WEN ICH NICHT KENNE

Bedenkt man, dass Maciej Malicki nach seinem späten Debüt 2002 sich rasch den Ruf eines raffinierten Stilisten und interessanten Gegenwartsautors erwerben konnte, verwundert es kaum, dass er einen weiteren ausgezeichneten Roman veröffentlicht hat. Verblüffend ist jedoch die Tatsache, dass Malickis neuestes Buch ein Krimi ist. Wollte sich der Autor von Ein Stück Wasser etwa an einem kommerziellen Roman versuchen? Keineswegs. In Wen ich nicht kenne verzichtet Malicki nicht auf seine spezifische Diktion und geht auch künstlerisch keine Kompromisse ein. Er schildert neue Erlebnisse des Erzählerautors – Malickis Prosa ist eindeutig autobiographisch –, er berichtet von den „Abenteuern von Auge und Ohr“, indem er Geschichten oder Anekdoten aus zweiter Hand, Wortspielereien sowie überraschende und absurde Mauersprüche aufschreibt. Man könnte die Prosa von Malicki metaphorisch auch als unendliche Schnur beschreiben, auf die tausende von existentiellen Details aufgefädelt werden. In seinem letzten Werk kommen einfach andere Perlen dazu. Die Handlung des Krimis entwickelt sich aus der geheimnisvollen Inschrift „DEN DIAMANT ERDEN” heraus. Der Erzählerautor, der eigentümliche Phrasen sammelt, beginnt sich für diese Aufschrift zu interessieren, die unter den seltsamsten Umständen und an den verschiedensten Orten auftaucht. Rasch wird klar, dass dort, wo die Phrase vorkommt, Menschen ums Leben kommen. Der Erzähler selbst ist gefährdet. In Sachen Serienmord – obwohl bis zum Schluss unklar ist, ob es sich wirklich um Morde handelt – sind auch „andere Dienste“ involviert, die den Erzählerautor zur Zusammenarbeit zwingen. Der Roman, an dem er schreibt, soll helfen, das Rätsel der Serienmorde zu lösen. Für den Versuch, das Geheimnis aufzuklären, muss der Erzähler, wie sich herausstellt, einen hohen Preis zahlen. Wen ich nicht kenne bestätigt eindrucksvoll, dass Malickis literarisches Potential fast unerschöpflich ist. Ein Roman, bei dem sowohl die Malicki-Fans als auch ausgewiesene Krimifreunde auf ihre Rechnung kommen.

Robert Ostaszewski

AUSZUG

Ich saß in Jans Zimmer beim Couchtisch. Vor mir ein Packen bedruckter Blätter. Kaffee. Musik aus den Lautsprechern. Was für eine? Ganz gleich. Scheißegal. Durchs offene Fenster Himmel, Sonne, Vögel. Die Tür quietschte. Die Musik riss mitten im Takt ab. Jan.
„Da bist du also“, brummte er.
Er setzte sich auf den anderen Sessel. Unrasiert. Ringe unter den Augen. Das hellblaue Hemd zerdrückt. Ein Wrack. Wahrscheinlich sah ich kaum besser aus. Vielleicht noch schlimmer. Sicher schlimmer.
„Maciek?“, fragte er und zeigte mit der Hand auf den Papierstapel.
„Ja, Maciek.“
„Wirst Du das lesen ?“
„Zum hundertsten Mal.“
„Ja. Hunderte von Einzelheiten.“
„Nein, tausende.“
„Glaubst du, dass du was findest?“
„Ich muss. Es muss eine Antwort geben.“
„Glaubst du wirklich ?“
„Ich bin sicher. Der hat was gewusst. Er hat den letzten Satz geschrieben, mir geschickt und ist erst dann auf den Marktplatz gegangen.“
„Und da war ihm klar wozu?“
„Ja, hundertprozentig.“
„Ewa? Ich muss los.“
„Okay.“
„Mach’s gut!“
„Ja.“
Er ging. Ich blieb noch eine Weile sitzen, dann nahm ich den ganzen Stoß und ging in mein Zimmer. Ich schaltete den Computer aus. Schlüssel, Autoschlüssel, Kleinigkeiten, den Ausdruck in die Mappe, alles in den Rucksack. Tür. Eine, die zweite. Autoschlüssel. Ich öffnete den Kofferraum vom kleinen schwarzen Sportwagen und warf den Rucksack hinein. Ich setzte mich ins Auto. Ich holte das Blaulicht aus dem Handschuhfach, machte es auf dem Dach über mir fest, zog rasch die Tür zu und schaltete das penetrante, vibrierende Martinshorn an. Kavalierstart. Ich wollte schnellstmöglich zuhause sein. Die Autos wie Sternschnuppen. Zehn Minuten. Daheim duschen, eine Kanne Kaffee. Ich nahm die Mappe mit dem Ausdruck aus dem Rucksack, legte sie auf den Beistelltisch neben der Couch. Ich machte alle Telefone aus. Ich hatte gegen sämtliche Vorschriften verstoßen. Egal. Sie kennen die Adresse. Kissen untern Kopf, obwohl es warm war eine Decke, für alle Fälle. Ich griff zum ersten Blatt. Ich begann zu lesen. Zum hundertsten Mal. Nur diesmal musste ich die Antwort finden.

***
Auf dem Schreibtisch lagen einige Briefe. Rechnungen. Ja. Moment. Nicht nur. Ein altes beigefarbenes Kuvert mit dem goldenen Aufdruck HOTEL PRESIDENT ZAMALEK – CAIRO. Abgeschickt am siebenundzwanzigsten März in Warschau. Zwei Briefmarken [Das Herrenhaus in Lipkowa bei Warschau (10 Groschen) und Toruń (1 Zloty 20 Groschen)]. Auf den ersten Blick war klar, dass sich der Absender sehr bemüht hatte, seine Handschrift zu verändern. Schwarzer Filzstift, nachgezogene Buchstaben. Das große „M“ erinnerte an spitze Berggipfel oder Pyramiden. Auf der Rückseite schrieb dieser jemand mit derselben Handschrift OPEN.
Also machte ich es mit dem silbernen Brieföffner auf. Er hat einen wunderschön ziselierten Griff. Auf der einen Seite ein ovales Flachrelief mit fünf Pferdeköpfen, auf der anderen Hundeköpfe. Auch fünf. Ein altes Stück. In den Fünzigerjahren lag es immer an seinem Platz: auf der Vorderkante des mit Schnitzereien verzierten Schreibtisches im Pfarrhaus von Radość. Im Büro von Pfarrer Biernacki. Die Arbeitsfläche war überzogen mit einem grünen Tuch voller farbiger Tintenkleckse. Den Brieföffner habe ich samt Schreibtisch geerbt. Den Schreibtisch habe ich den Siebzigern zerhackt und im Garten bei den Haselnusssträuchern verbrannt.
Dem Kuvert entnahm ich eine Ansichtskarte. Eine von diesen Gratis-Werbepostkarten, wie sie in Cafés, Kneipen und Restaurants ausliegen. An der Stelle für die Briefmarke die Aufschrift: NICHT FÜR DEN VERKAUF BESTIMMT. Diese hier machte Werbung für die neue Kollektion eines großen Sportartikelproduzenten. Auf dem Bild war ich. Das heißt ich hätte das gut und gern sein können. Drei Viertel des nackten Schädels waren von hinten fotografiert. Am Jackenkragen prangte das Konzernlogo. So war’s.
Seit einiger Zeit trug ich eine Baseballkappe mit dem gleichen Logo. Ich hatte sie in Katowice gekauft. Gleich neben dem Bahnhof KATOWICE HBF.. Auf dem Markt, wie sie da sagen. [Für die Topographie von Katowice habe ich A. konsultiert. Das hat sie geschrieben: [...] der Markt ist ein wenig weiter. Wenn man vom Bahnhof kommt, muss man zuerst rechts in die Straße mit den Straßenbahnschienen. Der scheußlichste Marktplatz, den ich kenne. Die Kommunisten haben die alten Zinshäuser geschliffen, um das Genossenschaftskaufhaus hinzustellen]. In dem Kaufhaus habe ich eine Brille gekauft. Eine grüne. Aber nach einer Woche war sie hin. Leider, leider.
Die Ansichtskarte war an einen HERRN MACIEJ MALICKI – SCHRIFTSTELLER adressiert. [Beschimpf mich nicht]. Diesmal war die Handschrift ganz normal und erinnerte mich an etwas oder jemanden. Im Adressfeld stand in der gleichen Schrift: ... und Er war die ganze Zeit über abgewandt ... [„Er” groß geschrieben]. Darunter das Datum: MÄRZ 2006. So war’s. Ich steckte die Ansichtskarte ins Kuvert zurück und schob sie unter den Papierstoß, der vor mir auf dem Schreibtisch lag. Der Schreibtisch ist modern, eine sogenannte Landebahn.

Eben kam ich vom Meer zurück. Ein paar Tage. Vorletztens verspürte ich das plötzliche Bedürfnis, eine Ansichtskarte mit einer Robbe an eine gewisse Warschauer Adresse zu schicken. Ich wußte sie aber nicht. Darum hatte ich angerufen und nach ihr gefragt. Ich adressierte die Karte, schrieb ein paar Sätze, klebte eine Marke drauf [bin mir nicht sicher]. Ein paar Leute, gemeinsame Bekannte, unterschrieben auch. Vom morgens an Kampftrinken mit Lokalwechsel in gewissen Abständen. Schließlich landeten wir in der Hafentaverne. Ich kannte sie bereits von früheren Ausflügen in diese Kleinstadt. Ich erinnerte mich an eine Büchse, die zwischen zerrissenen Netzen an der Wand hing. Diesmal war sie nicht da. Hing nicht dort. Ich fragte die Bedienung.
„Ja, die hatten wir“, meinte der Barmann. „Aber vor ein paar Tagen haben sie hier eingebrochen und die Büchse als Brecheisen benutzt, um den Spielautomaten aufzuknacken“, fügte er hinzu.
Er ging nach hinten und brachte nach einer Weile, als Beweis, die zerbrochene Büchse. Im August hatte ich vor dem Automaten einen Mann im Rollstuhl beobachtet. Er hatte keine Beine und die Arme waren oberhalb der Ellbogen amputiert [abgeschnitten?]. Er kam hervorragend zurecht. Gewann. Am nächsten Tag saß der Mann in einem Gastgarten an der Hauptstraße. Er aß ein Eis und bediente ein kleines tragbares Radio. Die Antenne zog er mit den Lippen heraus. Auch damit kam er hervorragend zurecht.
„Ein Fischer, seinerzeit einer der wildesten Typen. Das jetzt, das ist irgend so eine Krankheit.“ sagte mir die Kellnerin.

Aus dem Polnischen von Dietmar Gass