EINS. ZWEI. DREI

Die Handlung des neuesten Buches von Hubert Klimko-Dobrzaniecki spielt in den kleinen Gefängnissen der Alltäglichkeit: einer namenlosen, ehemals deutschen Stadt, in einem Wohnblock und einem Privathaus. Die anfangs kleinen Helden dieser Prosa, die am Ende der Erzählung erwachsen sein werden, bleiben meist namenlos, während ihre persönlichen, von der Familie geprägten Geschichten universellen Charakter gewinnen. Sie sprechen nämlich sowohl offen als auch zwischen den Zeilen über die Probleme, die beim Eintritt in die Erwachsenwelt und dem Entdecken neuer Bewusstseinshorizonte auftreten. Wichtig ist, dass der Initiationscharakter der heranwachsenden Helden von Eins. Zwei. Drei vom Ort (ein deutsch-polnischer Schmelztiegel) und der Zeit (das kommunistische Polen, gegen das die Jungen einen Privatkrieg führen) bestimmt wird.
Mit einer ordentlichen Dosis Skepsis notiert der Autor die Ausdrucksformen der polnischen Mentalität sowie individueller und gesellschaftlicher Phobien. Gleichzeitig versucht er bei der Zeichnung seiner jungen Helden Momente festzuhalten, in denen sie sich ihrer eigenen psychischen, mentalen oder sexuellen Andersartigkeit bewusst werden. Das Erfahren der Welt und die Versuche, diese zu begreifen, spielen sich bei Dobrzaniecki auf der körperlichen Ebene ab. In diesen kammerspielartigen Erzählungen über die Bedingungen des Erwachsenwerdens konzentriert sich der Autor auf die Poetik des Fragments. Erzählt werden sie in der ersten Person – von einem Punk, Homosexuellen sowie einer „Glatze“, die ihren Platz in dieser Welt sucht. Dieser Chor aus Gedanken und Stimmen der Helden/Erzähler ist in Klimko-Dobrzanieckis Prosa zu einem Gutteil vielstimmiges „Geplauder“, das durch die Verbindung von Naivität der Sprecher einerseits und emotionaler Heftigkeit ihrer Urteile andererseits zu überzeugen versteht. Sie beunruhigt, unterhält und bewegt.
Die Erzählungen aus dem Band "Eins. Zwei. Drei" werfen die Frage nach der „polnischen Normalität” auf. Die formalen Eingriffe ermöglichen es, eine einheitliche Struktur hinter sich zu lassen. Zeitsprünge sowie Auszeiten im Plot vermischen die wesentlichen Fragen des Buches – „Anfang und Ende“, „Ende und Anfang“ – die ihren Ausdruck in der irrealen Gestalt des Mannes mit dem Vogel auf der Schulter zu finden scheinen.

- Tomasz Charnas

AUSZUG

Der Pfarrhof wächst. Ich wachse. Die Stadt wächst. Alles rundherum wächst. Aber so oder so sind wir Gefangene der Kleinstadt. Die Zielińska, die an ihrem warmen Fensterbrett klebt, ist eine Gefangene. Sicher fürchtet sie sich, dass, wenn sie wegfahren würde, sie nie so ein Fensterbrett, so eine Straße, solche Aussichten und solche Herren, die sie besuchen, finden würde. Und meine Mutter? Auch so eine Gefangene, die sich jetzt eine passende Ideologie zu ihrem Strafmaß, das sie sich vor Jahren selbst auferlegt hat, zurechtschustert. Die Menschen haben Angst, sie haben Angst vor Veränderungen und genau damit erklären sie die Gewohnheit, dass es angeblich so sein soll, das es kaum besser werden kann. Ein ganz normaler Betrug. Woher kommen denn die Tränen, die Tränen des Kummers, der Bitterkeit, woher kommt die Aggression, wenn’s doch so gut ist und kaum besser werden kann. Angeblich wollte sie mich doch, sogar als sie sich hingelegt hat. Das heißt doch so viel, wie dass sie wollte. Und dabei dachte sie an das Glück, also an mich. Ich sollte ihr Glück sein. Auch ohne Vater sollte es gut werden. Warum ist mein Leben ein Alptraum, warum wird sie wütend und schimpft herum, warum musste ich unbedingt mit rechts schreiben lernen und warum soll ich für das alles die Männer hassen? In mir keimt etwas. Ich weiß noch nicht was, ein Unfrieden, das Böse, was sich sammelt und immer mehr wird. Wie viele Jahre werde ich noch fremde Schuld sammeln? Habe ich kein Recht auf ein eigenes Ich? Und vielleicht bin ich jemand ganz anderes, vielleicht bin ich kein Junge, vielleicht werde nicht ich vom Sportlehrer herumgehetzt, vielleicht lachen sie nicht über mich im Umkleideraum nach der Stunde? Wo bin ich, wer bin ich, na wer? Wer kann mir sagen, wo ich anfange und aufhöre, wo ich ende und wie ich ende …
Ich ging zum Pfarrhof, zum neuen Pfarrhof. Noch ist er im Rohbau. Der Pfarrer bettelt weiter um Geld. Diesmal sind es der Estrich, Fließen, vielleicht goldene Wasserhähne, was weiß ich. Für den ist es immer zuwenig. Abends sitzen die Jungen, die Ministranten, im neuen Pfarrhof und passen angeblich auf. Die Wände tragen sie nicht heraus. Da gibt’s nichts, nicht mal Türen oder Fenster. Das rote Ziegelmuster stört die grauen Töne. Der Pfarrer baut mit Ziegeln. Alle sagen, ein Ziegel bleibt ein Ziegel, der überlebt alles und ganz sicher die Platte. Das wird ein ordentliches Haus, im alten Stil, unser aller Haus, für uns und unsere Kinder und Enkel, vielleicht sogar für unsere Urenkel – sagt der Pfarrer. Der Pfarrer glaubt, dass wir und die Stadt bestehen werden in alle Ewigkeit Amen.
An der einen Wand saßen drei Ministranten. Ich kannte sie vom Sehen. Wir sind in die gleiche Schule gegangen und manchmal haben wir gegen ihre Klasse Fußball gespielt. Das heißt, ich habe bloß zugeschaut und höchstens den Ball zurückgeworfen. Reservespieler, ewiger Reservespieler. Das blieb an mir haften, und ich wurde es die ganze Grundschulzeit nicht los. Dass ich bloß nicht im Leben Reservespieler bleibe ... Sie rauchten und standen auf, als sie mich sahen. Einer schrie herüber: „He, Szydełko! Willst eine qualmen? Los komm her! Na los mach schon, brauchst keine Angst haben.“ „Danke, ich rauche nicht“, antwortet ich. Sie zwinkerten sich einvernehmlich zu. „Er raucht nicht“, wiederholte einer von ihnen. „Her mit dem Streber. Das ist doch eine Schwuchtel!“. Sie fingen mich und drehten mir die Hände auf den Rücken. „Zieh ihm die Hose aus! Zieh ihm die Hosen runter und schauen wir, ob er überhaupt einen Schwanz hat. Das ist doch eine Schwuchtel. So eine Scheißschwuchtel. Alle in der Schule wissen das.“ Ein Rothaariger mit Sommersprossen zog sein Taschentuch hervor und stopfte es mir in den Mund, knebelte mich. Sie haben mir die Hose und die Unterhose runtergezogen. „Schau mal, ob er ihm nicht wegfliegt. Schau mal, ob der echt ist. Leg ihm ein Papier unter und zünd’s an. Schauen wir mal, wie er raucht“, sagte der Rothaarige. Ich versuchte mich loszureißen, aber sie hielten mich fest. Sie wickelten ihn mir in einen Fetzen Zeitungspapier und zündeten es an. Dann warteten sie eine Weile. Als ich vor Schmerzen zu würgen begann und mir die Tränen über die Wangen liefen, ließen sie mich lachend los und schrien: „Lösch ihn schnell, sonst brennt er dir noch ab, du Schwuchtel“.
Darüber, was am neuen Pfarrhof vorgefallen war, erzählte ich keinem was. Es war die Hölle, aber nach einiger Zeit verging der Schmerz. Das Feuer hinterließ keine Spuren. Es blieben jedoch Spuren in der Seele zurück. Und der Spitzname. Schwuchtel ...
Mitten in der Stadt gibt es eine Gärtnerei. Meine Mutter schickte mich, um Stiefmütterchen zu kaufen. Sie wollte unser Fensterbrett verschönern, um den Titten von der Zielińska Konkurrenz zu machen. Der Gärtner gab mir zwölf Stück und meinte, so wie er es wahrscheinlich zu allen Kunden sagte, dass seine Hündin geworfen habe und er nicht wisse, was er mit den Jungen machen solle. Ersäufen wolle er sie nicht, und er würde sie umsonst abgeben. Die Hündin war riesig, ein echter Tatra-Hirtenhund. Ich dachte sofort an mich. Ich dachte, dass ich mir so ein Welpen nehmen, aufziehen und dressieren sollte. Mit so einem Hund könnte ich überall sicher spazieren gehen, mich sicher fühlen, keiner würde mir etwas tun und wenn sie mich wieder überfallen sollten, würde ich den Hund auf sie hetzen. Ohne um Erlaubnis zu fragen, ging ich am nächsten Tag zum Gärtner und bekam ein kleines, dickes, weißes Hündchen. Das war er, der Hund. Ich nannte ihn Flauschi. Als Mutter in sah, drehte sie durch und wollte ihn sofort rauswerfen. „Keine Viecher!“, schrie sie, „Kein Hunde, keine Katzen und auch sonst nichts! Wir haben keinen Platz für einen Zoo.“ Aber nach einer Weile beruhigte sie sich, als der kleine Flauschi ihr um die Füße lief und sie abschleckte. Sie war von ihm eingenommen. Als ich sah, dass sie schwach wurde, begann ich seine Vorzüge zu loben. „Das wird ein guter Hund. Auf die Wohnung passt er auf, keiner kann uns was an.“ Und dann begann ich zu lügen, um mich vor der Frage zu schützen, die die momentane Idylle hätte zerstören können. Ich sagte der Mutter, dass das ein kleiner Hund bliebe, so ein Schoßhündchen, dass er größer nicht mehr werden würde. „Ein kleiner Hund,“ führte ich weiter aus, „und billig zu halten. Frisst sehr wenig, fast gar nichts und wird nichts kosten. Ein Glück, so einen Hund zu haben.“ Sie stimmte zu. Ich war der glücklichste Mensch der Welt. Das Glück währte nur kurz. Das Glück verwandelte sich in einen Alptraum, einen Alptraum voller Angst, denn als Mama von den Nachbarn erfuhr, dass Flauschi ein Hirtenhundwelpe ist, dass der Hund in ein paar Wochen eimerweise Fressen brauchen würde und dass er sich zu einem Riesen auswächst, der in der Wohnung keinen Platz haben wird, brachte sie ihn heimlich weg. Sie hat nie gesagt wohin, wem sie ihn gab, und ich war wieder allein, und wieder war keiner da, um mich zu verteidigen, und wir waren wieder am Ausgangspunkt.

Aus dem Polnischen von Dietmar Gass