EIN GRABSTEIN AUS TERRAZZO

Die Romanhandlung beginnt ungefähr im Jahr 2070. Der lebensmüde Erzähler schaut sich kurz vor seinem Selbstmord die Andenken an, die ihm von seinen verstorbenen Großeltern geblieben sind. Dies löst einen Strom von Erinnerungen und Gedanken über den Sinn des Lebens aus. "Ein Grabstein aus Terrazzo" hat die Form eines langen Monologs, in dem der Erzähler versucht, die Erfahrungen dreier Generationen – die der Großeltern, der Mutter und seine eigenen – zusammenzufassen. Die Großeltern heiraten 2005, im darauffolgenden Jahr kommt die Mutter des Protagonisten zur Welt. Alle sind tief unglückliche Menschen, wobei die Kinder jeweils unglücklicher als die Eltern sind. Vargas Werk ist kein typischer futuristischer Roman. Denn erstens überrascht das Bild, das er von der Zukunft zeichnet. Abgesehen von einigen unbedeutenden Details ist diese Wirklichkeit ein Spiegelbild der heutigen Welt; alle scheinbaren zivilisatorischen oder gesellschaftlichen Veränderungen sind eigentlich keine. Und zweitens spricht der Erzähler am meisten von Piotr Paweł, dem im selen Jahr wie Varga geborenen Großvater des Protagonisten. Hierin liegt der literarische Kunstgriff: "Ein Grabstein aus Terrazzo" ist der Versuch, aus der Perspektive des späteren Enkels auf sich selbst zu schauen. Das heißt jedoch nicht, dass Vargas Roman ein autobiographisches Werk ist. Varga ist sichtlich um Verallgemeinerung bemüht. Ihn interessiert die geistige und mentale Verfasstheit des heutigen Menschen. Das Ganze wird distanziert und zumeist ironisch betrachtet. Es ist ein zutiefst melancholisches, vielleicht sogar depressives Werk; ein künstlerisch imposanter Roman, dem man unmöglich eine aufbauende Botschaft abgewinnen kann.

- Dariusz Nowacki

AUSZUG

Obwohl ich im Jahr 2058 das Alter erreicht hatte, in dem man, wenn man nicht gerade im Gefängnis sitzt, entweder zur Armee oder zur Universität oder aber arbeiten gehen muss, entschied ich mich für keine dieser drei Möglichkeiten. Niemand erinnerte mich an meine Pflichten, was ich dankend ausnutzte. Die Armee zeigte geistige nicht physische Stärke, und wenn ich ein Seminarist gewesen wäre, hätte ich damit rechnen müssen, ins Priestercorps einberufen zu werden; ich war jedoch kein Seminarist, ich ging nicht einmal in die Kirche, was ungestraft blieb, da man in der Menge, die sich in die Kirchen drängte, und in der Masse, die an den Freiluftmessen teilnahm, leicht übersehen werden konnte. Jeder, der mich kannte und in die Kirche ging, hatte dazu Gelegenheit und machte Sonntag für Sonntag von dieser Gelegenheit Gebrauch. Die religiöse Renaissance der ganzen Nation wunderte mich maßlos, konnte ich mich doch noch gut an die geschlossenen Kirchen erinnern, die sich jetzt plötzlich wie Muscheln in siedendem Wasser öffneten, und nach Herzenslust und hemmungslos Gebet, Speis, Trank und Erlösung anboten. Dieses inbrünstige Beten der Massen war Vorbote einer weiteren Niederlage, es war wie das ferne Trommelschlagen einer feindlichen Armee, die sich einem Land näherte, in dem alle ausschließlich damit beschäftigt waren, mit Kränzen geschmückt zu tanzen. Zehn Jahre später wurde ich vorübergehend jemand, der hinter den Menschen aufräumte, die nicht dem inbrünstig betenden Volk angehörten, die mehr als nur das Tabernakel gesehen hatten.
Weder die Armee noch die Universität, noch die Arbeit erinnerten mich an meine Pflichten, also verlor auch ich kein Wort darüber. Niemand brauchte mich und dieses Nichtgebrauchtwerden passte mir sehr gut. Es war bequem wie blaue Hemden, ich zog jeden Tag ein neues an, und das alte, zerknitterte und schließlich stinkende Hemd warf ich in den Müll. Im Jahr 2058 eilte ich weder in die Bibliothek noch ins Bordell, noch in den Zirkus, in dem ich auch früher nie gewesen war, eher schon lief ich ins Kino und besuchte, wie mein Großvater mehr als siebzig Jahre zuvor, Sonntag für Sonntag die von Publikum ungestörte Mittagsvorstellung.
Keine zehn Jahre später ging ich auch nicht zu den ersten demokratischen Wahlen, in denen die Partei meiner Mutter sich die Macht mit der Opposition teilen sollte. Die Opposition war das Ergebnis einer innerparteilichen Abstimmung, und meiner Mutter wurde ein hinterer Platz auf der Warschauer Wahlliste der Neuen Partei zugeteilt, selbstverständlich im Wahlkreis Mokotów. Sie sollte Abgeordnete des Stadtteils werden, in dem meine Großeltern, sie selbst und ich lebten. Wenn wir überhaupt irgendetwas waren, dann Mokotower, Menschen ohne Eigenschaften, Bewohner des größten Warschauer Chaos.
Niemand kannte meine Mutter, also bestand keine Gefahr, dass jemand sie wählen würde. Obwohl die Personen auf den vorderen Listenplätzen noch unbekannter waren, denn zumindest ich und ihre Nachbarn wussten, wer meine Mutter war, während den Kandidaten der Neuen Partei für den Posten des Premiers niemand kannte, nicht einmal er selbst. Er wurde vom Computerprogramm Visage kreiert, und im Jahr 2067 gelang es, trotz intensiver Bemühungen amerikanischer und japanischer Wissenschaftler, immer noch nicht, die Hominiden aus dem Friseur-Programm mit künstlicher Intelligenz zu versehen.
Die freien Wahlen verliefen langsam, und es stand jedem frei, über ihren Ausgang zu spekulieren, so wie jeder über ein mögliches Leben nach dem Tod spekulieren konnte. Die Partei meiner Mutter stand sowieso als Wahlsieger fest, mit dem Unterschied, dass sie schon nicht mehr die Partei meiner Mutter war, da sie zur Opposition abgeordnet worden war. Sie hatte, was sie wollte – sie opferte sich und hatte nichts davon.
Ich machte damals nicht einmal einen Spaziergang. Ich blieb zu Hause, ungewaschen, nicht umgezogen, obwohl es ein schöner Sonntag war, einer von diesen Sonntagen, an dem die einen sich hinsetzen und Gedichte schreiben, andere Selbstmord begehen, und die restlichen sich vor dem Fernseher den Bauch vollschlagen, niemand von ihnen aber etwas Sinnvolles tut. Mein Nichtspazieren – um mich nicht der Versuchung der Wahllokale auszusetzen – war das Sinnvollste, was ich tun konnte. Außerdem hätte ich vielleicht meinen Namen auf der Liste nicht gefunden – gemäß dem Gesetz von 2066 mussten nämlich alle Nachnamen, die nicht auf -ski oder -cki enden, geändert werden. Diese enorme organisatorische und finanzielle Anstrengung machte sich hervorragend bezahlt, auf Kosten eines gigantischen Budgetdefizits gelang es schließlich ein für allemal, jegliche Unklarheiten, was die Herkunft betrifft, zu beseitigen. Nach der Änderung der Namen, Dokumente, Papiere in Ämtern und Banken setzte sich der polnische Staat endlich zu hundert Prozent aus Polen zusammen. Und so wurde aus einem gewöhnlichen Frattner, Sohn der Zuzanna Frattner, geborene Frattner, Enkel des Piotr Paweł Frattner, ein Dominik Fratnerski, 28 Jahre alt, Bürger der VI. Republik, Angestellter des Beerdigungs-Vergnügungs-Sektors.
Denn im denkwürdigen Jahr 2061 fand ich Arbeit im Vortal „Scheidungen und Beerdigungen”, einer Firma, die gut zahlte und sich mit dem Recycling menschlicher Gefühle und Existenzen beschäftigte. Die Arbeit befreite mich von Geldsorgen, denn „SuB” zahlte sensationell gut, und von dem Problem, was ich mit meiner freien Zeit anfangen sollte, denn als Ausgleich nahm sie jede Minute meines Lebens in Anspruch. Wir hatten tonnenweise zerfallende Beziehungen und für illegal erklärte Ehen, wir zerstückelten massenhaft zu Ende gegangenes Leben, und ich brachte es im Laufe ungezählter Monate mühseliger Arbeit zu einer Beförderung, einer Angstneurose, zu Schlaflosigkeit und Geld, für das ich mir schließlich, nach Jahren, eine verlassene Wohnung in Saska Kępa kaufte. Alle diese Dinge kamen von allein, so dass ich nicht einmal bemerkte, wann. Ich lebte in der Arbeit, dort aß ich, trank ich, wusch ich mich und schlief ich manchmal, wenn ich schon nicht mehr die Kraft noch die Lust dazu hatte, von Tarchomin nach Mokotów zu fahren, denn solange ich nicht endgültig umgezogen war nach Saska Kępa, war Mokotów mein Viertel. Damals wohnte ich immer noch mit meiner Mutter zusammen, bis zum Jahr 2068, als ich mich auf die Reise durch verlassene Wohnungen begab und schließlich vom letzten Emigranten selbst eine kaufte, auf der „Straße der Sieger“, die alle besiegten Bewohner verließen, um irgendwo im Ausland Rettung zu suchen.

Aus dem Polnischen von Andreas Volk