TAL DER FREUDE

"Tal der Freude" ist ein kurzweiliger Abenteuerroman mit Fantasy-Elementen und zugleich eine erhabene moralisch-philosophische Abhandlung. Die Handlung erstreckt sich von den Dreißiger- bis in die Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts, Ort des Romangeschehens sind deutsche (München und Berlin), polnische (Danzig und Warschau) und russische Städte (Stalingrad und Moskau). Erzählt wird die ungewöhnliche Geschichte von Erik Stamelmann, einem „Bildhauer des menschlichen Gesichts”, talentierten Maskenbildner und Pionier der plastischen Chirurgie. Erik besitzt die unglaubliche Fähigkeit, das menschliche Aussehen zu manipulieren. Er verschönert u. a. das Antlitz Hitlers und Stalins, entdeckt und verbessert die Schönheit Marlene Dietrichs, bei Stalingrad verleiht er den Leichen der deutschen Offiziere Erhabenheit, und er sorgt dafür, dass Lenins Mumie ihre Schönheit nicht verliert. Natürlich sprengen die Schicksalswendungen des Protagonisten sowie seine Herkunft den Rahmen des realistischen Romans. Erik ist nämlich ein Außerirdischer, ein guter Geist, der auf die Erde gekommen ist, um das Werk des Schöpfers zu verbessern: Die Hässlichen macht er schön, die Alten jung, Frauen lässt er zu Männern werden (und umgekehrt); er ändert das, was vorherbestimmt war (z. B. die Zugehörigkeit zur menschlichen Rasse). Die erstaunlichen Abenteuer des genialen Maskenbildners dienen Chwin zur Erörterung philosophischer Fragestellungen. So macht sich der Autor Gedanken über die Identität des Menschen im zwanzigsten Jahrhundert, über die Versuchung, vor dem eigenen „Ich” in eine Maske oder den Schein zu fliehen, über den Terror der Schönheit und den trügerischen Traum von der Unsterblichkeit. Auf metaphorische Weise beschreibt Stefan Chwin die Situation der Kunst und des Künstlers im vorigen Jahrhundert.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

Sie tauchte am Donnerstag um drei in meiner Garderobe auf. Ich wusste, dass es nicht leicht werden würde. Dass sie stur ist, ihren Wert kennt und sich wehren wird. Ich musste zu einer List greifen, damit sie nachgab. Sie fand sich einfach gut. Ein Fehler, den die meisten Schauspielerinnen machen. Als ich mit der metallenen Pinzette ihre Augenbrauen auszuzupfen begann, zuckte sie zurück und wurde wütend: „Was soll das bedeuten?!” „Aber Frau Dietrich”, ich verneigte mich respektvoll, „ich führe nichts Böses im Schilde. Bitte beachten Sie die Zeichnung ihrer Augenlider. Sie haben wunderschöne Augenlider, wie keine andere Frau. Die Mehrzahl der Frauen hat Augenlider, die von der Haut unterhalb der Augenbrauen verdeckt werden. Sie dagegen haben offene Augenlider. Dieser Umstand muss unterstrichen werden. Hochgezogene, bogenförmige Augenbrauen verstärken diese Wirkung. Momentan haben Sie etwas zu dicke Augenbrauen.” „Lassen Sie mich zufrieden!”, echauffierte sie sich weiter. „Mir reichen meine Augenbrauen, so wie sie sind!” „Sehen Sie”, sagte ich ruhig, wie man zu einem Kind spricht, „Sie haben sehr schöne Augenbrauen, sie sind nur etwas zu dick. In den Nahaufnahmen werden sie aussehen wie zwei schwarze Streifen auf der Stirn. Gewöhnliche Augenbrauen einer gewöhnlichen Frau. Schauen Sie bitte”, mit den Fingern hob ich ihre Augenbrauen an, „ist es so nicht besser? Ihre Augenbrauen sollten aussehen wie ein Regenbogen nach einem Sommerregen.” Sie lächelte: „Wie heißen Sie?” „Ich?”, ich wunderte mich über die Frage, denn wen interessiert es, wie irgendein Maskenbildner heißt. „Ich heiße Erik Weissmann.” „Und ich dachte schon, Shakespeare. Schreiben Sie vielleicht Gedichte?” „Ach wo”, entrüstete ich mich mit gespielter Empörung und freute mich, dass die Angelegenheit eine günstige Wendung nahm. „Es ist nur Ihr Gesicht, das mich derart hochgestimmt hat.” „Sie denken also, dass es so besser ist?”, sie zog selbst mit den Fingern die Augenbrauen hoch und blickte dabei in den Spiegel. „Sicher”, bestätigte ich im Brustton der Überzeugung. „Aber passen Sie auf”, sie spannte mit den Fingern die Haut an den Schläfen, um die Wirkung zu überprüfen. „Es tut etwas weh.”
Ich nahm die Pinzette und begann behutsam Härchen für Härchen auszuzupfen, um den Augenbrauen eine ideale Bogenform zu geben. „Augenbrauen wie ein Regenbogen”, murmelte sie ironisch vor sich hin, wobei sie mit zusammengekniffenen Augen die Bewegungen meiner Hand verfolgte. Vorsichtig blies ich ein ums andere Mal die Härchen aus dem Gesicht, so als würde ich mit meinem warmen Atem die kühle Blässe der weiblichen Stirn zu Leben erwecken. Es war wirklich eine Juweliersarbeit. Ich weiß nicht wieso, aber als ich mit der metallenen Pinzette die dünnen Augenbrauen zupfte, hämmerte mein Herz wie nie zuvor.
Genauso muss sich Botticelli gefühlt haben, als er seine Primavera malte. Mit einem in Amiels-Flüssigkeit getränkten Wattebausch tupfte ich sachte das Gesicht von Frau Dietrich ab, wonach ich eine Grundierung aus Marseille Creme aufzutragen begann. Sie ließ alles mit sich geschehen, als würde es nicht sie selbst betreffen, sondern eine ganz andere Frau, die an ihrer statt vor dem Spiegel mit den neun Glühbirnen Platz nahm. „Darf ich rauchen”, fragte sie. Oh, es wäre mir lieber, sie rauchten nicht”, ich senkte den Kopf. „Bitte verzeihen Sie mir, aber das lenkt mich etwas ab.” Die Haare machte ich platinblond, die Wangen bekamen dunkle Schatten, die Wimpern schwärzte ich ein wenig mit Tusche und die Lippen schminkte ich, so dass sie voller wirkten.
Du lieber Gott! Hätten Sie, Kommissar Kluge, gesehen, wie sie vor dem Blauen Engel ausgesehen hat! Wer war sie schon! Irgendeine, Gott sei’s geklagt, Tochter eines Polizeileutnants, die, können Sie sich das vorstellen, anfangs ihren Lebensunterhalt mit Schuhwerbung verdiente. Sie hieß übrigens gar nicht Dietrich, sondern Maria Magdalena von Losch. Verstehen Sie – von Losch. Sie wurde in Schöneberg geboren in der Sedanstraße. Zur Schule ging sie in der Gasteiner Straße. Wissen Sie, wo die Gasteiner Straße ist? Als Mädchen galt ihre ganze Bewunderung Henny Porten. Sie besuchte jeden ihrer Auftritte am Kurfürstendamm im Mozartsaal und im Marmorsaal. Sie nahm Unterricht bei Reinhardt persönlich, und was kam dabei heraus? Na gut, sie spielte sogar in ein paar Shakespeare-Stücken, aber was waren das für Rollen! Dann wohnte sie in der Kaiserallee. Ich brachte sie mal vom Studio mit dem Taxi dorthin. Hausnummer 54. 1924, als sie Sieber heiratete, mietete sie eine billige Wohnung im vierten Stock. Und wer war ihre Mitbewohnerin? Leni Riefenstahl. Ja, Herr Kommissar, keine andere als Leni Riefenstahl! Bei Pabst in Die freudlose Gasse spielte sie sogar mit Greta Garbo. Später konnten sie sich nicht riechen, aber damals spielten sie zusammen. Einmal im Leben! Und sie sang in den Kabaretts diese Stücke von Mischa Spoliansky, übrigens mit recht großem Erfolg. Und diese überflüssige Romanze mit Claire Waldoff? Ich weiß nicht, was sie davon hatte. Den Vertrag für den Blauen Engel unterschrieb sie im Oktober. Du liebe Güte, ich erinnere mich gut daran, wie der Kameramann Günther Rittau das Gesicht verzog: „Frau Dietrich hat eine Entennase, was soll man damit machen?” Und dann filmte er sie im Blauen Engel! Ja, Herr Kommissar, er selbst und niemand anderes!
Wissen Sie, sie hatte merkwürdige Vorlieben. Vom Schauspieler Igo Sym lernte sie auf der Singenden Säge zu spielen. Haben Sie, Herr Kommissar, jemals von einer großen Schauspielerin gehört, die auf der Singenden Säge spielt? Schauen Sie, einmal bin ich in ihre Garderobe gekommen und sehe, wie Frau Dietrich auf der Säge spielt. Können Sie sich das vorstellen? Sie sitzt auf einem Stuhl, unbekleidet, nur in Strümpfen mit roten Strapsen, eine Zigarette klebt ihr an den Lippen, sie trägt einen Zylinder und spielt seelenruhig auf der Säge. Erich Pommer, der Produzent des Blauen Engels, schrie bei der bloßen Erwähnung ihres Namens, dass die Fensterscheiben zitterten: „Alle, nur nicht diese Schlampe!” Er lag damals, ich erinnere mich, mit einem Gipsbein im Bett. Niemand wollte sie. Weder Pommer noch Heinrich Mann, der das Drehbuch geschrieben hatte. Er wollte lieber, dass Trude Hesterberg vom Berliner Kabarett „Wilde Bühne” die Lola Lola spielte. Und als Probeaufnahmen gemacht wurden mit Fräulein Mannheim und Frau Dietrich, sagten alle: „Die Mannheim ist besser.” So war das damals, Herr Kommissar.
Die Premiere des Blauen Engels war am ersten April, und schon am zweiten fuhr sie in die Staaten und unterschrieb im Handumdrehen einen Vertrag mit Paramount. Ich habe mich von ihr auf dem Anhalter Bahnhof verabschiedet.
Und jetzt posaunt alle Welt, Sternberg hätte sie entdeckt!
Wer will auch schon von irgendeinem Maskenbildner hören.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk