MEIN ERSTER SELBSTMORD

Das Buch von Jerzy Pilch ist einer der interessantesten Erzählbände in der polnischen Literatur der letzten Jahre.
Die einzelnen Textstücke weisen keinen gemeinsamen Plot auf. Die darin erscheinenden Figuren machen den Eindruck, als wären sie immer dieselben Menschen, allerdings in verschiedenen Altersstufen, in unterschiedlichen Phasen ihrer Entwicklung, in diversen Familienkonstellationen. Doch auch diese Feststellung erhebt nicht den Anspruch auf Richtigkeit. Wenn etwas diese Erzählungen verbindet, so ist es die Figur des Ich-Erzählers, sowie der Stil und die Atmosphäre.
Es ist die Atmosphäre einer grotesken Melancholie, eine Atmosphäre von lächerlicher, und dennoch existierender Erhabenheit, die aus der paradoxen Verbindung des Lebens mit dem Verlust erwächst. Es geht dabei jedoch nicht nur um die Vergänglichkeit, sondern vielmehr darum, dass bei Pilch das Leben erst dann erhaben wird, wenn man es aus der Perspektive des Verlustes betrachten und erfahren kann. Man muss die absolute Unmöglichkeit dessen spüren, was man erreichen will, die Unerreichbarkeit dessen, was für einen am wichtigsten und kostbarsten ist. Nur dann kann man ein Leben in Erhabenheit führen. Doch gleichzeitig führt dieser fundamentale Mangel dazu, dass das Leben unmöglich wird – es wird als etwas Unwesentliches, Fremdes, Fernes erfahren. Es wird aus der Distanz betrachtet. Nur mit einer solchen Haltung ist der „erste Selbstmord“ möglich: eine Tat, die zwar endgültig, und dennoch wiederholbar ist. Man kann nur dann mehrmals Selbstmord begehen, wenn das Leben aufhört, beständig zu sein.
Die Realien bereiten uns Schwierigkeiten: Wir erkennen die Landschaften, die Haushaltsgeräte, die Verkehrsmittel. Und dennoch befinden wir uns fern der Historie – wir sind so weit davon entfernt, dass es uns Mühe bereitet, zu erkennen, ob es sich um das Vorkriegs- oder um das Nachkriegs-Polen handelt. Noch weiter weg sind wir von der Politik – die Figuren in diesem Buch scheinen in einem apolitischen Raum und einer apolitischen Zeit zu existieren; irgendwo, wo nur die existenziellen Fragen von Bedeutung sind.
Solche Bücher sind selten: einerseits fest in der Wirklichkeit verankert, andererseits nicht erklärbar durch das Prisma der politischen Realität. Es wurzelt in der Tatsache, dass die elementare Erfahrung, mit der sich Pilch hier befasst, die Unmöglichkeit der Erfüllung ist: nicht als Konsequenz sozialistischer oder kapitalistischer Prozesse, nicht als Resultat historischer Mechanismen, sondern als eine zufällige, und dennoch unumstößliche Eigenschaft des menschlichen Lebens.
Deswegen dauert in diesem Buch die Liebschaft mit der schönsten Frau der Welt nur zwei Wochen, deswegen ist die Kindheit von dem Gedanken an Selbstmord geprägt, deswegen ist die wichtigste Erinnerung an den Vater mit dem Verlust des kostbarsten Gegenstandes verbunden, den sich der Vater je geleistet hatte, deswegen beinhaltet die Erinnerung an die Großmutter beharrlich auch das Denken an den Tod ihres Mannes, und das Denken an ein Leben, das durch die Erfahrung der Einsamkeit geformt wurde.
Die Unmöglichkeit der Erfüllung, von der Pilch schreibt, führt dazu, dass die drei wichtigsten Dinge nicht klar benannt, unvollständig, und somit instabil werden: die eigene Identität, die Welt und die Legitimation des schriftstellerischen Schaffens. Mit anderen Worten: Die Unmöglichkeit der Erfüllung ist wie ein Virus, sie infiziert alles um sich herum, und führt dazu, dass das Leben zu einem Zustand ohne ein klares Ziel wird, die Welt zu einer entbehrlichen Existenz, und das schriftstellerische Schaffen zu einer verdächtigen Tätigkeit.

Przemysław Czapliński

AUSZUG

Vor einem halben Jahr hat mich eine weitere Frau verlassen, mit der ich vorhatte, in einem ewig eingeschneiten Haus zu leben, dort abends Filme auf Home Box Office zu schauen, Tee mit Himbeersirup zu trinken und so weiter. Auf die Frage, ob es sich bei dieser Frau um eine junge Sängerin in einem echsengrünen Kleid handelte, werde ich mit einer Warnung antworten: Gehe niemals eine Beziehung mit einer jungen Künstlerin an! Wenn sie anfängt, sich weiterzuentwickeln, wird das vielleicht der Kunst zugutekommen, aber das Leben, vor allem dein Leben, wird dabei auf der Strecke bleiben. Und wenn so eine nicht anfängt, sich weiterzuentwickeln, umso schlimmer!
Wie auch immer: Im Bewusstsein einer immer schmerzhafter werdenden Leere stürzte ich zum wiederholten Male in den Strudel beliebiger Tröstungen. Und jedes Mal fiel die Verzweiflung bei solchen Unternehmungen heftiger aus. Ich machte Kellnerinnen in Kneipen an, Verkäuferinnen in Geschäften, ich hielt Ausschau nach einzeln sitzenden Mädchen in den Kinos. Als ich begann, von einsamen Schwimmerinnen zu phantasieren, fing ich an, Schwimmhallen zu frequentieren. Aus dem Bedürfnis nach spontan aufzureißenden Maniküren heraus wurde ich zu einem fleißigen Besucher von Kosmetiksalons. Und weil es wesentlich einfacher ist, eine alleinstehende Vegetarierin als eine fleischfressende Single-Frau zu finden, zwang ich mich zum Fressen von grasartiger Nahrung und klapperte alle veganen Restaurants ab. Ich reagierte auf die riskantesten Einladungen und irrte durch die armseligsten Vernissagen, Promotionsabende und Premieren. Ich fuhr regelmäßig in große Einkaufsgalerien, denn es ist allgemein bekannt, und nicht erst seit heute, dass Mädels im Einkaufsrausch schwach werden und unweigerlich ihre Seelen entblößen. Fast jeden Tag war ich am Zentralbahnhof und hielt in den Fischschwärmen der weiblichen Reisenden, die unaufhörlich durch die Unterführungen schwammen, nach denen Ausschau, die es anscheinend gar nicht eilig hatten. Wie durch ein Wunder konnte ich mich zurückhalten und riss keine Frauen auf der Straße auf, aber ich erwog völligen Ernstes, eine Bekanntschaftsanzeige in eine Zeitung zu setzen.
Große Hoffnungen setzte ich auf Buchläden und Kulturkaufhäuser. Für einen geistig verwirrten Mann um die fünfzig waren es hervorragende Orte. Ich konnte ja schwerlich mit Hingabe Discos und Kult-Kneipen penetrieren, Clubbing war nicht mein Ding. Dabei geht es ja nicht so sehr um mein graues Haupt, das in einer solchen Umgebung einfach nur peinlich oder bedrohlich wirken würde. Das würde ich mit links schaffen, ich hatte in meinem Leben schon andere Peinlichkeiten durch. Nein, für mich waren einfach jegliche Formen des spätabendlichen, geschweige denn nächtlichen Lebens aus rein motorischen Gründen indiskutabel. Ich werde nun etwas Schockierendes enthüllen: Es kommt vor, dass ich abends schläfrig bin. Nach der „Fakty“-Sendung und der Hauptausgabe der Nachrichten ist der Tag für mich im Grunde vorbei. Manchmal blättere ich in meinem Sessel noch die Zeitungen durch, manchmal werfe ich einen Blick in ein Buch, in dem ich seit Wochen lese, doch der Kopf wird immer schwerer, und die Augen fallen mir zu. In diesem Zusammenhang sind die bis zweiundzwanzig Uhr geöffneten Kulturkaufhäuser oder andere Konsumtempel für mich Nachtlokale, und zu einer so späten Tageszeit war ich noch nie in einem solchen gewesen.
Ich ging immer an frühen Vormittagen hin und verschaffte mir einen feierlichen Überblick über die Kandidatinnen. In Frage kamen ausschließlich jene, die in den Sesseln saßen und Belletristik lasen, oder aber mit kosmischen Kopfhörern klassische Musik hörten. Leserinnen von Magazinen und Rock-Liebhaberinnen eliminierte ich stets a priori: Es ist naturgemäß ein sehr unbeständiges Klientel. Ich setzte auf Liebhaberinnen von Beethoven und Tolstoi, denn die Liebe zur Klassik garantiert abgefahrene Perversionen. Außerdem ist klar: Wenn eine Frau lange da sitzt, aufmerksam liest oder hingerissen zuhört, dann hat sie Zeit. Und weiter: Wenn sie lange da sitzt, und in einem Laden Bücher liest oder Musik hört, hat sie meist keine Kohle. Sie hat einfach kein Geld, um das Buch oder die CD zu kaufen und mit nach Hause zu nehmen. Armut ist keine erwünschte Eigenschaft, aber in dem Fall ist sie gar nicht schlecht. Eine arme Frau kann man viel leichter aufreißen als eine reiche - und zu niederträchtigen Taten verleiten. Zum Schluss sollte man sich orientieren, was die Dame da gerade liest oder hört, dann ist gleich das Problem der Gesprächseröffnung gelöst.
Das Ding ist aber, dass ich noch nie ein solches Gespräch eröffnet habe. Praktisch habe ich an keinem der erwähnten Orte ein erfolgreiches Gespräch mit einer Frau angefangen. Hin und wieder brachte ich ein sinnloses Röcheln zu Stande, aber darüber möchte ich lieber schweigen.
Meine Qual war vielschichtig. Ich rannte umher wie ein Irrer, ich begann immer wieder von Neuem, wie ein Wahnsinniger, doch ich war zu unsicher. Und die Unsicherheit schwächte die Schönheit des Wahns und die Ungeniertheit des Irrsinns ab. Weil ich wusste, dass ich bei den sofort ins Auge springenden Super-Babes keine Chancen hatte, machte ich mich an die Durchschnittsfrauen ran. Doch bevor ich mich so einer ausgewählten mittelmäßigen Mieze nähern konnte, wurde es mir peinlich, dass ich es mir so einfach machte, und dann zog ich wieder ab. Ich verfiel von einem Extrem ins andere und setzte die Messlatte maximal hoch; in völliger Verzweiflung schwor ich mir, dass ich es ab nun nur noch in wahren Kunstwerken machen würde. Doch wenn ein solches Wunderwerk der Natur auftauchte, konnte ich weder die Geistesgegenwart noch den Mut aufbringen. Und so verpasste ich alle Chancen, bei den Wahnsinnspuppen, bei den Durchschnittsmädels, bei überhaupt allen.
Ich kehrte jeden Tag nach Hause zurück, und die begangenen Fehler, Kapitulationen und Respektlosigkeiten sprengten mir den Schädel. Plötzlich wurde mir mit greller Klarheit bewusst, welch Schätze ich mir an jenem Nachmittag hatte durch die Finger rinnen lassen. Im Gedächtnis spielte ich noch ein Mal alle Episoden durch, korrigierte meine Fehler, war schnell und zu allem entschlossen; diesmal klappte alles, alles wurde wahr, die wunderschöne Erscheinung nahm mich an der Hand, richtete sich die Haare und die BH-Träger – und der Schmerz darüber war unerträglich.
Ansonsten versuchte ich, mich unter Kontrolle zu haben. Ich vergeudete meine Tage nicht mit der Suche nach einer weiteren Frau meines Lebens. Wie immer arbeitete ich bis mittags, wenn auch nervöser und gehetzter als sonst. Abends machte ich wie immer einen Abstecher ins „Yellow Dream“, wo ich meinen Grapefruit-Saft trank. Alle zwei, drei Wochen fuhr ich zu den Spielen der Cracovia. Ich lebte, irgendwie. Irgendwie atmete ich noch, wenn auch unter größten Mühen.

Aus dem Polnischen von Paulina Schulz