WARTE NEUMOND

In Piotr Wojciechowskis Roman kann alles geschehen, oder fast alles. Ein Anwärter auf den Zarenthron endet als Koch in einem Wiener Restaurant. Eine Agentin des polnischen Geheimdiensts, die auf die Rolle der künftigen Zarin vorbereitet wurde, handelt als Obdachlose auf der Straße mit asiatischen Raubkopien von Markenwäsche. Ein von einer amerikanischen Militärhochschule relegierter polnischer Offizier nimmt an einem militärisch-wissenschaftlichen Programm teil, das das Ziel verfolgt, Zeit und Biologie zu manipulieren. Ein totes Mädchen wird dank medizinischer Experimente wieder zum Leben erweckt… Und das ist nur ein kleiner Teil der Überraschungen, mit denen der Autor des umfangreichen Romans „Warte Neumond” aufwartet. Das Handlungsskelett entstammt der political fiction. Die Romanhandlung, die die Protagonisten vom einen Ende der Welt ans andere wirbelt, spielt in allernächster Zukunft. Die Situation in Russland destabilisiert sich immer weiter, so dass der Westen und die USA beschließen einzugreifen. Die Analytiker kommen zum Schluss, dass die Situation im Osten nur durch die Wiedereinführung der Monarchie beherrschbar wird. Es beginnen Geheimdienstmanöver und politische Spielchen, es werden mehr oder weniger fantastische Varianten, mehr oder weniger Ersatzlösungen vorbereitet. In die Spionage- und Politikaffaire verstrickt werden zwei Polen, Michał und Ludka, die Hauptfiguren dieses Romans. Früher einmal waren sie ein Paar, dann trennten sie sich und verloren dabei Lebenssinn und -freude. Das Buch ist nicht nur eine Thrillerspielart über die Zukunft der Welt und die komplexen polnisch-russischen Beziehungen, sondern auch – und das vielleicht vor allen Dingen – die Geschichte zweier junger Menschen, die obwohl sie das erbarmungslose Mühlrad der Geschichte zu zermalmen droht, für ihr Leben ein Ziel und ein gewöhnliches Glück suchen. Wojciechowski schrieb „Two-in-one”-Roman – der sich sowohl an leidenschaftliche Schmökerfans richtet, für die vor allem eine mitreißende Handlung voller unerwarteter Wendungen zählt, wie auch für Leser, die von einem Roman tiefergehende Reflexion erwarten.

-Robert Ostaszewski.

AUSZUG

Das war ein schwerer Tag. Die Augusthitze, das Ausfüllen der verschiedensten Formulare im Konsulat, das Gespräch mit dem Sekretär, das Gespräch mit dem Konsul. Der Sekretär, ein fetter Apparatschik kurz vor der Rente, hatte blutunterlaufene Augäpfel, sicher von einem Saufgelage. Der Konsul war ein hochgewachsener, junger, schlanker, stark verglatzender blonder Herr mit einer goldgefassten Brille. Höflich und im Polnischen gewandt, sprach er ein wunderschönes Russisch, als sie in diese Sprache wechselten. Beides nach demselben Drehbuch eines freundschaftlichen Gesprächs. Oft wiederholte banale Fragen und oft wiederholte Vorwürfe gegen die polnischen Medien. Was ging es sie an, dass es Provokationen gab, dass in einem Museum Hammer-und-Sichel-Flaggen auf den Boden geworfen worden waren. Trampelten sie darauf herum, oder taten sie es nicht? Hätte sie sagen sollen, dass man, wenn es nach ihr ginge, mit allen Flaggen der Welt den Boden aufwischen könnte? Auch mit der polnischen, auch mit der russischen. Hammer und Sichel trugen die Sowjetsoldaten auf ihren Helmen, als sie für Polen starben. Entschuldigung, wann war das? Graue Vorzeiten scherten sie nicht, aber damit würde sie sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Dimitrij. Dimitrij. Dimitrij. Das war ihr Mantra, Dimitrij hätte eine Ansicht zu dem Thema gehabt. Sie dachte an ihr unlängst geführtes Gespräch in einem Café in der Bednarska. Vorher waren sie durch die Altstadt gelaufen, hatten die Händler mit den russischen Souvenirs gesehen.
Uschankas mit roten Sternen, Matrjoschkas, Orden.
Danach tranken sie Eiskaffee.
Dimitrij sagte, die Bolschewiken seien Russlands Aussatz. Aber traurig war es trotzdem, dass die Fahnen, unter denen arme Russen gestorben waren, jetzt mit Melonen und Kamasutra-Büchern auf dem nackten Boden lagen. Jene roten Flaggen mit Hammer und Sichel waren als ewig siegreich erschienen. Jetzt konnte man sie beim Trödler kaufen, sogar auf Basaren mit Hutimitaten von Budjonnys Reitern, Lenin-Büsten und Orden der Helden der Sowjetunion. Wo blieb der Stolz? Wo die Größe?
Die Neurussen sind keine neuen Russen, das ist eine neue Goldene Horde. Das hatte er gesagt, aber warum, das hatte er nicht erklärt, auch nicht, was die Goldene Horde war.
Das hatte er gesagt, und sie hatte gespürt, dass er ihr gegenüber ehrlich war, dass es ihm nicht in den Kopf gekommen wäre, bei ihr diesen oder jenen guten Eindruck zu schinden, will heißen einen großrussischen Eindruck.
Guten und großrussischen Eindruck machte man hier. Am Ende des sich längenden Besuchs beim Konsul erfuhr sie, dass sie ein paar Stunden später die nächste diplomatische Qual erwartete, ein Treffen mit Sergei Kowaljow, dem ehemaligen Sprecher für Menschenrechte, und den Monarchisten, die sie in Russland nicht hatte treffen können, war für sie vorbereitet worden.
Ludka vernahm es recht gelassen, das war eine Frage des Trainings.
„Sie erlauben, dass ich der Klarheit halber nachfrage: Ich soll mich mit ihnen als wer treffen?”
„Als Ludmila Pawlowna Godunow, Tochter eines Vertreters des historischen Adelshauses, eines Opfers der kommunistischen Repressionen”, antwortete der Konsul. „Schließlich habe ich Sie genau deshalb akzeptiert, weil Sie die Tochter Pawel Andriejewitschs sind. Russland muss seine Geschichte kennen und achten.”
Der Konsul begleitete sie bis zu der traumhaften Treppe hinaus, dort blieb er plötzlich so nah bei ihr stehen, dass sie dachte: Er will mich küssen.
„Es hat den Anschein, dass das Schicksal der Demokratie in Russland besiegelt ist”, sagt er halblaut. „Es ist nur noch eine Sache von Monaten, so die Ansicht der Spezialisten”.
Gleich darauf beim operativen Treffen mit Oberst Zachariasz musste Ludka in allen Details erzählen, was es in der Botschaft gegeben hatte. Und später, fast schon zur Illustration der Aussage über das Schicksal der russischen Demokratie, zeigte ihr Zachariasz eine Zusammenfassung der Fernsehberichte über Russland. Eigentlich hätten es brandneue Nachrichten sein sollen, doch Ludka schien, als hätte sie einige davon schon früher und nochmal früher gesehen, jetzt zum zweiten oder dritten Mal.
CNN: Nach einer Razzia gegen die Spekulanten auf den Basaren – Dutzende von Leichen. Panzer sprengen die Barrikaden, die die Demonstrationszüge der Hungernden errichtet haben. Das war schon. EuroNews: In die Duma dringt in Paradeuniformen eine Kosakenkampfgruppe aus Krasnodar ein, Kosakenmützen, Orden, Säbel an der Seite; mit Kantschus attackieren sie die liberalen Deputierten. Auch schon gesehen, wohl etwa vor einem Monat. BBC: Auf einer Kundgebung vor einer orthodoxen Kirche sprechen Vertreter der monarchistischen Parteien – der Allrussischen Monarchistisch-Nationalistischen Partei und der Russischen Konstitutionell-Monarchistischen Partei der Demokraten. Es kommt zu Rangeleien zwischen den Anhängern der beiden Parteien. Sie prügeln mit den Tragstöcken ihrer Transparente aufeinander ein. Jemand läuft mit einem Stalin-Porträt an einem Stöckchen über den Platz. Deutsche Welle: Durch mit dem Schrott gigantischer Lastwagen aufgefüllte Hohlwege hasten massenhaft Kosaken in ihren traditionellen Gewändern, zu Fuß und zu Pferde. Die Atamane treiben sie mit den blanken Säbeln an. Kosakenpatrouillen stoppen auf den Landstraßen Autobusse und Mercedesse. Requisitionen, Drängeleien, ein in die Hecke abgedrängtes Auto steht in Flammen. Und danach eine Reportage über das Schicksal der Atom-U-Boot-Flotte, über die Basis in Andrejewka hinter Murmansk, über Silos mit Atommüll, über einen Offizier, der es einem französischen Filmteam ermöglichte, eine Reportage zu drehen, Interviews mit den Lastwagenfahrern eines Atomschrottplatzes, ein Kommentar ergänzt, dass der Offizier ums Leben kam, ein Unfall.
Ein wenig verspäteten sie sich in das Ministerialpalais in der Foksal-Straße, aber das war nicht einmal schlecht. Sie warteten in einem größeren Salon, durch die Tür sah man den blauen, auf den Tischen ein Catering-Bankett. Ludmiła im stahlgrauen Jackett und im schwarzen Rock, sie sah sehr offiziell aus, nur Frisur und Ausschnitt trug sie eher jugendlich. Sie trat hochaufgerichtet ein, ernst, als vernähme sie die winzigen Bravos, die von Seiten der Monarchisten auf sie einprasselten, gar nicht. Nach den Vorstellungen trat sie sicheren Schrittes an den Tisch mit den Mikrophonen, erst hier erlaubte sie sich ein Begrüßungslächeln. Sie klopfte gegen das Mikrophon.
„Kann man mich hören? Gut. Gleich werde ich Ihnen Ihre Fragen beantworten, natürlich zu den Bereichen, in denen ich nicht zur Diskretion verpflichtet bin. Aber am Anfang möchte ich eine Frage stellen. Von einem hochgestellten Repräsentanten der Föderation – ich darf Ihnen bei seiner Identifikation nicht behilflich sein... – also von einer gut informierten Person habe ich erfahren, dass das Schicksal der Demokratie in Russland besiegelt ist, mehr noch, die Expertenmeinung hierzu sei einhellig. Eine Sache von Monaten – sagte man mir. Kann mir jemand erklären, wie es das zu verstehen gilt? Wird das Schicksal der Demokratie in Russland besser oder schlechter sein? Muss die Demokratie weichen oder muss sie aufblühen? Wer von Ihnen weiß die Antwort? Bitte, Professor Jegorow. Und nach Ihnen ergreift der Ataman Ismailow-Bucharski das Wort.”
Malik und der Oberleutnant, der sich um Ludkas Englisch kümmerte, standen in den Uniformen der Marschallswache an der Tür.
„Hättest du das gedacht, Mirek? Sie quasselt fantastisch...
Malik nickte.
„Gut ist sie, unsere Ludka. Ein gutes Jahr Schulung, sie hat gebockt, aber der Effekt ist da.”
Er dachte aber nicht „unsere Ludka", sondern „meine Ludka". Er wusste, er hatte das Recht dazu. Er hatte geschuftet, sich das Hirn zermartert. Keine Überstunden oder Sonderprämien konnten so eine Belohnung sein wie jetzt das.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier.