HEIMSUCHER

In Kriminalromanen sind die Figuren der Mörder und ihrer Jäger unterschiedlich; gewöhnlich sind sie jedoch markant, charakteristisch, so gezeichnet, dass sie die Aufmerksamkeit des Lesers fesseln. Schließlich lesen wir Krimis nicht nur deshalb, um zu erfahren, wer wen warum ermordet hat. Witold Sadowski setzt in Heimsucher auf eine andere Technik: die Nichtfestlegbarkeit. Schon allein der Titel ist vieldeutig, es lässt sich schwer entscheiden, ob es sich um eine Person handelt, die heimsucht, zwei, viele… Die Romanhandlung spielt zu einer nicht genau bestimmbaren Zeit an einem nicht genau bestimmbaren Ort, also überall und nirgends, in „irgendeiner” Stadt. In ihr herrscht das Böse, wieder und wieder werden fürchterliche Verbrechen begangen, wer versucht, sich dem geheimnisvollen Täter entgegenzustellen, kommt um. Es mordet ein gewisser Hans Hurrley, heißt es, denn seine Verfolger wissen nicht, wer er ist und ob er überhaupt existiert. Vielleicht ist Hurrley nur eine Hypothese, ein Teufel oder das Böse schlechthin, das sich in den Hirnen schwacher Menschen einnistet; vielleicht auch die apokalyptische Bestie, die die Menschen für ihre Sünden bestrafen soll. Und davon gibt es viele, denn in der Romanwelt, die Sadowski schuf, sind alle Werte vage geworden (in Heimsucher findet man nicht nur eine Kriminalhandlung, sondern auch eine scharfe Satire auf die Postmoderne, die im Text als „Postrelativismus” bezeichnet wird). Dem mordenden Hurrley versucht sich Debergov entgegenzustellen, der zum Kreise der geheimnisvollen Auserwählten gehört und dessen Frau bestialisch ermordet wurde, genau wie andere Auserwählte, Debergovs Freunde. Mit welchem Erfolg? Das verrate ich natürlich nicht. Was ist und wovon handelt der Roman Sadowskis? Ich möchte die Behauptung riskieren: Heimsucher ist eine Kriminalerzählung über den ewigen Kampf des Guten gegen das Böse, der Engel gegen die Teufel – ein Kampf, der kein Ende kennt und um so grausamere Züge annimmt, je mehr Böses es auf der Welt gibt. Aber genauso gut lässt sich der Roman als eine Geschichte über Verbrechen und Rache lesen.

- Robert Ostaszewski

AUSZUG

Das Grün des Gartens hatte die Farbe zum Leben erwachenden Grases, die Grellheit der Farbe, durchzogen von den grauen Streifen der Äste und Zweige. Die Sonne strahlte zwischen den winzigen Blättchen, man hörte Vogelgesang, und Debergov fühlte sich ein wenig berauscht von dieser Welt, deren Dasein er fast schon vergessen hatte, die unabhängig von ihm fortdauerte, unabhängig von seiner Tragödie oder seinem Glück, unabhängig von Hans Hurrley und seinen Angelegenheiten. Diese Seinsgewissheit, Stetigkeit, die unerschütterliche Lebenslust, die überall ringsum sichtbar wurde, erfüllten Ivos Herz mit einer seit langem ungekannten Ruhe. Er ging also ohne Hast neben Jan Mateusz her, wartete, bis dieser das Gespräch begann. Aber auch der größte – neben Sir Robert – Schriftsteller seiner Zeit sammelte seine Gedanken, vielleicht auch seine Kräfte, also gingen sie einige Minuten in Schweigen versunken nebeneinander her.
Endlich blieb Jan Mateusz stehen, schaute irgendwohin in die Ferne, wobei er Debergovs Blick mied, und fragte:
„Sie glauben daran?... Daran, dass sie irgendwann Hans Hurrley finden werden?”
„Ich muss daran glauben.” Ivo lächelte sein typisches, tieftrauriges Lächeln. „Ein paar Mal war ich schon ganz nah dran...”
„Und doch gelang es niemals...”
„Ja, es gelang niemals... Hurrley verschwand immer wie eine Fata Morgana. Immer fehlte der letzte Schritt, verschwand das letzte Glied der Kette, das zu ihm führte... Ein wenig eine... Sisyphosarbeit”, wieder lächelte er. „Manchmal glaube ich, dass es ihn gar nicht gibt. Dass Hans Hurrley nicht existiert.”
„Ist das möglich?”
„Ja. Es ist eine zulässige Hypothese. Wenn auch wenig wahrscheinlich”, fügte er einen Augenblick später hinzu.
Jetzt lächelte Jan Mateusz.
„Sie schließen tatsächlich nicht aus, dass das Ziel Ihrer Jagd ein Phantom, ein Trugbild ist?”
„Jemand tötet. Und das ist kein Geist und keine Einbildung”, erwiderte Ivo ernst.
Mateusz dachte einen Augenblick über etwas nach, dann fragte er sachlich:
„Was wissen Sie über ihn? Ist Hans Hurrley groß oder klein? Ist er blond oder braunhaarig? Wissen Sie irgendetwas Konkretes?”
„Nein. Ich weiß nicht viel. Es gab keinen Zeugen, der ihn direkt gesehen hätte... Mit Ausnahme vielleicht des Chirurgen, aber er... er schwieg wie ein Grab, bis er... Die anderen dagegen...”, einen Augenblick lang verhedderte sich Debergov in seiner Antwort, als müsste er Haken schlagen zwischen dem, was er sagen konnte, und dem, was er sagen wollte, bis er schließlich mit selbstsicherer Stimme sagte: „Es ist so schwer, triste Legenden von der Wahrheit zu trennen. Wenn man jeder Aussage Glauben schenkte, müsste Hans Hurrley alle Merkmale auf einmal haben. Oder sie wechseln wie ein Chamäleon. Nur eines ist dabei beständig. Er ist böse, auch wenn ihm scheint, er handelte jenseits von Gut und Böse. Das ist fast schon alles, was ich über ihn weiß.”
„Das ist nicht viel. Man kann tatsächlich an der Existenz von jemandem zweifeln, der nur diese einzige Eigenschaft hat...”
Stille sank herein.
„Haben Sie einmal mit Mördern gesprochen?” fragte Ivo schließlich.
Jan Mateusz schüttelte den Kopf.
„Ich schon. Sehr oft. Und oft schien mir, dass jemand oder etwas das Böse in ihnen geweckt hat, das in ihnen verborgen lag. Dass das Böse zuerst von außen zu ihnen gekommen war, dass sie ohne diesen Impuls nichts getan hätten.”
„Und dieses Böse von außen ist Hans Hurrley?”
„Vielleicht.”
Jan Mateusz blieb stehen. Eine Zeitlang sann er nach, dann wandte er sich zu Debergov um und sagte:
„Ich ging immer davon aus, dass Hans Hurrley ein Mörder, ein Monster, vielleicht sogar die Bestie ist. Aber wenn ich Ihnen jetzt zuhöre, scheint mir, dass Sie jemand Größeren suchen als nur einen Mörder. Sie sprechen von dem Mann, als hätte er das ganze Böse der Stadt auf dem Gewissen.”
„Ja... So kann man das wohl sehen...”
„In diesem Fall stehen Sie vor einer unlösbaren Aufgabe. Das Böse bleibt schließlich. Vielleicht fassen Sie Hurrley, vielleicht töten Sie ihn. Aber Sie reißen dem Bösen nur eine Maske herunter. Darunter sitzt die nächste.”
„Sagen Sie das, um mich zu entmutigen?”
„Ich weiß nicht, wozu ich das sage”, versank Jan Mateusz in Gedanken. „Vielleicht bin ich selbst im Zweifel. Vielleicht versuche ich mich zu rechtfertigen? Vielleicht schäme ich mich, dass ich nicht so viel zu opfern vermochte wie Sie...”
„Seien Sie beruhigt”, Debergovs Gesicht erbleichte von einem Augenblick auf den andern und war jeder Mimik beraubt. „Wenn ich vorher gewusst hätte, wieviel ich verlieren kann, hätte ich diesen Weg nie eingeschlagen.”
„Es lässt mir auch so keine Ruhe”, seufzte Mateusz.
„Sehen Sie, es ist leicht fernab vom Bösen zu leben. Aber ihm aus freien Stücken entgegentreten? Sich dem Kontakt mit ihm aussetzen? Vielleicht lässt mich die Angst von Masken sprechen?”
„Glauben Sie nicht, dass unter einer nächsten, vielleicht der hundersten, vielleicht der tausendsten Maske, nichts mehr sein wird?”
„Ich glaube ja. Und weder Sie noch ich würden diesen Anblick ertragen können.”
Stille brach herein. Sie gingen jetzt schweigend den Weg hinab.
„Jemand, der nach mir kommen wird, wird es ertragen können”, stellte Debergov mit einem etwas gezwungenen Optimismus fest.
„Und wann wird das sein?”, lächelte Jan Mateusz. „Wenn das geschähe, hätten wir das Reich Gottes auf Erden. Die alten Prophezeiungen würden sich erfüllen.”
Ivo lachte von ganzem Herzen auf.
„Sie überschätzen mich. Ich kämpfe nicht um die allgemeine Glückseligkeit. Ich will nur einen Verbrecher fassen.”
„Ja, Sie wollen nur einen Verbrecher fassen... Und wie kann ich Ihnen dabei behilflich sein?”
„Was wissen Sie über Dominik de Ploeve?” Debergov ging zu den konkreten Fragen über.
Jan Mateusz zuckte die Achseln.
„Nicht viel. Diese Figur interessiert mich nur wenig.”
„Könnte er in Kontakt stehen mit... Hans Hurrley?”
„Sie sprechen von den McCallost-Stücken?” Michelles Vater lächelte. „Kevin hat sonderbare Einfälle. Ich habe mit ihm über Der Literat gesprochen. Der Einakter basiert auf nebulösen Gerüchten, von denen ich ehrlich gesagt nicht weiß, wie sie in unseren Kreisen aufgekommen sind. Aber de Ploeve tut alles, um die Geschichten glaubwürdig scheinen zu lassen. Seine Amoralität ist so plakativ, dass viele den Beelzebub als seinen Lehrmeister sähen, auch wenn ich glaube, dass man ihn schwerlich der Verbrüderung mit Hans Hurrley verdächtigen kann. Vielleicht sprechen Sie selbst einmal mit ihm? Ich habe eine Adresse von Dominik von vor ein paar Jahren. Ich glaube nicht, dass er seinen Wohnsitz gewechselt hat.”
Ivo nickte, und eine Zeitlang gingen sie schweigend nebeneinander her.

Aus dem Polnischen von Ursula Kiermeier