DIE WALLFAHRER AUS DEM MUTTERLAND

Die polnische Religiosität hat eine spezifische Form – am intensivsten manifestiert wie wohl auch erlebt wird sie auf Pilgerfahrten, während der feierlichen Messen der Massen, während der Papstbesuche. Der polnische Katholik scheint sich in der Masse am wohlsten zu fühlen. Dafür gibt es bei uns nur wenig Reflexion zu Fragen der Religion, vom Bibelstudium ganz zu schweigen. Das spiegelt sich in der polnischen Gegenwartsliteratur wider, die nur selten – eine Ausnahme bildet hier lediglich die Lyrik – Glaubensthemen aufgreift. Es darf also nicht verwundern, dass Marian Pankowski beschloss, sich an dieser Thematik zu messen, ein Schriftsteller, der sich vom Anfang seiner künstlerischen Laufbahn an mit Vorliebe kontroversen oder schwierigen Themen widmete und so seine Leser zum Denken zwingen wollte. Der Roman Die Wallfahrer aus dem Mutterland erschien zum ersten Mal 1985. Keine gute Zeit, um die Religiosität zu problematisieren, die innerhalb des Systems gesellschaftlichen Widerstands gegen die Machthaber der VR Polen ein wichtiges Strukturelement darstellte. Daher ließ man das Buch völlig unter den Tisch fallen. Um so mehr, als Pankowski – wie bei ihm üblich, auf metaphorisierte und groteske Weise zugleich – das Phänomen des „polnischen Pilger- und Stadionkatholizismus” aus einer dreifachen Distanz darstellte. Erstens aus der Perspektive eines Fremden, eines Europäers, denn die Erzählung des Verfasser-Erzählers (alle Texte Pankowskis tragen markant autobiographische Züge) richtet sich an einen belgischen Freund, dem er erklären will, was auf jenem sonderbaren Erdenfleck namens „Cartoflania Dolorosa” geschieht. Zweitens beschreibt ein Emigrant das Geschehen in Polen, der zwar oft im Lande weilt, die Ereignisse jedoch von außen verfolgt. Und schließlich drittens werden die religiösen Verzückungen der Polen, die ihre Heiligen suchen, zum Gnadenbild der Mutter Gottes wallfahren, jedes Wort des polnischen Papstes begierig in sich aufnehmen, aus dem Blickwinkel eines Nichtgläubigen gezeigt, eines Menschen, der seinen Glauben vor langer Zeit in den KZs der Nazis verlor. Nach über zwanzig Jahren seit der Erstausgabe sind Die Wallfahrer aus dem Mutterland ein immer noch aktuelles Buch; ein Buch, das es polnischen Lesern erlaubt, sich selbst verstehen zu lernen, und fremden Lesern, Einblicke in die Spezifik der „polnischen Seele” zu gewinnen.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Die Erde, mein Bruder aus Europa, steht schon seit Tagen so still unter der Sonne wie heute. Der Wettersatellit nimmt immergleiche Wetterbilder auf, die die Presse anderntags mit Vorliebe als Springbrunnen zeigt, über dessen Wasserfläche ein kleiner Junge ein Motorboot kreisen lässt.
Silbernrieselnd fließen Fotografien in die Redaktionen, genau heute veranschaulichen ein Springbrunnen, ein kleiner Junge und ein Boot den Zeitungslesern die rekordverdächtige Hundstagehitze.
Und hier, auf der Bank, dem in die Augen stechenden Meer zugewandt oh... der Kerl hat etwas bemerkt und zeigt es der Frau an seiner Seite, trommelt auf die Zeitung. Oh, und jene Dame auf der Nachbarbank, die niemanden hat, dem sie ihre Verwunderung mitteilen könnte, zeigt sich selbst jenen weißen Fleck auf der Wetterkarte Europas.
Wohin man auch blickt, auf dem Trottoir, in den Cafés, in den Hotelfoyers, überall trommeln Menschen auf die Zeitung. Und der Grund dafür? Ein einziges Land kommt nicht in den Genuss der Wohltaten der Augustsonne: Cartoflania Dolorosa.
Waren Dämpfe aus dem Fluss emporgestiegen, den die Hundshitze aufwallen ließ? Hatten sich die Hurensöhne Köhler, die Kohle verheizten, verschworen, um diesen Tag en bloc zu verräuchern, so dass die liebe Sonne durch ihre dunklen Machenschaften verfinstert wurde? War es Mehlstaub aus den Mühlen, die glücklich in den Besitz von Ersatzteilen gekommen waren und voll aufdrehten, sei nun Sturmwind oder nicht, auch wenn Sommer war?
Schließlich kamen die Pariser Redaktionen telefonisch zu ihren Korrespondenten durch, schon rieseln die Telexe und quellen zu den fetten Lettern der Titelseiten auf:

Die Pilgernation brach auf
Siegeszug der kleinen Leute
Diesen August auf dem Marsch
Triumph der Demütigen und Stillen
Die Glut des Gottesvolks brandet auf

Und hier die Details. Der Pariser „Paris-Catch" meldet:

Aus Dörfchen, Städtchen, entlegensten Bergeshöhen und tiefen Tälern brachen Millionen von Pilgern zu den Wojewodschaftsstädten auf. Sie sind es, die mit ihren Wandererfüßen Staub aufwirbeln, sodass der hellichte Tag in dumpfe Finsternis sinkt. Sogar internationale Flüge wurden abgesagt. Die Störche auch. Sie zögern mit dem Abflug. Ach, welch ein Anblick, wie sich die Pilger am stiebenden Staub frohgemut verschlucken, sie wissen bereits, dass man im Westen von ihnen spricht, also schlurfen sie frommen Fußes noch heftiger. Die Welt soll es sehen, sagen sie in einem fort. Der Husten dieser einfachen Menschen hat etwas Hoffnung Einflößendes. Das Schlucken güldenen Staubes in den vollen Zügen eines frommen Liedes. Und ihre geschlossenen Lider, wenn sich ihr Mund weit öffnet...
Hier das Tor einer Provinzstadt. Der Begleiter läuft vor unsere Reisegesellschaft, setzt ein Sprachrohr ans sandrote Gesicht und schreit. Und im Nu, Tausende, die sie sind, fasst jeder Pilger nach dem Bildchen an der Brust. Und Tausende, die sie sind, laufen die mit dem Bildchen überm Kopf im Kreis und stimmen ein „Hooooch soll sie leeeeeben” an. Wer? Wir können es uns denken. Die Glocken tun das Ihrige. Enthusiasmiert.
Erst seit drei Stunden begleite ich diese Gesellschaft, und schon will mir scheinen, als kennte ich diese Menschen seit Jahren. Wie sie betrete ich staub- und schweißverklebt die Stadt. Uns heißt das Diözesalmegaphon willkommen.Und nach den Begrüßungsworten (ein Hoch auf die Moderne!) teilt uns ein Jesuitenpater, Soziologe, die statistischen Daten mit. Was stellt sich heraus? Unsere Reisegesellschaft ging 13 Tage lang und legte in dieser Zeit 370 Kilometer zurück. Das ist noch nicht alles, da – eine betonenswerte und verheißungsvolle Sache – unsere Wallfahrtsgruppe zu 95 Prozent aus jungen und nur zu 5 Prozent aus alten Menschen besteht. Donnernder, nichtendenwollender Applaus erhob sich dem Diözesallautsprecher zur Antwort.
Und so weit Europa reicht, es mit Kiosken gespickt ist, wo Illustrierte Blut, Schweiß und Tränen in den Kaffee und ins Likörchen tröpfeln lassen, wächst die Rührung. Ein Schluchzen des Mitleids mit den Heerscharen von Wandernden ohne ein Dach über dem Kopf, die Kartoflanien landauf landab durchziehen, die wacker erhobenen Häupter dem Himmelsgewölbe zugewandt, das heilige Märtyrer füllen, die jenes Erdenwandern so glühend beklatschen, dass sie aneinanderschellen und ein Geläut von Aureolen aus Gold erster, zweiter und dritter Güte erschallt.

„Auf jene Trutzburg, auf jene tausend Kilometer entfernte Erhebung, stütze ich heute die Schreibmaschine, das Cembalo, dem das Pochen der Gestapoleute über den Kopf gewachsen ist, voller aus Stacheldraht geflochtener Menschennester, umspeichelt von der Mondeszunge all dessen, was kreucht.
Angst – schon schaudert das Instrument unter den Fingern zurück – die Glöckchen, die Haus um Haus mit der Nachricht elektrisieren, dass Feuer, dass Flut, dass unser Frontregiment die Trommeln schlägt, dass das Fleisch Wort wird, um sich nicht dem Geschmeiß zu ergeben, um den Rost in die Höllenschlünde zu stoßen, dorthin, wo das Vergessen klafft.
Längst keine Angst mehr, sondern eine Kletterpartie. Längst halsbrecherische Alpinistik, um überm letzten Felsvorsprung das Monogramm einer schmiedeeisernen Orchidee zu finden, dort wo sich der Habicht zwischen Sonne und Mond wiegt und gegen Mittag prüft, ob die Welt im Lot steht.
Ich betrete die Stadt – ich, der Erzähler –, und gleich ist der Himmel aufgeklart. Die Straßen haben mich erkannt. Längs der Gleise biege ich ab, auf einen Pfad durch nasses Gras und Gebüsch zur Abkürzung — da die Stimmen einer Kinderschar voller Eifer. Stimmen und Stöße. Mit Stöcken hauen und dreschen die Jungen auf den Pfad ein.
Um die Erscheinung nicht zu verscheuchen, setze ich ein pädagogisches Lächeln in der Art auf: „Was habt ihr denn da, meine Lieben, was spielt ihr für ein Spiel?".
Sie traten auseinander. Eine Ringelnatter lag übel zugerichtet da. Sie zuckte, sie wichen einen Schritt zurück. Blickten auf ihre weißen Strümpfe herab, die mit niedrigem Blut bespritzt waren, diese Jungen, die zum Hochamt gingen.
„Sie hätte mich, mein Herr, beinahe mit Haut und Haaren gefressen! Gut, dass ich weggesprungen bin".
„Meine lieben Kinderchen”, wende ich mich an meine Brüder beim Morden von Vögeln, Reptilien, Fischen und Schmetterlingen, „sie ist nicht giftig... steht unter Naturschutz... sie kann gut schwimmen... war sicher auf dem Heimweg von einer Wiese zum Fluss. Nun gut... betet für sie. Vielleicht lässt der liebe Gott wieder alles heile heile werden."
Sie sehen mich an, und ein Lächeln huscht auf ihre Gesichtchen, weil ihnen der Herr aus dem Fernseher lustige Geschichtchen erzählt.
Also gebe ich ihnen mit der Handbewegung ähnlich der eines Dirigenten oder der eines Zauberers das Zeichen wegzugehen und etwas in Art einer Absolution. Und als sie hinter dem Bahndamm verschwunden sind, hebe ich die Schlangenleiche sachte auf. „Heb sie höher”, sage ich, „über den Kopf.”
Wer wird sie holen kommen? Wer nimmt die Seele des heiligen Stephans der gemarterten, gequälten, gesteinigten Reptilien in seine Obhut, die mit Heugabeln aufgespießt werden, weil... ihr könnt euch denken, warum.
Und weil im Himmel und auf Erden Leere herrscht und kein Familienangehöriger den Mut findet, die Leiche abzuholen, lege ich sie hierher, unter den Holunder abseits des Wegs. Und jedes Mal, wenn ich hier entlang gehen werde, werde ich denken: Das ist der Holunder über der Unglückseligen.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier