LUX PERPETUA

Fast ganz zum Schluss seines neuen Romans Lux Perpetua schreibt Andrzej Sapkowski: „Lebt wohl, ihr edlen und guten Herren. Möge die Vorsehung euch auf euren Wegen schützen vor Unglück und bösem Abenteuer. Nein, nein, sagte ich, wenn Schluss ist, ist Schluss, mehr dichten werde ich nicht. Weil meine Fantasie nicht mehr Schritt halten kann.“ So endet also eine imposante Trilogie (insgesamt 1800 Seiten), die im Niederschlesien des 15. Jahrhunderts angesiedelt ist, einer Gegend, die von blutigen Kämpfen und immer wieder neu geschlossenen und aufgekündigten Bündnissen erschüttert wurde. Wenn wir noch dazu erwähnen, dass dieses Gebiet Schauplatz heftiger Glaubenskonflikte war, und das Hussitentum hier eine wichtige Rolle spielte, dann erhalten wir eine Szenerie, die wie geschaffen ist für einen Autor von historischen Romanen.

Und tatsächlich sind Narrenturm, Gottesstreiter und Lux Perpetua – auf einer bestimmten Ebene – handwerklich gut gemachte Erzählungen über vergangene Jahrhunderte. Der Verfasser scheut keinen Aufwand, um uns zum Beispiel mit der Kriegsmaschinerie jener Zeit bekanntzumachen. Diese Ingenieurspassion hat zur Folge, dass man in Sapkowski eine Art polnischen Tom Clancy sehen könnte, der, statt von modernen U-Booten fasziniert zu sein, viel Arbeit und Platz in seinem Werk für Beschreibungen alter Rüstungen und Waffen opfert. Im Gegensatz zu Clancy ist Sapkowski jedoch viel, viel raffinierter. Auch sollten wir uns von der Fabel nicht täuschen lassen. Da lernen wir das Schicksal von Reinmar Reynevan kennen, der sich ständig verliebt und dem ständig jemand nach dem Leben trachtet. Als er sich auf die Seite der Hussiten schlägt, steigt die Anzahl seiner Feinde noch um ein Vielfaches. Das Wesentliche dieser Geschichte gibt wohl meine Lieblingskapitelüberschrift aus dem zweiten Band der Trilogie (Gottesstreiter) wider, in der davon die Rede ist, dass der Held „überfallen, gerettet, gefangen genommen, verpflegt und entführt“ wird, und über den Gestalten in Panzerhemden eine Atmosphäre von „geheimen Treffen und Zusammenkünften und weltweiten Verschwö¬rungen“ schwebt.

Auf einer zweiten Ebene ist Sapkowskis Trilogie eine Polemik mit der polnischen Tradition des historischen Romans, zum Beispiel mit Sienkiewicz und Kraszewski, die über grausame Zeiten schrieben, indem sie ihnen ihre Grausamkeit nahmen und die einfache menschliche Dimension ausklammerten. Der Verfasser von Der Hexer verbirgt unterdessen nicht, dass seine Figuren Menschen sind, die – man könnten sagen – nicht sehr subtil sind und sich mit Wonne in dem suhlen, was der große Literaturtheoretiker Michail Bachtin mal als „materiell-körperliche Niederungen“ bezeichnet hat.

Mariusz Czubaj

AUSZUG

„Reynevan! Hierher! Schnell!“
Im Innern des Hofes schrie jemand auf, röchelte und verschluckte sich. Reynevan sprang auf die Füße und rannte zum Hauseingang. Ein Bolzen zischte knapp über seinem Kopf vorbei. Etwas knallte und blitzte, auf das Pflaster im Hof ergoss sich eine feurige Lache, es stank nach verbranntem Fett. Eine zweite Flasche zerbarst an der Hauswand, das brennende Öl floss wie eine Kaskade von den Simsen. Eine dritte zerplatzte auf der Treppe, die Flammen erfassten sofort zwei Körper, die dort lagen, das dampfende Blut zischte. Vom Tor her flogen die nächsten Geschosse. Plötzlich wurde es taghell. Reynevan sah hinter einem Pfeiler des Laubenganges einen Bärtigen mit einer Fuchskappe knien, das konnte nur der Herr des Hauses, Maisl Nachman ben Gamaliel, sein. Neben ihm kniete ein Halbwüchsiger, der mit zitternden Fingern eine Hakenbüchse zu laden versuchte. Hinter dem zweiten Pfeiler stand Rixa Cartafila de Fonseca mit ihrem blutigen Hackmesser und einem Gesicht, das Reynevan schaudern machte. Hinter Rixa, einen Selbstzünder in den Händen...
„Tybald Raabe? Du bist hier?“
„Duck dich!“
Vom Tor her flogen Bolzen, die den Putz von der Wand abblättern ließen. Der Halbwüchsige, der versuchte, die Hakenbüchse zu laden, schrie gellend auf und rollte sich zusammen. Rixa zog sich vor dem prasselnden Feuer zurück, das Gesicht mit vorgehaltenem Arm schützend. Reynevan zog den Jungen hinter die Mauer, Tybald Raabe half ihm dabei.
„Es sieht schlecht aus...“, keuchte der Goliarde. „Es steht schlecht um uns, Reynevan. Sie werden gleich vorrücken... Wir können nicht Stand halten...“
Vom Tor her erklang, als wolle es seine Worte bestätigen, Kampfgeschrei, ein bösartiges Geheul. Der Widerschein des Feuers blitzte auf den Klingen und flackerte auf den Säbeln.
„Tod den Juden!“
Rabbi Maisl Nachman ben Gamaliel stand auf. Er hob den Kopf zum Himmel. Er streckte die Arme empor.
„Baruch Ata Hashem Eloheinu“, rief er, seine Stimme melodisch modulierend. „Melech ha-olam, bore meori haesh!”
Die Wand des Hauses barst, sie zerkrachte in einer Explosion von Putz, Kalk und Mörtel. Aus der Staubwolke trat etwas hervor, das in der Wand gewesen war, darin eingemauert. Reynevan sog pfeifend die Luft ein. Tybald Raabe hockte sich nieder.
„Emet, emet, emunah! Abrakadabra! Abrakaamra!“
Das aus der Wand hervorgetretene Etwas, das aussah wie ein Schneemann aus Ton, hatte, oberflächlich gesehen, Menschengestalt, statt eines Kopfes aber auf den Schultern nur eine unbedeutende Wölbung. Kleiner als ein durchschnittlicher Mensch, war es aber dick und unförmig wie ein Fass und schritt auf kurzen Säulenbeinen daher, mit dicken Händen, die bis zum Boden reichten. Vor Reynevans Augen ballten sich diese Hände zu Fäusten, riesig wie Bombardenkugeln.
Ein Golem, dachte er, das ist ein Golem. Ein richtiger Golem, der legendäre Golem aus Ton, der Traum der Magier. Der Traum, die Passion und die Obsession Radim Tvrdiks aus Prag. Schade, dass Radim jetzt nicht hier ist... Dass er das nicht sehen kann...
Der Golem schrie, oder besser, er trompetete wie eine monströse Okarina. Die am Tor versammelte Magdeburger Truppe überfiel bleicher Schrecken, die Angst schien die Schergen zu lähmen und ihnen die Kraft aus den Beinen zu ziehen. Sie waren nicht fähig, wegzurennen, als der Golem mit wiegenden Schritten auf sie zulief. Sie wehrten sich auch nicht, als er über sie kam und sie gleichmäßig und methodisch mit seinen riesigen Pranken erschlug und zermalmte. Geschrei, schreckliches Geschrei zerriss die Nachtluft von Jauer. Es dauerte nicht lange. Dann kehrte Stille ein. Nur das brennende Öl in den Pfützen zischte noch.
Von der Mauer am Tor sickerte langsam dickes, mit Hirnmasse vermischtes Blut.
*
Die Sonne ging auf. Der tönerne Golem war in das Loch in der Mauer zurückgekehrt, dort stand er, eins geworden mit dem Hintergrund und unsichtbar.
„Ich war wie tot, aber ich bin lebendig“, sagte Maisl Nachman ben Gamaliel traurig. „Aber Blut ist vergossen worden. Viel Blut. Möge es mir vergeben werden, wenn der Tag des Gerichts kommt.“
„Du hast Unschuldige gerettet“, Rixa Cartafila de Fonseco deutete mit einer Kopfbewegung auf eine beleibte Frau, die drei kleine schwarzhaarige Mädchen umfangen hielt und an sich drückte. „Du hast das Leben derjenigen verteidigt, die dir am teuersten sind, Rabbi, vor jenen, die ihnen Böses wollten. Es spricht der Herr: Erinnere dich, was dir Amalek angetan hat, als du aus Ägypten auszogst. Du wirst den Namen Amaleks unter dem Himmel auslöschen. Du hast ihn ausgelöscht.“
„Ich habe ihn ausgelöscht...“ Die Augen des Juden blitzten auf, um gleich darauf wieder zu verlöschen. „Und was nun? Wieder alles hinwerfen? Wieder umherziehen? Wieder an einer anderen Tür die Mesuse befestigen?“
„Das ist meine Schuld“, knurrte Tybald Raabe. „Ich habe dich in Gefahr gebracht. Durch mich hast du jetzt...“
„Ich habe doch gewusst, wer du bist“, unterbrach ihn Maisl Nachman, „als ich dir Obdach gewährte. Ich habe deine Sache aus Überzeugung unterstützt. Ich war mir bewusst, was ich riskiere. Was soll’s, Flucht und Umherziehen sind nicht neu für mich...“
„Ich denke nicht, dass das notwendig sein wird“, meldete sich Reynevan. „Als sie die Leichen weggeräumt haben, haben die Leute von hier den Zwischenfall eher eindeutig eingeschätzt. Man hat einen Raubüberfall auf dich verübt, und du hast dich verteidigt. In Jauer nimmt dir das wohl keiner übel. Und niemanden wird es kümmern, wenn du bleibst.“
„Oh heilige Einfalt“, seufzte Maisl Nachman. „Heilig und gut... Wie ist dein Name? Reynevan?“

Aus dem Polnischen von Barbara Samborska