VORWÜRFE

Monika Mostowiks erster Roman wird für diejenigen keine Überraschung sein, die bereits ihre zwei Erzählbände so ‘ne Hübsche und Akrobatinnen kennen. Denn obwohl die längere Prosaform etwas andere literarische Mittel erfordert, benutzt Mostowik jene, die sich bereits in den kürzeren Erzählungen so gut bewährt haben. Sie bedient sich nicht nur einer poetischen Sprache mit einem ganz eigenen Klang, sondern erforscht auch ihre Lieblingsregionen der Wirklichkeit. Die Autorin von Vorwürfe bewegt sich zwischen Realität und Traum. Von einer sinnlich beschriebenen Äußerlichkeit wechselt sie übergangslos zum Unterbewussten. Mostowik fasziniert das Komische und Groteske menschlicher Verhaltensweisen, aber sie nähert sich auch mit großer Einfühlungsgabe der Tragödie der Einsamkeit, der Unfähigkeit zum Dialog und dem Gefühl emotionaler Verlorenheit. Ihre Romanhelden sind entweder sehr sensible Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs oder Personen, die bereits die Grenze zum Wahnsinn überschritten haben.
Das gilt auch für die vier Hauptfiguren in Vorwürfe. Es sind junge Menschen, die nicht aus ihrer Lethargie herauskommen. Sie üben x-beliebige Berufe aus oder sind arbeitslos, sie sind vereinsamt, aber – wie es scheint – unfähig, sich emotional zu engagieren. Ihr Verhalten lässt sich nur dadurch verstehen, dass jeder vor den anderen etwas verheimlicht, für das er sich schämt. Obwohl ihnen klar ist, dass sie Gefangene ihrer Geheimnisse sind, versuchen sie sich nicht von diesen zu befreien, sondern hüten sie. Für Emilia, Mariola, Jacek und Paweł ist ihre gemeinsame Begegnung eine Chance. Sie können überprüfen, ob sie fähig sind zu lieben und für die Erfüllung ihrer Träume zu kämpfen. Doch Mostowik wäre nicht Mostowik, würde sie diese Geschichte, gleich einer banalen Erzählung über Zwanzigjährige an der Schwelle zum Erwachsensein, mit dem Zusammenfinden der Paare und einem Happy End abschließen. Die Konfrontation der Helden enthüllt etwas, was niemand erwartet hat.
Man kann diese Geschichte als eine ironische Variation auf die Groschenromane lesen, man kann sie aber auch als Erzählung über die existentiellen Lebensentscheidungen einer Gruppe von Freunden interpretieren. Entscheidungen, die in schematischeren Büchern gewöhnlich mehr oder weniger spektakulären Erfolg zur Folge haben. Monika Mostowik, die dieses Schema ad absurdum führt, lockt den Leser in die Irre. Ohne allerdings die Grenzen der von ihr geschaffenen, sehr originellen Welt zu verlassen.

Marta Mizuro

AUSZUG

Emi spazierte zwischen den Tischen, erhabenen Schrittes, so als würde sie über Eis gehen, in verlangsamtem Tempo, wie auf einem Laufsteg, obwohl sie mit ihrem Po nie eine Chance gehabt hätte, Model zu werden. Alle diese Models waren schließlich solche Bohnenstangen, sie aber hatte zu viele Rundungen. Sie schielte immer wieder zu Jacek, der aber mehr mit seinem Kaffee beschäftigt war, obwohl sie glaubte, dass er nur so tat.
„Er hat dich überhaupt nicht angesehen”, sagte ihre Freundin, als sie an die Bar zurückkam und die leeren Gläser abstellte. Emi machte noch einen Knopf von ihrer Bluse auf. Jacek schien mit offenen Augen zu schlafen. Er erinnerte sich an die wunderbaren Augenblicke des gestrigen Tages. Den Menschen geht so viel verloren, wenn sie sich nicht im Schlaf sehen. Man sollte das filmen und später sich selbst beobachten. Das ist Psychologie, und nicht dieses Suhlen in menschlichen Bekenntnissen und Kindheitserinnerungen, dieses Auf-der-Couch-Liegen und sinnlose Anstarren von Tintenflecken, zumal sowieso sofort Titten oder ein Arsch auf ihnen erscheinen. Man muss dann alles tun, damit der Fleck einen an etwas völlig anderes erinnert, zum Beispiel an einen Apfel, der vielleicht Sünde und Schuld symbolisiert, und genau darum geht es. Und schon kann man sich über etwas unterhalten, sich in etwas suhlen. Der Schlaf malt uns die ganze Geschichte auf das Gesicht. Der morgendliche Blick in den Spiegel gibt uns nichts außer der Hoffnung, dass wir bald wieder schlafen gehen.
Emi gab sich nicht geschlagen, sie fuhrwerkte ständig in Jaceks Nähe herum, mal tauschte sie die Servietten aus, ein anderes Mal brachte sie die Blumen in der Vase in Ordnung, dann wieder hielt sie ihm ihren Busen vors Gesicht. Man konnte meinen sie würde für den „Playboy” posieren. Ein paar Herren, die sich heute ganz offensichtlich frei genommen hatten, machten ihr Avancen, obwohl sie, so schien es, bereits mehr als einen Frühling verschlafen hatten. Sie riefen: he, Püppchen, Mädel, Kleines, Bienchen und ähnlich liebevolle Bezeichnungen. Jacek aber reagierte nicht. Er hätte bei ihrem Anblick wenigstens ein bisschen sabbern können, wenigstens das Löffelchen fallen lassen können, er aber reagierte nicht, nur Kaffee und wieder Kaffee, so als würde er im Stillen sich über sie lustig machen. Für Emi war das eine ganz besondere Herausforderung. Vor allem da sie, wie es schien, mit ihren Kolleginnen an der Bar gewettet hatte, dass Jacek sie gleich auf Knien anflehen würde, ihm einen Blick zu schenken, woraufhin sie antworten würde: Verpiss dich Kleiner, und sie würde sich mit den pickligen Schwänzern amüsieren gehen.
Die Freundin an der Bar wurde sichtlich ungeduldig.
„Er ist schwul”, erklärte sie Emi.
„Glaube ich nicht.”
Schade, dass Jacek dieses Gespräch nicht hörte, es hätte ihn gefreut. Emi tüftelte bereits an einem neuen Plan, als er aufstand. Er hinterließ Trinkgeld, da sich das gehört, und ging zurück zum Taxi. Seine Kopfschmerzen wollten nicht nachlassen, und langsam bedauerte er, dass er nicht ins Flugzeug mit dieser weinerlichen Passagierin eingestiegen war.
Emi war verzweifelt. Den ganzen Abend erzählte sie Mariolka beim Bier von ihrem Kummer. Zum Glück weinte sie jedoch nicht, das war nicht ihr Stil. Sie hatte die Gewohnheit, wütend zu werden, nicht aber sich zu bemitleiden. Wahrscheinlich hatten sie sich deshalb angefreundet. Mariolka war ein zähes Stück, auch wenn sie nicht danach aussah. Sie war so zierlich, dass die Leute in der Straßenbahn beiseiterückten, als würden sie Angst haben, dass sie sofort zerbrach, wie eine Balletttänzerin aus Kristall, die man aufs Klavier stellt. Sie hätten sogar ihre Stimmen tauschen können, Mariolkas niedrige Stimme passte besser zu Emi, die überhaupt nicht so zart und zerbrechlich aussah. Sie hatten sich gefunden. Zwei Marionetten, die im Theater völlig verschiedene Rollen, dann aber wieder genau dasselbe spielten. Sie spielten jemand anderes als sie in Wirklichkeit waren. Sie spielten was auch immer, Hauptsache nicht sich selbst. Es sei denn sie waren allein, mutterseelenallein, nicht einmal mit sich allein, denn in Gesellschaft mit sich selbst ließen sie sich nur selten von ihren Gefühlen hinreißen und waren einfach da. Obwohl sie sicherlich, wenn sie das hören würden, widersprechen und sich schrecklich aufregen würden, schließlich waren sie doch so natürlich und ehrlich. Manchmal, so schien es, waren sie die jeweils andere, obwohl sie, da sie nie sie selbst waren, nicht viel über sich wussten, das meiste erfanden sie, und ihren Text lernten sie auswendig. Es war klar, dass das von vornherein zum Scheitern verurteilt war, unklar war jedoch, ob das ein gutes Ende nehmen würde, vorausgesetzt es würde überhaupt ein Ende nehmen. Sie machten sich darüber nie Gedanken. Emi hatte ihr Theater, hier, in diesem Café, sie wackelte mit dem Po, so dass jeder Typ, selbst wenn er schwul war, ihr hinterherschaute. Das waren ihre kleinen Siege, die dem Leben einen Sinn gaben. Sie provozierte die Typen ohnen Erbarmen, redete ihnen ein, dass sie mit ihr unvergessene Augenblicke erleben würden, versprach ihnen Erotik vom Feinsten oder zur Abwechslung eine zügellose tierische Vögelei. Sie gab das unmissverständlich zu verstehen, obwohl sie nichts sagte, und jeder konnte sein eigenes Drehbuch dazuschreiben, und für dieses Drehbuch fand sich immer Platz, ob im Leben eines verheirateten Typen, eines Priesters, eines Jugendlichen, eines Geschäftsmannes oder eines Taxifahrers. Hauptsache man hatte im Leben ein Ziel, und Emi hatte immer eins und erreichte immer eins nach dem anderen. Mariolka verstand nicht ganz, wieso sie das nicht müde machte, aber andererseits hatte sie immer selbst davon geträumt, ein interessantes Ziel zu haben.
„Irgendwann fällt einer über dich her, und dann wirst du dein blaues Wunder erleben. Mit Gewalt wird er sich nehmen, was du ihm versprichst.”
„Ich verspreche nichts, hör auf, den Teufel an die Wand zu malen.”
„Es scheint nichts zu sein, ist aber doch etwas. Man kann sich alles vorstellen, wenn du dich so benimmst.“
„Ich bin Kellnerin und lebe von Trinkgeldern.”
„Aber wenn wir abends ausgehen, bist du nicht mehr Kellnerin. Spiel jetzt nicht das Unschuldslamm.”
„Spiele ich nicht. Du bist selbst kein Unschuldslamm.”
„Aber hier geht es nicht um mich. Ich habe Angst um dich.”
„Um mich musst du dir keine Sorgen machen. Ich komme zurecht. Übrigens findet sich immer ein starker Mann, der mich beschützt. Sie lieben es, den Beschützer zu spielen, nicht wahr? Immer will sich immer hervortun.“
„Aber nie umsonst.”
„Mariolka, du bist vielleicht misstrauisch. Du rechnest immer mit dem Schlimmsten.”
„Nur für alle Fälle, kann ja nicht schaden.”
„Du verdirbst nur den Spaß.”
„Oh, entschuldige bitte. Ich finde das einfach nicht mehr lustig.”
„Das ist nicht mein Problem. Finde etwas oder jemanden, um Spaß zu haben, und entspann dich.”

Aus dem Polnischen von Andreas Volk