:
„Bit-te stei-gen Sie ...”
Fabian stieg aus.
„Sie sprechen Polnisch?”, freute sich der Miliziant.
„Sehr gut.” Es wäre nämlich dumm, gleich in einer Fremdsprache seiner Tätigkeit nachzugehen...
Jetzt hatte er auch die Papiere vergessen, der Vauxhall nahm seine Aufmerksamkeit stärker in Anspruch, er sah sich im Fahrzeug um, machte sich an den Schaltknöpfen zu schaffen, prüfte, ob die Polster weich war, pfiff anerkennend.
„Schau doch mal, Winiek”, sagte er erregt zu seinem bandagierten Kollegen, rupfte an der Lenkradschaltung „sogar den Schaltknüppel hat er links! Genosse Fahrer, wie fährt es sich damit auf polnischen Straßen? Unbequem, was?”
„Aber das ist doch kinderleicht”, erwiderte Fabian. „Man muss sich nur daran gewöhnen, links ist rechts, und rechts ist links.”
„Rechts ist links, links ist rechts. Kinderleicht”, sprach der Miliziant verständig nach.
Sie kontrollierten gar nichts mehr, rissen Witzchen, fragten nach dem Motor, den PS, der Höchstgeschwindigkeit, dem Autofahren in England, den gefahrenen Strecken. Sie rieten noch, wegen des Wetters mit Licht zu reisen, gaben die Papiere zurück und salutierten höflich.
Als die Rücklichter des Vauxhalls an der Linie zwischen Straße und Himmel verschwammen, hoben die beiden ihre Helme, wischten sich den Schweiß von den Stirnen, warfen die Lutscher, die Berichttaschen und die Gürtel mit den Halftern in den Motorradanhänger.
„Schluss mit der Vorstellung. Jetzt schreibt ihr mir alles genau auf. Den Bericht morgen früh, vor der Lagebesprechung, 8 Uhr fünfzehn”, befahl der Bandagierte trocken.
Sie fuhren direkt zur Villa „Konstancja", wo Modesta ein Zimmer mietete. Das war eine Pension mit einer sonderbaren Glaspyramide mitten auf dem Flachdach, gegenüber dem Kiefernpark, den jetzt Schneeflocken wie Watte bedeckten. Sie ließ ihn jedoch etwas weiter entfernt anhalten, erlaubte ihm nicht auszusteigen, rang selbst mit dem Koffer.
„Ich gebe Ihnen die Hälfte für gestern zurück!”, rief sie zum Abschied.
Aus dem Bayer-Schuppen, in dem einst die Britschka für Ausfahrten der Gäste in die Umgebung stand, rollte er ein Wägelchen auf quietschenden Rädchen heraus, fuhr zwei rostige Fahrräder ins Freie, warf die verschlissenen Gartenschläuche, eine Heugabel, Spaten und Harken zur Seite. Er fuhr hinein, und dann hob er mit dem Wagenheber das Vorderteil des Vauxhall an. Schnaufend und schnaubend robbte er unter dem Wagen hervor, zündete eine Taschenlampe an. Der Aufsatz auf der Ölwanne, die er beim Blechschmied Callender in Willersley in Auftrag gegeben hatte, war an Ort und Stelle, die darangelötete, von unten unsichtbare ehemalige Kakaodose auch, was er heute morgen noch hatte überprüfen können, blind tastend, vor dem Grand Hotel. Er drehte sechs Schrauben ab, danach den Blechdeckel, verschmierte sich die Hände mit Graphitöl, das er zur Tarnung drübergestrichen hatte. Dann stand er auf, mit einem Knäuel Lumpen polierte er das Blech, das einem Schildkrötenpanzer ähnelte, und endlich ließ sich die Dose öffnen. Er atmete auf. Es war nichts passiert. Der in mehrere Plastiktüten gewickelte und mit einem Band verklebte Inhalt hatte die Reise unbeschadet überstanden.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier