Die Welt des Seetauchers

"Die Welt des Seetauchers" war zweifellos eines der überraschendsten und interessantesten polnischen Prosadebüts des vergangenen Jahres. Ihr Autor ist Aleksander Kościów, ein junger Komponist und Dozent an der Warschauer Musikakademie, der bis dahin keinerlei schriftstellerische Ambitionen verriet, aus dem literarischen Nichts sozusagen auftauchte. Und doch erwies er sich als ein überaus reifer und fantasiebegabter Autor, der bereits mit seinem Erstlingswerk bewies, dass er imstande ist, eine in sich geschlossene und originelle Romanwelt zu erschaffen. "Die Welt des Seetauchers" ist eine auf mehreren, ineinander verschachtelten Ebenen erzählte Geschichte, die Elemente unterhaltender und künstlerischer, fantastischer und realistischer Prosa miteinander verbindet. Die Haupthandlung des Romans kreist um die Person des gut dreißigjährigen Antiquars Arrlo, der sich in einer ihm unbekannten (fiktiven) Stadt wiederfindet und zudem nichts über seine Vergangenheit weiß. Als er versucht herauszufinden, wer er ist, stolpert er in eine Liebesgeschichte und gerät in eine Auseinandersetzung zwischen Gangstern. Diese sind auf der Suche nach einem geheimnisvollen Buch, das unterschiedliche Gestalt annehmen kann und in der Lage ist, die Realität zu verändern. Die Handlung wird nach und nach immer komplizierter, es häufen sich die Geheimnisse und Andeutungen. Arrlo balanciert zwischen Traum und Wirklichkeit, Dichtung und Wahrheit, er bewegt sich an der Grenze paralleler Welten. Der Leser des Buches befindet sich in einer nicht unähnlichen Situation wie sein Protagonist – er sucht nach dem flüchtigen Sinn der dargestellten Ereignisse und nach Antworten auf die vielen vom Text aufgeworfenen Fragen, er erforscht den ontologischen Status der verschiedenen Ebenen der Romanwelt und überlegt sich schließlich, wer in dieser Geschichte eigentlich wen erschafft, beziehungsweise erfindet. Die perfekte Lektüre für alle, die eine Literatur der überbordenden Fantasie zu schätzen wissen und die in Büchern das suchen, was sie nicht vor der eigenen Haustür finden.

- Robert Ostaszewski

AUSZUG

Wieder wanderte ihre Hand zum Mund, Harley tat einen Zug und blickte mich an, wobei sie den Rauch zur Seite blies.
„Erzähl mir in zehn Punkten von dir.“
„In zehn Punkten?“
„Ja. Die ersten kannst du für persönliche Angaben verbrauchen und die restlichen für all das, was dich zu dem macht, der du bist. Zehn Punkte.“
„Gut“, sagte ich. „Zehn Punkte.“
Allerdings erforderte das eine gewisse Überlegung. Bestimmt war es eine gute Idee. Manche benötigen vielleicht tausend Punkte, während andere überhaupt nichts zu sagen haben. Ich denke, ich befand mich irgendwo dazwischen, eher bei den Letzteren. Zehn Punkte müssten reichen.
„Ich bin vierunddreißig Jahre alt. Das ist Punkt eins“, sagte ich, und Harley streckte einen Daumen als “Eins“ in die Luft. „Ich arbeite in einem Antiquariat, es macht mir Spaß, aber ich verdiene nur wenig dabei. Ich wohne allein, aber ich bringe keine Frauen mit nach Hause, lade keine Bekannten ein und habe keine Freunde. Ich esse was und wie es gerade kommt, manchmal auch in VeloxMeal-Restaurants, benötige aber eine gewisse Ruhe zum Essen. Es sieht so aus, als würde ich Bier mögen, aber ich kann mich nicht daran erinnern, jemals betrunken gewesen zu sein. Ich rauche nicht, aber es stört mich nicht, wenn andere rauchen, solange es nicht zu viel ist. Über die Welt weiß ich wenig: ich war nie im Ausland, habe noch nicht einmal diese Stadt verlassen, und einen Fernseher habe ich auch nicht, beklage mich aber nicht darüber. Ich spaziere gerne durch die Straßen und stelle mir vor, alle Menschen seien Staubteilchen; eine Bewegung der ‚Großen Hand’ und plötzlich wirbelt alles mit vielfacher Geschwindigkeit in sämtliche Richtungen davon, aber früher oder später beruhigt es sich wieder und schwebt im Großen und Ganzen so vor sich hin wie vorher. Wie viele waren das?“
„Acht.“
„Ich weiß nicht, wer ich bin, weiß nicht, was ich hier soll, aber ich spüre, dass irgendjemand etwas von mir erwartet, und das macht mir ein wenig Angst. Manchmal kommt es mir vor, als sei ich nur durch Zufall hier, und als würde ich wie eine Wasserpflanze vertrocknen, wenn mich nicht bald jemand in die Hand nimmt. Aber bestimmt übertreibe ich.“
Ich versank in Gedanken. Harley hielt neun Finger in die Luft, die in neun verschiedene Richtungen wiesen.
„Und der letzte ...?“
„Hm“, sagte ich. „Ich mag Bücher. Habe sie in letzter Zeit lieb gewonnen. Du weißt schon, was ich meine: Bücher als solche. Als Truhen für Geheimnisse. Alle Truhen sind verschieden: Manche haben ein normales Schloss, andere ein Kombinationsschloss, wieder andere haben zehn Schlösser, die aber alle schon geöffnet oder kaputt sind. Und etwas ist in den Truhen. Es geht nicht um den Inhalt, die Intrige oder die Handlung. Sondern nur um ... um ihr Wesen als Buch an sich sozusagen. Um ihre Buchhaftigkeit. Mir scheint, als wüsste ich das zu schätzen. Verdammt, klingt das doof“, seufzte ich und versank wieder in Gedanken.
Das war eine interessante Erfahrung. Ich in zehn Punkten. Vielleicht sollte ich diese Methode auch im Alltag anwenden. Um den Kopf klar zu bekommen. Zehn Tropfen Ich einmal täglich.
„In jedem Punkt kam das Wort ‚aber’ vor“, sagte Harley und sah mich an, als hätte sie mich beim Tanzen vor dem Umkleidespiegel erwischt.
„Siehst du“, ich zuckte mit den Achseln, „vielleicht hat eben alles zwei Seiten.“
„Vielleicht.“

(…)

Sie bückte sich, um ein paar längere Unkrautstängel auszureißen, stützte ihre Hände gegen den Baumstamm und schmiegte ihre Wange an seine Rinde. Einen Moment lang verharrte sie so, dann wandte sie sich zu mir um.
„Sieh dir diesen Baum genau an.“
Ich tat, wie sie gesagt hatte, trat näher und besah mir den Baum, der einsam mitten auf der Lichtung stand. Ein Baum wie jeder andere, dachte ich mir. Er war nicht besonders groß, aber sein Stamm war dick. Ich kenne mich mit Bäumen nicht aus, für mich war alles mit ihm in Ordnung. Er sah ein bisschen wie eine Buche aus und ein bisschen wie eine Eiche. Er hatte einen einzelnen Stamm, dessen Rinde im unteren Bereich ziemlich zerfurcht war, nach oben hin jedoch glatter wurde. Ungefähr in drei Meter Höhe begann er sich zu verästeln und bildete eine nicht besonders breite, unregelmäßig ovale Krone. Die Erde um ihn herum bedeckte ein feucht glänzender Laubteppich, einige wenige Blätter harrten noch an den Ästen aus. Das war alles, was ich über diesen Baum sagen konnte. Ich blickte wieder zu Harley.
„Dieser Baum“, sie deutete mit dem Kopf in seine Richtung, „ist mein Vater.“
Ich setzte mich auf das Gras. Irgendwie war mir nicht nach Stehen zumute.
Harley setzte sich neben mich, stützte ihre Arme auf die Knie und verschränkte die Hände. Eine ganze Weile saßen wir so da und blickten auf den Baum. Ich wollte etwas sagen, hatte aber keine Ahnung, wie ich anfangen sollte. Die Wolken rollten direkt über unsere Köpfe hinweg; schrecklich langsam zwar, aber sie bewegten sich doch voran.
Eine Weile blickte ich auf die verschwommene Grenze des Waldes. Dann senkte ich den Blick und schaute zu Harley. Sie sah stumm vor sich hin. Ich schaute wieder zum Baum – dort stand er, weder Buche noch Eiche. Ein einsamer Baum mitten auf einer Lichtung.
Da ich noch immer nichts herausbrachte, Harley jedoch mit meinem Schweigen nicht beleidigen wollte, legte ich meine Hand auf die ihre.
„Er steht schon über acht Monate hier. Er hat Angst“, flüsterte sie.
„Aha“, flüsterte ich gleichfalls. „Wovor?“
„Dass jemand ihn findet. Dass ihm etwas zustoßen könnte.“
„Was denn zum Beispiel?“
„Die meisten Bäume sehen an sich ziemlich stabil aus, aber es kann jederzeit etwas Gefährliches passieren. Er könnte zum Beispiel“, Harley zögerte, „gefällt werden. Oder ein Blitz könnte ihn treffen. Er könnte erkranken, und ich wäre nicht in der Lage, ihn zu heilen. Es ist sehr gefährlich, ein Baum zu sein.“
So hatte ich das noch nie gesehen. Dem war schwer zu widersprechen.
Wir packten unsere belegten Brote aus.
„Außerdem“, fuhr sie fort, „gehört Papa zu keiner der Baumarten, die der Wissenschaft bekannt sind. Ich habe viel Zeit damit verbracht, das zu überprüfen. Es gibt keinen zweiten Baum wie ihn. Ich möchte nicht, dass ihn jemand findet, der sich damit auskennt. Das gäbe Schwierigkeiten. Und von denen hatte ich auch so schon genug.“
„Das kann ich mir denken“, sagte ich, obwohl ich mir nicht im Geringsten vorstellen konnte, wie es war, einen Vater zu haben, der sich in einen Baum verwandelt hatte.
„Die Erde musste ein wenig gelockert und der Ast dort ein wenig gestützt werden“, sie deutete auf einen dicken, genau zugeschnittenen Pflock mit einem am oberen Ende angebrachten kleinen Brett, auf dem ein Ast ruhte, der länger war als die anderen. Ich musste mich ein wenig zur Seite beugen, um ihn zu sehen. Er wuchs an der uns abgewandten Seite des Baumstammes, der den in die Erde geschlagenen Holzpflock verdeckte. „Außerdem ist Papa erst allmählich zum Baum geworden. Sein Körper verholzte ungleichmäßig. Er hat furchtbar gelitten. Ich habe ihm verschiedene Dinge gebracht, ihm Gesellschaft geleistet ... Es war schrecklich.“
Ich sagte nichts. Sicherlich war es schrecklich gewesen. Harley stützte ihr Kinn auf die Knie, dann richtete sie sich wieder auf und sprach weiter.
„Er gab mir diverse Instruktionen, unser ganzes Leben veränderte sich von Grund auf ... Schließlich musste alles so weit wie möglich geheim gehalten werden.“
„Wie das? Konntet ihr euch irgendwie unterhalten?“
„Wir unterhalten uns immer noch, auch wenn es kein normaler Dialog ist. Wir verständigen uns mithilfe unserer Gedanken, gewissermaßen.“
„Telepathie mit einem Baum ...“, gedankenverloren kaute ich an meinem Brot.
„Es ist keine wirkliche Telepathie, aber der Einfachheit halber könnte man es so nennen.“ Seitdem Papa vollständig zum Baum wurde, ist es etwas einfacher geworden. Und er leidet auch nicht mehr, das ist wohl das Wichtigste. Er ist stark und wird nur selten krank.“
„Das ist gut.“
Harley nickte.
„Versteht er, was wir jetzt sagen?“, fragte ich zur Sicherheit.
- Ich glaube nicht, dass es so funktioniert. Aber er hört die Gedanken, die ausgesendet werden, wenn man sie in Worte fasst. Ich kann auch manche seiner Gedanken hören.“
„Verstehe“, sagte ich und beschloss, darauf zu achten, was mir bei all dem durch den Kopf ging.
„Mein Vater sagt“, Harley wandte sich lächelnd zu mir um, „du sollst es nicht übertreiben und dich ganz ungezwungen fühlen. Du musst deine Gedanken nicht kontrollieren, dabei kommt nichts Gutes heraus.
Ich sah zum Baum hinüber, dann wieder zu Harley, und machte mir klar, dass ihr Vater gerade meine Gedanken gehört hatte. Obwohl ich mir alle Mühe gab, fühlte ich mich unter diesen Umständen nicht wirklich ungezwungen. Ich hoffe, er verstand das. Harley lächelte. Telepathie hin oder her – wir waren hier definitiv zu dritt.

Aus dem Polnischen von Heinz Rosenau