FINIS SILESIAE

Wir wissen, wie dieser umfangreiche, viele Motive enthaltende Roman entstanden ist: 1997 stieß Henryk Waniek auf ein altes Album mit Fotos, auf denen die bezauberndsten Winkel Schlesiens abgebildet waren. Das Eigentümliche an diesem Album war, daß die in ihm enthaltenen Fotos in den Jahren 1936-1939 aufgenommen worden waren, daß es aber dennoch keinerlei propagandistische Inhalte aufwies, die sich mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen ließen. Es dokumentierte die reine, durch nichts entstellte Schönheit der Landschaft und den Zauber schlesischer Städte und Dörfer. Von diesem Fund angerührt, ersann der Schriftsteller zahlreiche Geschichten, die um diese entzückenden Fotos kreisen. Insbesondere erfand er die Biographie des Fotografen und seiner Verlobten, schilderte die Geschichte der unerfüllten Liebe dieser zwei, aber auch die unterschiedlichsten Situationen und Ereignisse, welche die Personen aus der Umgebung der Haupthelden (Eltern, Verwandte, Freunde) erlebten. Die Handlung des Romans spielt im wesentlichen in den Jahren 1937-1945 in den damals deutschen Städten Gleiwitz und Beuthen. Vom Schicksal seiner Helden Paul Scholz und Brigitte Kopietz erzählend, rekonstruiert der Schriftsteller wie nebenbei die Geschichte des deutschen Kleinbürgertums (Pauls Lebenswelt) und des Großbürgertums (Brigittes Familie) in Oberschlesien; er zeichnet die letzte Phase der Sozial- und Sittengeschichte nach: vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis zu den Aussiedlungen gleich nach dem Zweiten Weltkrieg. Wanieks Finis Silesiae ist ein Versuch, mit deutschen Augen auf Schlesien zu blicken, ein Versuch der Rekonstruktion einer Welt, von der nur wenige Erinnerungsstücke geblieben sind – wie dieses Album, das die Schönheit der schlesischen Landschaft besingt.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

„Schöne Landschaften. Aber ein bißchen wie aus einer anderen Welt. Aus einer anderen Realität.“
Greift das nicht zu kurz? Es ist ein anderer Planet. Eine Realität. Es sind ja authentische Bilder einer existierenden Welt. Teil eines großen Freskos, das sich einmal zu einem großen Ganzen fügen wird. Wer weiß? Der Meister war zurückhaltend. Keine Grimassen. Ein Schweigen, das zu denken gibt. Ungewöhnlich angesichts seiner Schwatzhaftigkeit.
Er überlegte. Sah er es vielleicht im Lichte einer hoffnungslosen Verzweiflung? Die grauen Fotos auf dem Tisch. Die Flasche schon fast leer. Keinerlei Verständigung. Kein Theater, kein Spaß, keine Verrücktheit. Wie alt mochten sie sein? Erstarrt, mit stumpfem Blick, mit einem Amen im Schweigen versiegelt. Innerhalb einer Sekunde wurde er doppelt so alt. Und so sah er während einiger regloser Minuten aus. Aber egal, ob jünger oder älter, es war nicht seine Art, den Mund zu halten. Er räusperte sich mehrmals, nach dem richtigen Ton suchend. Vielleicht doch schauspielern. Nur eine andere Rolle. Eine andere Figur.
„In den Anfängen meines künstlerischen Weges, noch vor dem Krieg…“
Die müde, schnarrende, von vor zwanzig Jahren kommende Stimme erinnerte an die Zeiten, da er ausschließlich Landschaften malte. Alles andere interessierte ihn nicht. Ach, wären sie einander damals begegnet!
„Ich dachte, so würde es für immer bleiben, und ich würde bis an mein Lebensende für die Landschaften leben. Sie in Malerei umsetzen. Und am Ende die Landschaft des Universums entdecken. Ein Gemälde des Weltalls. Die Landschaft aller Landschaften. So dachte ich. Aber nein. Plötzlich gingen die Dekorationen in Flammen auf. Das Theater stand in Flammen, die Welt stand kopf. Der Krieg hat alles bis zur Unkenntlichkeit verändert. Die Menschen. Die Dinge. Die Ideale. Die Träume. Mich selbst. Als Künstler konnte ich nur eines tun. Ich gab das Klecksen von Landschaften auf. Schluß! Nie wieder. Damit mache ich mich nicht mehr verrückt.“
Paul verstand. Da gab es nichts mehr zu sagen. Die Landschaft war tot. An einer der Fronten des schrecklichen Krieges von einer Kugel ins Herz getroffen. Der ältere Herr hatte das Thema erschöpft.
Der Künstler, noch vor einem Augenblick lustig, albern und sorglos, versank in tiefe Wehmut. Er wollte die Bilder nicht betrachten, so als würden sie ihn und nicht Peter an etwas Schmerzliches erinnern. Er zündete sich eine Zigarette an. Die wievielte? Obwohl das Fenster offenstand, war die Luft grau von Qualm. Er bat, ihm noch einen einzuschenken. Aber diesmal leerte er das Glas nicht auf einen Zug wie vorher. Er benetzte nur die Lippen. Wieder überlegte er. Durchstöberte er die Garderobe seiner Verkörperungen? Kostüme verschiedener Stimmungen. Vielleicht dieses?
„Nach dieser Sintflut brauchte ich die Landschaft nicht mehr. Andere Leute auch nicht. Sie gaben sie auf. Das Wort ‚Landschaft‘ wird in Polen heute sogar mit einem verächtlichen Unterton benutzt. Warum? Weil dieses Genre eine philosophische Herangehensweise erfordert. Aber Philosophie braucht die Welt auch nicht mehr. Verdient sie sie überhaupt? Die Philosophie ging mit Friedrich Nietzsche zu Ende. Seitdem läuft es dem historischen Fatum zuwider, seinen Geist anzustrengen. Das ist unwiderruflich vorbei. Auch in Polen. Besonders hier. Polen ist ein junges Land, blind für alles, was nicht modern ist. Hier denkt man nicht, hier versenkt man sich in die Phantasie. Träume stehen hoch im Kurs. Die Realität nicht.“
Die Melancholie des Meisters ließ allmählich nach. Energischer kippte er den Wodka hinunter, drückte die Zigarette im Aschenbecher aus und erklärte unverhofft, er höre auf zu rauchen. Jawohl! Ein starker und echter Mann weiß, wann er aufhören muß. Mit einem Ruck erhob er sich aus dem Sessel. Mit seinem ganzen Leib stürzte er sich auf den unsichtbaren Gegner. Er hob den Arm mit einer Bewegung, die unzählige Massen von Zeugen hätte zum Schweigen bringen können. Die Haarsträhne fiel ihm wieder in die Stirn, genau zwischen die Augen. Er heftete den Blick eines Hypnotiseurs auf die ausgestopfte Katze. Mit einer Stimme, die er noch nicht ausprobiert hatte, eröffnete er die politische Kundgebung. Er war ein starker Mann. Die Karikatur eines Redners am Rednerpult. Ein charismatischer Führer. Mussolini? Göring? Hitler? Mindestens zwanzig Jahre jünger als der ältere Künstler.
„Landschaften! Paysagen! Das hat man in Polen einmal gemalt. Aber damit ist jetzt Schluß, meine Damen und Herren! Wenn ich heute die herrlichen Fotografien von Herrn Scholz betrachte, sehe ich die Wahrheit bestätigt, daß die Deutschen ein großes, phänomenales Gespür für Landschaft haben. Sie sind die Meister der Landschaft und werden es für immer bleiben. Umso mehr betrübt es mich, daß dies in Polen nicht im geringsten geschätzt wird. Hier gilt das als Kitsch. Darauf beruht die Überlegenheit der Deutschen. Genau das müßte man von ihnen lernen. Alle. Sowohl Polen als auch die ganze Welt.“
Die von dem Künstler, Philosophen und Schriftsteller vorgeführte Parodie deutscher Überlegenheit kam bei Paul nicht recht an. Das Nachäffen von Parolen, derer es in seinem Land eine Fülle gab, mochte lustig sein, war aber auch ein wenig kränkend. Er hatte nicht bedacht, daß nicht nur Deutschland darunter litt. Auch hier machte sich in allen Zeitungen, Büchern, Kinos, im Radio, ja sogar in normalen Gesprächen, einfach überall ein nationaler Größenwahn breit, daß einem der Kopf davon wehtat. Am liebsten hätte man ihn unter ein Kissen gesteckt, um nichts mehr davon zu sehen, zu hören und zu spüren. Wäre irgendwohin geflüchtet? Aber wohin? Ins Spaßige? In Kabarett und Gelächter? Nach Polen, in das Land der beschwipsten Spaßvögel?
Da war die Andeutung eines Zusammenhangs zwischen der Politik und der Liebe zur Landschaft angeklungen. Das war ungerecht. Er sollte sich einmal seine Bilder anschauen. Die Berge sind ein Zufluchtsort. Die Landschaft – eine Flucht. Dort kann man aufatmen. Ausspannen. Aber der aufgedrehte Witzbold sah überhaupt nichts. Er schaute nicht einmal hin. Nur für einen beleidigend kurzen Moment belebte ihn der Anblick des Mädchens. Der künftigen deutschen Krankenschwester auf Fotos des Mitglieds einer homogenen deutschen Volksgemeinschaft. Der polnische Meister bemerkte nichts. Niedergang der Kunst, Dämonie der Frauen, Ende der Philosophie und dergleichen – natürlich. Auch Theorien, Abstraktionen, Witze. Die reale Welt verdrängte er durch den Spaß, Glas für Glas.
Paul lachte noch. Durchaus nicht fröhlich. Mit höflicher Resignation, sonst nichts. Er raffte die Bilder zusammen, denn er sah ein, daß es nicht mehr zu einem ernsthaften Gespräch darüber kommen würde. Er ließ sie Peter, der sie irgendwann vielleicht einmal betrachten würde. Jetzt herrschte dafür nicht die richtige Stimmung. Jetzt herrschte die Narretei. Der Künstler ahmte eine Rede in einer politischen Versammlung nach.

Aus dem Polnischen von Friedrich Griese